Dualer Rundfunk:

Noch gibt es dafür kein ausgearbeitetes Konzept

von am 28.12.2012 in Archiv, Dualer Rundfunk, Top Themen

<h4>Dualer Rundfunk: </h4> Noch gibt es dafür kein ausgearbeitetes Konzept
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF-Intendant fordert für Jugendkanal Erhöhung des Rundfunkbeitrages

Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

28.12.12 Das ZDF plant für das kommende Jahr rückläufige Einnahmen in Höhe von ca. zwei Millionen Euro. Die Ursachen hierfür sind geringere Umsätze bei der Werbung wegen der fehlenden Sportgroßereignisse und die neue gesetzliche Beschränkung für das Sponsoring. Für 2013 wird ein negatives Betriebsergebnis von 9,3 Millionen erwartet, das gemäß einer Einsparauflage des Verwaltungsrates ausgeglichen werden soll. Das ZDF bleibt trotz der engeren Finanzplanung mit einem Budget von 515 Millionen Euro der größte einzelne Auftraggeber für die deutschen Produzenten. Dennoch geht der ZDF-Intendant Dr.Thomas Bellut in einem promedia-Gespräch davon aus, dass die Einsparungen auch zu Einschnitten im Programm führen. Zu einem ARD- und ZDF-Jugendkanal äußerte sich Bellut skeptisch: „Nur unter der Voraussetzung, dass die notwendigen Mittel und das notwendige Personal für ein solches Projekt bereit stehen, kann es einen Jugendkanal geben“.

Herr Bellut, zum 1. Januar 2013 startet der neue Rundfunkbeitrag. Welche Erwartungen haben Sie an das neue Beitragsmodell?

Thomas Bellut: Das neue Modell ist zeitgemäß und zukunftssicher. In einer Zeit, in der man mit jedem Smartphone öffentlich-rechtliche Inhalte nutzen kann, macht die Anbindung an Empfangsgeräte keinen Sinn mehr. Eine Wohnung – ein Beitrag, einfacher geht’s nicht. Es entfallen die Kontrollen an der Haustür. Darüber hinaus werden viele Menschen entlastet. Pro Wohnung – egal wie viele Menschen dort leben – wird künftig nur noch ein Beitrag fällig. Ein Vorteil etwa für Studenten-WGs oder Eltern, die mit verdienenden Kindern zusammenleben. Das gesamte ZDF-Angebot, d.h. das Hauptprogramm, die Partner- und Digitalkanäle sowie das Onlineangebot kosten pro Wohnung rund einen Euro Beitrag pro Woche. Was bekommt man heute noch für einen Euro pro Woche? Eine einzelne Ausgabe einer Zeitung kostet in der Regel mehr. Der Beitrag ist auch gerechter, weil Schwarzsehen künftig kaum mehr möglich ist: der Ehrliche ist dann nicht mehr Dumme! Insgesamt trägt das Modell auch dazu bei, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk langfristig finanziert werden kann. Klar ist aber auch: Die Grenzen des Wachstums sind erreicht. Neue Angebote wird es künftig nur noch geben, wenn andere dafür entfallen.

Sie haben jüngst angekündigt, weitere Arbeitsplätze einzusparen. Warum ist das notwendig?

Thomas Bellut: Der Personalabbau ist die Folge einer Sonderauflage der KEF, die gesagt hat: Bis 2016 muss das ZDF zusätzlich zu den regulären Rationalisierungsmaßnahmen 75 Millionen Euro im Personalbereich einsparen. Wir hatten in den letzten Jahren zusätzliches Personal eingestellt, vor allem junge freie Mitarbeiter, um den Ausbau der Digitalkanäle zu stemmen. Vor der Erlaubnis zum Umbau der Digitalkanäle durch den Gesetzgeber hatten wir mit einem Personalabbau gerechnet. Um den Umbau zu schaffen, brauchten wir Personal und haben die Kosten dafür an anderer Stelle eingespart. Obwohl wir also den von der KEF vorgegeben Kostenrahmen insgesamt eingehalten haben, hat diese uns aufgefordert, Personal abzubauen. Das haben wir zu akzeptieren und müssen und werden dies in den nächsten Jahren umsetzen.

Sie rechnen also nicht mit höheren Einnahmen aus dem neuen Rundfunkbeitrag, wie es immer wieder kolportiert wird?

Thomas Bellut: Keiner kann derzeit genau sagen, wie hoch die Einnahmen aus dem neuen Beitragsmodell sein werden. Wir gehen in unseren Finanzplanungen derzeit davon aus, dass die Einnahmen in etwa stabil bleiben.

Alles spricht gegenwärtig dafür, dass der Rundfunkbeitrag bis 2016 unverändert bleibt. Kommen Sie dann mit den jetzt angekündigten Sparmaßnahmen hin?

Thomas Bellut: Wenn der Beitrag erwartungsgemäß bis 2016 gleich bleibt, wäre er am Ende der Beitragsperiode acht Jahre lang stabil geblieben. In den beiden Perioden zuvor lag die Steigerung übrigens jeweils unterhalb der Inflationsrate. Die lange Phase der Stabilität bedeutet faktisch einen erheblichen Spardruck, weil gleichzeitig Preise und Kosten steigen. Wir haben es deshalb beim ZDF mit zwei Sparprozessen zu tun: Zum einen der zusätzlich vorgegebene Personalabbau und zum anderen die Sparmaßnahmen, um die laufenden Kostensteigerungen aufzufangen. Beides führt auch zu Einschnitten im Programm.

Sie haben jetzt einem gemeinsamen Jugendkanal von ARD und ZDF zugestimmt. Wo sehen Sie die Vorteile eines solchen Kanals?

Thomas Bellut: Ich habe zugestimmt, mit der ARD konstruktive Gespräche über einen gemeinsamen Jugendkanal aufzunehmen. Noch gibt es dafür kein ausgearbeitetes Konzept. Das ist allerdings zwingend erforderlich, die Ziele müssen klar beschrieben werden. Wenn es uns gelingen würde, ein solches Angebot erfolgreich am Markt zu platzieren, dann läge darin eine Chance für ARD und ZDF, die eigene Markenwelt wieder stärker in die junge Generation hinein zu transportieren. Auch für die Gesellschaft wäre es ein Vorteil, wenn in Ergänzung zum öffentlich-rechtlichen Angebot für Kinder, dem KiKA, ein junger öffentlich-rechtlicher Kanal den Qualitätswettbewerb um die jungen Zuschauer anheizen würde.

Sie haben aber vor dem Fernsehrat gleichzeitig erklärt, ein solches Projekt sinnvoll und erfolgreich umzusetzen sei viel schwieriger und die Konsequenzen weitreichender als die ARD dies offenkundig glaube. Könnten Sie dies bitte erläutern.

Thomas Bellut: Die junge Generation zwischen 14 und 29 Jahren ist in ihrem Mediennutzungsverhalten extrem heterogen und entsprechend schwer erreichbar. Plakativ ausgedrückt: die Zielgruppe reicht von der Pubertät bis zur jungen Familie. Es wäre aus meiner Sicht zum Beispiel auch nicht in Ordnung, wenn ein solches Angebot nur einen kleinen Teil dieser Gruppe – etwa Gymnasiasten und Studierende – erreicht. Wenn es allen Beteiligten wirklich darum geht, die Jugend in ihrer Breite zu erreichen, dann hat das erhebliche Auswirkungen auf die Machart und die Inhalte der Programme. Weder die ARD noch wir verfügen über ausreichend geeignete Sendungen aus den bestehenden Programmen, um so etwas aus dem Stand an den Start zu bringen. Da ist also noch viel zu tun. Abgesehen davon braucht ein solches Angebot eine klare und umfassende gesetzliche Beauftragung, die auch nicht von heute auf morgen erfolgen wird. Und es muss zwingend trimedial sein, mit einem hohen Anteil an Onlineelementen.

Gleichzeitig haben Sie betont, Sie würden nicht leichtfertig ein Programm anstoßen, das den eingeschlagenen Konsolidierungskurs des ZDF in Frage stelle. Bedeutet das, dass Sie für dieses Projekt von einer Erhöhung des Beitrages ausgehen, was Politiker aller Parteien einmütig ablehnen?

Thomas Bellut: Klar ist, dass ein solcher Kanal mit den bestehenden Ressourcen weder personell noch finanziell gestemmt werden kann. Wir haben eben darüber gesprochen, dass das ZDF in den nächsten Jahren 400 Beschäftigungsjahre abbauen muss. Das führt zu erheblichen Belastungen im Unternehmen. Wir müssen bestehende Angebote entfallen lassen. Da kann ich nicht gleichzeitig einen neuen Sender aufbauen. Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem Umstand, dass wir aktuell auch viele junge Leute nicht weiterbeschäftigen können, die wir für ein junges Angebot dringend bräuchten. Ein junger Kanal kann nur dann erfolgreich sein, wenn viele Macher aus der Zielgruppe stammen und sich die Zuschauer mit ihnen identifizieren können. Deshalb muss als erstes ein durchdachtes und gegengerechnetes Konzept auf den Tisch, damit der finanzielle und personelle Bedarf errechnet werden kann. Nur unter der Voraussetzung, dass die notwendigen Mittel und das notwendige Personal für ein solches Projekt bereit stehen, kann es einen Jugendkanal geben.

Die ARD geht von jährlichen Kosten von 60 bis 80 Millionen aus. Kann eine solche Summe bei einem jährlichen Beitrag von über 7 Mrd. Euro nicht eingespart werden? Zudem wollen die Länder den Auftrag reduzieren, um Kosten zu sparen.

Thomas Bellut: Bislang wird darüber diskutiert, zwei oder drei Digitalkanäle in ein solches Projekt einzubringen. Das wird aber nicht reichen. Die Digitalkanäle leben in hohem Maße von Synergien mit dem Hauptprogrammen, den Dritten Programmen oder 3sat. Für einen Jugendkanal gäbe es dieses Synergiepotential nicht. Es ist ein aus sich heraus weitgehend neues Angebot, das – wenn es sinnvoll und erfolgreich sein soll – eine angemessene finanzielle und personelle Ausstattung braucht. Der Jugendkanal der BBC kostet pro Jahr etwa 100 Millionen Euro.

Würden Sie zugunsten des Jugendkanals auf einen oder zwei Ihrer Digitalkanäle verzichten?

Thomas Bellut: Aus eigener Souveränität können wir nicht verzichten. Die Digitalkanäle sind als solche vom Gesetzgeber beauftragt und müssen von uns angeboten werden. Es ist also Sache des Gesetzgebers, darüber zu entscheiden, ob und gegebenenfalls welche Beauftragungen aufgehoben werden. Davon abgesehen habe ich mehrfach gesagt, dass ich mir grundsätzlich vorstellen kann, dass ZDFkultur in einem gemeinsamen Jugendkanal aufgehen könnte, unter anderem, weil der Sender einige passende Formate einbringen könnte.

Welchen Weg sehen Sie – ohne Jugendkanal – mehr 14-29-Jährige zu erreichen? Auch ZDFneo kommt 3 Jahre nach seinem Start nur auf 0,7 Prozent der Zuschauer.

Thomas Bellut: Sie sagen „nur“, ich sage „immerhin“. ZDFneo ist als Digitalkanal noch nicht in allen Haushalten empfangbar. Bei den Haushalten, die ihn empfangen können, liegt der Marktanteil bei rund einem Prozent. ZDFinfo – der Aufsteiger des Jahres – ist ähnlich erfolgreich und liegt im Digitalmarkt ungefähr gleichauf mit ntv, N24 und Phoenix. Die Stärke der beiden trägt dazu bei, dass wir zurzeit die einzige Programmfamilie sind, die sowohl insgesamt als auch bei den jüngeren Zuschauern wächst. Wir haben durch die Digitalkanäle in den letzten drei Jahren nicht nur die Verluste des Hauptprogramms bei den 14-49-Jährigen ausgeglichen, sondern auch darüber hinaus wieder ein Niveau erreicht, das wir zuletzt Anfang der 90er Jahre hatten. Ich breche dabei nicht in Jubel aus, aber unsere Strategie ist in den letzten Jahren aufgegangen. Alle drei Digitalkanäle, voran ZDFneo und ZDFinfo, zeigen, dass wir mit innovativen, ungewöhnlichen und mutigen Programmangeboten bei jüngeren Zuschauern ankommen. Die jungen Zuschauer nutzen dabei nur zum Teil unsere linearen Fernsehprogramme. Viele kommen auch über Online-Plattformen wie YouTube, unsere Mediathek oder andere Wege im Netz zu diesen ZDF-Inhalten. Unsere Redaktionen lernen im Gegenzug, mit welchen Inhalten und Macharten jenseits des Hauptprogramms junge Menschen angesprochen werden können. Aber auch im Hauptprogramm selbst haben wir mit Comedyformaten, wie der „heute Show“, internationalen Serien am Sonntag um 22.00 Uhr, modernen Dokumentationen, Fernsehfilmen, Shows und Sportevents viele Angebote, die auch von Jüngeren genutzt werden.

Aber es sieht alles nach einem Junktim zwischen einem Jugendkanal und der Einstellung von Digitalkanälen aus. Auch ohne Jugendkanal strebt die Politik eine Reduzierung der Digitalkanäle an. Sehen Sie eine Alternative?

Thomas Bellut: Ich habe eben schon einmal gesagt, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Es war und ist aber richtig, dass wir uns in der digitalen Welt als Programmfamilie aufgestellt haben. Die kommerziellen Kollegen machen das übrigens in einem noch viel stärkeren Ausmaß. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der kommerziellen Sender von 60 auf 136 Kanäle mehr als verdoppelt. Die Zahl der öffentlich-rechtlichen Sender ist wegen der Fusion von SFB und ORB in der gleichen Zeit von 23 auf 22 zurückgegangen.

Während der Olympischen Spiele haben das ZDF und die ARD Streaming-Kanäle angeboten. Darüber ist ein Streit entbrannt, ob das durch den Drei-Stufen-Test abgedeckt ist oder nicht und ob es sich dabei um Rundfunk handelt oder nicht und damit nicht zulässig wäre. Wird das ZDF weiterhin bei herausragenden Events, z.B. Fußball-WM, solche Streams anbieten?

Thomas Bellut: Die Streamingkanäle zu den Olympischen Spielen waren ein großartiger Erfolg. Ich habe selten so viel positiven Zuspruch von den Sportfans und -verbänden bekommen, die sich darüber gefreut haben, dass ‚ihre‘ Disziplin in kompletter Länge gezeigt wurde. Wir haben aber nicht für alle Sportgroßereignisse entsprechende Streamingrechte. Da, wo sie vorhanden sind und wo es sinnvoll ist, werden wir das auch weiter anbieten.

Sie wollen nun – mehr als zwei Jahre nach der ARD – eine heute.de-App starten. Warum haben Sie, angesichts des großen Erfolgs der tagesschau.de-App, solange gewartet?

Thomas Bellut: Mein Vorgänger hatte zunächst aus Rücksicht auf die Geschäftspolitik der Verlage angekündigt, dass das ZDF mit seinen Apps eine Weile warten wird. Nach der Mediathek-App ist die „heute“-App jetzt die zweite. Mit ihr haben wir auch deshalb etwas länger gewartet, weil wir 2012 einen umfassenden Relaunch unseres Online-Angebots mit einer neuen technischen Plattform realisiert haben. Da machte es Sinn, die „heute“-App erst auf der neuen Plattform aufzusetzen.

Inwieweit werden Sie bei Ihrer App die Hinweise der Kölner Richter berücksichtigen?

Thomas Bellut: Die Hinweise zielen auf das Angebot der ARD, das sich von dem ZDF Online-Nachrichtenangebot deutlich unterscheidet. Die App bildet die bekannte Onlineseite heute.de ab, die wie auch das übrige Onlineangebot auf Bewegtbild ausgerichtet ist. Die Texte, die Sie auf heute.de finden, haben keine Ähnlichkeit mit Tageszeitungen und stellen auch keine Konkurrenz für die Online-Angebote von Printverlagen dar.

Das Interview mit Dr. Thomas Bellut ist eine Vorveröffentlichung aus promedia – Heft 1/2013.

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