DSDS: 100 Millionen Videos wurden von der aktuellen Staffel im Internet abgerufen – „Auch TV-Formate haben eine Art Lebenszyklus“

von am 28.06.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Interviews, Rundfunk

DSDS: 100 Millionen Videos wurden von der aktuellen Staffel im Internet abgerufen – „Auch TV-Formate haben eine Art Lebenszyklus“
Tom Sänger, Bereichsleiter Unterhaltung Show & Daytime, RTL Television

Interview mit Tom Sänger, Bereichsleiter Unterhaltung Show & Daytime, RTL Television

In den letzten Wochen ist viel von einer „Krise der Fernsehunterhaltung“ die Rede. Das Scheitern von „Gottschalk live“, das Aus von Harald Schmidts Late-Night-Show, sinkende Quoten bei DSDS und dem „Dschungelcamp“ werfen Fragen nach dem Erfolg von Unterhaltungsangeboten in einer sich schnell verändernden Medienlandschaft auf. Deshalb sprach promedia mit Tom Sänger, Bereichsleiter Unterhaltung Show & Daytime, RTL Television über die „Krise“.

Sänger, seit zehn Jahren Unterhaltungschef von RTL und verantwortlich für viele der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsformate, kann keine Krise erkennen. Die Tatsache, dass viele bei „The Voice of Germany“ vom Überraschungserfolg redeten bei einem Marktanteil von 24,3 Prozent, während bei RTL – bei ähnlichem Schnitt – die vermeintliche Krise beginne, zeige die Kraft der Gewöhnung. „Wer halbwegs realistisch ist in unserem Geschäft, weiß, dass auch wir nicht einen Rekord nach dem anderen abliefern können beziehungsweise ein Rekord automatisch vom nächsten abgelöst wird“.

Herr Sänger, Dieter Bohlen, Thomas Gottschalk und Harald Schmidt, Granden der Unterhaltung haben anscheinend Probleme, ihre Popularität beim Zuschauer zu halten und verlieren Akzeptanz. Ist die deutsche TV-Unterhaltung in einer Krise oder fabulieren die Medien mal wieder eine Krise herbei?

Tom Sänger: Etwas „platt“ auf den Punkt gebracht könnte ich sagen: „Bei Thomas Gottschalk und Harald Schmidt heißt das Problem „falsches Format und falscher Sendeplatz“, bei Dieter Bohlen bzw. DSDS ist die Situation mit 25,5 Prozent im Staffelschnitt bisher kein Problem, sondern nach neun Jahren mit höchsten Marktanteilen nun auf einem immer noch gutem, aber eben normalerem Niveau. Insofern hat Dieter Bohlen auch meines Erachtens kein „Problem“. Ich glaube aber nicht, dass drei sehr unterschiedliche Formate wie die der genannten 1:1 für das extrem breit gefächerte Genre der Unterhaltung stehen, stattdessen würde ich gern etwas differenzieren: Late Night ist und bleibt ein schweres Pflaster, die hohe Schule. Wenn es einer in unserem Markt kann, dann vermutlich Harald Schmidt, die Frage ist: Gibt es bei uns eine Kultur und ein entsprechendes, großes Publikum dafür – bisher wohl eher nicht. Thomas Gottschalk hat „Wetten, dass…?“ über Jahre hinweg höchst erfolgreich moderiert, aber die Sendung schien zuletzt etwas in die Jahre gekommen zu sein. Sein Versuch im ARD-Vorabend zeigt aber, dass immer beides zusammengehört: Sendungskonzept und Moderator. Eins ohne das andere funktioniert einfach nicht. Insofern ist es zu kurz gesprungen, jetzt bei der Popularität einzelner Moderatoren hängenzubleiben, die zu den großen ihres Fachs gehören. Auch Dieter Bohlen ist nicht nur gleich DSDS: Keine Frage, er spielt eine sehr wichtige Rolle, aber es muss eben noch mehr zusammenpassen als nur die Besetzung mit den richtigen Moderatoren oder Juroren: Konzept und Umsetzung, und gerade bei langlaufenden Formaten ihre Weiterentwicklung. Außerdem Programmierung und Timing, Marketing schnellen, oberflächlichen Blick auf Sendungen.

Stehen wir nicht doch vor einem grundlegenden Wandel bei der Erwartungshaltung und Rezeption von TV-Unterhaltung bei den jüngeren und mittleren Zielgruppen?

Tom Sänger: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Erwartungshaltung etwa an gute Unterhaltung grundsätzlich ändert. Sicher, sie muss sich weiterentwickeln wie jedes andere Genre auch. Aber das hat sie auch in den zurückliegenden Jahrzehnten getan. Menschen wollen auch heute und vermutlich morgen und übermorgen Entspannung vom Alltag, wollen lachen oder auch mal weinen, wollen berührt werden oder informiert, wollen für sie relevante Themen auf dem Bildschirm sehen. Die Grundanforderungen an eine gute Idee haben sich somit kaum verändert. Die Umsetzung, also Bildsprache oder auch das Tempo einer Sendung entwickeln sich dagegen weiter. WWM heute sieht anders aus als zum Start Ende der 90er, auch GZSZ, demnächst strahlen wir die 5000. Folge aus, hat vom optischen Eindruck oder auch dem Tempo nur noch wenig zu tun mit den ersten Folgen oder auch DSDS 2002 und 2012 sind nicht vergleichbar, die Grundidee aber ist unverändert.

Deutlich stärkere Veränderungen gibt es jedoch in der Rezeption von Fernsehen. Wir schicken unsere Formate heute ganz klassisch auf den Fernseher zuhause ins Wohnzimmer, aber wir sind damit eben längst auch online und mobil. Die Zuschauer können, wenn sie wollen, jederzeit und überall fernsehen schauen, sich unterhalten lassen oder informieren. Das Schöne dabei ist: Die neuen Möglichkeiten, auf Smartphones oder tablets unsere Inhalte zu schauen, intensiviert die Nutzung unserer Inhalte. Die Chancen dieser Entwicklung überwiegen bei weitem, und wir haben sie bisher recht gut genutzt, wie mehr als 100 Millionen abgerufener Videos im Internet zur aktuellen Staffel von DSDS erneut zeigen. Gleichzeitig entwickeln wir über neue TV-synchrone Anwendungen, wie die RTL ganz von selbst vor sich hinlaufen auf so hohem Niveau. DSDS hat in Höhe und gerade auch Dauer des Erfolgs die Erwartungen aller Beteiligten über viele Jahre übertroffen. Das Format läuft oder lief weltweit in über 50 Ländern – in kaum einem Land so lange und so erfolgreich wie bei uns. Jetzt ist das Format vielleicht in einer Reifephase mit immer noch rund 26 Prozent, die unsere Mitbewerber jubeln ließen, uns selbst überrascht das übrigens weniger als offensichtlich manch Außenstehende. Wir werden sehen, ob und wie stark wir es weiterentwickeln können oder ob das Genre insgesamt schwierig und „übersättigt“ ist.

Wo sehen Sie dann die Ursache für ein nachlassendes Interesse bei DSDS?

Tom Sänger: Zunächst und ohne jede Schönrederei: DSDS hat im Vergleich mit den eigenen vorangegangenen Rekordstaffeln ohne Frage Zuschauer verloren. Natürlich freut uns das nicht, aber es überrascht uns auch nicht wirklich. Gleichzeitig aber ist dasselbe DSDS – auch in der 9. Staffel – noch immer die erfolgreichste Musik-Castingshowreihe im deutschen Fernsehen. Vor diesem Hintergrund analysieren und bewerten wir das Format und werden 2013 sicher nicht so wiederkommen, wie wir 2012 enden. Es kann gut sein, dass die Grundstruktur und das „Muster DSDS“ einfach in die Jahre gekommen ist. Auch TV-Formate haben eine Art Lebenszyklus. DSDS ist definitiv ein reifes Format, da es schon so lange auf dem Bildschirm ist, und das sehr erfolgreich. Hinzukommt, dass das Thema DSDS den Zuschauern eben auch weit über RTL hinaus begegnet, ob in BILD oder der Presse allgemein – auch in promedia. Und ganz sicher hat auch die aktuelle Casting-Schwemme in unserem Markt etwas mit dem nachlassenden Interesse zu tun: in keinem anderen Land der Welt gibt es zeitgleich so viele Castingformate wir in Deutschland, nirgendwo ist der Markt stärker fragmentiert, nirgendwo wird sich mehr kanibalisiert. Das ist einfach ein Fakt.

Wie steuern Sie gegen?

Tom Sänger: Das werden wir jetzt nach Finale der Staffel wie immer in Ruhe analysieren: Beide Formate müssen ein Stück weit neu erfunden werden. Dass wir alle Sendungen immer weiter entwickeln, haben wir in den letzten Jahren deutlich bewiesen. Vielleicht müssen die inhaltlichen und optischen Veränderungen für die nächsten Staffeln nur drastischer, noch innovativer sein, eine neue Dramaturgie anbieten und überraschen.

Welches sind gegenwärtig die drei erfolgreichsten Unterhaltungsangebote von RTL? Warum sind diese erfolgreich?

Tom Sänger: Wie definieren Sie Erfolg? Ist die Einzelshow erfolgreich, die einen tollen Marktanteil von 30 Prozent erreicht. Oder ist es ein Erfolg, eine tägliche Serie wie GZSZ in sage und schreibe 5000 Folgen erfolgreich auszustrahlen, ohne dass ein Ende in Sicht wäre? Ist es „Bauer sucht Frau“, das auch nach vielen Jahren noch 7 bis 8 Millionen Zuschauer jeden Montag vor die Fernseher lockt. Oder ist es DSDS, welches in der neunten Staffel und einem Schnitt von rund 26 Prozent Samstag für Samstag 4 Monate lang ohne Unterbrechung auf dem Bildschirm ist. Für uns sind alle drei Beispiele Erfolge, wobei nicht die Momentbetrachtung entscheidend ist, sondern der Blick nach vorn. Nach absoluten Quoten liegen in der laufenden Saison die längerlaufenden Formate wie „Das Supertalent“ (31%), DSDS (25,5%), „Bauer sucht Frau“ (24,5%), „Rach, der Restauranttester“ (22,7%) vorn. Allen gemein ist, dass sie auch in ihren jeweiligen Fortsetzungsstaffeln höchste Marktanteile erreichen. Hinzu kommen starke Unterhaltungsevents wie „Ich bin ein Star“ (37,7%) und tägliche Erfolge am Nachmittag und mit den Soaps am Vorabend. In der TOP 10 Hitliste der Unterhaltungs-Formate der aktuellen TV Saison sind allein 8 Plätze von RTL belegt. Es gibt schlimmeres.

Wie stark wollen eigentlich junge Zuschauer interaktive Elemente oder bevorzugen sie noch immer die klassische Show, an der sie passiv Anteil haben?

Tom Sänger: Wir machen das Eine, ohne das andere zu lassen. Grundsätzlich richten wir uns mit unserem Programm an ein breites Publikum. Das Gros möchte einfach nur abschalten und konsumiert heute noch eher passiv. Wer zeitunabhängig schaut, nutzt in zunehmendem Maße Angebote wie RTLNOW.de, um verpasste Sendungen nachzuholen – die monatliche Nutzung liegt inzwischen bei rund 20 Millionen. Interaktivitäten haben wir seit über 10 Jahren im Programm, früher war es das Telefon, heute sind es online Votings o.ä. Zunehmend spannend werden sogenannte Second Screen – Angebote oder solche wie unsere RTL-Inside App, die als erste TV-App Livestreaming anbietet. Insofern bieten wir, je nach Format, Genre und primärer Zielgruppe, beides.

„The Voice of Germany“ ein neues Format, mit einem anderen Konzept als DSDS hatte überraschend Erfolg. Ist die Zeit der aggressiven Castingshows, die Spaß auf Kosten der Teilnehmer bieten vorbei?

Tom Sänger: Ich würde DSDS nicht darauf reduzieren wollen, dass in der Castingphase hin und wieder Tacheles geredet wird. Das allein trägt kaum für einen jahrelangen Erfolg. Richtig ist aber, dass sich der Zeitgeist immer wieder ändert – und vielleicht merken wir das auch bei DSDS. „The Voice of Germany“ ist ein international höchst erfolgreiches, etwas jüngeres Format, welches auch in Deutschland gut umgesetzt wurde. Insbesondere die erste Phase ist spannend, weil sie neue Elemente enthält, zum Finale hin wurde es dann schwächer, eher untypisch für Castingformate. Die Tatsache, dass Sie bei „The Voice of Germany“ vom Überraschungserfolg reden bei einem Schnitt von 24,3 Prozent, während bei uns – bei ähnlichem Schnitt – die vermeintliche Krise beginnt, zeigt die Kraft der Gewöhnung. Wer halbwegs realistisch ist in unserem Geschäft, weiß, dass auch wir nicht einen Rekord nach dem anderen abliefern können beziehungsweise ein Rekord automatisch vom nächsten abgelöst wird.

Das Dschungelcamp hatte weniger Zuschauer als in der vergangenen Staffel, Vox startet mit „Das perfekte Model“ den Gegenentwurf zu Heidi Klum. Zeigt sich hier nicht doch ein Trend?

Tom Sänger: Zu VOX müssen Sie bitte die Kollegen befragen – und auch für das Dschungelcamp gilt: Ja, es ist richtig, dass wir keine 40 Prozent Marktanteil haben wie in der absoluten Ausnahmestaffel zuvor, sondern ‚nur‘ noch 37,7 Prozent. Und Sie merken, auf welchem Niveau wir uns befinden und darüber, dass das als scheinbares „Problem“ angesprochen wird muss ich fast lachen. Also schlichtweg immer noch ein absolutes Top Niveau der Kollegen des Comedybereichs von Markus Küttner. Wir heißen jeden Trend mehr als willkommen, der unseren Formaten einen Zuschauerzuspruch in diesen Größenordnungen verspricht.

Wollen die Zuschauer insgesamt bei der Unterhaltung wieder mehr Harmonie, mehr Freundlichkeit, mehr „positiven“ Humor?

Tom Sänger: Die Wahrheit ist: das Ganze ist kein Wechselspiel – heute das, morgen das. Die Zuschauer wollen – wie der Mensch generell – gerne oft das, was sie gerade nicht haben oder entbehren mussten. Wenn man zu viel vom einen macht, dann steigt der Wunsch, das andere zu bekommen. Das ist doch ganz natürlich. Beide Richtungen, Leichtigkeit, Harmonie und Humor und Fallhöhe, Relevanz, Dramaturgie werden immer zu einem Programmerfolg gehören. Wichtig dabei ist, dass ein Format auch neu „daherkommt“ und überrascht und nicht immer wieder dieselben Muster mit großer Vorhersehbarkeit umgesetzt werden. Das sehen wir auch ganz selbstkritisch. Und da ist die ganze Branche gefragt.

Inwieweit hängen die aktuellen Probleme in der Unterhaltung mit mangelnder Innovations- und Risikobereitschaft der Sender und Produzenten zusammen? Wie viele neue Unterhaltungsformate hatte RTL 2011/2012 gestartet?

Tom Sänger: Wir werden weiterhin darauf achten, einen guten Mix aus bekannten und neuen Unterhaltungsformaten anzubieten. Gerade im Real Life Bereich hat RTL in den letzten Monaten neue Formate sehr erfolgreich an den Start gebracht, wie beispielsweise „Undercover Boss“ und „Alexa – ich kämpfe gegen Ihre Kilos“. Dabei haben wir hier und da das Luxusproblem, das manche Formate erfolgreich sind, obwohl sie schon lange laufen. Auch wenn das für manchen unspannend klingt: Diese Formate werden wir weiterhin hegen und pflegen. Aber wir haben auch die Aufgabe, reife Formate zu überprüfen und mittelfristig zu ersetzen. Ich würde das weniger als Problem bezeichnen, eher als tagtägliche Arbeit eines Programmmachers.

Die Unterhaltung ist eine der stärksten Säulen von RTL. Was machen Sie, um diese Säule weiter standhaft und stabil zu halten?

Tom Sänger: Weiter mit dem gesamten Team hart dafür arbeiten, den Nerv unserer Zuschauer zu treffen. Mit hoffentlich dem richtigen Gespür für die relevanten Themen, Empirie und Bauchgefühl – in jedem Fall viel Herzblut.

Das Interview wurde in der promedia-Special Ausgabe Medienforum NRW 2012 erstveröffentlicht.

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