Welche Chancen hat DAB+ als Nachfolge-Übertragungsstandard für UKW?

von am 30.07.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Infrastruktur, Interviews, Rundfunk, Top Themen

Welche Chancen hat DAB+ als Nachfolge-Übertragungsstandard für UKW?
Klaus Schunk, Vizepräsident des VPRT

Bei privaten Sendern überwiegt weiterhin Skepsis gegenüber DAB+ – „Über den Erfolg im Markt entscheidet der Hörer“

30.07.12 Interview mit Klaus Schunk, Geschäftsführer Radio Regenbogen, Vizepräsident des VPRT

Mehr als 60 ARD-Programme, einschließlich der drei Programme des Deutschlandradios, sind aktuell bereits über Digitalradio in Deutschland zu hören. Darunter sind 13 Programme, die bundesweit, also ohne Unterbrechung auf Reisen in allen Bundesländern, empfangbar sind. Hinzu kommen in den einzelnen Bundesländern weitere private regionale und landesweite Radiosender. In Halle/Sachsen-Anhalt sind beispielsweise 23 Digitalradio-Programme on air, in München sogar knapp 30. Im zweiten Quartal 2012 gingen in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz weitere private Angebote an den Start.

Herr Schunk, vor einem Jahr wurde DAB+ gestartet. Die privaten Sender waren anfangs sehr zögerlich. Findet hier ein Umdenken statt?

Klaus Schunk: Grundsätzlich kann und muss jeder Sender selbst entscheiden, ob er über DAB+ verbreiten möchte. Über den Erfolg im Markt entscheidet dann der Hörer.

Inwieweit unterstützt der VPRT heute den DAB+-Ausbau?

Klaus Schunk: Einige Mitglieder engagieren sich unmittelbar bei DAB+. Der VPRT bietet seinen Mitgliedern eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und informiert sie umfassend über aktuelle Entwicklungen bei DAB+, aber auch anderen digitalen Radiotrends. Aber ein Verband ist nicht dazu da, einen technischen Ausbau zu fördern.

Aber immer mehr private Sender bewerben sich um DAB+Lizenzen und starten neue Sender…

Klaus Schunk: Radio ist über UKW, online und mobil eines der beliebtesten Angebote überhaupt. Rund 80 Prozent aller Deutschen hören täglich Radio, das sind mehr als sechzig Millionen Hörer und sie nutzen dieses Medium durchschnittlich über vier Stunden täglich. Das heißt: Wenn Sie die technischen Übertragungsstandards für Radio weiterentwickeln wollen, müssen Sie diese Hörer mitnehmen. Das lässt sich aber nicht verordnen oder von oben entscheiden. Das wäre auch ein falsches Grundverständnis. Wenn, dann müssen Sie die Hörer von dem Mehrwert neuer Übertragungsstandards überzeugen. Das private Radio ist deshalb schon heute überall da, wo seine Hörer sind– im Web und mit Apps und mobilen Empfangsangeboten. Ob es gelingt, bis 2015 über 16 Mio. DAB+-Empfänger in den Markt zu bringen, halte ich nach wie vor für zweifelhaft. Ich bin deshalb sehr froh, dass es dem VPRT gelungen ist, ein konkretes Abschaltdatum für UKW in der TKG-Novelle zu verhindern, damit hier der Markt entscheiden kann. Aber dass Sie mich nicht falsch verstehen: Der VPRT hat auch keine ideologischen Vorbehalte gegen DAB+. Sollten die Hörer sich in ihrer großen Mehrzahl dafür entscheiden, dann können die privaten Radios hier auch entsprechende Reichweite aufbauen und ihre Angebote refinanzieren.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Ausbau entwickelt?

Klaus Schunk: Das DAB+-Netz wird weiter ausgebaut und auch weitere Programme sind gestartet. Trotzdem ist es absehbar, dass es auch mittelfristig in der Fläche keine annähernd befriedigende Versorgung geben wird. Deshalb besteht für uns Privatradios nach wie vor, neben allen Chancen vor allem auch ein hohes wirtschaftliches Risiko, denn wir müssen unsere DAB+-Verbreitung anders als unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen aus dem Erfolg unserer UKW-Angebote refinanzieren.

Wo sehen Sie Defizite?

Klaus Schunk: DAB+-Geräte kommen beim Hörer offensichtlich auch deshalb schwer an, weil der Käufer von dem Mehrwert eines solchen Gerätes noch nicht überzeugt ist. Wie soll er denn auch: am Point of Sales in den Elektrofachmärkten gibt es oft keine Empfangsmöglichkeit, die Automobilhersteller erheben hohe Aufpreise für solche Geräte und verfolgen vielleicht auch ihre eigenständige Politik und last but not least: vom Design her sind die Geräte auch nicht gerade der Renner.

Wird sich DAB+ dennoch durchsetzen oder von der Online- Nutzung überholt werden?

Klaus Schunk: Der VPRT hat im letzten Jahr geschätzt, sollte DAB+ wirklich der Nachfolge-Übertragungsstandard von UKW werden, dass dafür rund 16 Millionen Empfangsgeräte im Markt sein müssen. Bisher kennen wir noch keine validen Zahlen zu den Endgeräten im Markt und die entsprechenden Prognosen schwanken. Die Zahl von einer Million verkaufter Engeräte noch in diesem Jahr halte ich auf jeden Fall für sehr ambitioniert.
Ich erwarte, dass es validere Zahlen spätestens mit dem Prüfbericht der KEF im kommenden Jahr geben wird. Einige Länder haben ja eine kritische Kosten- Nutzen-Betrachtung angekündigt. Aber es lohnt sich auch der Blick auf die Entwicklung anderer digitaler Verbreitungswege: So steigt das Angebot und die Nutzung von Radioangeboten über das stationäre wie mobile Internet und auch über Apps auf Smartphonen kontinuierlich.
Nach dem Webradio-Monitor 2012 hat das Angebot von UKW-Radio- Marken, die Online gestreamt werden, um 58 Prozent zugenommen, die Abrufzahlen von Webradios sind um 36 Prozent gestiegen. Experten prognostizieren, dass die mobile Internetnutzung voraussichtlich schon in zwei Jahren die stationäre überholen wird. Mit Hilfe von hochwertigen Displays und via Rückkanal können über innovative Techniken (z. B. Location Based Services und Mobile Payment) neue Werbeformen etabliert werden. Es gibt also eine ganze Reihe von spannenden Entwicklungen auch jenseits von DAB+, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Welche Hilfe können die Landesmedienanstalten noch geben?

Klaus Schunk: Klar sein sollte allen Landesmedienanstalten, dass die bestehende UKW-Landschaft nicht infrage gestellt werden darf. Hier verdienen wir Privatradios das Geld, das wir benötigen, um uns in anderen Übertragungswegen zu etablieren. Ansonsten haben wir keine Erwartungen an die Landesmedienanstalten, außer, dass es jedem Sender möglich sein sollte, selbständig und frei darüber zu entscheiden, ob er auch Angebote über DAB+ verbreiten will. Eine Kopplung von UKW-Verbreitung mit einem dafür erforderlichen DAB+-Engagement zum Beispiel würde dem eklatant widersprechen.

Wie könnte man die privaten Sender beim Start von DAB+ – Angeboten wirtschaftlich unterstützen?

Klaus Schunk: Seitens des Bundeswirtschaftsministeriums wird zur Zeit konkret an einem Digitalradio-Fördergesetz gearbeitet. Hier sollte man darauf achten, dass damit nicht Marktmechanismen gänzlich außer Kraft gesetzt werden. Der VPRT wird dieses Gesetzesvorhaben daher aufmerksam begleiten und sich gegen Vorgaben wenden, die nicht technologieneutral sind oder de facto nur einen Standard festschreiben. Letztlich kann es bei DAB+ nicht um die Frage einer Subventionierung gehen, sondern inwieweit Privatradios ihre Verbreitungskosten im Markt nachhaltig refinanzieren können. Und da schließt sich der Kreis zu dem schon Gesagten: Darüber entscheiden die Hörer, weder ein Verband noch ordnungspolitische Visionen.

Nach wie vor umstritten ist auch die Werbebegrenzung bzw. der Werbeverzicht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Sie plädieren nicht für ein Werbeverbot, sondern für eine Reduzierung der Werbung? Warum nur eine Teillösung?

Klaus Schunk: Das ist für uns mitnichten eine Teillösung, sondern spiegelt unseren verantwortungsbewussten Umgang mit der Gattung Radio und den ARD-Radios wieder. Wir befürworten einen effektiven und pragmatischen Ansatz. Medienpolitik beschäftigte sich oft vorrangig mit dem Fernsehen. Wir haben deshalb an die Medien-Politik appelliert, bei ihren ordnungspolitischen Weichenstellungen konsequent auch den Hörfunk eigenständig als Gattung wahrzunehmen. Es gilt zu verhindern, dass die Selbstkommerzialisierung der ARD-Radios, begleitet von Dumping-Preisen am nationalen Werbemarkt, die wirtschaftliche Schere zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Radios nicht noch weiter öffnet.
Die zeitnahe Realisierung einer stufenweisen Limitierung der Werbezeiten und eine ländereinheitliche Harmonisierung der ARD-Radiowerbung auf Basis des NDR-Modells wäre ein stabilisierender Schritt für das politisch gewollte, funktionierende duale Rundfunksystem. Das NDR-Modell würde bedeuten, dass alle ARD-Anstalten werktäglich sendegebietsbezogen maximal 60 Minuten in jeweils nur einem Hörfunkprogramm werben dürften. Sponsoring sowie lokal und regionalbezogene Werbung muss dabei ausgeschlossen sein.

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2012 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Eberhard Winkler - 11.03.2013 Antworten

    Das ist so ein „Ding“ mit dem Digitalradio; wenn man schon mal reinhören konnte ist man schnell „verdorben“ und will ab nun kein störungsanfälliges UKW mehr hören. In der Oberlausitz drücken polnische und tschechische Stationen das „einheimische Sendergeflecht“ gewaltig in die Nieschen.
    Digitalradio ist das Ergebnis einer völlig normalen Entwicklung moderner Technologien.
    1. Vorteil:
    Betrachtet man bei wiki die Senderbeschreibungen wird hier der ökonomischer Vorteil deutlich, z.B. benötigt Dresden über ein Megawatt um die UKW-Sendeanlagen zu betreiben, digital abgestrahlt genügen hier bereits 20 Kilowatt.
    2. Vorteil:
    Die Empfangstechnik wird durch die wesentliche Schaltungsdigitalisierung kleiner und betriebssicherer. (Digitale komplexe Schaltkreise, neue Lautsprechersystem u.s.w. u.s.f.)
    3. Vorteil:
    Die Signalqualität überzeugt den noch hörenden Radiohörer. Mag sein dass Hörgeräte da das Qualitätsempfinden nachteilig beeinflussen aber gesundes „Hörwerk“ giert nach sauberen und ungestörten Klang.
    Sind im Lande die diesbezüglichen Entscheidungsträger zu „gereift“, wird’s kaum was Neues geben. Da sind die Ohren schon gelähmt, der Taschenrechner wird zur Sendeleistungsbilanz-aufrechnung wegen dementer Probleme nicht mehr gefunden und so ein neumodisches Radio hat nur noch Knöpfe oder Tasten, da fehlen die zwei kreisrunden Dinger zur Suche und Lautstärkeeinregelung an der Front – das könnte ja die kulturellen Bedürfnisse ausbremsen.
    Da die Energiepreise in ungeahnte Höhen davonhüpfen wird sich die Umstellung von ganz alleine ergeben, ökonomische Zwänge haben schon ganze Volkswirtschaften revolutioniert.
    Ich stelle auf Digitalradio um! Sony sei Dank.

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