BR-Rundfunkrat fordert öffentlich-rechtlichen Jugendkanal

von am 31.07.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Top Themen

BR-Rundfunkrat fordert öffentlich-rechtlichen Jugendkanal
Bernd Lenze, Vorsitzender BR-Rundfunkrat

Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks fordert digitalen Jugendkanal – „Das Fernsehen muss der Motor sein“

Interview mit Bernd Lenze, Vorsitzender des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks unterstützt die Forderungen einiger Intendanten wie Dr. Karola Wille vom MDR oder Peter Boudgoust vom SWR nach einem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal. Das gehe aber nur, so der Vorsitzende Bernd Lenze in einem promedia-Gespräch, wenn die Anstalten Etats zusammenlegen. Zugleich spricht sich Lenze dafür aus, Beschränkungen bei Online-Angeboten zu lockern, um so mehr Jugendliche anzusprechen. Auch sollten alle jugendaffinen TV- und Hörfunkangebote der ARD-Anstalten in einer jungen Mediathek gebündelt werden.

Herr Lenze, in der ARD wird gegenwärtig intensiv über Angebote für Jüngere debattiert. Welche Ideen existieren beim Bayerischen Rundfunk dafür?

Bernd Lenze: Dem BR geht es ja nicht anders als anderen öffentlich-rechtlichen Sendern: Bei allen Sendern gibt es einzelne Angebote, die junge Leute gut finden würden – vorausgesetzt, die jungen Leute würden sie auch finden. Vieles, was interessant ist, ist leider oft auch gut versteckt. Das wird sich ändern müssen. Der BR plant daher beispielsweise, die Kraft einer massenattraktiven Welle wie Bayern 3 zu nutzen, um bereits vorhandene jugendaffine Angebote bekannter zu machen. Wichtig ist auch, dass noch mehr Programm von Jüngeren selbst produziert wird. Das ist auch eine Frage der Personalentwicklung. Programmlich kommt es darauf an, mehr persönliche Ansprache zu ermöglichen. Eine gute Musikauswahl allein macht Radio in Zeiten von MP3 nicht erfolgreich. Auch in die Fernsehformatentwicklung muss mehr investiert werden – in junge Köpfe und neue Ideen.

Welche Rolle sollen dabei Angebote über Online und Mobile spielen?

Bernd Lenze: Das Internet wird – nicht nur für die junge Generation – immer mehr zum zentralen Umschlagplatz für Ideen und Meinungen. Ein BR, der im Internet nicht erfolgreich auf sich aufmerksam macht, kann seinen Auftrag nur noch schwer umfassend erfüllen. Junge Menschen stoßen – wenn überhaupt – über Suchmaschinen auf Angebote der Öffentlich-Rechtlichen. Angesichts der Vielfalt im Programm von BR bzw. ARD sind speziell die sozialen Netzwerke mit ihrem Empfehlungsmarketing eine einzigartige Chance: Hier können die Sender ihre Angebote themenbezogen vermarkten. Hier muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk jungen Zielgruppen als Partner bei der Meinungsbildung zu relevanten Fragen „empfehlen“ bzw. von den jungen Leuten untereinander empfohlen werden. Das passiert natürlich nur dann, wenn auch die Inhalte passen. Aufgabe der Redakteure wird es immer stärker sein, Themen, Erfahrungen und Interessen junger und jüngerer Menschen zu adressieren. Dafür müssen noch mehr junge Leute Verantwortung in den Sendern übernehmen.

Wie werden diese Ideen vom Rundfunkrat unterstützt?

Bernd Lenze: Der Rundfunkrat unterstützt dies nicht nur, er ermutigt die Geschäftsleitung auch immer wieder ausdrücklich dazu. Als von gesellschaftlichen Gruppen entsandte Vertreter der Allgemeinheit wissen wir doch, wie schwierig es ist, die nachkommenden Generationen anzusprechen. Da geht es den Sportverbänden, den Kirchen, den Theatern und den Musikverbänden ja nicht anders als dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Deswegen gilt: Lieber auch gescheiterte Experimente als gar keine. Die Gefahr, dass wir durch mehr Erfolg bei den Jüngeren weniger Erfolg bei den Älteren haben, halte ich für beherrschbar. Die Gefahr eines Generationenabrisses hingegen nicht. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss es gelingen, mit Hilfe des Internet – und später über Connected TV – sowohl ältere als auch jüngere Menschen ganz gezielt anzusprechen. Bei den Jüngeren sollten wir noch stärker auf die Kraft des Fiktionalen setzen.

Zahlreiche ARD-Anstalten haben sogenannte Labs, um neue Angebote zu entwickeln. Welchen Weg geht der BR?

Bernd Lenze: Eine systematische Beobachtung und Fortentwicklung von Formaten und Distributionsstrategien ist ein Muss. Auch im BR arbeitet man natürlich intensiv daran und versucht, Neues zu entwickeln. Enorme Aufmerksamkeit hat der BR vor ein paar Wochen mit der „rundshow“ auf sich gezogen, einem Social-TV-Experiment. Von den Erfahrungen, die bei diesem Projekt gesammelt wurden, werden andere Formate des BR profitieren. Meines Erachtens sollten sich die Landesrundfunkanstalten mit ihren Innovationswerkstätten viel stärker vernetzen und Erfahrungen austauschen. Hier wären noch viel mehr Synergien möglich. Wir müssten dabei aber ähnlich koordiniert vorgehen wie es die BBC in London tut.

 Entwickelt der Rundfunkrat auch eigene Ideen und Themen?

Bernd Lenze: Die Sorge, dass ein Generationenabriss droht, treibt die Gremien schon seit einigen Jahren um. Denn es ist leider nicht so, dass die Menschen mit fortschreitendem Alter zu den öffentlich-rechtlichen Sendern wechseln. Angesichts der Notwendigkeit zu handeln, denken natürlich auch die Gremien über Lösungsansätze nach. Aber in erster Linie ist es die Aufgabe der Programmverantwortlichen, Programmideen für junge und jüngere Publikumsgruppen zu entwickeln. Rundfunkräte sind keine Programmmacher, aber sie stehen gerne beratend zur Seite. Eine gemeinsame Anregung der Rundfunkräte aller ARD-Anstalten ist beispielsweise, die vorhandenen Jugendangebote der ARD und der Landesrundfunkanstalten in einer „jungen Mediathek“ zu bündeln. Das wäre ein erster wichtiger Schritt, damit die vorhandenen Angebote besser gefunden werden können. Wenn die ARD einmal ihre eigenen Angebote sortiert hat, wird es auch den Suchmaschinen leichter fallen, den jungen und jüngeren Internetnutzern relevante ARD-Angebote vorzuschlagen.

Müssten nicht die 3.Programme stärker zum Experimentieren genutzt werden?

Bernd Lenze: Hier gilt es abzuwägen: Die Dritten sind eher auf ein älteres Publikum zugeschnitten. Der Einschub von jugendaffinen Sendungen in das Sendeschema der Dritten stört daher in den meisten Fällen den audience flow und sendet an den jungen Leuten vorbei. Mehr generationenübergreifende Angebote in den Dritten wären grundsätzlich sehr wünschenswert. Eher zum Experimentieren eignen sich die sogenannten Digitalkanäle. Der Bayerische Rundfunk produziert zusammen mit dem WDR beispielsweise „Die allerbeste Sebastian Winkler-Show“, die Sie auf EinsFestival sehen können, aber auch im Bayerischen Fernsehen.

Es ist im Zusammenhang mit jungen Angeboten von Kooperation und Zusammenarbeit innerhalb der ARD der Rede. Reicht das aus? Müsste das nicht institutionalisiert werden, indem ein Sender hier z.B. die Koordinierung und Verantwortung übernimmt?

Bernd Lenze: In der ARD gibt es verschiedene Modelle und Stufen der Zusammenarbeit. Am meisten überzeugt mich das Modell der Zusammenarbeit beim Ersten Deutschen Fernsehprogramm. Für den Erfolg des aus Zulieferungen einzelner Anstalten sowie aus gemeinsamen Produktionen bestehenden Programms sorgt der ARD-Programmdirektor zusammen mit den Fernsehdirektoren der Landesrundfunkanstalten. Ähnlich müsste man es auch bei einem trimedialen Gemeinschaftskanal machen, der –  vielfältig im Angebot wie Das Erste – auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten ist. Die Schaffung eines solchen Vollprogramms hält der Rundfunkrat des BR für unverzichtbar. Der BR-Rundfunkrat hat in einer Resolution im März 2012 ausdrücklich gefordert, hierfür die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Das Fernsehen muss hier noch eine ganze Weile der Motor sein, da es nach wie vor das stärkste Medium ist. Das geht aber nur, wenn die Anstalten Etats zusammenlegen. Ich glaube, die Bereitschaft, dafür auch Digitalkanäle wie EinsFestival und EinsPlus zu bündeln, wächst. Und was spricht dagegen, zusätzlich mit dem ZDF zusammenzuarbeiten, so ähnlich wie beim KI.KA? Vor dem Hintergrund hoher Sparvorgaben wäre dies sicher sinnvoll. Auch der MDR-Rundfunkrat hat sich jüngst in diese Richtung geäußert. Nun liegt der Ball auf Seiten der Operative.

Der Spielraum für Online-Angebote ist durch den 12. RÄStV eingeschränkt. Müssen sie erweitert werden?

Bernd Lenze: Manche Regelungen sind sicherlich ein Hemmschuh für die Erreichbarkeit der Jüngeren, die Medieninhalte bekanntlich großenteils im Internet rezipieren. In einer modernen digitalen Gesellschaft müssen auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten online präsent sein. Das sagen mittlerweile auch viele verantwortliche Politiker. So gibt es beispielsweise die Anregung, im Interesse der Gebührenzahler die im Rundfunkstaatsvertrag (RStV) festgeschriebene 7-Tage-Verweildauer zu überdenken (vgl. Hannelore Kraft in: promedia 7/2012, S. 4 ff.).  Meine Anregung an den Gesetzgeber wäre zum einen, die Drei-Stufen-Test-Verfahrensregeln im RStV zu vereinfachen. Diese haben sich schon bei den Bestandsverfahren als sehr kompliziert und aufwendig herausgestellt. Zum anderen bereitet die inhaltliche Umsetzung einzelner Vorgaben aus dem RStV in der Praxis Schwierigkeiten, wie beispielsweise die Ausweisung des Sendungsbezugs und die Auslegung der Verbote aus der Negativliste. Das anschaulichste Beispiel ist das Verbot der Presseähnlichkeit, das derzeit das Landgericht Köln im Streit um die Tagesschau.de-App beschäftigt.

Die Online-Angebote des BR sind im Telemedienkonzept festgeschrieben, das durch den Drei-Stufen-Test bestätigt worden ist. Inwieweit wird die Einhaltung durch den Rundfunkrat kontrolliert?

Bernd Lenze: Der BR-Rundfunkrat hat eine ständige Projektgruppe für Telemedienfragen gebildet, in deren Aufgabenbereich unter anderem die Kontrolle der Telemedienangebote auf ihre Vereinbarkeit mit gesetzlichen Vorgaben und mit dem Telemedienkonzept sowie die Beratung aller im Zusammenhang mit Drei-Stufen-Test-Verfahren anfallenden Fragen fällt. Im Rahmen dieser ständigen Telemedienaufsicht informiert die Geschäftsleitung die Projektgruppe Telemedien auch regelmäßig über die Entwicklung der Telemedienangebote und der Telemedienkosten. Zusätzlich befassen sich die Vorsitzenden der einzelnen Rundfunkräte mit wichtigen Grundsatzfragen im Telemedienausschuss der ARD-Gremienvorsitzenden-konferenz. Dort wird beispielsweise über eine einheitliche Auslegung der gesetzlichen Vorgaben im RStV beraten.

Welche neuen Angebote müssten durch einen Drei-Stufen-Test und welche nicht?

Bernd Lenze: Wir haben hier ein relativ komplexes Vorgehen: Wenn ein neues Vorhaben im Bereich Telemedien geplant ist, muss zunächst der Intendant auf der Basis des einschlägigen Telemedienkonzepts, der staatsvertraglichen Vorgaben sowie der so genannten Positiv- und Negativkriterien in den Genehmigungsrichtlinien (für BR.de ist dies beispielsweise die „Satzung des BR über das Genehmigungsverfahren des Bayerischen Rundfunks für neue oder veränderte Telemedien und ausschließlich im Internet verbreitete digitale Angebote“) prüfen, ob es sich um ein neues oder verändertes Angebot handelt, das einen Drei-Stufen-Test durchlaufen muss. Über das Ergebnis dieser „Vorprüfung“ ist der Rundfunkrat zu unterrichten, der auf Basis der fachlichen und rechtlichen Informationen das Vorhaben diskutiert und abschließend darüber berät, wie das Vorhaben einzuordnen ist, sprich ob es dreistufentestpflichtig ist oder nicht. Maßgeblich für die Beurteilung, ob ein Drei-Stufen-Test durchzuführen ist, sind die bereits erwähnten Kriterien der Genehmigungsrichtlinien. Sie stellen im Wesentlichen auf eine inhaltliche Neuausrichtung des Angebots ab, wie beispielsweise eine substantielle Änderung der Angebotsmischung oder der angestrebten Zielgruppe. Auch der finanzielle Aufwand darf nicht wesentlich gesteigert werden.

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2012 erstveröffentlicht.

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