Filmwirtschaft:

Die Bavaria wird weiterhin die Kinofahne hochhalten

von am 02.02.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4> Die Bavaria wird weiterhin die Kinofahne hochhalten

Bavaria Film überprüft ihr Film-Portfolio stärker auf Wirtschaftlichkeit

Interview mit Dr. Matthias Esche, Geschäftsführer Bavaria Film

Kurz vor Jahresende 2012 ist einer der aufwendigsten deutschen Spielfilme des vergangenen Jahres in die Kinos gekommen: „Ludwig II.“ Nach vier Wochen hatte der Film über 100.000 Besucher. Damit reiht sich „Ludwig II.“ in die erfolgreiche Phalanx historischer Bavaria-Produktionen wie „Buddenbrooks“ oder „Die Manns“ ein. In einem promedia-Gespräch betont der Bavaria Geschäftsführer Dr. Matthias Esche, dass es Jahre, teilweise Jahrzehnte dauert, bis die Kosten solcher attraktiver Produktionen eingespielt werden. Von 100 Filmen seien im Durchschnitt nur maximal acht bis zehn am Ende wirtschaftlich erfolgreich. „Deswegen konzentrieren wir uns in Zukunft auf Filme, die uns in der Mischung die Sicherheit geben, dass wir zumindest keine Verluste machen“, so Esche.

medienpolitik.net: Herr Esche, Ende Dezember 2012 hatte Ihr Spielfilm „Ludwig II.“ Premiere. Acht Jahre soll die Vorbereitung gedauert haben, 16 Millionen Euro hat der Film gekostet. Warum ein solch aufwendiges Projekt um einen bayerischen König?

Matthias Esche: Dieser bayerische König ist nicht nur in Bayern, sondern in der ganzen Welt eine Legende, eine Ikone, ein Mythos. Es kommen Millionen Menschen, um seine wichtigsten Bauwerke Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof zu sehen. Ludwig II. mit seiner Naturverbundenheit steht wie kein anderer für Bayern. Aber darüber hinaus ist Ludwig II. ein universelles Thema. Ludwig greift der Moderne in seinen Haltungen, Sehnsüchten und seiner Rebellion voraus. Der Film zeigt den Umbruch Deutschlands und damit auch Bayerns in diesen Jahren. Hinzu kommt, dass Ludwig die Zeichen der Zeit neben seiner Kunst- auch in seiner Technikliebe erkannt hat. Die ersten Wochen nach dem Start zeigen, dass diejenigen, die den Film gesehen haben, tief beeindruckt sind.

medienpolitik.net: Sie haben vor einigen Jahren „Buddenbrooks“ ins Kino gebracht. Das ist ebenfalls ein sehr aufwendiger Film. Spezialisiert sich die Bavaria auf solche historischen Stoffe?

Matthias Esche: „Aufwendig“ ist in diesem Zusammenhang die richtige sachliche Formulierung. Am Anfang steht immer die inhaltliche Leidenschaft – wir begeistern uns für ein Thema. Und dann stellen wir fest, dass wir den angemessenen Aufwand finden müssen, um das Projekt auch so zu visualisieren, dass man das Eintauchen in eine vergangene Zeit als glaubwürdig empfindet. Das ist bei „Buddenbrooks“ in einzigartiger Form gelungen. „Buddenbrooks“ und „Ludwig II.“ stehen in einer Reihe mit Bavaria-Filmen wie „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ und „Speer und Er“ oder „Hotel Lux“. Seitdem ich Geschäftsführer bei der Bavaria bin, haben wir mindestens 30 Filme produziert. Davon sind historische Stoffe nur ein wichtiger Teil. Für uns ist nicht entscheidend, ob wir einen Gegenwartsfilm oder einen historischen Film drehen, sondern dass wir ein Thema finden, das viele Zuschauer interessiert und berührt und auch von gesellschaftlicher Relevanz ist. „Buddenbrooks“ war und ist erfolgreich, weil eine bürgerliche Handelskaufmannsfamilie die Zeichen der Zeit nicht so nutzen konnte wie andere, die es getan haben und dann aufgestiegen sind. Das ist durchaus eine Thematik mit aktuellem Bezug, so historisch genau der Film auch gemacht war.

medienpolitik.net: „Buddenbrooks“ kam im Kino nur auf 1,3 Millionen Zuschauer. Wie viele Zuschauer hat der Film inzwischen weltweit über DVD und auch im Fernsehen erreicht?

Matthias Esche: Wenn Sie bedenken, dass im vergangenen Jahr nur drei deutsche Filme über eine Million Zuschauer gekommen sind, dann ist das auf jeden Fall ein Erfolg, wenn ein Kinofilm im deutschen Sprachraum 1,3 Millionen Zuschauer hat und dann noch 60.000 in den europäischen Ländern dazukommen. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir bis heute 250.000 DVDVerkäufe. Den Film haben zudem im deutschen Sprachraum in der Fernsehfassung, die zwei Mal 90 Minuten betrug, insgesamt bereits sieben Millionen Menschen in vier Ausstrahlungen gesehen. Wenn man bedenkt, dass es sich um eine Weltliteraturverfilmung handelt, ist es ein beachtlicher Erfolg, das Thema in der Form und Breite an die Zuschauer zu bringen. Zudem hat „Buddenbrooks“ auf dem internationalen Fiction Fest in Rom den Hauptpreis gewonnen. Wir gehen davon aus, dass der Film weiterhin weltweit eine große Verbreitung findet und das auch langfristig.

medienpolitik.net: Reichen diese Umsätze aus, um die 16 Millionen Euro zu refinanzieren?

Matthias Esche: Es ist ein weiter Weg. Der legendäre Film „Das Boot“ war ein Durchbruchserfolg der Bavaria. Es hat am Ende 25 Jahre gedauert, bis die Kosten wieder eingespielt werden konnten. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es für die Bavaria und die anderen Beteiligten bei „Buddenbrooks“ nicht so lange dauern wird.

medienpolitik.net: Aber trotzdem benötigt man trotz neuer Verwertungs- und Auswertungsformen Geduld, bis man mit solchen anspruchsvollen Filmen Gewinn macht…

Matthias Esche: Die Bavaria hat einen Eigenanteil in die Produktion eingebracht, dies gemeinsam mit anderen Koproduzenten. Auch der Verleih Warner Bros. und unser Weltvertrieb Global Screen haben investiert. Für jede Rückführung werden Verwertungserlöse benötigt, wobei herausragende Filme wie „Ludwig II.“ wie auch „Buddenbrooks“ eine lange Lebensdauer haben. Insbesondere bei „Buddenbrooks“ gab es einen großen Anteil privater Investoren. Bei dieser Produktion hatten wir leider eine Überschreitung der Produktionskosten. Das ist unser Risiko als Hauptproduzent, womit sich zwangsläufig vor allem unsere Refinanzierung verlängert. Insgesamt gehen wir aber davon aus, dass der Film langfristig seine Kosten einspielen wird. Es ist wichtig, dass die Finanziers nicht enttäuscht werden. Dennoch muss man feststellen, dass von 100 Filmen im Durchschnitt nur maximal acht bis zehn am Ende wirtschaftlich erfolgreich sind.

medienpolitik.net: Das heißt, diese finanziell erfolgreichen Filme finanzieren die weniger erfolgreichen mit?

Matthias Esche: So sollte es sein. Wir haben vor zwei Jahren eine Evaluierung unserer Kinoproduktionen vorgenommen. Das Ergebnis war – einschließlich der Fördergelder und Umsätze an Dienstleistungen – in den ersten drei Jahren ausgeglichen. Allerdings wurden auch Filme produziert, die zwar auf Festivals liefen, aber die in der Verwertung nicht das Ergebnis erreichten, das wir uns vorgestellt hatten. Deswegen konzentrieren wir uns in Zukunft auf Filme, die uns in der Mischung die Sicherheit geben, dass wir zumindest keine Verluste machen. Andererseits ist das Kino für uns ein Kerngeschäft. Neben dem wirtschaftlichen Interesse haben wir auch einen kulturellen Auftrag. Film ist Wirtschafts- und Kulturgut. Die Bavaria wird also weiterhin die Kinofahne hochhalten.

medienpolitik.net: Werden bei der Bavaria insgesamt weniger Spielfilme in den nächsten Jahren gedreht werden?

Matthias Esche: Wir haben ein gesundes Maß zwischen vier bis sechs Filmen pro Jahr gefunden. Und wenn es auch mal nur drei oder vier sind, ist das für uns kein Problem. Auf jeden Fall werden wir nicht eine bestimmte Anzahl an Spielfilmen drehen, damit unsere Kapazitäten ausgelastet sind. Dann setzt man sich unter Druck und produziert möglicherweise Filme, die man lieber nicht machen sollte.

medienpolitik.net: Welches Interesse besteht an „Ludwig II.“ im Ausland?

Matthias Esche: Es ist ein internationaler Film, und darauf setzen wir auch. Russland und die baltischen Länder sind sowohl an einer Kinoauswertung als auch an einer Fernsehauswertung sehr interessiert. Schwierig ist Nordamerika. Dort sind deutsche historische Filme nicht erste Wahl. In Lateinamerika gibt es gute Chancen, in Spanien und Italien ist aufgrund der Euro- Krise eine Kinoauswertung schwierig, aber im Fernsehen sieht es gut aus. Japan zeigt großes Interesse am Film, wie auch Südkorea und Osteuropa insbesondere für das Fernsehen. Wir hoffen also auf dem Filmmarkt während der Berlinale, wo der Film offiziell vorgestellt wird, auf eine Reihe von Abschlüssen.

medienpolitik.net: Sie sprachen an, dass „Ludwig II.“ ein internationaler Film ist. Wie sehen Sie generell die Chancen für internationale Koproduktionen?

Matthias Esche: „Ludwig II.“ ist eine große deutschsprachige Koproduktion, die eine internationale Auswertungsmöglichkeit hat. Wir haben aber auch eine Reihe kleinerer Koproduktionen realisiert und werden es auch weiter tun. Es ist unsere Absicht, auch größere internationale Koproduktionen umzusetzen. Die größte Chance sehen wir darin, uns an Filmen zu beteiligen, die in Englisch gedreht werden. Wir haben das gerade bei der Bavariapool International Coproductions GmbH mit „Reasonable Doubt“ mit Samuel L. Jackson als Hauptdarsteller so praktiziert. Bei diesem Film haben wir uns minoritär an einem erfolgreichen kanadisch-amerikanischen Projekt beteiligt. Der andere Weg besteht darin, bei einem Film mit deutschem Bezug – so wie es Babelsberg mit „Operation Walküre“ oder „Der Vorleser“ gelungen ist – eine Koproduktion herzustellen, die dann auch bei uns spielt und bei der wir unsere Studios und Dienstleistungen einbinden können. Eine dritte Möglichkeit, und auch das wollen wir verstärkt realisieren, sind Produktionsdienstleistungen für internationale Projekte, die dann in Deutschland gedreht werden. Bei dieser Art der Koproduktion sind wir inhaltlich nicht an der Stoffentwicklung beteiligt, sondern stellen unsere gesamte Dienstleistungspalette und unser Know-how zur Verfügung.

medienpolitik.net: Diesen dritten Weg geht Babelsberg seit einigen Jahren relativ erfolgreich. Warum kommen Sie auf diese Idee erst so spät?

Matthias Esche: Es sind unterschiedliche Gründe, die dafür eine Rolle spielen. So ist Babelsberg ausschließlich auf die große Produktionsdienstleistung ausgerichtet und hat dafür auch große Flächen zur Verfügung. „Die drei Musketiere“ konnten bei uns nicht vollständig aufgenommen werden, weil die Bavaria Studios wesentlich mit Fernsehen ausgelastet sind. Deswegen wollen wir unsere Studioflächen für Film erweitern und auch mehr Freiflächen zur Verfügung stellen. Außerdem ist uns Babelsberg bei der Akquisition internationaler Projekte ein wenig voraus. Aber wir sind auf einem guten Weg, aufzuholen. „Paganini“ ist ja zum Beispiel im letzten Jahr hier gedreht worden. Wir haben beste Aussichten, dass es auf diesem Weg weitergeht. Die Bavaria ist in der nationalen Kinoproduktion, in der Fernseh- und in der Postproduktion ganz vorn. Nur bei Produktionsdienstleistung im internationalen Kinogeschäft ist uns Babelsberg voraus. Aber in diesem Segment gibt es eine besondere Abhängigkeit von konjunkturellen Zyklen. Es ist ein Vorzug der Bavaria, dass sie so breit aufgestellt ist und auch Fernsehen nicht vernachlässigt hat, sondern im Gegenteil Fernsehen ein Standbein ist, um so auch das Kinogeschäft zu ermöglichen und darin zu investieren.

medienpolitik.net: Der DFFF wird in diesem Jahr um zehn Millionen Euro erhöht. Helfen diese zehn Millionen, dass sich Deutschland dadurch im Filmbereich stärker etablieren kann?

Matthias Esche: Tatsache ist, dass in 2011 die bisherigen 60 Millionen Euro des DFFF schon nach einem halben Jahr vergeben waren und auch 2012 eine sehr hohe Nachfrage bestand: 115 Produktionen mit einer gewaltigen Summe von 2,9 Milliarden Herstellungskosten. Deshalb ermöglicht die Aufstockung, wenn Sie bedenken, dass seit Januar 2007 allein 642 Produktionen durch den DFFF ermöglicht wurden, mehr Planungssicherheit. Zudem wird der sechsfache Betrag der staatlichen Zuschüsse wieder eingenommen. Insofern ist das für die Branche segensreich. Der DFFF ist der Bunsenbrenner für die gesamte Kinoproduktion. Andere Länder haben zwar kein Fördersystem wie in Deutschland, dafür bestehen dort Steuererleichterungen: zum Beispiel 25 Prozent in Italien oder Großbritannien, 28 Prozent in Irland, in Belgien und vielen US-Bundesstaaten oder in Kanada sogar über 30% und mehr. Bei diesem Wettbewerb geht es um wirtschaftliche Interessen mit kultureller Zielausrichtung. Die Länderförderungen sind kulturell ausgerichtet, aber der DFFF hat ja auch einen wirtschaftlichen Schwerpunkt. Das ist ein ganz wichtiger Beitrag, dass sich die deutsche Kinowirtschaft weiter entwickeln kann. Ich glaube, dass die Existenz einer starken deutschen Kinoproduktion auch zur Identitätsbildung einer Nation beiträgt.

medienpolitik.net: Im vergangenen Jahr sah es mit dem deutschen Film im Kino mit einem rückläufigen Marktanteil nicht sehr gut aus…

Matthias Esche: 2012 war ein Rekordjahr im Gesamtumsatz und der Besucherzahl im Kino – die Milliarde wurde durchbrochen. In Frankreich erreicht das Kino noch mehr Zuschauer, aber auch hier ist der Marktanteil für französische Filme ein wenig zurückgegangen – er liegt bei 40 Prozent. Insofern haben wir immer noch sehr starken Nachholbedarf in Deutschland. Wenn der Gesamtanteil sehr hoch ist und der eigene Anteil zurückgeht, dann fällt das prozentual noch deutlicher auf. Aber es stimmt, dass es einen Rückschlag für die Akzeptanz des deutschen Films gibt. Das hat nichts damit zu tun, dass die Filme schlechter geworden sind. Es ist ein Phänomen, dass die Qualität eines Films und die Zuschauerresonanz nicht immer in einer direkten Korrelation stehen. Wichtig ist, und das geschieht auch, dass gefördert wird, was für notwendig und erzählerisch für richtig gehalten wird. Es wäre falsch, hier plötzlich einen Richtungswechsel vorzunehmen und nur noch zu fördern, was am Markt Chancen hat. Ich glaube aber, dass die Produzenten dadurch, dass einschließlich der internationalen Filme über 300 Filme pro Jahr in die Kinos kommen, in Zusammenarbeit mit den Verleihern noch selbstkritischer sein müssen, ob ihre Stoffe den Nerv der Zuschauer treffen und sich auch refinanzieren lassen. Auf ein anderes Problem hat unlängst der Regisseur Marcus H. Rosenmüller verwiesen, der mit seinen erfolgreichen Heimatfilmen allein in Bayern mehrfach mehr als eine Million Zuschauer erreicht hat. Für seine Filme werde der Markt immer schwieriger und er wisse nicht, wie lange er diese Situation noch meistern könne. Viele Jugendliche gingen nur noch ins Kino, um amerikanische Produktionen zu sehen. Rosenmüller hat in dem Zusammenhang gefragt, ob es, um Heimatidentität zu sichern, für Kinos eine Quote für deutsche Filme geben müsse. Frankreich macht dies mit dem Ergebnis, was wir kennen. Trotz einer sehr guten Förderung und hoher Professionalität ist es für den deutschen Film schwer, gegen einen professionell organisierten Unterhaltungsimperialismus anzukommen.

Das Interview mit Dr. Matthias Esche wurde im promedia – Heft 2/2013 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen