Filmwirtschaft:

Optimismus gehört bei uns zum Geschäft

von am 02.01.2013 in Archiv, Dualer Rundfunk, Filmwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4>Optimismus gehört bei uns zum Geschäft
Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer Allianz Deutscher Produzenten

Produzentenallianz fordert eine Abschaffung der Befristung beim DFFF

02.01.13 Interview mit Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer Allianz Deutscher Produzenten

Erstmals seit zehn Jahren wurden im Dezember mit der Produzentenstudie 2012 aktuelle Daten zur Filmwirtschaft und zur Lage der Film- und Fernsehproduzenten in Deutschland veröffentlicht.
Laut dieser Studie 2012 sind in Deutschland 1.700 Unternehmen im Bereich audiovisuelle Produktion aktiv. Bei 600 Firmen liegt der Umsatzschwerpunkt im Bereich Fernsehproduktion, 300 sind vor allem Produzenten von Kinofilmen. Die übrigen 800 Unternehmen produzieren Image-, Werbe- und Industriefilme oder sind Dienstleisterproduzenten. Der Gesamtumsatz aller Produktionsunternehmen betrug im Jahr 2011 4,8 Mrd. Euro.

medienpolitik.net: Herr Palmer, der DFFF wird 2013 verlängert. Die Länderförderungen haben teilweise die Fördermittel aufgestockt. Dennoch hat man den Eindruck, es ist zu wenig Geld für deutsche Spielfilme vorhanden. Woran liegt das?

Christoph Palmer: Der DFFF, der dank der Initiative des Staatsministers Bernd Neumann ab 2013 erhöht wird, ist nur ein Finanzierungsbaustein. Produktionen können aber nur realisiert werden, wenn die Finanzierung komplett geschlossen ist. Dafür bedarf es einer Vielzahl von Finanzierungsinstrumenten. Schon seit langem ist es außergewöhnlich schwierig, aus dem Ausland Minimumgarantien oder substanzielle Koproduktionsbeteiligungen zu bekommen. Für eine Vielzahl von Produktionen gelingt es zudem immer seltener, für Verleih- und Videorechte eine nennenswerte Vorauszahlung zu erhalten. Außerdem wird uns von vielen Produzenten berichtet, dass es erheblich schwieriger geworden ist, die TV-Sender für eine Beteiligung zu gewinnen. Trotzdem bleibt festzuhalten: Die Situation in anderen europäischen Ländern in der Filmförderung ist viel angespannter. In Spanien z.B. ist die Filmförderung fast komplett weggebrochen.

medienpolitik.net: Viele Produzenten weisen darauf hin, dass die Sender ihre Anteile verringern, seitdem es den DFFF gibt. Sehen Sie eine Chance, dieses Problem in Gesprächen zu klären oder muss die Politik aktiv werden?

Christoph Palmer: Wir haben diesen Sachverhalt gegenüber den Sendern angesprochen. Uns wurde mitgeteilt, dass sich nichts geändert habe, mit Ausnahme bei Degeto-Produktionen. Die Budgets stünden unverändert zur Verfügung. Weil die Klagen anhalten, haben wir mit ARD und ZDF vereinbart, dass uns die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf anonymisierter Basis die Zahlen der vergangenen Jahre zu den Beteiligungen der Sender an Kinoproduktionen zur Verfügung stellen. Diese Zahlen habe ich noch nicht. Sind die Zahlen dann geprüft, gegebenenfalls unter Einbeziehung der FFA, haben wir eine rationale Diskussionsbasis.

medienpolitik.net: Seit Jahren kritisieren Sie die mangelnde Transparenz der Fernsehsender, auch im öffentlich-rechtlichen Bereich. Daran scheint sich nichts geändert zu haben: Erst auf Ihre Forderungen hin erhalten Sie Zahlen, die man eigentlich als Geschäftsgrundlage betrachten müsste.

Christoph Palmer: Die ARD muss Zahlen immer innerhalb ihrer Familie zusammentragen. Es gibt unterschiedliche Systematiken und keine einheitliche Stelle, die diese Zahlen erfasst. Deshalb ist das bei der ARD per se schwieriger. Beim ZDF müssten die Zahlen eigentlich auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.
Bei einer größeren Transparenz sind wir ansonsten sehr weit vorangekommen. Mit der ARD befinden wir uns gerade in der Schlussphase der Verhandlungen über einen Code of Conduct. Ich bin zuversichtlich, dass wir ab 2013 eine viel genauere Diskussionsbasis haben, weil sich die Sender für Zahlen öffnen werden. Nicht für den einzelnen Vertrag – das wollten wir aber auch nie – aber für Sendeplätze, für Genres, für Kostenanteile bei der Eigen-, Auftrags- und Koproduktion sowie für den Ankauf. Die Transparenzdiskussion, die wir bereits im Frühjahr angestoßen und nun das gesamte Jahr geführt haben, wird in eine neue Kultur der Offenheit münden, zumindest was die öffentlich-rechtlichen Sender betrifft.

medienpolitik.net: Das Verhältnis zwischen Masse und Qualität der Kinofilme sei nicht ausgewogen, heißt es oft in Diskussionen. Das sehe man auch daran, dass ein Großteil der geförderten Filme gar nicht ins Kino gelangen. Wie kann ein besseres Gleichgewicht erreicht werden?

Christoph Palmer: Die Gremien, die über Projektfilmförderungen auf Bundes- oder Landesebene entscheiden, haben diese Herausforderung durchaus erkannt. Im Einzelfall kommt es sehr wohl zu schmerzhaften Entscheidungen. Andererseits stimmt auch der umgekehrte Dreisatz – großer Film, hohe Förderung, großes Erfolgspotential – nicht immer. Das Schöne an unserer Branche ist, dass es keine absolut passende Formel gibt. Auch kleine Filme können von hoher Qualität sein und viele Zuschauer erreichen. Wenn man die künstlerischen Trends und den Publikumsgeschmack immer schon voraussehen könnte, dann wäre man im Besitz der „Zauberformel“. Bei den automatischen Fördersystemen wird durch die Änderungen des DFFF und des Referentenentwurfs des FFG vermehrt Wert auf eine Kinotauglichkeit einerseits und andererseits auf eine angemessene Relation zwischen Budgetgröße und Kinoerfolg gelegt. Die Grundsystematik hat sich jedoch bewährt.

medienpolitik.net: Wenn man auf weniger Masse und mehr Qualität setzt, schafft das nicht wirtschaftliche Probleme für die Produzenten?

Christoph Palmer: Bisher ist im Kino noch keine Tendenz rückläufiger Produktionen zu sehen. Der DFFF wird noch mal aufgestockt. Meine große Hoffnung ist, dass es mit der Unterstützung Bernd Neumanns gelingt, die Befristung des DFFF abzuschaffen. Das ist ein vorrangiges Ziel der Produzentenallianz bei der Kinoförderung für nächstes Jahr.

medienpolitik.net: Der Entwurf der FFG-Novelle liegt vor. Der Regierungsentwurf und Ihr Vorschlag klaffen auseinander. Gemessen an dem, was Sie sich für die Novellierung vorgenommen haben, müssen Sie mit dem vorliegenden Entwurf unzufrieden sein?

Christoph Palmer: Wir müssen zwischen unseren Vorstellungen einer grundlegenden Überarbeitung des FFG einerseits und der aktuell geplanten Novelle andererseits unterscheiden. Es stimmt, dass wir uns eine Verbreiterung der Einzahlergruppen gewünscht hätten, die zur Abgabeleistung herangezogen werden. Die Filmbranche hat dafür plädiert, die Telekommunikationsunternehmen heranzuziehen. Die Politik konnte sich dazu noch nicht verständigen. Wir glauben auch nicht, dass wir das im Rahmen dieser Novelle auf parlamentarischem Wege noch erreichen können. Aber es ist immerhin gelungen, die Laufzeit zu verkürzen. Die verkürzte Befristung auf 2,5 Jahre eröffnet in der nächsten Legislaturperiode die Chance einer grundlegenden Reform, insbesondere im Lichte des kommenden Urteils von Karlsruhe sowie auch unserer Argumente, die Telekommunikationsunternehmen zu beteiligen. Insofern wurde ein guter Kompromiss erreicht.

medienpolitik.net: Hätte man nicht auf den Zwischenschritt ganz verzichten können? Die Veränderungen in der neuen Novelle sind doch marginal.

Christoph Palmer: Es wurden schon ein paar Verbesserungen erreicht. Außerdem glauben wir, dass parlamentarisch das ein oder andere noch gelingt. Unser Hauptanliegen ist, gerade für kleine und mittlere Produzenten, die Darstellung des sog. Eigenkapitalanteils zu erleichtern, der durch Lizenzerlöse, Filmpreisgelder oder Referenzgelder aufgefüllt werden können sollte. Die derzeitige Regelung bedeutet hingegen, dass kleinere und mittlere Produzenten zur Finanzierung der Produktion alle ihnen aus der Produktion zustehenden Vergütungen zurückstellen müssen und damit über Jahre keinen Cashflow erzielen können. Das ist für die Lebensgrundlage der Produzenten gefährlich. Auf diese Verbesserung wollen wir uns im parlamentarischen Beratungsgang konzentrieren und hoffen, das noch erreichen zu können.

medienpolitik.net: Die UFA befindet sich in einem Umstrukturierungsprozess und auch andere Produktionsfirmen haben Personal abgebaut und Strukturen gestrafft. Woher kommen diese Probleme?

Christoph Palmer: Ich habe die Umstrukturierung der UFA als die Antwort auf crossmediale Entwicklungen verstanden, als Zusammenführung von Genres über die bisherigen Grenzen hinweg. Das ist im Übrigen eine Entwicklung, die wir auch in Zeitungsverlagen, Nachrichtenagenturen usw. beobachten. Im Kreativitätssektor kommt es auf die Köpfe an. Die muss man langfristig für die Firma gewinnen. Es kann ganz unterschiedliche Organisationsformen geben, meist in Form eigenständiger Kompetenz- und Kreativitätszentren. Deshalb haben wir in der Filmbranche auch eine so große Firmenfülle statt Monostrukturen wie in anderen Industrien. Ein Ergebnis der aktuellen Produzentenstudie ist, dass immer noch Geld verdient wird und dass sich keinesfalls eine rasante Markbereinigung beobachten lässt. Neue Firmen kommen und alte verglühen. Das ist das Lebenselixier eines marktwirtschaftlichen Systems, und es ist notwendig für die Kreativitätskultur. Die Anzahl der Firmen ist erstaunlich hoch, wie wir aus der Produzentenstudie wissen. Dadurch lastet ein Druck auf dem Markt. Insgesamt sind sehr viele Marktteilnehmer aktiv.

medienpolitik.net: Rechnen Sie damit, dass die Zahl der Produktionsfirmen abnehmen wird?

Christoph Palmer: Aus der Produzentenstudie zumindest ist das nicht ablesbar. Der Konzentrationsdruck wird jedoch zunehmen. Die Gewinn-Margen sind in den vergangenen Jahren geringer geworden. Daher ist anzunehmen, dass bei den mittleren und größeren Unternehmen die Zusammenarbeit bis hin zu Fusionen und Käufen zunimmt.

medienpolitik.net: Dass bei TV-Produktionen der Kostendruck zunimmt, dass mehr in Vorleistungen investiert werden muss, bringt keine massiven Veränderungen in der Produktionslandschaft?

Christoph Palmer: Das Produzieren ist zweifellos schwieriger geworden. Eine Marktbereinigung ist aus der Produzentenstudie dennoch (noch) nicht ableitbar. Der Kostendruck ist jedoch erkennbar und führte zu verändertem Produktionsverhalten. Es wird alles immer schneller, es muss alles immer perfekter sein. Wir haben bei den Kosten die kritische Grenze in der Produktion erreicht. Für gute Qualität braucht man eine bestimmte Mindestanzahl an Drehtagen. Natürlich kann man billiger produzieren, wenn man seriell produziert, das ist aber nicht bei allen TV-Genres möglich. Diese Preis- und Qualitätsspirale nach unten sollten wir nicht weiter drehen. Wir haben einen kritischen Punkt erreicht.

medienpolitik.net: Die Produzenten haben seit Jahren die Hoffnung, im Internet mit neuen Anbietern und Produkten Geld verdienen zu können. Es gab Angebote von YouTube, mit Produzenten zusammenzuarbeiten. Wie schätzen Sie die reellen Chancen ein?

Christoph Palmer: Es gibt noch keine größeren Produktionsbetriebe, die ausschließlich für das Internet produzieren. Aber wir kennen erste Berichte über nennenswerte Finanzierungsanteile über das Netz. Online-Plattformen und Video on Demand stellen rasch wachsende Märkte dar, die für uns interessant sind. Zum Jahreswechsel startet YouTube zwölf deutsche Kanäle, an denen deutsche Produzenten beteiligt sind. Das ist ein weiterer Schritt für neue Geschäftsmodelle im Internet. Wir haben Google und YouTube nie so kritisch gesehen, wie es die Zeitungsverlage oder Wettbewerber tun. Für uns sind es neue Marktchancen. Die Produktionsunternehmen sind bereit, diese Chancen zu ergreifen.

medienpolitik.net: Für solche Verwertungsmöglichkeiten spielen die Online-Rechte eine wesentliche Rolle. Es bestehen aber mit den Sendern immer noch keine Vereinbarungen über eine faire Nutzung dieser Rechte. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Christoph Palmer: Mit der ARD haben wir für die fiktionalen Produktionen vereinbart, dass wir bis Ende 2013 noch nicht in den Rechterückruf einsteigen. Erst nach Ablauf dieses Zeitraums werden die Produzenten Produktionen aus ARD-Beständen der Vergangenheit zurückrufen können. Danach muss sich das ein halbes Jahr einspielen und dann werden wir beurteilen können, wie stark davon Gebrauch gemacht wird und ob damit Einnahmen zu erlösen sind. Beim ZDF haben wir den Automatismus des Rechterückrufs von nicht gesendeten Produktionen nicht. Allerdings haben wir eine Flexibilität, die im Einzelfall sofort greift.

medienpolitik.net: Das muss dann aber einzeln verhandelt werden?

Christoph Palmer: Ja. Das ZDF sagte uns aber, dass die Anfragen der Produzenten noch verhalten sind. Wenn ein Antrag kommt, entspricht man ihm auch. In den neuen Eckpunkten für Dokumentationen haben wir die Rechteverwertung durch den Produzenten klarer geregelt. Das ZDF ist grundsätzlich bereit, bei konkret nachgewiesenen Verwertungsmöglichkeiten und Vorlage eines konkreten Angebots des Produzenten Rechte zurück zu übertragen mit einer reziproken Erlösbeteiligung, so wie sie andersherum auch gilt. Bei der Dokumentation wird das insofern eine interessante Nagelprobe, weil Dokumentation das Genre ist, das nach meiner Beobachtung mit am stärksten auf den internationalen Märkten vertreten ist. Denn die Synchronisierung ist einfach, und man kann Themen aufgreifen, die auch international von Interesse sind. Zudem haben viele Dokumentationsfirmen breite Vertriebserfahrungen. Etliche Dokumentationsproduzenten sagen uns, dass sie z.B. in Amerika besser verwerten können, als es die Sendetöchter tun. Das neue Eckpunktepapier regelt zunächst die vollfinanzierte Auftragsproduktion. Mit dem ZDF werden wir die Gespräche über die teilfinanzierte Auftragsproduktion bald beginnen. Mit der ARD sind wir im Januar oder Februar soweit, für Dokumentationen ein Papier zu unterzeichnen. Die Verhandlungen sind weitgehend abgeschlossen.

medienpolitik.net: Gibt es bei den Gesprächen mit den Privaten auch Bewegung?

Christoph Palmer: Nein. Wir kommen mit den Privaten nicht in eine Verhandlungsatmosphäre. Es gibt im Einzelfall für manchen Produktionsbetrieb sehr gute Vereinbarungen. Aber es existieren keine Mindeststandards für die deutsche Produktionswirtschaft insgesamt. Unser Verband vertritt die gesamte Branche, auch die kleineren und mittleren Unternehmen. Gerade sie haben an den Terms of Trade ein besonderes Interesse. Leider finden wir gegenwärtig noch kein Rezept, um auch gegenüber den Privaten zu Fortschritten für die gesamte Branche zu gelangen. Mit dem öffentlich-rechtlichen System ist es uns in den vergangenen Jahren gelungen, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, das in Grundsatzpapiere gemündet ist, die auch gelebt werden. Unzufrieden sind wir bei ARD und ZDF jedoch mit den Unterhaltungsformaten. Auch hier wollen wir im kommenden Jahr Fortschritte erzielen.

medienpolitik.net: Wie es aussieht, könnte 2013 also alles in allem ein gutes Jahr für die deutschen Produzenten werden?

Christoph Palmer: Optimismus gehört bei uns zum Geschäft. Aber es ist kein Zweckoptimismus. Die Rahmenbedingungen für die Filmproduktion sind trotz mancher Probleme in Deutschland so schlecht nicht. Wir haben einen tollen Nachwuchs aus qualifizierten Hochschulen. Es gibt eine sehr kreative Firmenlandschaft. Im Gegensatz zu anderen Ländern existieren viele Produktionszentren. Dass die Förder- und Produktionslandschaft in Deutschland vielfältig ist, verdanken wir dem Föderalismus. Es ist nicht alles nur auf einen Standort konzentriert. Die Genres entwickeln sich sehr dynamisch. Wir experimentieren mit neuen Inhalten und Distributionswegen. Das Filmschaffen ist qualitativ auf einem hohen Niveau, sowohl im Kino als auch im Fernsehbereich und im Werbefilm. Die Politik hilft uns engagiert über alle Parteigrenzen hinweg bei den Rahmenbedingungen. Unter dem Strich bin ich optimistisch, dass auch 2013 ein gutes Jahr werden wird.

Das Interview mit Dr. Christoph Palmer ist eine Vorveröffentlichung aus promedia – Heft 1/2013.

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