Filmwirtschaft:

„Wir bekennen uns zur Filmkultur“

von am 25.04.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Filmwirtschaft: </h4>„Wir bekennen uns zur Filmkultur“
Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR I © MDR/Dabdoub

ARD-Filmintendantin bekräftigt Kinofilm-Engagement der ARD

25.04.13 Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin und Filmintendantin der ARD

In einem medienpolitik.net-Interview hat Prof. Dr. Karola Wille betont, dass die ARD weiterhin Kino-Spielfilme durch Koproduktionen mitfinanziere. Die ARD-Filmintendantin hat dabei bestritten, dass sich das ARD-Engagement für Kinoproduktionen verringern werde. Von 2008 bis 2011 stieg der ARD-Anteil an Kinokoproduktionen von 11 Mio. Euro auf 16 Mio. Euro.

medienpolitik.net: Frau Wille, aus einem Interview mit der Fernsehdirektorin des BR vor einigen Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die ARD-Anstalten ihr Engagement bei Spielfilm-Koproduktionen reduzieren wollen. Wie sehen Sie das als Filmintendantin der ARD?

Prof. Dr. Karola Wille: In den ARD-Programmleitlinien für 2013/14 haben wir uns zur Pflege der Kino-Filmkultur bekannt. In Auswahl und Umsetzung der fiktionalen Projekte werden die Fernsehfilmredaktionen der ARD dabei auch zukünftig die Balance zwischen Relevanz und Anspruch sowie Publikumsattraktivität halten.

In diesem und im kommenden Jahr sollen mit unserer Unterstützung eine Reihe von hochklassigen Kino-Koproduktionen ins Kino und ins Fernsehen kommen. Darunter Oskar Roehlers „Die Quellen des Lebens“, ein umfassendes Sittengemälde der Bundesrepublik. Andres Veiel rekonstruiert in seinem fiktionalen Debütfilm „Wer wenn nicht wir“ die psychologische und politische Vorgeschichte des deutschen Terrorismus. In der Kino-Koproduktion „Poll“ inszeniert Chris Kraus die schicksalhafte Begegnung einer 14-jährigen mit einem Anarchisten auf dem estnischen Gut Poll vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid oder „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen sind weitere Beispiele.

Solche gemeinsamen Projekte von Kinowirtschaft und Fernsehbranche gehören in der Regel zu den auffälligen, meist aber auch aufwändigen Filmprojekten, wie beispielsweise „Die Päpstin“, „Henri Quatre“ oder „Das weiße Band“ in den vergangenen Jahren. Da muss alles passen – Buch, Besetzung, Produktion, Förderung, wirtschaftliche Verwertung, Sendeplatz für die TV-Ausstrahlung, Publikumszuspruch und mehr. Dafür gibt es unterschiedliche Mengengerüste zu unterschiedlichen Zeiten bei unterschiedlichen Anstalten. Die ARD hat neue prominente Sendetermine in ihrem Gemeinschaftsprogramm geschaffen und in den Dritten Programmen attraktive Sendeplätze bewahrt.

medienpolitik.net: Das Engagement für deutsche Spielfilme ist Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrages. Kann jede Anstalt nach Gutdünken entscheiden, ob sie sich hier mehr oder weniger engagiert?

Prof. Dr. Karola Wille: Bei Filmen und Serien ist die ARD Kulturproduzent und Kulturvermittler zugleich. Fiktionale Programme sind Kulturgut und Spiegel der Gesellschaft, sie laden zu Identifikation und Auseinandersetzung sowie zur Entspannung und Unterhaltung ein. Wichtige Kriterien für Fiktionales im ERSTEN sind Akzeptanz und Relevanz, Vielfalt und sorgfältige Themenauswahl und natürlich handwerkliche Qualität. Die Umsetzung kann ein Fernsehfilm sein, eine Serie oder Reihe oder eben eine Koproduktion, die auch im Kino läuft. Die Anstalten entscheiden nicht nach Gutdünken, aber in eigener Hoheit und Planung für ihr Sendegebiet und zusammen für das Gemeinschaftsprogramm. Offenkundig machen wir dabei auch vieles richtig, wie gerade wieder dieser Tage die Auszeichnungen mit dem Grimme-Preis und nicht zuletzt auch der Publikumszuspruch, insbesondere bei Fernsehfilmen, zeigen.

medienpolitik.net: Ist in den vergangenen Jahren eine Reduzierung eingetreten?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Investitionen und Ko-Produktionsbeiträge für Kinofilme sind ausweislich der innerhalb der ARD für die Berechnung der Filmförderungsabgabe erhobenen Daten von knapp 11 Mio. Euro im Jahr 2008 auf mehr als 16 Mio. Euro im Jahr 2011 gestiegen. Im Übrigen bekennen wir uns zur Filmförderabgabe und leisten nicht nur unseren Pflichtbeitrag gemäß der neuen Systematik, sondern füllen diesen freiwillig auf das Niveau von 5,5 Mio. Euro auf und stellen weitere Sachleistungen zur Verfügung.

medienpolitik.net: Erwarten Sie dann für 2013 eine Reduzierung?

Prof. Dr. Karola Wille: Noch weiß man nicht genau, wie sich das neue Finanzierungssystem über Rundfunkbeiträge auf die Einnahmesituation der Häuser auswirkt. Gleichwohl haben wir in den ARD-Programmleitlinien eine Reihe von Kino-Koproduktionen benannt, die bis 2014 für DAS ERSTE vorgesehen sind, zum Beispiel auch „Sushi in Suhl“.

medienpolitik.net: Welchen Stellenwert haben der deutsche Spielfilm und das Engagement für den deutschen Spielfilm für die ARD?

Prof. Dr. Karola Wille: Einen sehr hohen. Mit der Produktionswirtschaft sind wir im ständigen Gespräch, um die Zusammenarbeit zu verstetigen und – wo immer möglich – zum beiderseitigen Nutzen zu verbessern. Ich freue mich, dass wir auch dieses Jahr ab Mai mit dem „FilmDebüt“ im ERSTEN wieder einen Sendeplatz für interessante Erstlingswerke haben.

medienpolitik.net: Es werden immer wieder schlechte oder ungünstige Sendeplätze für deutsche Spielfilme kritisiert. Lässt sich das nicht ändern?

Prof. Dr. Karola Wille: 2012 hat DAS ERSTE mit dem „Sommerkino“ einen hochwertigen neuen Prime-Time-Platz um 20:15 Uhr für herausragende Produktionen geschaffen. Das kam beim Publikum sehr gut an und die Produzentenallianz hat uns dazu gratuliert. Auch dieses Jahr wird es dieses „Sommerkino“ wieder geben. Darüber hinaus bieten wir im Gemeinschaftsprogramm vom „FilmMittwoch“ um 20:15 Uhr über das „KinoFestival“ am Sonntag um 23:30 Uhr bis hin zu hervorragend platzierten Feiertags- oder Eventprogrammen noch viel mehr. So kommen wir auf eine Zahl von rund 150 Fernseh- und Kinofilmen, die in diesem und im nächsten Jahr allein im ERSTEN laufen werden. Auch in den Dritten wurden Sendeplätze bewahrt und die Berichterstattung über Kino kann sich sehen lassen. Programmplanung ist eine hohe Kunst, die wie jede andere Kunst nicht immer nach jedermanns Geschmack sein kann. Sie werden für nahezu jede Programmgattung Kritiker finden, die ihre Lieblingsprodukte besser platziert sehen wollen. Wir versuchen, aus der Sicht des Zuschauers und Beitragszahlers zu planen und dabei auch das richtige Gleichgewicht zwischen Mehrheitsgeschmack und ambitionierter Nische zu finden.

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 05/2013 erstveröffentlicht.

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