Filmwirtschaft:

„Die Anzahl deutscher Stars ist endlich“

von am 02.02.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Die Anzahl deutscher Stars ist endlich“
Uli Aselmann, Produzent, Geschäftsführender Gesellschafter die film GmbH und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Produzentenallianz

Der deutsche Film hatte 2012 mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen

30.01.13 Interview mit Uli Aselmann, Produzent, Vorsitzender der Sektion Kino der Allianz Deutscher Produzenten

Laut Aussagen des Marktforschungsunternehmens Rentrak kann man davon ausgehen, dass 2012 erstmals die Umsatzmilliarde in den deutschen Kinos erreicht bzw. überschritten wurde. Das ist ein Plus von 7,8 Prozent gegenüber den Rentrak-Zahlen des Vorjahreszeitraums. Gleichzeitig setzte sich dabei jedoch der Trend des überproportionalen Umsatzwachstums der vergangenen Jahre fort, denn die rund 126,9 Mio. Zuschauer, die im Bilanzzeitraum die Kinos besuchten, stehen für ein Besucherplus von fünf Prozent gegenüber 2011. Allerdings konnte der deutsche Film bei dieser positiven Bilanz wohl nicht mithalten. Laut Rentrak waren dessen Umsätze gegenüber 2011 um 20 Prozent rückläufig, die Besucherzahlen sogar um ein Viertel. Damit ging – so Rentrak – der Marktanteil bei Besuchern von 20,6 Prozent auf 14,5 Prozent zurück. Über die Ursachen sprach promedia mit Uli Aselmann, Vorsitzender der Kinosektion der Produzentenallianz. 

medienpolitik.net: Herr Aselmann, trotz steigender Anzahl deutscher Spielfilme ist der Marktanteil 2012 anscheinend unter 15 Prozent gesunken. Was sind die Ursachen für diese schlechte Bilanz?

Aselmann: Es ist in unserer Branche durchaus üblich, dass es nach einem guten Jahr ein weniger gutes gibt. Das hängt auch mit den Zyklen zusammen, in denen die Filme hergestellt werden. Mittelständische Unternehmen, die unsere Filmwirtschaft prägen, brauchen etwas Zeit, ihre Geschichten sorgfältig zu entwickeln und können jedes Jahr nur ein, zwei Spitzenfilme herstellen. Zudem war das Kinojahr 2012 durchaus erfolgreich und mit einer Milliarde Euro Kartenumsatz der höchste, der in Deutschland bisher erreicht wurde. Da aber die abschließenden Zahlen noch nicht ermittelt sind, kann es durchaus auch sein, dass wir eine gleich hohe Zahl Besucher in deutschen Filmen hatten wie 2011, nur durch das Gesamtfilmangebot und gerade durch die drei Supererfolge „Ziemlich beste Freunde“, „Skyfall“ und „Hobbit“ hat sich der Deutschfilmmarkanteil etwas reduziert. Und immerhin sind 2012 vier deutsche Zuschauermillionäre ins Kino gekommen, was ich so schlecht nicht finde. Im Grunde war 2012 ein gutes Kinojahr. Wir hatten zudem gleich zu Beginn des Jahres 2013 einen sehr guten Start mit einigen deutschen Filmen wie z.B. mit „Der Schlussmacher“. Das lässt hoffen und ich bin ziemlich sicher, dass wir dieses Jahr, besonders im Frühjahr, einiges erwarten können, das zeigt, dass es um den deutschen Film nach wie vor super steht.

medienpolitik.net: Insgesamt ist die Förderung in den letzten Jahren gewachsen. Das heißt, viel Förderung bedeutet auch nicht automatisch kontinuierlich gute deutsche Filme?  

Aselmann: Da zitiere ich dem Sinn nach Bernd Eichinger: „Ich kann immer vorhersagen, ob ein Film kein Erfolg wird, aber ob ein Film ein Erfolg wird, kann ich nie vorher sagen“. An diesen Satz halte ich mich, weil der Erfolg eines Films schwer vorhersehbar ist. Ich hätte mich zum Beispiel schon bei „Hannah Ahrendt“ verschätzt, der zu Beginn des Jahres beachtlich gestartet ist und auch sich in der zweiten Woche noch auf Platz neun gehalten hat. Der Verleih hat den Film gut platziert, es ist gut gegangen. Und ein anderes Mal gibt es Filmstarts, da haben alle Beteiligten hohe kommerzielle Erwartungen, und dann bleibt so ein Film bei knapp 350.000 Besuchern hängen. Fakt ist also, dass es ohne Filmförderung in Deutschland automatisch kontinuierlich überhaupt keine deutschen Filme mehr geben würde.

medienpolitik.net: Das heißt, dass aber insgesamt die Filmwirtschaft in Deutschland stabiler geworden ist? 

Aselmann: Das lässt sich so einfach nicht sagen, weil es auch erschwerende Faktoren für uns gibt. So haben unsere Fernsehpartner gegenwärtig einige Probleme, die das Produzieren nicht einfacher machen. Es hat im letzten Jahr die Produzentenschaft belastet, dass so ein wichtiger Player wie die Degeto derart geschwächelt hat und wir uns teilweise nicht auf Verabredungen verlassen konnten oder keine neuen Produktionsvereinbarungen geschlossen wurden. Das spürt so ein überschaubarer Markt wie der deutsche Kinomarkt sehr schnell. Aber ganz sicher ist die Filmwirtschaft durch den DFFF professioneller geworden. Wir werden im Ausland wahrgenommen und können ja auch auf mehrfache internationale Erfolge verweisen. Damit erreichen wir eine internationale Wettbewerbsfähigkeit und können am Ende auch die Arbeitsplätze in der deutschen  Filmwirtschaft stärken und stabilisieren. Die durchschnittliche Zahl der Produktionen, die vom DFFF partizipieren, liegt zwischen 100 und 115 Filmen pro Jahr, wobei darunter ein gutes Drittel Dokumentarfilme sind. Das ist doch alles in allem überschaubar in einem Land, wo die Kinobesucher 2012 eine Milliarde Euro für Tickets ausgegeben haben.

medienpolitik.net: Mit Beginn der Finanzkrise vor haben sich die Banken zurückhaltender gegenüber Filmfinanzierung verhalten als es vorher der Fall war. Hat sich die Situation inzwischen wieder geändert?  

Aselmann: Die Situation hat sich wieder etwas entspannt. Wir haben unter anderem mit der Commerzbank, HypoVereinsbank, Donner und Reuschel und besonders der DZ Bank Partner, die verlässlich sind. In der Filmbranche existieren andere Größenordnungen für Kredite als zum Beispiel in einer Schreinerei oder in anderen mittelständischen Handwerksbetrieben, weil unsere kurzfristigen Kreditanforderungen für einen branchenfremden Banker nicht immer leicht nachvollziehbar sind – zumal unser Produkt zunächst ja nicht greifbar ist, sondern erst aus Ideen, dann einem Drehbuch sich langsam zum fertigen Film hin entwickelt. Aber da sind die Millionen dann schon weg. Wenn der Tischler einen Kredit braucht für Holz, damit er daraus viele Fenster bauen kann, dann bleibt dem Banker bei einer möglichen Unlust des Tischlers, die Fenster wirklich zu fertigen, immer noch das Holz als Sicherheit für den Kredit. In der Filmwirtschaft ist das Geld weg, wenn der Film fertig ist und man weiß eben nicht, ob der seine Herstellungskosten je wieder einspielt. Das macht den Bankern Angst. Darum wollen sie Sicherheiten oder sie müssen den jeweiligen Produzenten gut kennen und ihm vertrauen, wenn sie ihm bei der Finanzierung die Kredite gewähren wollen. Wir hatten gehofft, dass die KfW sich stärker in der Filmfinanzierung engagiert, wie es in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU/CSU und FDP festgelegt ist. Das hat aber bisher nicht funktioniert. Das liegt meiner Meinung nach auch an der anfangs fehlenden Sachkompetenz der Bank – siehe oben! Es ist bedauerlich, dass eine Bank mit einem 400-Milliarden- Euro-Etat sich nicht stärker positioniert in der Filmfinanzierung. So würde zum Beispiel die Absicherung der Kredite bei unseren Firmenbanken durch die KfW großen Sinn machen oder eben auch GAP-Finanzierungen bei manchen Projekten, das würde die Filmwirtschaft weiter stärken.

medienpolitik.net: Welchen Anteil hatten Ihrer Meinung nach Marketing und Verleih an der nicht ganz so positiven Bilanz im vergangenen Jahr? 

Aselmann: Dazu muss ich zunächst einmal auf einen rasanten Wandel der gesamten  Branche verweisen, der sich in den letzten zwei Jahren durch die Digitalisierung vollzogen hat. Im letzten Jahr wurden nur noch vielleicht 10 Prozent der in Deutschland hergestellten Filme auf Zelluloid gedreht. Die Zahl wird dieses Jahr vielleicht noch geringer werden. Das heißt, wir haben unseren gesamten Herstellungsprozess radikal verändert. Die Digitalisierung bei der Produktion der Filme aber auch in der Kinoprojektion führt zu einer viel größeren Flexibilität beim Einsatz der Filme, je nach Zuschauerinteresse. Das macht das Marketing für die Verleiher viel schwerer, weil der notwendige Impuls für einen erfolgreichen Kinofilm heutzutage auf das erste Startwochenende festgelegt werden muss. Was da nicht sitzt und gut aus den Startlöchern kommt, hat schon verloren. Das ist natürlich bei dem großen Angebot an Filmen und gut 5 bis 15 Filmstarts am Wochenende eine unfassbare Marketinganforderung. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf den heimischen Markt, auch in Amerika, Frankreich oder England ist das Startwochenende entscheidend. Es gibt kaum noch „Sleeper“, die zwei, vier oder sechs Wochen brauchen, um dann noch nach oben zu kommen. Die Kinos sind heute sozusagen auf Knopfdruck in der Lage, ihr Programm zu ändern. Das führt dazu, dass der Kinobetreiber nicht mehr nur den 20-Uhr-Termin gut programmieren muss, sondern die Zuschauer den ganzen Tag mit exzellentem und möglichst auch wechselndem Programm bedienen sollte. Und wenn ein neuer Film auf den Markt kommt, bist Du mit deinem Film unter schlechten Umständen von einem 20-Uhr-Termin schnell auf den besucherschwächeren 18-Uhr- Slot gerutscht – und die Zahlen fallen in den Keller. Also hier jetzt Fehler bei der Verleiharbeit und den Marketingstrategien zu suchen, halte ich für wenig dienlich, da muss man wirklich auch den Wandel und die Marktsituation unter die Lupe nehmen.

medienpolitik.net: Verleih und Marketing werden gefördert. Müsste der Förderanteil erhöht werden?

Aselmann: Ja. Die vier Verbände, die im Februar 2012 gemeinsam zum Filmfördergesetz Stellungnahmen, hatten sich darüber verständigt, dass es sich bei einer Neuausrichtung der FFA neben der Filmförderung stärker auch auf die Marketing und Verleihförderung fokussieren müsste. Denn wir sehen, dass das Risiko für die Verleiher größer wird und es am Ende des Tages nur dem deutschen Film schadet, wenn man da nicht nachjustiert. Das darf allerdings nicht zu Lasten der Produktionsförderung gehen. Denn es hat keinen Zweck, die Produktionsförderung zu schwächen und die Marketingförderung zu stärken. Sondern es muss im ausgewogenen Miteinander passieren.

medienpolitik.net: Sie sagten, dass bei den Produzenten nicht ganz so viel vom Erlös ankommt wie von ihnen erhofft. Liegt das an den geringeren Erlösen aus den digitalen Vertriebswegen?

Aselmann: Nein. Sie sind noch nicht voll ausgeschöpft, aber für uns sind die Erlöse, die wir aus dem Kino bekommen, entscheidend. Wenn ein Film dort erfolgreich läuft, aber der Verleih hohe Marketingaufwendungen hatte, dann wird dieser Betrag mit den Kinoeinnahmen verrechnet. Das ist nicht immer in allen Größenordnungen richtig nachvollziehbar. Hier müssen wir Lösungen finden. Denn was nützen uns starke Verleiher, wenn wir keine starken Produzenten haben? Die Verleihbranche ist natürlich sehr stark von amerikanischen Partnern dominiert, die selbstverständlich auch Interesse haben, ihr heimisches Produkt in diesem Land unterzubringen. Sie wollen deutschen Content und nehmen gern Marken und Garanten wie Til Schweiger, Matthias Schweighöfer oder Florian David Fitz. Aber die Anzahl deutscher Stars ist endlich und die Lust deutscher Kinozuschauer, deutsche Kinofilme zu sehen, ist unendlich. Deshalb müssen wir uns in unseren Interessen einander annähern und gemeinsam eine Lösung finden, wie wir mit vertretbarem Aufwand möglichst viele deutsche Filme den Kinobesuchern zeigen können und damit Erfolg haben.

medienpolitik.net: Mit dem DFFF werden seit sechs Jahren jährlich 60 Millionen Euro vom BKM für die Filmproduktion zur Verfügung gestellt. Der DFFF wurde verlängert und 2013 sogar aufgestockt. Wo lag Ihrer Meinung nach sein größter Nutzen?

Aselmann: Wenn man den Investitionsrahmen auf Grundlage der Zahlen bis einschließlich 2011 mal im Ganzen betrachtet, dann haben sich die zweckgebundenen Mittel des DFFF durch die Aktivitäten der Produktionswirtschaft versechsfacht. Das heißt, dass weit mehr als 1,5 Milliarden Euro im Rahmen der Kinoproduktionen in Deutschland ausgegeben wurden. Das ist doch ein fantastischer Erfolg und hat neben der oben schon erwähnten Anerkennung international erfolgreiche Filme wie „Die drei Musketiere“, „Cloud Atlas“ oder „Der Vorleser“ und „Barbara“ möglich gemacht. Auch unter dem Gesichtspunkt einer Kulturförderung kann ein Land wie Deutschland sehr stolz sein über so viel kreatives Potential und entspricht damit doch dem Bild anderer Jahrhunderte, wo deutsche Dichter, Denker und Musiker die Gesellschaften auch außerhalb unseres Landes prägend unterhielten. Schon diese Künstler waren immer auf die Anerkennung und Förderung ihrer Landesfürsten, staatliche Maßnahmen oder Mäzene angewiesen.

medienpolitik.net: Angenommen, der DFFF wäre nicht verlängert worden, wäre es zu einer Katastrophe der deutschen Filmwirtschaft gekommen?

Aselmann: Es hätte die deutsche Filmwirtschaft zumindest erheblich geschwächt und würde gerade die Talente der kleineren und unabhängigen Produktionsunternehmen in ihrer Existenz bedrohen. Es sind immer die letzten 20 Prozent einer Filmfinanzierung, die am schwersten zu generieren sind. Und es sind immer eben die 20 Prozent, die dann aus manchem Kinofilm einen TV-Film machten, weil man unterfinanziert zu drehen begann und teure Einstellungen oder Tricks sich nicht mehr leisten konnte und damit der Mehrwert für das Kino verloren ging. Diesen Ausgleich schafft heute der DFFF. Das führt dazu, dass wir in einer gewissen Zuverlässigkeit die Kinos mit Programm ausstatten können.

medienpolitik.net: Zuverlässigkeit kann auch zu Lässigkeit und Routine führen…

Aselmann: Unser Ansporn muss es doch sein, inhaltlich und visuell weiter stark und vielleicht auch noch besser das Publikum zu bedienen. Der Mehrwert Kino ist seine visuelle Ausgestaltung, seine emotionale Kraft und sein Unterhaltungswert. Da kann man sich nicht zurück lehnen und so tun, als hätten wir alles im Griff und müssten uns keine Mühe mehr machen. Ganz im Gegenteil: Unsere Stoffentwicklungen brauchen Genauigkeit, Manpower und die Zeit, die man für gute Kinostoffentwicklungen nun mal benötigt. Wenn man sich das zu eigen macht und phantasievoll entwickelt, dann motiviert die Gewissheit, dass man bei der filmischen Umsetzung der Ideen diese auch aus Deutschland heraus finanzieren kann. Und zu dieser Gewissheit trägt der DFFF bei.

Das Interview mit Uli Aselmann wurde im promedia – Heft 2/2013 erstveröffentlicht.

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