Tageswebschau als Start für mehr junge Angebote der ARD: „Es ist höchste Zeit“

von am 02.07.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Interviews, Rundfunk

Tageswebschau als Start für mehr junge Angebote der ARD: „Es ist höchste Zeit“
Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen

Interview mit Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen

Am 4. Juni ist das neue Onlinemagazin „Tageswebschau“ gestartet, das in Bremen als gemeinsames ARD-Projekt von Radio Bremen, der „Tagesschau“ und You FM vom Hessischen Rundfunk produziert wird. Die „Tageswebschau“ informiert kurz und knapp über aktuelle Themen – immer mit Blick aufs Netz. Über einen interaktiven Webplayer steht die Sendung rund um die Uhr zur Verfügung, ergänzt um weitere Informationen. Die „Tageswebschau“ wird in verschiedenen öffentlich-rechtlichen Digitalkanälen, wie zum Beispiel Tagesschau24 und EinsPlus und auf den Websites der jungen ARD-Hörfunkwellen ausgestrahlt. Für die „Tageswebschau“ gab es Lob von jungen Zuschauern und Kritik vom privaten Rundfunk.

Herr Metzger, die „Tageswebschau“ wurde in der „Garage“ von Radio Bremen, Ihrem Labor, entwickelt. Wo liegen gegenwärtig die Schwerpunkte bei neuen Konzepten und Ideen?

Jan Metzger: Die Digitale Garage konzentriert sich im Moment sehr auf die „Tageswebschau“. Das ist ein spannendes und vielsprechendes Projekt, das wie jede andere Neuentwicklung auch in der Anfangs- und Probephase viel Kraft bindet. Der nächste Schwerpunkt ist aber schon in Planung: Die Weiterentwicklung unseres Bremen Vier-Webchannels „NEXT“, der auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet ist. „NEXT“ wird am Ende wohl nicht „nur“ ein Programm mehr im Digitalradio und im Netz sein, sondern soll überall dort hin, wo in Bremen die Jungen sind und wo sie Medien nutzen.

Wir gehen im Übrigen mit unserer Digitalen Garage den Weg weiter, der sich als ebenso einfach wie wirkungsvoll erwiesen hat: Wir fragen die jungen Leute, die wir hier im Sender haben, VolontärInnen und Trainees, die bei uns eine gute Ausbildung bekommen haben, was die Zielgruppe – also ihre Freunde im gleichen Alter – möglicherweise will. Dann sehen wir uns ihre Ideen an, wählen aus und lassen sie machen. Wer soll uns denn sagen, was die Jungen gerne hätten, wenn nicht die Zielgruppe selbst? Natürlich ist da auch Versuch und Irrtum dabei. Aber dafür ist Radio Bremen der richtige Ort: Wir sind klein, wir haben bewegliche Strukturen, wir können preiswert produzieren und wir haben die Kreativität in den Sender-Genen. Also sollten wir Dinge ausprobieren. Mal sehen was aus dem Bremer Entwicklungslabor noch wird. Schön wäre es natürlich, es würden sich daraus auch Ideen und weitere Projekte für die ARD ergeben.

Welche Überlegungen gab es bei der Entwicklung der „Tageswebschau“?

Jan Metzger: Wir wollten ein junges Informationsangebot entwickeln, dass dem veränderten Medienverhalten Rechnung trägt und gleichzeitig durch und durch öffentlich-rechtlich ist. Also unsere Qualität, unsere journalistischen Standards mit den Ansprüchen des jungen Publikums verbinden. Gar nicht so einfach – aber unerlässlich, wenn wir von heranwachsenden Menschen erwarten, dass sie auch in ihrem künftigen Leben den Rundfunkbeitrag bezahlen. Dass es uns gelingt, unsere öffentlich-rechtliche Qualität und unsere guten Marken auch in die junge Zielgruppe hinein zu transportieren, das ist eine Überlebensfrage für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir brauchen noch mehr Inhalte für Junge. Das wird am langen Ende nicht nur mit linearen Angeboten gehen. Was wir noch mehr brauchen sind Angebote, die in verschiedenen Medien und auf allen wichtigen Geräten spielen. Crossmediale Angebote, die unsere Qualität und unsere Marken dorthin bringen, wo die junge Zielgruppe ist, wo sie ihre Medien nutzt. Wir dürfen nicht darauf warten, dass sie von alleine zu uns kommen.

Eine Strategie dafür ist die Erweiterung von ARD-Premium-Marken ins junge Segment hinein. Welche Marke würde sich dafür besser eignen, als die Tagesschau? Sie hat eine immense Bekanntheit und sie hat heute schon viele junge Zuschauer, gerade dann, wenn wichtige Dinge passieren und wenn es auf Genauigkeit und Vertrauen ankommt. Also wollen wir mit der „Tageswebschau“ der großen Marke eine kleine Facette hinzufügen, die sie noch näher an das junge Publikum bringt: Nachrichten durch die Brille des Netzes und aus dem Netz. Das Internet hat bei der Informationsvermittlung durch Bewegtbilder in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Viele junge Leute informieren sich nur noch auf YouTube oder aus anderen Netz-Quellen. Das verändert auch Nachrichten- und Informationssendungen im Fernsehen. Die „Tageswebschau“ zeigt einen Ausschnitt des Tagesgeschehens aus der Netzperspektive. Dabei werden Meldungen und Kommentare aus dem Netz gegenrecherchiert und eingeordnet. Anders als ein reiner Netzticker mit mehr oder weniger verlässlichen News nimmt die „Tageswebschau“ hier also einen klassischen Auftrag von öffentlich- rechtlichen Medien wahr: Recherchieren, auswählen, Wichtiges nach vorne stellen, Richtiges von Falschem trennen, Zusammenhänge herstellen, Hintergrund hinzufügen.

Die „Tageswebschau“ ist ein wunderbares Experiment, um mehr darüber herauszufinden, wie wir das Netz zur Information nutzen können – deshalb ja auch zunächst einmal die sechsmonatige Testphase. Wir lernen jeden Tag extrem viel: Was geht überhaupt unter der Marke Tagesschau? Was goutieren die jungen Zielgruppen? Im Ergebnis soll hier ein verlässliches Informationsangebot entstehen, dem die Leute zu Recht vertrauen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen ARD-Anstalten?

Jan Metzger: Die Zusammenarbeit mit den anderen ARD-Anstalten ist ausgesprochen gut: Die „Tageswebschau“ entsteht in Zusammenarbeit mit ARDaktuell beim NDR in Hamburg und YOU FM vom Hessischen Rundfunk. Die Redaktion sitzt dabei in Bremen, die Grafik kommt aus Frankfurt und die redaktionelle Abnahme erfolgt in Hamburg. Die „Tageswebschau“ wird auf tagesschau24 gesendet und von EinsPlus sowie Einsfestival übernommen. Die jungen Hörfunk- Programme der ARD präsentieren die „Tageswebschau“ in ihren Onlineangeboten (1LIVE, Bremen Vier, DASDING, Fritz, N-JOY, on3, SPUTNIK, 103.7 UnserDing, YOU FM und DRadio Wissen). Außerdem ist sie in der ARD-Mediathek, auf tagesschau.de und folglich auch in der Tagesschau-App verfügbar. Ganz nebenbei: Auch finanziell ist die „Tageswebschau“ ein Gemeinschaftsprojekt, an dem sich WDR, NDR, hr, MDR, RBB, SR, D-Radio Wissen und Radio Bremen beteiligen. Dass die Redaktion in Bremen ist, hat damit zu tun, dass die Idee von hier kam. Wir versuchen uns darüber hinaus aber auch für die Gemeinschaft nützlich zu machen: Hier in Bremen können wir mit vergleichsweise geringem Aufwand Dinge testen und zur Reife entwickeln, die woanders wahrscheinlich teurer und weniger schnell umzusetzen wären. Hier hat die kleinste Landesrundfunkanstalt einen strukturellen Vorteil.

Wie aktuell ist die „Tageswebschau“ ?

Jan Metzger: Werktäglich wird eine Ausgabe der „Tageswebschau“ produziert, die um 16.45 Uhr zuerst auf tagesschau24 gesendet wird. An einer Ausgabe arbeiten in der Regel sechs Redaktions– und Grafik-Kolleginnen und -Kollegen.

Wie ist die erste Resonanz der User?

Jan Metzger: Die Reaktionen sind sehr positiv: Das Angebot wird als willkommene Ergänzung des täglichen Nachrichtenangebotes wahrgenommen. Gewünscht wird ein Rückkanal – daran arbeiten wir.

Es gab Kritik, dass die „Tageswebschau“ keinen Drei- Stufen-Test durchlaufen hat. Warum erfolgte das nicht?

Jan Metzger: Zuerst einmal ist die „Tagewebschau“ eine Fernsehsendung, die auf tagesschau24 linear ausgestrahlt wird, und damit kein neues Online-Angebot. Der Sendungsbezug ist eindeutig gegeben, weshalb vor dem Start lediglich ein „kleines“ Telemedienkonzept erstellt wurde. Einer Überprüfung durch den Rundfunkrat bedarf es dabei nicht, er muss lediglich informiert werden.

Die „Tageswebschau“ soll national eingesetzt werden. Besteht hier nicht doch die Notwendigkeit eines Drei-Stufen- Tests?

Jan Metzger: Presserechtlich ist ARDaktuell bzw. der NDR für die „Tageswebschau“ zuständig. Als Angebot im Rahmen der Tagesschau ist die „Tageswebschau“ beim NDR entsprechend geprüft worden. Sie stellt kein neues Angebot dar, sondern ergänzt lediglich das bestehende. Also bedarf es keines Drei-Stufen-Tests.

Sehen Sie generell bei neuen Formaten, die für die Online- Verbreitung bestimmt sind, die Notwendigkeit nicht?

Jan Metzger: Das lässt sich nicht grundsätzlich sagen. Jedes neue Angebot muss – und wird – geprüft. In diesem Fall hat die Prüfung ergeben, dass kein eigenständiger Drei-Stufen-Test notwendig ist.

Wie ist der Rundfunkrat über dieses Projekt informiert worden?

Jan Metzger: Den zuständigen NDR-Gremien ist das entsprechende Konzept zur „Tageswebschau“ vorgelegt worden. Das ist das normale förmliche Verfahren. Natürlich habe ich den Rundfunkrat von Radio Bremen fortlaufend über das Projekt informiert. Förmlich ist er nicht zuständig, weil die „Tageswebschau“ rechtlich unter dem Dach der Tagesschau läuft. Aus unserem Gremium kamen große Zustimmung und Unterstützung.

Ist die „Tageswebschau“ schon ein Baustein für das neue Online-Jugend-Portal der ARD?

Jan Metzger: Eine ARD-Arbeitsgruppe entwickelt derzeit unter der Leitung von Radio Bremen- Programmdirektor Jan Weyrauch ein Konzept mit dem Ziel, möglichst alle jungen Bewegtbildinhalte, die es in der ARD gibt, zu bündeln, so dass sie für die junge Zielgruppe leichter zu finden und besser zu nutzen sind. Eins von vielen dieser Angebote wird die „Tageswebschau“ sein, aber es gibt natürlich in den verschiedenen Häusern noch viel mehr. Das Bemerkenswerte ist, dass hier jetzt wieder, wie schon bei der „Tageswebschau“, alle an einem Tisch sitzen: Die jungen Radios der ARD, die Fernsehleute und die ARD-Onliner. Wenn es darum geht, crossmediale Ideen für eine junge Zielgruppe zu entwickeln, dann kommen wir innerhalb der alten Medien-Grenzen Radio, Fernsehen, Online nicht weiter, dann müssen wir neue Wege der Zusammenarbeit gehen. Das ist in der großen, weiten ARD, wo jeder auf sein Medium, sein Programm, seine Sendung schaut, noch ein wenig ungewohnt.

Radio Bremen hat als erster komplett trimedialer Sender der ARD bei dieser Art von crossmedialer Zusammenarbeit schon ein paar Jahre Übung. Diese Erfahrung möchten wir bei der Arbeit an neuen Programmideen in die Gemeinschaft einbringen. Jetzt ist es die „Tageswebschau“, morgen kommt dann hoffentlich die Junge Mediathek – aber das ist alles nur ein Anfang. Die ARD wird in den kommenden Jahren an verschiedenen Stellen immer mehr für junge Leute machen – auch jenseits der linearen Programme und unter Verknüpfung von Radio, Fernsehen und Online. Die besten Ideen aus allen Ecken der ARD werden mit der Zeit zu einem interessanten, wahrnehmbaren Angebot für junge Leute zusammenwachsen. Es ist auch höchste Zeit dafür!

Dieses Interview wurde in der promedia Ausgabe Nr. 07/2012 erstveröffentlicht.

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