Bavaria modernisiert ihre Studios und setzt weiter auf das TV-Geschäft: „Es sind schon viele Fantasien zu Investitionsruinen geworden“

von am 29.06.2012 in Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Interviews, Medienförderung

Bavaria modernisiert ihre Studios und setzt weiter auf das TV-Geschäft: „Es sind schon viele Fantasien zu Investitionsruinen geworden“
Dr. Matthias Esche, Geschäftsführer Bavaria Film

Interview mit Dr. Matthias Esche, Geschäftsführer Bavaria Film

Die Bavaria Film – einer der größten deutschen Film- und TV-Produzenten und- Dienstleister – stellt sich strukturell immer stärker auf den digitalen Wandel ein. Dabei stehen sowohl der Rechteerwerb und Rechtevertrieb für die digitale Distribution als auch Dienstleistungen fur die digitale Verwertung im Fokus. So haben die Bavaria Production Services GmbH und die Telepool GmbH – eine ARD-Tochter – zum 1. Juni 2012 gemeinsam die Bavariapool Services GmbH gegründet. Bereits zum Jahresanfang nahm die Global Screen GmbH, eine gemeinsame Gesellschaft zur weltweiten Vermarktung von Kino- und Fernsehprogrammen ausserhalb des deutschsprachigen Europas den Betrieb auf. Damit entstand eine der größten Vertriebsfirmen Europas. „Ich bin sicher, dass die digitale Distribution in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen, aber gerade im deutschen Markt den physischen Vertrieb zumindest mittelfristig nicht substituieren wird“  so Dr. Matthias Esche, Bavaria Geschäftsführer im promedia-Gespräch.

Herr Esche, die Bavaria gehört zu den Partnern bei Germany’s Gold. Was versprechen Sie sich davon?

Matthias Esche: Angesichts der technologischen Entwicklung und der enormen Bedeutung des Internets mit dessen Angebotsvielfalt gerade im Hinblick auf den Vertrieb langlaufender Spielfilm- und Fernsehprogramme ist die Gründung einer Gesellschaft zum Betrieb eines VoD-Portals ein wichtiger und logischer Schritt. Im Vergleich mit den von Drittanbietern angebotenen VoD-Portalen sind auf einer eigenen Plattform die Gestaltungs- und Steuerungsmöglichkeiten deutlich besser. So können beispielsweise auch Nischenprogramme platziert werden, die sonst aus wirtschaftlichen, Kapazitäts- oder Akzeptanzgründen auf Fremdplattformen nicht angeboten würden. Wir waren immer darum bemüht, an der kompletten Verwertungskette beteiligt zu sein, beispielsweise an der Video- und DVD-Vermarktung durch unsere Tochterfirma EuroVideo. Germany`s Gold ist hier nur ein weiterer logischer Schritt.

Welche Rolle werden künftig digitale Distribution sowie Produktionen für digitale Plattformen bei Ihnen spielen?

Matthias Esche: Wir vertreiben schon seit einigen Jahren unsere Produktionen auf allen wichtigen Plattformen und haben die digitale Distribution durch einen Kooperationsvertrag mit der WDR mediagroup zu Beginn dieses Jahres weiter intensiviert. Ich bin überzeugt, dass unsere jüngsten Konsolidierungsmaßnahmen sowohl im Auslandsvertrieb als auch im Onlinevertrieb die Kräfte an der richtigen Stelle bündeln und unsere Marktpositionen stärken werden. Wichtige Eckpfeiler dieser Strategie sind unsere Auslandsmandate von WDR und SWR sowie die Gründung der Global Screen GmbH, unser gemeinsamer Auslandsvertrieb von Bavaria und Telepool. Und im Onlinebereich konzentrieren wir uns auf die Zusammenarbeit mit der WDR mediagroup beim Vertrieb unseres gesamten Video-on-Demand-Repertoires und unsere Beteiligung an der neuen Plattform mit „Germany’s Gold“.

Ich bin sicher, dass die digitale Distribution in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen, aber gerade im deutschen Markt den physischen Vertrieb zumindest mittelfristig nicht substituieren wird. Wir sind durch die vorgenannten Maßnahmen für den zukunftsträchtigen digitalen Vertrieb sehr gut aufgestellt, werden aber gleichzeitig den klassischen DVD-Vertrieb und insbesondere unsere erfolgreiche Beteiligungsfirma EuroVideo nicht vernachlässigen.

Die TV-Sender wollen weiter sparen, die Zahl der TV-Produktionen wird somit nicht steigen, tendenziell eher sinken. Wie ist die Bavaria auf diesen Prozess eingestellt?

Matthias Esche: An qualitativ hochwertigen und kreativen Programmen wird es auch künftig ein hohes Interesse geben. Aber natürlich befinden auch wir uns in einem kontinuierlichen Prozess der Produktionsoptimierung, um mit den gegebenen finanziellen Ressourcen auch in Zukunft einen hohen production value realisieren zu können. Hier werden alle Schritte der Produktion ins Visier genommen – von der Vorbereitung bis hin zur Postproduction. Markenpflege ist ein sehr wichtiger Aspekt: Gerade in diesen Zeiten des ständig zunehmenden Kampfs um Zielgruppen und Einschaltquoten müssen wir uns unseren etablierten Produkten besonders liebevoll annehmen. Das gilt im gleichen Maße für neue Programme, denn die Zuschauer nehmen ihre Wahlmöglichkeiten im linearen wie non-linearen Angebot in wachsendem Maße wahr – und das betrifft durchaus nicht nur das junge Publikum. Aber natürlich können wir den Wettbewerb in einem stagnierenden Markt nur bestehen, wenn wir eine Akquisitionsoffensive fahren und wenn wir potenzielle neue Geschäftsfelder intensiv beobachten, um zum richtigen Zeitpunkt aktiv werden zu können. Es sind nämlich schon zu viele Fantasien zu Investitionsruinen geworden.

Wo liegen die Schwerpunkte gegenwärtig bei TV-Produktionen?

Matthias Esche: Wir produzieren im Jahr rund 47.000 Sendeminuten. Mit Serien wie „Die Rosenheim-Cops“ oder „SOKO Stuttgart“ sind wir am Markt ebenso erfolgreich wie nach wie vor mit unserer Erfolgs-Daily „Sturm der Liebe“. Diverse Fernsehfilme unserer Produktionsfirmen sind sowohl bei ihrer Ausstrahlung beim Publikum als auch bei Nominierungen und Preisen ausgesprochen erfolgreich. Aber auf solchen Erfolgen kann man sich nicht ausruhen. Gleich zwei Vorabendserien für die ARD sind bereits in Produktion und bei der ZDF-Serie „Die Garmisch-Cops“ sind die Produktionsarbeiten ebenfalls weit fortgeschritten. Auch bei den TV-Movies liegen wir gut im Rennen. Dabei sind die Arbeitsschwerpunkte weiterhin die Entwicklung von Serien und Reihen sowie von attraktiven Einzelstücken. Hier sehen wir langfristig die größten Erfolgschancen im harten Wettbewerb um die Sendeplätze.

Warum setzen Sie nicht stärker auf TV-Unterhaltungsformate. Hier scheint gegenwärtig ein großer Bedarf an neuen Formaten zu existieren?

Matthias Esche: In diesem Segment treiben wir eine Weiterentwicklung voran. Mit der First Entertainment und der Saxonia Entertainment fühlen wir uns durchaus gut aufgestellt. Allerdings muss ich festhalten, dass wir uns nicht jeder neuen Formatidee bedingungslos anschließen wollen. Der krampfhafte Versuch, für junges Publikum attraktiv zu sein, darf nicht gleichbedeutend mit einem Wettstreit sein, im Instinkt-Limbo auch noch die niedrigste Ebene zu unterbieten. Das ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch eine des Niveaus.

Bei der Novellierung des FFG wird erneut ausschließlich über den Kinofilm diskutiert. Sollten künftig nicht auch stärker TV-Events und multimediale Produktionen gefördert werden?

Matthias Esche: Regelungsgegenstand des FFG sind ausschließlich Kinospielfilme bzw. deren Förderung durch die FFA in Berlin. Die Förderung von TV-Produktionen erfolgt durch die Fördereinrichtungen der Länder. Dieses System hat sich grundsätzlich bewährt. Eine Diskussion über eine stärkere Förderung von TV-Events ist also an andere Stelle zu führen, nicht anlässlich einer FFG-Novellierung. Kinospielfilme sind im Übrigen „multimediale Produktionen“, die neben der Filmauswertung im engeren Sinne vielfach auch in den sog. „Nebenrechten“ (z.B. als Hörbuch- bzw. Audiofassungen, Soundtrack sowie im Merchandising-Bereich, u.a. auch als Games) Verwertung finden. Eine Verzahnung der Filmförderung mit audiovisuellen Produkten, die primär zur Verwertung als Games oder in sonstigen Formaten konzipiert und hergestellt werden, erscheint nicht sinnvoll und wäre wohl auch förderrechtlich problematisch.

Die Film- und Fernsehproduktion ist das wichtigste Geschäftsfeld der Bavaria Film Gruppe. Wird sich das durch Investitionen in die Infrastruktur ändern?

Matthias Esche : In den letzten beiden Jahren haben wir in der Bavaria Filmstadt in Geiselgasteig ein umfangreiches Investitions- und Modernisierungsprogramm umgesetzt, um sowohl für die eigenen Produktionen der Bavaria Film Gruppe als auch für alle Dienstleistungskunden die Wettbewerbsfähigkeit nicht nur erhalten, sondern weiter ausbauen zu können. Dies ist im nationalen wie internationalen Wettbewerb von ausschlaggebender Bedeutung. Oberstes Ziel dieses Programms ist es, einen noch vielfältigeren Mediencampus zu schaffen, der für alle Firmen der TV- und Filmbranche Anziehungskraft ausübt und die Attraktivität der Filmstadt Geiselgasteig weiter steigert. Sämtliche Studios wurden oder werden komplett renoviert. Hier spielen diverse Aspekte eine wichtige Rolle – von gesteigerten Anforderungen an HD-Produktionen über die gewachsenen Wünsche an Zusatzräumen bis hin zum Ausbau attraktiverer Publikumsbereiche in unserer Show-Halle 9. Dies realisiert die Bavaria Film aus eigenen Mitteln. Das Fernsehgeschäft in all seinen Facetten bleibt die bedeutendste Ertragssäule der Bavaria Film Gruppe und bildet letztlich die Grundlage für nationale wie internationale Kino-(Ko )Produktionen, die wir weiterhin mit Augenmaß betreiben werden.

Babelsberg hat Probleme, internationale Großproduktionen in seine Studios zu bekommen. An anderen Orten sieht das nicht besser aus. Worauf baut Ihr Optimismus auf, dass es Ihnen in Bayern gelingt?

Matthias Esche: Bayern ist ein attraktives Filmland. Es ist gesegnet mit einzigartigen Außenlocations, Schlössern, Seen, Bergen, mittelalterlichen Städten und urbanen Motiven, die auch für internationale Produzenten interessant sind. Bavaria Film bietet auf seinem Studiogelände im Süden von München alle studio- und produktionstechnischen Dienstleistungen, die eine internationale Großproduktion benötigt, auf hohem Niveau an. Der Filmstandort München bietet mit seiner Vielzahl spezialisierter Dienstleistungsunternehmen, die teils schon heute für Hollywood- Produktionen tätig sind, und sehr gut ausgebildeten Spezialisten ideale Voraussetzungen. Langfristig kann dieses Potenzial aber nur in Bayern und Deutschland gehalten werden, wenn hier auch renommierte Produktionen mit „Leuchtturmeffekt“ realisiert werden. Neben dem herausragenden Knowhow bei der Bavaria selbst und am Filmstandort Bayern muss aber auch noch über diverse Finanzierungsbausteine nachgedacht werden, die die vorhandenen Fördertöpfe ergänzen. Dazu gehören öffentliche Mittel, die das Kultur- und Wirtschaftsgut „Internationaler Kinofilm“ investiv begleiten, ebenso privates Equity- Kapital.

Hätten Sie ein Problem, wenn der DFFF nicht über 2012 verlängert wird?

Matthias Esche: Der DFFF ist für die gesamte Kinobranche von größter Bedeutung. Die ungeschmälerte Fortführung und Weiterentwicklung dieses großartigen Finanzierungsinstruments ist geradezu ein Muss für die deutsche Politik und ihren im Grundgesetz verankerten Kulturauftrag. Der DFFF ist auch volkswirtschaftlich eine beispielhaft effektive Maßnahme. Sämtliche Evaluierungsmaßnahmen belegen dessen Wirksamkeit. Er fungiert quasi als Bunsenbrenner der gesamten deutschen Kinowirtschaft. Und ich vertraue auf die zahlreichen Zusicherungen aus der Bundespolitik, dass der DFFF fortgeführt wird.

Womit locken Sie deutsche Spielfilmproduzenten nach München?

Matthias Esche: Im Wettbewerb um die besten Köpfe steht der Produktionsstandort Bayern und München wahrlich nicht schlecht da. Wir bieten hier eine ausgezeichnete Infrastruktur, eingebettet in ein einzigartiges kreatives Netzwerk aus Produzenten und Dienstleistern, die ihre Services kundenorientiert und zu einem marktgerechten Preis-Leistungsverhältnis anbieten. Die Bavaria wie unsere Wettbewerber in Bayern tragen dazu bei, dass der Süden ein attraktiver und kreativer Produktionsstandort bleibt.

Wie wird sich in den nächsten Jahren das Verhältnis zwischen TV-Produktionen und Spielfilmen entwickeln?

Matthias Esche: Die jeweiligen Volumina werden sich mittel- und wohl auch langfristig bei der Bavaria Film Gruppe nicht grundsätzlich ändern. Die TV-Produktion, und hier besonders die täglichen und wöchentlichen Formate, ist unsere Herzkammer. Für die verlässliche Versorgung eines großen Produktionsunternehmens mit weit über 1000 festen und freien Mitarbeitern ist das Kinogeschäft in Deutschland allein zu volatil. Es ist jedoch eine Kernkompetenz der Bavaria seit ihrem Bestehen. Ich sehe daher keine Argumente für dramatische Veränderungen in dem einen oder anderen Segment. Dabei bleiben private wie öffentlich-rechtliche Sender auch künftig bei der Finanzierung von Kinofilmen eine bedeutsame und wichtige Stütze.

das Interview wurde in der promedia Ausgabe Nr. 07/2012 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen