Verlage:

Ein Plädoyer für den stationären Buchhandel

von am 13.03.2013 in Allgemein, Archiv, Medienpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Verlage

<h4>Verlage:</h4> Ein Plädoyer für den stationären Buchhandel
Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins I © Börsenverein, Anne Hoffmann

13.03.13 Rede von Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V., zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2013 im Gewandhaus Leipzig

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Tillich, lieber Herr Oberbürgermeister Jung, verehrter Preisträger Klaus-Michael Bogdal, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, meine Damen, meine Herren,

In diesen Wochen werden Buchhändler und Verleger in den deutschen Medien zum Gesprächsthema. So intensiv wurde schon lange nicht mehr über die gesprochen, die Bücher machen und sie verbreiten. Und das alles nur wegen eines Online-Konzerns, der uns von Luxemburg aus neben vielem Anderen Bücher anbietet. Allerdings sehr gekonnt! Ach ja, nebenbei gesagt: Es ist nicht nur ein international agierendes Großunternehmen, das uns beschäftigt, sondern es sind deren gleich mehrere.

Ich erhalte Mails, bekomme Anrufe, lese Briefe. Autoren und Kollegen wollen wissen, ob auch ich bei diesem Online-Konzern kaufe und über ihn verkaufe, über den gerade öffentlich diskutiert wird. Was ich davon halte?

Nun, er scheint ein Könner seines Fachs zu sein. Erfolgreich eben, wie er seine Kunden an sich bindet unter kluger Nutzung von technischen Errungenschaften, mit verkäuferischen Finessen und ökonomischen Vorteilen. Der Mann, der hinter diesem Onlinehandel steht, soll gesagt haben: „Ich suchte nach etwas, das sich nur im Internet machen ließ und nicht in der physischen Welt kopierbar war.“ Produkte und Inhalte sind nicht entscheidend, solange sie ein großes Potenzial bergen. Buchhändler und Verleger werden zum Gesprächsthema in den Medien. Die Diskussion verläuft recht europäisch, sie spiegelt einen Konflikt unserer Kultur. Und deshalb rückt sie auch die Aufgaben und Fähigkeiten von Buchhandlungen ins öffentliche Bewusstsein. Es scheint nicht nur um Arbeitsbedingungen zu gehen, sondern um etwas Grundsätzliches in unserer Kultur. Also halten wir doch hier in Leipzig ein mitreißendes Plädoyer für den stationären Buchhandel. Der Buchhandel als Ort der Entdeckungen, des Gesprächs von Lesern und Autoren, der Beratung. Der Buchhandel als Institution einer Stadt, als Literaturhaus, als Marktplatz und Entwicklungsabteilung für den Nachwuchs. Der Buchhandel als Weltmeister im Bestellservice, als Onlinehändler mit stationärer Kompetenz, als Fundgrube für jedes Buch.

Ein Konflikt wird dabei deutlich, ein Gegensatz von alter und neuer Welt, ein Konflikt, der uns nicht neu sein sollte, denn, dass Bücher Wirtschafts- und Kulturgut sind, das wissen wir schon sehr lange. Auch wir streben nach Globalisierung, nach Effizienz und möglichst günstigen Produkten für Käufer, Nutzer, Leser. Überall bleiben zwangsläufig Individualität und Vielfalt auf der Strecke. Wenn es sich um Schrauben oder Computer handelt, kann man vielleicht auf diese Vielfalt verzichten. Nicht aber bei Büchern, die bilden, unterhalten, in fremde Welten entführen und einen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten.

Wer heute die als Dinosaurier belächelt, die vor einer Monopolisierung der Buchkultur durch große Onlineanbieter warnen, denkt nicht weit genug. Sicher kann sich mancher etwas abschauen vom Service der Rundum-Sorglos-Bestell-Foren. Sicher hat mancher stationäre Buchhändler Nachholbedarf beim Thema Recherche, Kundenfreundlichkeit und Angebot. Wenn aber ein weltweites Buchmonopol zu entstehen droht, wird der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das kritisch und mahnend thematisieren und die Entwicklung kulturell hinterfragen.

Es dreht sich ja nicht nur um den Verkauf von gedruckten Büchern auf der ganzen Welt, es dreht sich auch um einen E-Reader, auf dem nur die von jenem demnächst vielleicht marktbeherrschenden Unternehmen angebotenen Bücher zu lesen sind. Das betrifft nicht nur den stationären Buchhandel, das betrifft die Verlage und Autoren. Handel strebt nach Marktführung, doch wer sich sehenden Auges in die Hände von Monopolisten begibt, muss damit rechnen, dass Unabhängigkeit, Individualität und Vielfalt klein geschrieben werden. Bücher leisten in ihrer Vielfalt einen wesentlichen Beitrag für eine freie demokratische Gesellschaft. Sie können die Welt verändern, sie bilden und informieren. Sie sind das nach außen verlagerte Gedächtnis der Menschen. Es ist deshalb eben nicht gleichgültig, wo ich kaufe und verkaufe. Das wusste schon Goethes Faust.

Als sei es von langer Hand geplant, startet die deutsche Buchbranche in dieser Situation zur Leipziger Buchmesse 2013 eine Kampagne für Bücher und für den Buchhändler vor Ort. Vorsicht Buch! lautet der Slogan dieser Kampagne. Sie will zeigen, was Bücher und Buchhandel alles können. Sie will in einer Zeit begeistern, in der das Interesse an Büchern und am Lesen in der Gesellschaft wächst, Bücher aber immer stärker in einem Wettbewerb mit anderen Medien und Aktivitäten stehen. Und sie will in einer Zeit aktivieren, in der sich der Markt durch neue technische Entwicklungen ausweitet.

Buchhändler und Verleger sind schon lange nicht mehr so im Gespräch wie zurzeit. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist groß. Gibt es einen besseren Zeitpunkt für eine solche Kampagne für das Buch und den Buchhandel vor Ort? Und gibt es einen besseren Zeitpunkt für die Verlage und Buchhandlungen sich zu positionieren, ihre Interessen noch deutlicher zu artikulieren? Und zu zeigen, was sie können? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will eine Bewegung in Deutschland für das Buch und den Buchhändler vor Ort auslösen. Wir wollen die Kraft des Prinzips Buch zeigen – überzeugt, augenzwinkernd, überraschend und ein bisschen frech.

In diesen Wochen haben sich wichtige Buchhändler beim Handel mit E-Books zusammengeschlossen. Der gesamte stationäre Buchhandel kann dabei mitmachen. Das Ziel sollte ein umfassendes Angebot des Buchhandels für die Leser sein. Eine, wie ich meine, vielversprechende Initiative der Buchbranche, die der Anfang sein könnte, den scheinbar kopernikanischen Gegensatz zwischen stationärem und Online-Buchhandel aufzuheben.

Wer sollte die Regeln für den Buchmarkt neu formulieren, wenn nicht die Verlage und Buchhandlungen! Und das zu Beginn der Leipziger Buchmesse 2013. Ein Gedanke, der mich zuversichtlich macht. Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche und schöne Messe.

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