Erlöse der Produzenten stagnieren, Hoffnungen ruhen auf digitalen Plattformen: „Der Erfolg kommt bei uns Produzenten nicht an“

von am 27.06.2012 in Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Interviews, Medienförderung

Erlöse der Produzenten stagnieren, Hoffnungen ruhen auf digitalen Plattformen: „Der Erfolg kommt bei uns Produzenten nicht an“
Alexander Thies, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutscher Produzenten und Geschäftsführer der NFP

Interview mit Alexander Thies, Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutscher Produzenten und Geschäftsführer der NFP

Die Produzentenallianz repräsentiert eine Industrie mit schätzungsweise 4 Milliarden Euro Umsatz. Die Veränderungen durch die Digitalisierung tangieren die Produzenten auch finanziell: Die Erlöse stagnieren. Die neuen Medien können die Ausfälle bei den klassischen Vertriebswegen nicht ausgleichen. Um so wichtiger sind Förderungen, wie der DFFF, der 2012 ausläuft. „Der DFFF ist in Deutschland zu einem essenziellen Finanzierungsbaustein geworden, dessen Wegfall die Stabilität des ganzen Systems gefährden würde“, so der Vorsitzende der Produzentenallianz Alexander Thies. Um sich über Video-on-Demand neue Einnahmequellen erschließen zu können, fordern die Produzenten eine größere Flexibilität bei der Kinoauswertung: „Deshalb sollte das neue FFG auch neue Verwertungsabfolgen möglich machen und auf keinen Fall allzu starre Regelungen vorgeben“ fordert Thies.

Herr Thies, Sie feierten auch in diesem Jahr wieder ein rauschendes Produzentenfest. Was gibt es für Sie zu feiern? So berauschend sind weder Kinobesucherzahlen, noch Umsätze, noch internationale Preise?

Alexander Thies: Ich würde unser Produzentenfest wirklich nicht „rauschend“ nennen. Der Glamour kam von unseren Gästen, und darüber sind wir sehr froh. Abgesehen davon steht für uns beim Produzentenfest etwas vollkommen anderes als Feiern im Vordergrund. Die Produzentenallianz repräsentiert eine Industrie mit schätzungsweise grob 4 Milliarden Euro Umsatz, die Produktionen unserer Mitglieder werden täglich von Millionen Menschen gesehen. Bis auf die Schauspieler ist die Branche aber unsichtbar. Mit dem Produzentenfest zeigen wir der breiten Öffentlichkeit, wer wir sind und dass es uns gibt. Und: Wir bringen die Filmleute mit denen zusammen, die im komplexen Beziehungsgeflecht von Länder- und Bundespolitik, Sendern, Verwaltungen und Förderungen auf die eine oder andere Weise wichtig für unsere Branche sind.
Dass die Zahlen der Kinobesucher oder internationaler Preise für deutsche Filme nicht „berauschend“ sind, ist korrekt. Aber sie sind solide. Wir hatten 2011 knapp 30 Millionen Kinobesucher, das sind weniger als die knapp 40 Millionen im Rekordjahr 2009. Durchschnittlich 25 Millionen Besucher in den letzten sechs Jahren ist im Vergleich zu früher aber eine Stabilisierung auf hohem Niveau. An internationalen Preisen gab es in diesem Jahr zum Beispiel die zweite Goldene Palme in drei Jahren für eine X-Filme-Produktion, einen Oscar für Pixomondo für die Visual Effects bei „Hugo“, und gerade haben sechs deutsche Produktionen beim Fernsehfestival in Monte Carlo Preise gewonnen, darunter die Goldene Nymphe für den besten Fernsehfilm „Der letzte schöne Tag“. Das ist nicht so schlecht, finde ich.
Die Entwicklung der Umsätze – gerade in der Fernsehproduktion – ist allerdings tatsächlich nicht „berauschend“, um Ihren Ausdruck zu benutzen. Die Budgets bei Auftragsproduktionen und die Koproduktionsanteile bei Kinofilmproduktionen sinken, während mit unseren Werken immer mehr Gewinne gemacht und zuverlässig täglich viele Millionen Zuschauer erreicht werden.Der Erfolg kommt bei uns Produzenten nicht an, im Gegenteil: Die Erlöse für uns Produzenten stagnieren, dabei sollten sie steigen.

Die Filmförderung von Bund und Ländern beträgt jährlich mehr als 300 Millionen Euro. Warum gelingt es den deutschen Produzenten nicht, sich von Fördermitteln unabhängiger zu machen?

Alexander Thies: Unsere Filme müssen auf dem deutschsprachigen Kinomarkt mit internationalen Großproduktionen konkurrieren, die mit einem vielfachen unserer Budgets hergestellt werden. Deshalb müssen auch unsere Filme nach etwas aussehen. Für die zuverlässige Refinanzierung aller Filme ist unser Markt aber zu klein. Diese Lücke füllen die Filmförderungen aus. Übrigens gibt es weltweit für fast alle Filmindustrien Subventionen, sogar in den USA existieren verschiedene Formen von Filmförderungen. Der DFFF hat den Erfolg unserer Filme beim Kino- und Videopublikum gestärkt. Natürlich muss es mit dem DFFF im Rücken jetzt auch darum gehen, unseren Anteil an dieser gestärkten Wertschöpfung zu vergrößern.

Welche Konsequenzen hätte ein Aus des DFFF?

Alexander Thies: Der DFFF ist ja seinerzeit nicht eingeführt worden, um die wirtschaftliche Lage der Produzenten zu verbessern, sondern um den Filmstandort Deutschland in seiner Gesamtheit zu stärken und international konkurrenzfähig zu machen. Die Konsequenzen bei einem Aus würden also weit über die Produzenten hinaus gehen, und sie wären dramatisch. Internationale Koproduktionen, die heute als deutsche Koproduktionen bei uns durchgeführt werden, würden in die Länder abwandern, in denen es DFFF-ähnliche Produktionsanreize gibt – von Tschechien bis Kanada. Und auch viele deutsche Produktionen würden wie in der Vergangenheit wieder im Ausland gedreht, wenn die Möglichkeit, den Kostenunterschied auszugleichen, wegfiele. Der DFFF hat 2011 mit knapp 60 Mio. Euro in Deutschland Investitionen von knapp 340 Mio. Euro ausgelöst, an denen Gesamtherstellungskosten von einer knappen halben Milliarde Euro hängen. Damit wurden Filme gemacht, Gagen und Löhne bezahlt, Studios ausgelastet. So effektiv der DFFF mit diesem Verhältnis zwischen Anreiz und Wirkung ist, so fatal wären die Auswirkungen auf die gesamte hiesige Filmwirtschaft, würde er abgeschafft. Der DFFF ist in Deutschland zu einem essenziellen Finanzierungsbaustein geworden, dessen Wegfall die Stabilität des ganzen Systems gefährden würde.

Welche Hoffnungen setzen Sie hier auf neue digitale Plattformen deren Start geplant ist, wie Google, Hulu, Netflix?

Alexander Thies: Natürlich zusätzliche Erlöse. Dabei ist uns aber klar, dass hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Nur mit vernünftigen Preismodellen können überhaupt Zusatzerlöse generiert werden können. Mit Preisen, die die Verbraucher abschrecken, würden überhaupt keine Erlöse entstehen. Deswegen sind wir an vernünftigen Geschäftsmodellen interessiert und wollen diese auch mitentwickeln. Ob alle, die es angekündigt haben, wirklich in den deutschen Markt eintreten, scheint mir noch nicht ganz ausgemacht zu sein. In jedem Fall beginnt der Wettbewerb in Deutschland sehr spät, wird aber aller Voraussicht nach intensiv werden.

Die Produzentenallianz gehörte mit zu den Geburtshelfern von „Germany’s Gold“. Wie groß wird der Nutzen für die Produzenten sein?

Alexander Thies: Wir gehören nicht nur zu den Geburtshelfern von „Germany‘s Gold“, einzelne Produzentenallianz-Mitglieder sind auch als Gesellschafter aktiv. Mit „Germany‘s Gold“ sollen erfolgreiche deutsche Produktionen verwertet werden, von denen viele als Auftragsproduktionen von unseren Mitgliedern hergestellt worden. Mit ARD und ZDF haben wir in der Vergangenheit bereits grundsätzliche Vereinbarungen darüber getroffen, dass die Produzenten an den Erlösen aus der gemeinsamen Verwertung bei „Germany‘s Gold“ beteiligt werden – ein schöner Erfolg für die Produzentenallianz.

Sehen Sie Chancen, bei einer besseren Vergütung für die digitale Nutzung in Verhandlungen mit ARD und ZDF sowie den privaten Sendern weiter zu kommen?

Alexander Thies: Die Verhandlungen mit den privaten Sendern gestalten sich als schwierig. Die Sendergruppen ProSieben und RTL verweigern sich bei unseren Beteiligungsansprüchen im Bereich der Auftragsproduktion hartnäckig. Wir würden uns freuen, wenn wir hier in den kommenden Monaten die bereits begonnen Gespräche fortsetzen und zu einem Erfolg führen könnten.
Mit ARD und ZDF waren die Verhandlungen erfolgreich und haben zu Beteiligungsansprüchen der Produzenten geführt. Dass wir uns Modelle wünschen, in denen die Produzenten Rechte von den Sendern zurückerhalten bzw. nicht erst verpflichtet werden, diese zu übertragen, ist kein Geheimnis. Die Verhandlungen werden hier unter dem Stichwort „Terms of Trade“ seit Jahren geführt und werden uns auch in Zukunft begleiten. Rechte bedeuten Erlösmöglichkeiten, und diese Erlösmöglichkeiten brauchen die Produzenten, um neue, interessante Projekte für das Publikum, also den Zuschauer und den Internetnutzer, zu entwickeln.

Wo liegen hauptsächlich die Probleme?

Alexander Thies: Das Hauptproblem der VoDPlattformen liegt in der Frage der Akzeptanz der Vergütungsmodelle. Viele Nutzer sind daran gewöhnt, urheberrechtlich geschützten Content im Netz von illegalen Quellen kostenlos zu bekommen. Wir glauben aber, dass sie bereit sind, dafür zu bezahlen, wenn die Angebote transparent und verlässlich sind, bei einfachen Bezahlsystemen Leistung und Gegenleistung wieder in Einklang bringen und schließlich die Kosten überschaubar sind. Wenn in den Politik zum Teil der Vorwurf geäußert wird, die Film- und Fernsehwirtschaft würde keine vernünftigen Geschäftsmodelle entwickeln, dann ist dies – vornehm ausgedrückt – unzutreffend, deutlicher ausgedrückt: blanker Unsinn. Gerade die verschiedenen Verwertungsstufen im Film- und Fernsehbereich und auch die Einbeziehung von Werbe- und Pay-finanzierten Angeboten in den VoD-Bereich zeigen, dass es vernünftige Geschäftsmodelle gibt.

Müssten dennoch nicht nur das Kino, sondern auch Plattformen künftig gefördert werden?

Alexander Thies: Zunächst sollten wir festhalten, dass auch unsere Filme wichtige Treiber der Geschäftsmodelle der Plattformen sind. Die Produzentenallianz stellt sich deswegen klar hinter die Forderung im Rahmen der FFG-Novellierung, dass auch Plattformbetreiber in die FFA einzahlen.

Müsste dafür aber nicht – wie in Frankreich – die Kinoauswertung noch stärker flexibilisiert werden, damit die Filme schneller auch in VoD-Plattformen erhältlich sind?

Alexander Thies: Ja, deshalb setzen wir uns ja auch für eine weitere Flexibilisierung der Sperrfristen ein. Die Konsumenten wollen aktuelle Filme möglichst schnell auch über Video-on-Demand, deshalb sind illegale Angebote ja so erfolgreich. Legale Alternativen würden einen Großteil der Internet-Piraterie austrocknen. Wenn man aber darüber nachzudenkt, inwieweit die traditionellen Fenster noch erforderlich und zeitgemäß sind, muss man auch auf die berechtigten Sorgen der Kinotheater eingehen, die befürchten, eine zu frühe Verfügbarkeit könne die Attraktivität des Kinos als primärem Abspielort von Kinofilmen gefährden. Diese Abhängigkeiten müssen noch näher untersucht werden, deshalb sollte das neue FFG zumindest testweise auch neue Verwertungsabfolgen möglich machen und auf keinen Fall allzu starre Regelungen vorgeben. Es darf nicht passieren, dass für deutsche Produktionen während der FFGLaufzeit von fünf Jahren innovative Verwertungsmodelle unmöglich gemacht werden, während ausländische Filme hier keinerlei Restriktionen unterworfen wären und – so meine Vermutung – schon bald auch wegen der Piraterieproblematik tendenziell auf frühere VoD Starts übergehen werden. Das würde zu einer erheblichen Benachteiligung deutscher Produktionen sowohl bei der kommerziellen VoD-Verwertung wie auch bei dem Bemühen bedeuten, der illegalen Nutzung im Internet durch attraktive legale Angebote entgegenzuwirken.

Die Online-Piraterie belastet die Produzenten. Eine wirksame Lösung wird es wohl in dieser Legislaturperiode nicht geben. Werden neue Geschäftsmodelle und VoD-Plattformen das Problem lösen?

Alexander Thies: Inwieweit die Politik noch in dieser Legislaturperiode Maßnahmen zum Schutz des geistigen Eigentums im Internet ergreift, bleibt abzuwarten. Wir gehen aber davon aus, dass das Bundesjustizministerium noch vor der Sommerpause Vorschläge zur Verbesserung des urheberrechtlichen Auskunftsanspruchs vorlegen wird. Da die Online-Piraterie insbesondere im Filmbereich in verschiedenen Formen
auftritt, sind zu ihrer Eindämmung auch eine Reihe unterschiedlicher Maßnahmen erforderlich. Da es sich hierbei um komplexe Themen handelt, erwarten wir, dass uns dieses Thema auch über die jetzige Legislaturperiode hinaus beschäftigen wird.

Müsste die Filmförderung, auch die der FFA, nicht auch digitale und multimediale Projekte fördern, da hier die Zukunft liegt. Warum diese Fixierung der Produzentenallianz auf die reine Spielfilm- oder Dokumentarfilmförderung?

Alexander Thies: Ich würde nicht von einer Fixierung der Produzentenallianz sprechen, wir sind nur realistisch. Die Mittel des FFG sind begrenzt. Eine zu große Zersplitterung der Förderbereiche, die in der Vergangenheit zum Teil durchaus beobachtet werden konnte, führt nicht zu einer Stärkung, sondern eher zu einer Schwächung der gesamten Fördermaßnahmen. Außerdem werden die FFA-Mittel von den Nutzern klassischer Produktionsformen aufgebracht, nicht von Games-Produzenten und -verwertern oder den Herstellern sonstiger multimedialer Projekte. Das schließt natürlich nicht aus, im Rahmen der Förderung des Vertriebs auch innovative Verwertungsformen, die neue Einkommensmöglichkeiten erschließen können, zu unterstützen.

Dieses Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 07/2012 erstveröffentlicht.

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