Filmwirtschaft:

„Ohne die FFA würde die Filmförderung in sich zusammenfallen“

von am 03.02.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Interviews, Medienpolitik, Medienregulierung, Regulierung

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Ohne die FFA würde die Filmförderung in  sich zusammenfallen“
Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA)

Ausländische Video-on-Demand-Anbieter sollen künftig  auch die Filmabgabe zahlen

Interview mit dem Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann

03.02.13 Das Filmförderungsgesetz soll noch bis zum Sommer novelliert  werden. Einen Gesetzesentwurf hatte die Bundesregierung  im November vorgelegt. In den nächsten Wochen findet dazu  im Bundestag die Debatte statt. In einem Gespräch mit medienpolitik.net geht Staatsminister Bernd Neumann auf wichtige Änderungen, wie eine Veränderung der Auswertungsfenster oder die Abgabepflicht  von Video-on-Demand-Anbietern, ein. Zur oft  geforderten Heranziehung auch der Access Provider stellte der  Staatsminister fest, dass eine solche Abgabe nicht mit den Vorgaben  der Europäischen Kommission vereinbar sei.

medienpolitik.net: Herr Staatsminister, nach  jetzt vorliegenden Zahlen war 2012  ein Rekordjahr für die deutschen  Kinos, aber wohl ein schwaches Jahr  für den deutschen Film. Der Marktanteil  soll unter 15 Prozent gesunken  sein. Ist das für Sie ein Alarmsignal?

Bernd Neumann: Nach den vorläufigen Zahlen  von Rentrak hatten die Kinos tatsächlich  ein Rekordjahr zu verzeichnen. Wie es  aussieht, werden die Umsätze der Kinos  bei rund. einer Mrd. € liegen; ein schöner  Erfolg, über den ich mich freue. Weniger  erfreulich sieht es offenbar bei den Marktanteilen  des deutschen Films aus. Wie der  Marktanteil am Ende wirklich aussieht,  wissen wir noch nicht. Ich halte mich an  die Daten der FFA, die zur Berlinale im Februar herauskommen werden und auf  einer umfangreicheren Datenbasis beruhen.  Absehbar ist allerdings bereits jetzt,  dass die sehr guten Zahlen des letzten  Jahres (21,8%) nicht gehalten werden  können. Das Filmgeschäft unterliegt  wie schon seit Jahren starken zyklischen  Einflüssen. Zwei Faktoren kommen im  Jahre 2012 wohl zusammen: Auf der einen  Seite fehlten deutsche Filme mit riesigem  Publikumserfolg, auf der anderen  Seite haben erfolgreiche, internationale  Produktionen das Zuschauerinteresse  weitgehend absorbiert. In diesem Jahr  soll es nach Einschätzung der Fachleute  wieder deutlich besser  werden.

medienpolitik.net: In den nächsten  Wochen findet  im Deutschen Bundestag  die Debatte über  Ihren Entwurf für eine  Novellierung des FFG  statt. Was sind Ihre  Intentionen bei dieser Novellierung? 

Bernd Neumann: Ziel des Entwurfs ist es, das  Filmförderungsgesetz an veränderte  Rahmenbedingungen der letzten Jahre  anzupassen und weiter zu optimieren.  Dazu gehören strukturelle Neuerungen  wie die Konzentration auf Förderschwerpunkte  – etwa durch Streichung der nicht  mehr zeitgemäßen Videothekenförderung  – sowie die Stärkung des Vorstandes  der FFA. Die Digitalisierung des Filmerbes  wird ausdrücklich in den Aufgabenkatalog  der FFA aufgenommen. Im Bereich  der Produktionsförderung werden  wichtige Weichen gestellt, um eine Zersplitterung  der Förderung zu verhindern.  Durch die Verpflichtung zur Herstellung  einer barrierefreien Fassung wird die  Teilhabe behinderter Menschen an den  geförderten Filmen zukünftig gesichert.  Verbessert werden auch die Fördermöglichkeiten  für Maßnahmen der Kinos, die  der Barrierefreiheit dienen.  Eine der wichtigsten Änderungen ist die  Ausweitung der Abgabepflicht auf Video-on- Demand-Anbieter mit Sitz im Ausland.  Die Tatsache, dass bisher nur Anbieter  mit Sitz im Inland abgabepflichtig waren,  hatte in den letzten Jahren zu einer deutlichen  Marktverzerrung geführt.

medienpolitik.net: Welche Rolle müssen  die FFA und das FFG für die Förderung  des deutschen Filmes künftig  spielen? 

Bernd Neumann: Das Filmförderungsgesetz  bleibt die Basis für die Aufgabenerfüllung  der Filmförderungsanstalt und  damit eine wesentliche Säule im System  der Filmförderung in Deutschland. Auch  künftig muss die FFA ihre standortunabhängige  und in vielen Bereichen integrative  Aufgabenerfüllung in diesem System  wahrnehmen und ausbauen können.  Ohne die FFA würde die Filmförderung in  Deutschland in sich zusammenfallen wie  ein Kartenhaus.

medienpolitik.net: Vier  Verbände der  Filmwirtschaft  fordern unter  anderem einen  höheren Beitrag  der digitalen  Plattformen, die  in zunehmendem Maße Spielfilme  vermarkten. Wie beurteilen Sie die  Chancen dafür? 

Bernd Neumann: Die Heranziehung von  Telekommunikationsunternehmen, die  Filminhalte lediglich durchleiten (sogenannte  Access Provider) wäre – jedenfalls  derzeit – nicht mit den Vorgaben  der Europäischen Kommission vereinbar.  Zudem wäre es abgaberechtlich  problematisch, dass ein Verwertungsvorgang  – wie z.B. Verbreitung von  Fernsehen über Kabelnetz – zweimal  mit Abgaben belegt werden soll (auf  Ebene der Sender und auf Ebene des  Kabelnetzbetreibers), wenn dies bei den  anderen Zahlergruppen nicht der Fall ist.  Wir sollten jedoch versuchen, die Telekommunikationsanbieter  zu freiwilligen  Leistungen an die FFA anzuhalten.

medienpolitik.net: Der Auswertungszeitraum  der Kinoauswertung soll  kürzer gestaltet werden als bisher.  Warum verzichten Sie nicht vollständig  auf eine zeitliche Festlegung? 

Bernd Neumann: Es ist nicht richtig, dass  der Auswertungszeitraum der Kinoauswertung  verkürzt werden soll. Der  exklusive Auswertungszeitraum für das Kino soll weiterhin sechs Monate mit  der Möglichkeit der Verkürzung auf bis  zu vier Monate betragen. Lediglich die  Sperrfrist für die entgeltliche Video-on-  Demand-Auswertung wird nunmehr  grundsätzlich mit der Sperrfrist für die  Videoauswertung gleichgesetzt, so dass  auch hier nunmehr die genannten sechs  Monate gelten.  Außerdem werden die verfahrensmäßigen  Voraussetzungen für die Verkürzung  vereinfacht, in dem künftig der  Vorstand über die Anträge entscheidet  und nicht mehr – wie bisher – das  Präsidium.  Nach meiner Überzeugung würde ein  Verzicht auf die Auswertungsfenster  nur Verlierer zur Folge haben. Durch die  Verwertungsfenster wird doch sichergestellt,  dass die geförderten Filme optimal  ausgewertet werden können und dass  vor allem der Kinofilm zunächst dort,  wo er seine volle künstlerische Wirkung  entfaltet, nämlich in den Filmtheatern,  seinen Platz behält. Filme, die im Kino  nicht erfolgreich sind, sind erfahrungsgemäß  oft auch bei Video-on-Demand  nicht erfolgreich. Vielmehr dient die  Kinoauswertung auch als Werbung  für die nachfolgenden Verwertungsstufen.  Umgekehrt würden durch  eine gleichzeitige Video-on-Demand-  Auswertung viele Zuschauer im Kino  wegbrechen. Wenn man generell auf  die Auswertungsfenster verzichtete,  würde die Schließung von Kinos  verstärkt. Ich spreche mich daher  entschieden für die Beibehaltung der  Auswertungsfenster aus.

medienpolitik.net: Die Novellierung ist nur  für zwei Jahre gedacht und das FFG  soll dann erneut evaluiert werden.  Hätte man nicht das Gesetz um zwei  Jahre verlängern können?

Bernd Neumann: Der Regierungsentwurf sieht  wesentliche Änderungen vor, die nach  meinem Dafürhalten nicht erst im Jahr  2016 in Kraft treten sollten. Ich habe  diese Änderungen eben bereits genannt.  Hervorheben möchte ich noch einmal  die Verpflichtung zur Herstellung einer  barrierefreien Fassung der geförderten  Filme und die Heranziehung ausländischer  Video-on-Demand-Anbieter.

Das Interview mit Bernd Neumann wurde im promedia – Heft 2/2013 erstveröffentlicht.

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