WAZ-Gruppe plant Lokaloffensive und den Ausbau digitaler Angebote: „Da müssen wir gegensteuern“

von am 27.06.2012 in Archiv, Gastbeiträge, Interviews, Leistungsschutzrecht, Urheberrecht, Verlage

WAZ-Gruppe plant Lokaloffensive und den Ausbau digitaler Angebote: „Da müssen wir gegensteuern“
Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe und Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes in NRW

Interview mit Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe und Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes in NRW

WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus hat in einem promedia-Gespräch seine Kritik an den Digitalangeboten der öffentlich-rechtlichen Sender und die passive Haltung der Politik hierzu bekräftigt. Im Zusammenhang mit Überlegungen der NRW-Landesregierung, die Entwicklung des Lokaljournalismus zu fördern, betonte Nienhaus in einem promedia- Gespräch: „Viel wichtiger als Förderungen sind für uns Zeitungsverleger faire politische Rahmenbedingungen. Dazu gehört, dass die gebührenfinanzierten Online-Zeitungen, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf seinen viel zu textlastigen Internetseiten anbietet, so nicht weitergeführt werden.“ Nienhaus schloss ein Fortsetzung der Gespräche mit ARD und ZDF über die Online-Angebote aus.

Herr Nienhaus, die Landesregierung schätzt den Zeitungsmarkt in NRW insgesamt positiv ein. Teilen Sie diese Bewertung?

Christian Nienhaus: Ja, denn die gedruckte Zeitung wird ein wichtiges Medium bleiben. Mit einer gut gemachten Tageszeitung lassen sich immer noch gute Renditen erwirtschaften. 68 Prozent der Deutschen über 14 Jahre lesen sie regelmäßig. Allerdings sinkt das Auflagenniveau. Allein in den vergangenen 12 Monaten sind die Tageszeitungsauflagen in NRW um 3,3 Prozent und damit auf knapp unter drei Millionen Exemplare täglich zurückgegangen. Drei Millionen sind natürlich nicht wenig, aber die Tendenz macht mir und allen Verlegern Sorgen. Da müssen wir gegensteuern – darum plant die WAZGruppe eine Lokaloffensive in NRW.

Die Landesregierung plant Hilfen für den Lokaljournalismus. Würde diese Förderung den Zeitungen helfen?

Christian Nienhaus: Zunächst einmal bezeugt der Förderwillen der Landesregierung, dass der Lokaljournalismus auch politisch hoch geschätzt wird. Das ist ein wichtiges Signal. Doch die Staatsferne der Zeitungen muss in jedem Fall gewährleistet sein. Insbesondere der unabhängige Lokaljournalismus und selbstständige Lokal- und Regionalzeitungen sind in unserem demokratischen System der kommunalen Selbstverwaltung mit Stadträten und Kreistagen von geradezu elementarer Bedeutung. Deswegen verlangen die Zeitungsverleger faire Bedingungen für den Wettbewerb mit anderen Mediengattungen und keine Förderprogramme. Die wirksamste Forderung wäre die Abschaffung der Mehrwertsteuer für Printmedien, wie es in einigen Ländern Europas üblich ist.

Wo könnten Sie sich noch eine Unterstützung durch die Politik vorstellen?

Christian Nienhaus: Viel wichtiger als Förderungen sind für uns Zeitungsverleger faire politische Rahmenbedingungen. Dazu gehört, dass die gebührenfinanzierten Online-Zeitungen, die der öffentlichrechtliche Rundfunk auf seinen viel zu textlastigen Internetseiten anbietet, so nicht weitergeführt werden.

Bleiben beim Streit um die App der Tagesschau jetzt nur noch das Gericht und dann möglicherweise eine politische Entscheidung?

Christian Nienhaus: Der BDZV hat keine andere Wahl, als die Klage gegen die Tagesschau-App weiter zu verfolgen, wenn die Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen weiterhin im Internet machen, was wir für rechtswidrig halten, und medienpolitische Entscheidungen und Vorgaben ausbleiben.

Inzwischen verbreitet die ARD die „Tagesschau“ als eigenen digitalen Kanal…

Christian Nienhaus: Die Ausweitung der Tagesschau-Präsenz zeigt, dass auch bei laufenden Verhandlungen und Gerichtsprozessen die ARD nur einen Weg kennt nämlich: die immerwährende Ausweitung des Angebots auf Kosten der Gebührenzahler. Grundsätzlich gilt: Man kann keine Gespräche fortsetzen, wenn eine Verhandlungsseite, nämlich die öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten, die in einer „Gemeinsamen Erklärung“ Wort für Wort und unterschriftsreif ausgehandelten Ergebnisse wenige Tage später schon wieder in Frage stellen. Das ist nicht seriös.

Sie klagen nur gegen die „Tagesschau“-App. Man könnte meinen, dass Sie die anderen Digitalangebote inzwischen tolerieren…

Christian Nienhaus: Wir müssen entscheiden, welche dieser Themen auf medienpolitischer Ebene gelöst werden können und wo es für uns als Verleger Möglichkeiten für eine gerichtliche Klärung gibt. Es ist eine medienpolitische Fehlentwicklung, wenn Gebühren – deren Berechtigung darin besteht, dass sie für einen Rundfunk mit einem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag auf knappen Frequenzen gedacht sind – für die Finanzierung von Internetangeboten genutzt werden, obwohl im Web gar nichts knapp ist. Damit dringen die Öffentlich-Rechtlichen gebührenfinanziert in Marktbereiche vor, in denen die Medienhäuser und Verlage ihre Zukunft mit Paid Content-Modellen und Bezahlschranken sichern müssen. Wir werden hier weiterhin auf die politische Fehlentwicklung hinweisen und die verantwortlichen Politiker auffordern diese zu ändern.

Zu den politischen Rahmenbedingungen, auf die Sie drängen, gehört das Leitungsschutzrecht. Ist ein Leistungsschutzrecht noch immer erforderlich?

Christian Nienhaus: Es ist Kern einer Marktwirtschaft, dass derjenige, der Leistungen eines anderen gewerblich nutzt, auch angemessen dafür bezahlt. Das ist momentan insbesondere im Internet nicht der Fall. Darum brauchen wir dringend und schnell ein Leistungsschutzrecht. Es wird Zeit, dass die Ankündigung der Regierung von 2009 endlich umgesetzt wird. Mächtige Internetkonzerne wie Google leben davon, systematisch Inhalte der Medienhäuser online abzugreifen und für ihre Zwecke zu nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Das muss sich zügig ändern.

Welche Konsequenzen hätte es, wenn es nicht kommt?

Christian Nienhaus: Auf dem Spiel steht der Erfolg der Geschäftsmodelle aller Medienhäuser im Online-Bereich, in dem wir am Anfang einer Entwicklung hin zu Paid Content- Modellen stehen.

Wie sieht Ihre Strategie für digitale Angebote der WAZ-Gruppe aus?

Christian Nienhaus: Unsere Zeitungsmarken und unsere redaktionellen Qualitätsinhalte wollen wir mit einer integrierten Multi- Channel-Strategie auf allen medialen Verbreitungskanälen inhaltlich abgestimmt anbieten. Für die Nachrichtenportale unserer Tageszeitungen planen wir die Einführung von Paid Content- Modellen. Bestimmte exklusive und lokale Inhalte könnten kostenpflichtig werden oder auch die intensive Nutzung unserer Online-Angebote. Da sondieren wir noch den Markt und mögliche erfolgversprechende Modelle. Bei mobilen Angeboten setzen wir auf kostenpflichtige Apps. Das gilt auch für unseren Zeitschriftenbereich: Unser Gong Verlag bietet zum Beispiel für Nutzer digitaler TV-Sender das eMag ‚TVdirekt digital‘ an. Eine vollwertige Fernsehzeitschrift erweitert um das digitale TV-Programm, die es konsequent ausschließlich als eMag-Ausgabe gibt und gegenüber gedruckten TV-Zeitschriften den Vorteil stets aktualisierter Programminhalte bietet. Der Markt für unsere App-Angebote muss sich auch vor dem Hintergrund der Smartphone- und Tablet- Nutzerzahlen allerdings erst entwickeln.

Die Titel der WAZ-Gruppe sind bisher auf dem Tablet als ePaper- App erhältlich, zudem haben Sie spezielle Service-Apps gestartet. Wie werden diese Angebote genutzt?

Christian Nienhaus: Unsere Service- und Zeitungskiosk-Apps erreichen bereits erste attraktive Nutzerzahlen – sogar ohne besondere Marketingaktivitäten. Die Zahl der Smartphone- und Tablet-Nutzer steigt weiter an, noch kann man aber nicht genau sagen, wie viele es in unseren Verbreitungsgebieten sind. Da sind wir wie alle Verlage noch in einer Erprobungsphase. Der Markt muss sich erst entwickeln, bisher sind wir aber mit den ersten Ergebnissen zufrieden. Jetzt werden wir unsere App-Angebote für die Tageszeitungen erweitern und ausbauen – insbesondere für die Tablet-Nutzung.

Sie sprachen schon Ihre Offensive für den Lokaljournalismus an. Welche Rolle wird der Lokaljournalismus künftig spielen?

Christian Nienhaus:  Der Lokaljournalismus ist und bleibt eine Kernkompetenz der WAZ Mediengruppe. Unsere Tageszeitungstitel sind starke Marken, werden von ihren Leserinnen und Lesern geschätzt und genießen höchste Glaubwürdigkeit. Darauf setzen wir – sowohl in Print wie auch Online. Die qualitativ hochwertige Arbeit unserer Lokalredaktionen ist der USP unserer Tageszeitungstitel. Mit unserer geplanten Lokaloffensive werden wir noch näher bei unseren Lesern sein – und qualitativ hochwertigen Lokaljournalismus in Print, online und für die mobile Nutzung bieten. Durch ein dichtes Netz professionell arbeitender Lokaljournalisten haben wir eine einzigartige lokale und regionale Kompetenz, das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Dieses Interview wurde in der promedia Special Ausgabe Medienforum NRW 2012 erstveröffentlicht.

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