Nur ein Drittel der 2010 geförderten Filme ist bisher im Kino gezeigt worden – „Von der Projekt- zur Produzentenförderung“

von am 02.07.2012 in Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Interviews, Medienförderung

Nur ein Drittel der 2010 geförderten Filme ist bisher im Kino gezeigt worden – „Von der Projekt- zur Produzentenförderung“
Prof. Dr. Lothar Mikos, Fernsehwissenschaftler an HFF „Konrad Wolf“

Interview mit Prof. Dr. Lothar Mikos, Fernsehwissenschaftler an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, Geschäftsführender Direktor des Erich Pommer Instituts (EPI)

Das Potsdamer EPI-Institut hat in einer Studie die Strukturen der Filmförderung im Zusammenhang von Bundes- und Länderförderungen sowie die Konzentration der Förderung auf einzelne Projekte bzw. auf einige Produktionsfirmen für das Jahr 2010 untersucht. Die Ausgaben der Filmförderinstitutionen für die allgemeine Filmförderung lagen im Jahr 2010 bei insgesamt 273,7 Mio. Euro. Hiervon kamen 132,9 Mio. Euro vom Bund und 140,8 Mio. von den Länderförderungen.

Herr Mikos, Ihre Studie hat ergeben, dass es in der Filmförderung einen „Hauptstadteffekt“ gibt. Wie erklären Sie sich diesen?

Lothar Mikos: Es hat im Wesentlichen damit zu tun, dass FFA und DFFF in Berlin sitzen und darüber hinaus das Medienboard Berlin-Brandenburg bei der Filmförderung sehr aktiv ist, obwohl das Budget des Medienboards nicht so hoch ist wie das in NRW. Also, die Kombination aus FFA, DFFF und Medienboard macht diesen Effekt aus.

Ist Berlin-Brandenburg gemessen am Anteil der Filmproduktionen in Deutschland auch generell die Nummer eins?

Lothar Mikos: Bezogen auf den Umsatz liegt München noch immer als Standort vor Berlin. Dennoch holt Berlin auf. Immerhin sind die Fördergelder ungefähr eines Drittels aller geförderten Filme in diese Region gegangen.

Ist dieser Effekt für die Leistungsfähigkeit der deutschen Filmwirtschaft positiv?

Lothar Mikos:  Im Prinzip ist es für die deutsche Filmwirtschaft egal, ob München, Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Berlin groß sind. Das Entscheidende ist, dass sich die Förderung auf einen Standort konzentriert, weil das die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Films immens steigert.

Die Förderung konzentriert sich auf einige wenige große Unternehmen. Finden Sie das ebenso positiv wie eine Konzentration bei den Standorten?

Lothar Mikos: Es gibt immerhin 50 Produktionsfirmen, die über eine Million Euro Förderung erhalten haben. Natürlich gibt es die großen Firmen wie Constantin, UFA Cinema und die Bavaria Pictures GmbH, die noch einmal rund 10 Millionen Euro bekommen haben. Um Deutschland als Produktionsstandort zu stärken, ist es wichtig, dass große Firmen entsprechend große Projekte realisieren und dafür auch die notwendigen Budgets zur Verfügung haben. Um allerdings die Vielfalt einer Produzentenlandschaft zu fördern, ist das eher kontraproduktiv. Aber in diesem Spannungsfeld wird sich die Produktionslandschaft immer bewegen. Die unabhängigen Produzenten beklagen sich dann natürlich darüber, dass die großen Firmen auch die größten Fördermittel bekommen. Auf der anderen Seite sind es die unabhängigen Produzenten, die mit geringeren Budgets die Filme auch realisieren. Das heißt, wenn sie das nicht mehr tun würden, dann wären sie wahrscheinlich nicht mehr unabhängig.

Von den 374 Filmen, die 2010 gefördert worden sind, haben nur 34 mehr als eine Million Euro erhalten. Eigentlich ist das eher eine Tendenz, Masse statt Klasse zu fördern…

Lothar Mikos: Ich denke, dass diese Zahl insbesondere zeigt, dass das Spannungsfeld in der Filmbranche zwischen Wirtschaft und Kultur recht groß ist. Deshalb müsste es in der Konsequenz eine klassische Wirtschaftsförderung für die Filmbranche geben, in die viel mehr Geld fließt und mit der man Großproduktionen finanzieren kann. Auf der anderen Seite muss es aber auch eine Förderung geben, die die kulturelle Vielfalt widerspiegelt und sie fördert, und das mit einem geringeren Budget. Natürlich gibt es für dieses Problem momentan keine einfache Lösung.

Welchen Vorschlag hätten Sie?

Lothar Mikos:  Einer wäre, so etwas wie eine Produzentenförderung zu etablieren. Das heißt, dass man eine Wirtschaftsförderung einrichtet, so dass man für gewisse Produktionsfirmen Projekte verwirklichen und eine Art automatische Förderung hat, die an eine Erfolgskontrolle gebunden ist. Das würde in dem Falle heißen Kinoauswertung, internationale Verkäufe und so weiter. Man könnte ebenso überlegen, Festivals mit Budgets auszustatten. Diese Festivals können Filme bestellen. Zum Beispiel würde die Berlinale eine Förderung erhalten und von dieser Förderung Filme in Auftrag geben, von denen sie denkt, dass sie für die Berlinale einen Beitrag leisten können. Es gibt ja insgesamt über 300 Festivals in Deutschland. Wenn diese alle einigermaßen vernünftig ausgestattet sind, können sie natürlich auch entsprechend viele Filme in Auftrag geben, was wahrscheinlich Arthouse- beziehungsweise Autorenfilme wären, und auch Möglichkeiten finden, zu kooperieren.

Das heißt, diese Produzentenförderung, die Sie ansprachen, wäre unabhängig von einem konkreten Projekt und sie ist wie eine Unternehmensförderung zu sehen?

Lothar Mikos: Ja, das ist momentan das Problem, dass in jedem Bundesland der Film als Kulturgut über föderale Strukturen gefördert wird und damit zugleich eine Standortförderung besteht, die aber nicht zu vergleichen ist mit einer rein wirtschaftlichen Standortförderung, wenn es um die Ansiedlung von IT-Unternehmen oder Autokonzernen geht. Aber wenn man den Film auch wirtschaftlich voranbringen will, muss man die Förderung angleichen und das würde bedeuten, dass man Traditionsfirmen unmittelbar fördert. Nehmen wir als fiktives Beispiel Caligari. Das ist eine größere Produktionsfirma, die eine Förderung für fünf Jahre von 100 Millionen Euro bekommen würde. Dafür müsste sie allerdings eine bestimmte Anzahl von Filmen produzieren. Wie viele Filme das sind, kann man aushandeln und zusätzlich eine Erfolgsquote für die Zahl der Kinobesucher einrechnen, ansonsten wird die Förderung gekürzt.

Also die Wirtschaftsförderung in Bayern oder Nordrhein- Westfalen würde sich dann um diese Unternehmen mit kümmern?

Lothar Mikos:  Das ist zunächst richtig. Man könnte aber auch im Filmfördergesetz entsprechende Richtlinien einführen, dass man zum Beispiel ein Vergabegremium hat, das nicht über einzelne Projekte entscheidet, sondern über die Förderung von Produktionsfirmen. Natürlich müsste es, wenn man solche Lösungen hat, auch eine Förderung für Debütfilme geben, die unabhängig von wirtschaftlichen Überlegungen ist.

Laut Ihrer Studie ist von den 374 Filmen, die 2010 gefördert worden sind, nur ein Drittel im Kino ausgewertet worden. Heißt das, dass zwei Drittel aller geförderten Filme nicht ins Kino kamen?

Lothar Mikos:  374 Filme sind gefördert, aber nicht alle sind produziert worden. Von 374 Filmen sind 101 noch immer in der Vorbereitung. Über 21 Filme waren überhaupt keine Informationen mehr auffindbar. Und es gibt noch eine Reihe von Projekten, ca. 130 Filme, die bis heute nicht fertig gestellt sind. Hier stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, dass 374 Filme – das Jahr hat 365 Tage –, also im Prinzip für jeden Tag des Jahres ein Film produziert wird oder ob man sich nicht darauf konzentrieren sollte, vielleicht nur 150 Filme zu fördern, die dann auch tatsächlich realisiert werden und in die Kinos kommen.

Also stimmt es, dass etwa 2/3 der 2010 geförderten Filme bisher nicht im Kino gelaufen sind…

Lothar Mikos:  40 Filme von diesen 374 Filmen waren Fernsehfilme, die im Fernsehen ausgewertet worden sind. Wir haben außerdem ein paar Kurzfilme dabei, die eher selten im Kino laufen. Also, es geht rechnerisch ungefähr auf, dass ein Drittel der Filme im Kino läuft, ein Drittel noch nicht fertig ist und der Rest über andere Auswertungsformen verbreitet wurde – oder gar nicht.

Bei etwa 50 Prozent der geförderten Filme war ein TV-Sender an der Finanzierung beteiligt. Befindet sich der Film damit in zu großer Abhängigkeit vom Fernsehen?

Lothar Mikos:  Das ist ein komplexes und heikles Feld. Natürlich ist auf der einen Seite wichtig, dass sich das Fernsehen an Produktionen beteiligt. Die Frage ist dann, wenn ein Fernsehsender als Koproduzent beteiligt ist und es keine 100-Prozent-Auftragsproduktion ist, wie lange die Rechte beim Sender liegen sollten. Wenn man sich die Geschichte der Zusammenarbeit von Film und Fernsehen in Deutschland anschaut, dann sieht man, dass es in den 60er, 70er Jahren undenkbar war, dass ein Film ohne das Fernsehen entstanden wäre. Insofern spielt das Fernsehen schon immer eine wichtige Rolle. Doch gerade weil das Fernsehen an der Produktion von Filmen beteiligt ist, produzieren sie diese auch für das Fernsehen und die Filme sind keine richtigen Kinofilme.

Wäre es problematisch, wenn sich die Sender in geringerem Maße als in der Vergangenheit an der Finanzierung von Filmen beteiligten, oder ließe sich das ausgleichen?

Lothar Mikos: Wenn die Strukturen so sind, wie sie momentan sind, wäre es eher problematisch, weil für die Produktionen ein Großteil der Gelder wegbrechen würde. Wenn man allerdings grundsätzlich die Förderung verändert und so etwas wie eine Produzentenförderung schafft, dann wäre es auch möglich, dass ein Produzent unabhängig von einem Fernsehsender einen Film herstellt und den anschließend an den Sender verkauft. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass er eine einmalige Ausstrahlung oder eine Ausstrahlung von zwei, drei Jahren verkauft, aber ansonsten viele Verwertungsrechte behält, die er dann kapitalisieren kann.

Also gibt es zu einer Unternehmensförderung keine Alternative?

Lothar Mikos:  Es gibt immer Alternativen. Ich denke aber, dass es sinnvoll wäre, so ein System zu etablieren, wenn man Deutschland als Film und vor allem als Industriestandort auch international breiter und besser aufstellen will. Wenn es vor allem um eine kulturelle Vielfalt in Deutschland geht und man vor allem Arthousefilme fördern will, ist das jetzige System nicht schlecht. Wenn die Budgets aber auch bei den Sendern für das Produzieren geringer sein werden, werden wahrscheinlich nicht mehr insgesamt 374 Filme gefördert, sondern nur noch 200. Da fallen dann natürlich die Kleinen mehr raus als die Großen.

Das Interview wurde in der promedia Ausgabe Nr. 07/2012  erstveröffentlicht.

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