Dualer Rundfunk:

„Ein Jugendkanal ist nicht erforderlich“

von am 26.11.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Top Themen

<h4>Dualer Rundfunk: </h4> „Ein Jugendkanal ist nicht erforderlich“
Tobias Schmid, Bereichsleiter Medienpolitik der Mediengruppe RTL Deutschland

Private TV-Veranstalter sind gegen einen öffentlich-rechtlichen Jugendkanal 

26.11.12 Interview mit Dr. Tobias Schmid, Bereichsleiter Medienpolitik Mediengruppe RTL Deutschland

Für Tobias Schmid, VPRT-Vizepräsident und bei RTL für Medienpolitik zuständig, entbehrt ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal jeglicher Begründung: „Das Problem von ARD und ZDF scheint mir bei einem Blick auf die bestehenden 23 Fernsehkanäle nicht die fehlende Sendefläche zu sein, mit der man Heranwachsende erreichen könnte. Jedenfalls ist es ein bemerkenswerter Ansatz, dem vollständigen Auftragsversagen bei den jungen Zielgruppen auf allen Sendern durch die Gründung eines weiteren Kanals begegnen zu wollen.“ Kritik äußerte Schmid auch an Plänen für ARD-Kinderradios: „Bei diesen Programmen stellt sich die Frage nach einem regionalen Bezug, der mit dem Auftrag einhergeht – oder ob man nicht auch durch Zusammenschalten auf neue, bundesweite Angebote zielt, die so nicht zulässig wären.“

Herr Schmid, nach anfänglicher Ablehnung erfährt die Idee eines öffentlich-rechtlichen Jugend-TV-Kanals aus der Politik zunehmend Unterstützung. Halten Sie einen solchen Kanal für erforderlich, um die Haushaltsabgabe und damit auch eine Abgabe, die Jugendliche bezahlen, zu legitimieren?


Tobias Schmid: Wir halten einen solchen Kanal nicht für erforderlich. Das mag bei Politik und öffentlich-rechtlichen Veranstaltern anders empfunden werden. Sicher geht es hier auch um die generelle Akzeptanz eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der die Bevölkerung jährlich annähernd 8 Milliarden Euro kostet.
Der so genannte Sinneswandel dürfte daher wohl weniger auf das dringende Erfordernis zurückzuführen sein, neue Angebote für Jugendliche bereitzustellen – davon gibt es auf dem Markt schon eine ganze Menge – als vielmehr die Panik, die die schlechte Reichweite in den jungen Zielgruppen bei einigen auslöst. Das Problem von ARD und ZDF scheint mir allerdings bei einem Blick auf die bestehenden 23 Fernsehkanäle nicht die fehlende Sendefläche zu sein, mit der man Heranwachsende erreichen könnte. Jedenfalls ist es ein bemerkenswerter Ansatz, dem vollständigen Auftragsversagen bei den jungen Zielgruppen auf allen Sendern durch die Gründung eines weiteren Kanals begegnen zu wollen.

Welche Auswirkungen hat ein solcher Jugendkanal auf den deutschen TV-Markt?

Tobias Schmid: Die Auswirkungen auf den deutschen TV-Markt im Allgemeinen und die privaten Angebote im Speziellen hängen davon ab, wie ein solcher Kanal betrieben werden würde. Nach den bisherigen Erfahrungen ist alles von bedeutungslos bis marktverzerrend denkbar. Sicher ist aber, dass die Fülle der öffentlich-rechtlichen Angebote ohnehin schon Infrastrukturen und EPGs verstopfen.

Welche Konsequenzen haben die sechs digitalen TV-Kanäle für die privaten Sender?

Tobias Schmid: Wenn man von ZDFneo absieht, sind sie reichweitentechnisch bedeutungslos und so gesehen wohl eher ein Ärgernis für den Beitragszahler. Davon unabhängig verzerren sie mit ihrer Einkaufspolitik die Marktverhältnisse am Rechtemarkt und blockieren technische Verbreitungswege ebenso wie EPGs.

Es gibt den Vorschlag, für einen solchen Jugendkanal andere Digitalkanäle einzustellen. Wäre das für Sie ein vertretbarer Kompromiss?

Tobias Schmid: Wenn der Start eines solchen Kanals gebührenneutral erfolgen soll, wird den Kollegen nicht viel anderes übrig bleiben. Sollte der Jugendkanal ernsthaft geplant sein, wird man dafür wohl angesichts der notwendigen Finanzausstattung so ziemlich alle anderen Digitalkanäle einstellen müssen. Vielleicht würde es auch Sinn machen, über eine Partagierung mit dem KiKa nachzudenken, um die Kostenexplosion im Griff zu halten. Um ein wirklich gutes Programm für Jugendliche zu machen, noch dazu für eine so heterogene Zielgruppe wie die 14 bis 25jährigen, wird man ordentlich Geld in die Hand nehmen müssen.
Grundvoraussetzung für einen solchen Kanal ist allerdings eine effiziente und beihilferechtlich stabile Kontrolle durch ein eigenes pluralistisches Gremium. Auch hierfür lassen sich die Gründe tadellos beim KiKa finden. Zudem muss gelten: Öffentliches Geld verlangt öffentliche Aufsichtsstrukturen – darauf werden wir bestehen.

Ein solcher Jugendkanal soll zu Beginn etwa 30-40 Millionen Euro jährlich kosten, was angesichts von mehr als sieben Milliarden Euro Gebühren sehr wenig ist. Zudem soll diese Summe eingespart werden. Wäre das dann nicht eine sinnvolle Verwendung der Gebühren?

Tobias Schmid: Wenn man bei 30-40 Millionen Euro von wenig Geld spricht, wird deutlich, wie sehr die annähernd acht Milliarden Euro Gebühren bereits jede Relation verschoben haben. Davon abgesehen, wäre die einzig sinnvolle Gebührenverwendung die Auftragserfüllung innerhalb der bestehenden Strukturen. Die Hauptprogramme von ARD und ZDF im Geiste resigniert als unabänderliche Senioren-Spartensender abzuhaken gehört jedenfalls nicht dazu.

Eine andere Variante ist ein Online-Angebot, ein Jugendportal, das auch mobil zu nutzen ist und sich aus Sendungen aller Rundfunkanstalten zusammensetzen soll. Könnten Sie damit leben?

Tobias Schmid: Entscheidend ist nicht, ob wir damit leben können, sondern ob ein solches Angebot die Anforderung eines ernsthaft durchgeführten Drei-Stufen-Tests erfüllen würde.

Im Zusammenhang mit der besseren Nutzung der öffentlich-rechtlichen Angebote durch Jugendliche wird verstärkt der Vorschlag unterbreitet, die Sieben-Tage-Frist bei den Mediatheken von ARD und ZDF aufzuheben und Beiträge länger im Netz stehen zu lassen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Tobias Schmid: Diese Diskussion ist vollkommen sinnlos und bestenfalls populistisch, da die Sieben-Tage-Frist ohnehin in den meisten Fällen nicht zur Anwendung kommt. Da kann ja ein Blick in die so genannten Telemedienkonzepte helfen, die die Kollegen im Rahmen der Drei-Stufen-Tests aufgestellt haben. Dann sehen Sie, dass die meisten Inhalte ohnehin per Ausnahmedefinition länger als sieben Tage angeboten werden dürfen.
Abgesehen davon hat ja auch niemand gesagt, dass die Inhalte nicht länger angeboten werden dürfen. Nach dem Kompromiss zwischen der Europäischen Kommission und der Bundesrepublik Deutschland muss das Angebot dann aber kommerziellen Anforderungen entsprechen.
Im Übrigen ist das ja offenbar auch den Kollegen von ARD und ZDF bekannt, nichts anderes ist schließlich die Idee von Germany’s Gold. Wobei ich ehrlich gesagt nicht verstehe, wie man einerseits um eine Aussetzung der Sieben-Tage-Frist und gleichzeitig für eine kommerzielle Mediathek kämpfen kann. Denn wenn es die Befristung der Verweildauern im Internet nicht mehr gäbe, wäre das ja nicht fakultativ, dann wären ARD und ZDF in Zukunft verpflichtet, ihre Inhalte unbegrenzt bereitzustellen. Und dann gäbe es folglich keine Inhalte mehr, die kommerziell angeboten werden könnten. Damit hätte sich Germany’s Gold dann auch erledigt.

Die ARD verstärkt auch ihre Initiativen, um Kinderradios zu starten. So verfügt der WDR über ein digitales Kinderradio. Der SR hat ein solches Radio durch die Ministerpräsidentin gestartet. Der MDR plant ein solches. Tangieren diese Kinderradios die Interessen der privaten Veranstalter? Hier sind doch private Anbieter – bis auf ein Programm – nicht sehr aktiv?

Tobias Schmid: Ein Kinderradio ist vermutlich näher am öffentlich-rechtlichen Auftrag als ein weiteres Mainstream-Programm oder ein Sportradio. Bei den genannten Programmen stellt sich aber die Frage nach einem regionalen Bezug, der mit dem Auftrag einhergeht – oder ob man nicht auch durch Zusammenschalten auf neue, bundesweite Angebote zielt, die so nicht zulässig wären. Nicht zuletzt liegt ein Integrationsauftrag der jungen Zielgruppe beim Hauptprogramm. Anstatt dort anzusetzen, wird wie auch im Fernsehen jedes Thema in ein Spartenangebot ausgelagert und damit auch der Markt für Private verengt.

Wie würden Sie auf den Vorschlag eines nationalen öffentlich-rechtlichen Kinderradios reagieren, das über DAB+ verbreitet werden würde?

Tobias Schmid: Die Notwendigkeit eines neuen nationalen ARD-Hörfunkprogramms, ganz gleich ob Sport oder ein Kinderkanal, sehen wir nicht. Dazu fehlt zum einen die rechtliche Grundlage, zum anderen behindert es von vorn herein ähnliche Bestrebungen privater Anbieter.

Dieses Interview wurde in der promedia Ausgabe Nr. 12/2012 erstveröffentlicht.

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