Medienregulierung:

„Der Konkurrenzkampf hat sich deutlich verstärkt“

von am 08.04.2013 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Internet, Interviews, Medienpolitik, Medienregulierung, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Regulierung, Rundfunk

<h4>Medienregulierung: </h4>„Der Konkurrenzkampf hat sich deutlich verstärkt“
Gert Zimmer, CEO der RTL Radio Deutschland GmbH, Berlin I © Paul Schirnhofer

RTL-Radio-Chef fordert einen Abbau der Regulierung beim Hörfunk

08.04.13 Interview mit Gert Zimmer, CEO der RTL Radio Deutschland GmbH, Berlin

„Mit der Onlineentwicklung ist der Wettbewerb längst nicht mehr begrenzt auf regionale Märkte. Der regulierte Hörfunk trifft unmittelbar auf nicht regulierte Onlineangebote, die Radio machen oder radioähnliche Dienste anbieten“, so Gert Zimmer, RTL-Radio-Chef in einem medienpolitik.net-Gespräch. Das stark regulierte Regionalmedium Radio könne sich so in den gegenwärtigen Strukturen dem Wettbewerb mit unregulierten Anbietern nicht auf Augenhöhe stellen. Für einen fairen Wettbewerb benötige das Radio ein level-playing field, so Zimmer. Zudem sieht der Geschäftsführer der RTL-Radios in der „Konsolidierung des UKW-Marktes“ und einer „Liberalisierung der Landesmediengesetze“ Handlungsbedarf für die Politik.

medienpolitik.net: Herr Zimmer, wie entwickelt sich gegenwärtig der Werbemarkt für den privaten Hörfunk?

Gert Zimmer: Der Hörfunk entwickelt sich sehr gut. Uns geht es aktuell besser als den meisten anderen Gattungen. Mit einem Brutto-Wachstum von 6,1 Prozent war 2012 ein gutes Jahr. Der Werbemarktanteil von Radio hat sich auf 5,9 Prozent vergrößert. Netto waren wir ebenso im Plus, wobei das Wachstum hier deutlich geringer ausfällt. Auch das Jahr 2013 ist sehr gut gestartet.

medienpolitik.net: Die Radionutzung ist in den letzten Jahren weitgehend stabil geblieben. Auch unter Jugendlichen. Der prophezeite dramatische Hörerschwund ist nicht eingetreten. Woran liegt es?

Gert Zimmer: Wir erleben eine Evolution aber keine Revolution im Konsumverhalten. Die Hörer nutzen neue Angebote und freuen sich über noch vor Jahren unvorstellbare Möglichkeiten. Aber die Zahlen zeigen auch, dass die altbekannte Mediennutzung, also das Radiohören an sich, nach wie vor sehr hoch im Kurs ist. In einer Welt von scheinbar unendlich vielen Programmalternativen punkten gut positionierte Radiosender mit der richtigen Mischung aus Musik, Nachrichten, Information, Comedy und Service-Elementen.

medienpolitik.net: Wie hat sich der Radiomarkt durch die Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Gert Zimmer: Die Digitalisierung, speziell im Onlinebereich, bringt vor allem zusätzliche Angebote und mehr Vielfalt mit sich. Und das auf einem sehr einfachen technischen Level, was die Nutzung angeht. Die Hörer sind so noch mächtiger geworden. Damit hat sich der Konkurrenzkampf deutlich verschärft. Dabei geht es nicht nur um die Aufmerksamkeit der Hörer, sondern auch um gute Inhalte und vor allem um kreative Köpfe. Nur wer sich optimal auf die veränderten Gegebenheiten einstellt und sein Angebot konsequent weiterentwickelt, wird in Zukunft gute Chancen haben.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen heute Web-Radios, die unabhängig von klassischen Radios senden?

Gert Zimmer: Vier Fünftel aller deutschen Webradios sind web only Sender. Die Anzahl kleinerer Sender ist dabei leicht rückläufig. Da wir bereits im UKW-Bereich die Notwendigkeit zur Konsolidierung sehen, mit der Möglichkeit, mehr Programme aus einer Hand anbieten zu können, halten wir die Durchschlagskraft von allein stehenden Onlinesendern für überschaubar. Wir sehen sie als Komplementärangebote und gehen nicht davon aus, dass es auf Sicht zu einer Substitution von Radiosendern kommt. Zumal die Hörer im Internet dann doch überwiegend die bekannten großen Marken aus der UKW-Welt hören. Für uns gilt: Auf je mehr Wegen die Hörer die Marken und Inhalte ihrer Sender empfangen können, umso geringer die Gefahr, dass eine Fragmentierung durch andere Marktteilnehmer erfolgt.

medienpolitik.net: Welchen Anteil haben bei diesen Radios Moderation und Service-Elemente? Oder sind es ausschließlich Abspielstationen von Musik?

Gert Zimmer: Viele der reinen Webradios spielen ausschließlich Musik. Das ist am einfachsten und kostengünstigsten umzusetzen. Aus Hörersicht sind diese spezifischen Klangfarben zunächst attraktiv. Jeder individuelle Musikgeschmack kommt im Internet bei einem Stream auf seine Kosten. Trotzdem werden sich lebendige Angebote aus Fleisch und Blut durchsetzen, nicht die reinen Musikabspielstationen. Musik ist ein wichtiger Einschalt- und Hörfaktor, aber ohne Ansprache durch On-Air-Personalities sowie Informations-, Service- und Unterhaltungsangebote ist es auf Dauer eintönig. Das ist der Grund, warum Radio so beliebt ist und sich gegen Musikabspielstationen gut behaupten kann.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen in diesem Umfeld die globalen Player?

Gert Zimmer: Mit der Onlineentwicklung ist der Wettbewerb längst nicht mehr begrenzt auf regionale Märkte. Der regulierte Hörfunk trifft unmittelbar auf nicht regulierte Onlineangebote, die Radio machen oder radioähnliche Dienste anbieten. Neben Streamingdiensten sind es Aggregatoren, bei denen mitunter unklar ist, wie sie ihre Gatekeeper-Funktion einsetzen werden. Ebenso ist zu lesen, dass Google und Apple dabei sind, Radiodienste zu entwickeln. Um es klar zu stellen: Wir haben keine Angst vor Wettbewerb. Wir müssen jedoch zur Kenntnis nehmen, dass sich das stark regulierte Regionalmedium Radio in den gegenwärtigen Strukturen dem Wettbewerb mit unregulierten Anbietern nicht auf Augenhöhe stellen kann.

medienpolitik.net:  Welchen Einfluss haben Musik-Streaming-Dienste wie Spotify auf Ihr Geschäftsmodell?

Gert Zimmer: Wir konkurrieren um die Gunst der Hörer und zukünftig um Werbebudgets. Ganz gleich um welchen Streaming-Anbieter oder Aggregator es sich handelt: Für einen fairen Wettbewerb benötigen wir ein level-playing field. Ein Verstoß gegen die Netzneutralität durch die Telekom-Spotify-Kooperation auf der einen Seite und ein enges Regulierungskorsett auf der anderen Seite, welches der konvergenten Medienwelt nicht gerecht wird, verdeutlichen die ungleichen Voraussetzungen zu Lasten des Radios.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen hat das für die privaten Veranstalter?

Gert Zimmer: Eine ganz praktische Auswirkung dieser Entwicklungen ist, dass es immer mehr Netzpolitiker und weniger Medienpolitiker gibt. Das führt dazu, dass sich die Schere des ungleichen Wettbewerbs nicht schließt. Sich mit globalen Onlineunternehmen auseinanderzusetzen scheint politisch reizvoller zu sein, als die publizistische Vielfalt regionaler Medienunternehmen nachhaltig absichern zu wollen.

medienpolitik.net: Die mobile Nutzung ist doch auch für die Radioangebote von Vorteil. Das Smartphone ist nach Küche und Auto die drittbeliebte Nutzungsform für Radios. Damit sind Sie auch bei Jugendlichen doch weiter präsent?

Gert Zimmer: Das Ziel ist, mit unseren Marken auf den Geräten präsent zu sein, die für den Medienkonsum genutzt werden. Da spielen Smartphone-Apps eine große Rolle. Und das betrifft in diesem Bereich inzwischen gar nicht mehr ausschließlich die jüngere Zielgruppe. Erfreulich ist, dass das Radio nach wie vor ein zentraler Bestandteil im Leben der Jugendlichen ist. Aber Radio hören und Musik hören sind zwei Paar Schuhe. Und auf jedem Smartphone sind Nicht-Radio-Dienste nur eine App entfernt. Vor diesem Hintergrund investieren wir weiterhin viel Zeit, Kreativität und Ressourcen in die Qualität der Programme selbst, aber auch in die Positionierung und Markenführung.

medienpolitik.net:  Auch von Ihnen existieren Web-Radios. Ist das kein Gegengewicht?

Gert Zimmer: Wir sind mit unseren Sendern und zusätzlichen Angeboten online sehr aktiv. Die Nutzung unserer Onlineangebote verzeichnet – natürlich auf einem niedrigeren Niveau als es im UKW-Bereich der Fall ist – deutliche Wachstumsraten. Diesen Bereich bauen wir kontinuierlich aus. Mit unseren starken Marken, wie zum Beispiel 104.6 RTL, Hit-Radio Antenne, 89.0 RTL oder Radio Hamburg, müssen wir uns auch im Internet vor niemandem verstecken. Als Radiosender, also als Inhalteanbieter haben wir andere Ziele und andere strategische Ausrichtungen als reine Streaming-Anbieter oder Aggregatoren. Wir bieten Unterhaltung und einen redaktionell aufbereiteten kulturellen und inhaltlichen Mehrwert. Das ist deutlich mehr als nur das reine Bündeln oder Abspielen von bereits vorhandenen Streams.

medienpolitik.net:  Ist DABplus eine Alternative?

Gert Zimmer: Mit der Verlängerung der UKW-Laufzeiten im TKG wurde deutlich gemacht, dass der wichtigste Übertragungsweg für das Radio nach wie vor UKW ist. Und zukünftig wird es nicht mehr einen proprietären Radiostandard geben. Jeder Sender wird zwangsläufig auf einen Mix aus mehreren Übertragungsarten setzen. Wir sprechen vom hybriden Radio. Es zeichnet sich dabei bereits jetzt ab, dass das Internet als Übertragungsweg immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Allein 2012 wurden über 20 Millionen Smartphones in Deutschland verkauft. Wenn man vor diesem Hintergrund die Verkaufszahlen von DABplus-Geräten – rund 400.000 Geräte seit dem Start 2011 – und die überschaubare Nutzung von DABplus-Programmen betrachtet, ist es verwunderlich, warum so vehement am Umsetzen einer nicht marktgetriebenen Technologie festgehalten wird. Zumal DABplus darüber hinaus den Nachteil hat, dass eine echte Interaktion mit den Hörern technisch nicht möglich ist.

medienpolitik.net:  Wie können generell in diesem Spannungsfeld gleiche Wettbewerbsbedingungen entstehen?

Gert Zimmer: Die wichtigste Voraussetzung ist ein breites Verständnis auf Seiten der Regulierung und Politik für die Belange des privaten Hörfunks in der sich wandelnden Medienlandschaft. Mediennutzung und Medienangebote im Jahr 2013 sind nicht mit der Nutzung und den Angeboten von vor 10 oder 20 Jahren zu vergleichen. Entwicklungen, die sich aktuell abzeichnen, müssen ernst genommen und es muss entsprechend gehandelt werden. Ein Zurückdrehen der Zeit gegen die Regeln des Marktes ist unmöglich. Das sollte sich regulatorisch entsprechend abbilden.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen hat das für die Regulierung?

Gert Zimmer: Die Regulierung muss sich fragen, welches Ziel sie verfolgen will und welchen Stellenwert der regionale Hörfunk zukünftig einnehmen soll. Ist man bereit, dem Radio eine Perspektive zu bieten oder bleibt man bei einer Regulierung, die der konvergenten Medienrealität nicht gerecht wird? In den Bereichen „Konsolidierung des UKW-Marktes“ und „Liberalisierung der Landesmediengesetze“ gibt es einigen Handlungsbedarf, um Radiosender fit für den konvergenten Wettbewerb zu machen. Hier freuen wir uns auf den weiteren Dialog mit Politik und Regulierung.

Einen weiteren Artikel zum Thema „Der regulierte Hörfunk steht im Wettbewerb mit nicht regulierten Onlineangeboten“ von Gerd Zimmer finden Sie hier.

Die Beiträge wurden in der promedia-Ausgabe Nr. 04/2013 erstveröffentlicht.

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