Medienregulierung:

Der regulierte Hörfunk steht im Wettbewerb mit nicht regulierten Onlineangeboten

von am 08.04.2013 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Internet, Medienpolitik, Medienregulierung, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Rundfunk

<h4>Medienregulierung: </h4>Der regulierte Hörfunk steht im Wettbewerb mit nicht regulierten Onlineangeboten
Gert Zimmer, CEO der RTL Radio Deutschland GmbH, Berlin I © Paul Schirnhofer

Strategische Herausforderungen für den Hörfunk

08.04.13 Von Gert Zimmer, CEO der RTL Radio Deutschland GmbH, Berlin

Der Hörfunkmarkt in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Nicht zuletzt durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahre haben sich die Voraussetzungen für Radiosender stark verändert. Es geht nicht mehr ausschließlich um die Frage, ob die Zukunft des Radios in der digitalen Terrestrik und DABplus liegt. Die Herausforderung für die Branche, sich optimal auf die Bedürfnisse der Hörer und Nutzer einzustellen, ist in einer konvergenten Medienlandschaft wesentlich vielschichtiger.

Die Entwicklung des Radiomarktes wird dabei maßgeblich bestimmt durch:

  1. die Folgen der Digitalisierung,
  2. die Umsetzung einer konvergenten Medienregulierung,
  3. die Wettbewerbssituation im dualen System,
  4. den demografischen Wandel und
  5. den Wandel im Nutzungsverhalten von Medienangeboten.

Radio ist meistgenutztes Medium

Zunächst die gute Nachricht: Das Radio ist wochentags weiterhin das meistgenutzte Medium. Ein sich in den Jahren 2007 bis 2009 abzeichnender Abwärtstrend in der Hördauer konnte abgewendet werden. Nach der letzten Media Analyse erreichen die Radioreichweiten den zweithöchsten Wert seit sieben Jahren. Mit aktuell fast 200 Hörminuten pro Tag ist Radio weiterhin sehr populär.

Parallel dazu steigt seit Jahren die Internetnutzung. Die Folgen dieser Entwicklung stellen den Hörfunk vor große strategische Herausforderungen.

Die konvergente Medienwelt ist keine Zukunftsmusik

Aus heutiger Sicht waren die Angebotsstrukturen und Mediennutzung vor 50 Jahren denkbar einfach: Fernsehen war Fernsehen, Radio war Radio, Print war Print und das Internet gab es noch nicht. Eine Fragmentierung der Angebote lag nicht vor. Komplexität im Audiobereich war das Feinjustieren von UKW-Sendern oder das Bedienen eines Schallplattenspielers. Konvergenz war ein für diesen Bereich unbekanntes Fremdwort.

Wie sieht es heutzutage aus? Wir leben ganz selbstverständlich in einer konvergenten Medienwelt. Die Hörer und Nutzer erwarten uneingeschränkte Vielfalt bei maximaler Flexibilität und Mobilität. Dabei interessieren sie sich weder für technologische Zusammenhänge noch dafür, welche Mediengattung mit welchem Regulierungsgrad jeweils hinter einem bestimmten Dienst steht. Was aus Sicht der Nutzer zu Recht unwichtig ist, ist für die Anbieter, Politik und Regulierung von großer Bedeutung: Sind Bewegtbild-Inhalte gleichzusetzen mit Fernsehen? Ist jeder Audiostream Radio? Steckt hinter einem Online-Portal mit Nachrichten ein Printverlag, ein Medienunternehmen oder ein Aggregator?

Die konvergente, digital geprägte Medienwelt ist Realität. Die Grenzen zwischen den ursprünglich klar voneinander unterscheidbaren Gattungen sind fließend und spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Der regulierte Hörfunk steht zusätzlich im unmittelbaren Wettbewerb mit nicht regulierten Onlineangeboten.

Zunehmend komplexere Angebotsstrukturen

Als Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten und die neuen technologischen Möglichkeiten nutzt inzwischen jeder UKW-Sender ganz selbstverständlich den Simulcastbetrieb via Internet – mit relevanten und steigenden Zugriffszahlen. Apps für sämtliche Smartphone-Betriebssysteme gehören ebenso zum Standard, wie zusätzliche Audiostreams mit Spezialformaten.

Um auf eine mögliche Unübersichtlichkeit der Radioangebote im Internet zu reagieren, gibt es Aggregatoren, wie radio.de oder tunein.com, die Radio-Streams auf ihren Portalen bündeln und abrufbar machen. Für die Nutzer liegt der Vorteil darin, alle Sender in übersichtlicher Form über eine Seite oder App hören zu können. Und Anbieter von Radiosystemen, wie Automobilhersteller, können in Verhandlung mit nur einem Unternehmen ein Portal in ihre Systeme integrieren und haben alle Programme abrufbar.

Radiosender sehen sich aber damit konfrontiert, dass Aggregatoren die Streams nicht nur gebündelt anbieten, sondern zusätzlich eigenständig vermarkten, ohne die Content-Hersteller unmittelbar daran zu beteiligen. Mit der zunehmenden Marktmacht der Aggregatoren kommt hinzu, dass sie die Funktion eines Gatekeepers ausführen. Sie entscheiden, wer gelistet wird und wer nicht und sie entscheiden auch darüber, wer wo gelistet wird. Es entsteht ein Ungleichgewicht zu Lasten der Radiosender. Dabei sind es die Radiosender, die für die Inhalte verantwortlich sind, aufgrund derer Nutzer überhaupt einschalten.

Streamingdienste sind Teil der fragmentierten Angebotsstruktur

Auf der Liste der Angebotsfragmentierung ist mit den Aggregatoren das Ende noch nicht erreicht. Personalisierte Musikdienste, eine Mischung aus Radio und persönlichen Playlists, drängen zusätzlich in den Markt. Im eigentlichen Sinn sind diese Dienste kein Radio. Bedingt durch die Komponente „Audio“ ist das Gefahrenpotenzial für den Hörfunk jedoch klar erkennbar. Ein weiteres Mal befinden sich regulierte Anbieter im direkten Wettbewerb mit unregulierten Anbietern. Und dabei geht es nicht nur um den Wettbewerb im Hörermarkt, sondern insbesondere auch im Werbemarkt.

Liberalisierung der Landesmediengesetze / konvergente Medienregulierung

Angesichts der aktuellen Entwicklungen sind die unterschiedlichen und in weiten Teilen restriktiven Vorgaben zur Sicherung der Meinungsvielfalt in den Landesmediengesetzen nicht mehr zeitgemäß. Während unregulierte Onlinekonzerne problemlos bis in regionale Märkte hinein agieren können, sind regionale Radiosender aufgrund gesetzlich vorgegebener gesellschaftsrechtlicher Strukturen strategisch kaum noch handlungsfähig.

Der alte Grundsatz, dass in Märkten mit begrenzten Kapazitäten viele Gesellschafter für Pluralität sorgen, hat sich überholt. Das Gegenteil ist der Fall. Eine fehlende Angebotsvielfalt ist heutzutage nicht mehr das Problem. Sender mit wenigen Gesellschaftern oder nur einem Gesellschafter halten sich erfolgreicher im Markt, sind innovativer, investitionsfreudiger und damit eher in der Lage, langfristig im Wettbewerb zu bestehen. Sie tragen damit auch mehr zur Vielfaltssicherung bei.

Es ist verwunderlich, dass es – trotz kartell- und medienkonzentrationsrechtlicher Vorgaben – in den Landesmediengesetzen noch immer zusätzliche Einschränkungen in Form von Beteiligungshöchstgrenzen zur Sicherung der Meinungsvielfalt gibt. Für viele Unternehmen stellt dieser Sachverhalt eine doppelte Einschränkung dar. Es bedarf dringend einer Harmonisierung und Liberalisierung der Landesmediengesetze zur nachhaltigen Absicherung der Wettbewerbsfähigkeit privater Veranstalter.

Fungibilität der Beteiligungen

Als positive Folge einer Liberalisierung der Landesmediengesetze kann die notwendige Konsolidierung des UKW-Marktes durch Zusammenschlüsse, Kooperationen oder Joint Ventures leichter umgesetzt werden. Die Möglichkeit, sich an Radiosendern zu beteiligen, muss insgesamt vereinfacht werden. Transparente wirtschaftliche Kooperationen in klar nachvollziehbarer, gesellschaftsrechtlicher Verbundenheit und somit mehr Produkte aus einer Hand müssen möglich sein. Das heißt, dass Anteilsübertragungen nicht mehr zwingend notwendig gleich mit einer kompletten Neuausschreibung der Sendelizenz verbunden sein müssen.

Die Bildung von Senderfamilien und Funkhausmodellen führt zu mehr Vielfalt und nicht zu einer Einschränkung oder Monopolstellung. Mehrere Sender in einer Familie werden sich ausdifferenzieren, verschiedene Zielgruppen ansprechen und somit eindeutig ein breiteres Angebot schaffen. Besonders Zweit- und Drittprogramme (Nischenprogramme), die auf dem aktuellen Hörfunkmarkt kaum eine Chance haben, werden im Verbund lebensfähig, weil das Reichweitenrisiko auf mehrere Produkte verteilt wird und durch Synergien – vor allem in den programmfernen Bereichen, wie Technik, Administration, Vermarktung, Event und Promotion – erst ein wirtschaftlicher Betrieb möglich ist.

Harmonisierung der ARD-Radiowerbung auf NDR-Niveau

Die wirtschaftliche Überlegenheit der öffentlich-rechtlichen Radiosender und ein gebühren-subventioniertes Preisdumping im Werbezeitenverkauf verzerren zunehmend den Markt. Es muss das Ziel sein, Wettbewerbsnachteile für den Privatfunk zu beseitigen und das Preisniveau für Radio insgesamt zu erhöhen. Die Harmonisierung der ARD-Radiowerbung ist ein wichtiger und längst schon überfälliger Schritt. Angelehnt an das funktionierende Modell beim NDR geht es darum, dass zukünftig nur noch 1 Sender pro Anstalt 60 Minuten pro Werktag ausschließlich nationale Werbung ausstrahlen darf. Die Gattung Hörfunk bleibt damit insgesamt kampagnenfähig. Die Harmonisierung der Werbezeiten sichert darüber hinaus die Existenz kleinerer Sender, die Formate außerhalb des Mainstreams anbieten.

Neuordnung der UKW-Frequenzen

Mit ihrer üppigen Frequenzausstattung verfügen die öffentlich-rechtlichen Sender über eine Doppel- und Mehrfachversorgung. Die jüngsten Entwicklungen beim SWR und beim hr – mit Frequenzverschiebungen oder Zuteilung weiterer Stützfrequenzen – belegen diese Überversorgung. Der Tausch von Frequenzen und Umverteilungen müssen grundsätzlich unter Einbeziehung der privaten Seite stattfinden, um in diesem Bereich dem Expansionsstreben der Anstalten in Richtung kommerzieller Jugendwellen Grenzen zu setzen. Solche Entscheidungen darf eine ARD-Anstalt nicht autark treffen, da sich dadurch die Marktsituation im Wettbewerb zu den Privaten massiv verändert.

Vorbild bei einer Neuordnung der UKW-Frequenzen und einem Abbau der Doppel- und Mehrfachversorgung des öffentlich-rechtlichen Hörfunks sollte das „Österreichische Privatradiogesetz“ sein: Stellt die Regulierungsbehörde fest, dass eine ORF-Mehrfachversorgung vorliegt, kann die Nutzungsberechtigung für die Übertragungskapazität entzogen werden und an einen anderen, privaten Anbieter vergeben werden.

Klare Grenzen für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk

Die Schieflage im dualen Rundfunksystem wird außerdem kontinuierlich verstärkt durch Bemühungen der ARD-Sender, weitere Digitalkanäle, neue Spartenprogramme (Sportradio, Kinderradio) und zusätzliche Onlineangebote (Webchannels, Loop-Streams) zu etablieren. Es muss klar formuliert werden, welcher Angebotsrahmen langfristig für die öffentlich-rechtlichen Radiosender gelten soll. Nur verbindliche Vorgaben in den Landesgesetzen ermöglichen es, dass sich private Anbieter verlässlich auf den ohnehin ungleichen Wettbewerb mit den ARD-Sendern einstellen können. Eine klare Eindämmung der Telemedienangebote oder eine zahlenmäßige Deckelung der Webchannels ist dabei ein Schritt in Richtung „Wettbewerb auf Augenhöhe“.

Hinzu kommt, dass es immer mehr die Tendenz zur cross medialen Eigenwerbung und Vermarktung innerhalb der öffentlich-rechtlichen Senderfamilien gibt. In den ARD-Radioprogrammen wird auf entsprechende ARD-Fernsehsendungen hingewiesen und umgekehrt im Fernsehen für Radioprogramme Werbung gemacht. Als Vorbild zur Unterbindung dieser Cross-Promotion-Aktivitäten sollte § 13 ORF-Gesetz gelten. Dieser erklärt das wechselseitige Bewerben der eigenen Programme über die verschiedenen Mediengattungen für unzulässig.

Das bedeutet nicht, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk in seiner zeitgemäßen Entwicklung gesetzlich behindert werden soll. Die Politik muss aber den Mut haben, dem öffentlich-rechtlichen Hörfunk eine Perspektive zu bieten, indem sie verbindlich einen klaren Rahmen der Befugnisse und Verbote schafft. Ansonsten wird es immer wieder „Wildwuchs“ geben, der den Wettbewerb verzerrt und wenig mit den originär öffentlich-rechtlichen Aufgaben zu tun hat.

Risiken regionaler TV-Werbung

Eine Umsetzung der Forderung nach regionaler TV-Werbung hätte für den privaten Hörfunk substanzielle Auswirkungen: Eine kurzfristige Folge nach Einführung wäre die Zunahme des Preiswettbewerbs zwischen den Gattungen Tageszeitung, Außenwerbung und Radio mit rückläufigen Umsätzen und Erlösen bei allen. Damit vermindert sich die Programmqualität, da interne Strukturen verschlankt würden, um Kosten zu sparen. Mittelfristig sinkt die Innovationskraft und langfristig werden lokale und regionale Radiosender nicht mehr betriebswirtschaftlich sinnvoll zu betreiben sein. Die Folge ist der Verlust eines vielfältigen Angebots an klassischen Medien. Dem steht kein nennenswerter Gewinn gegenüber. Umsatzzuwächse durch regionale TV-Werbung werden durch die Brutto-Netto-Schere schnell kompensiert. Bestenfalls tritt eine Abmilderung des Effekts ein. Die Verbraucher aber verlieren publizistische Angebote mit regionaler Kompetenz in der Berichterstattung.

Die Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 04/2013 erstveröffentlicht.

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