Rundfunk:

„Wir haben keine fertigen Konzepte“

von am 22.04.2013 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Internet, Medienpolitik, Medienregulierung, Netzpolitik, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Wir haben keine fertigen Konzepte“
Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks I © NDR/David Paprocki

ARD kämpft mit vollem Einsatz um einen Jugendkanal

22.04.13 Interview mit Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant

Die Intendantinnen und Intendanten der ARD haben sich für eine grundlegende Reform der Digitalkanäle ausgesprochen. In den vergangenen Monaten hatte sich die ARD intensiv darum bemüht, mit dem ZDF einen gemeinsamen Jugendkanal zu initiieren. Das ZDF hält unter anderem aus finanziellen Gründen einen Einstieg frühestens Anfang 2017 für möglich. Die ARD erachtet das als zu spät und schlägt die Fusion der Digitalkanäle von ARD und ZDF vor. Das ZDF lehnt dies ab.

medienpolitik.net: Herr Mamor, warum haben Sie einen solchen radikalen Vorschlag zur Reduzierung der Digitalkanäle vorgelegt, der über das hinaus geht, was bis jetzt die Politik gefordert und auch das ZDF vorgeschlagen hat?

Lutz Marmor: Wir haben die medienpolitischen Situation analysiert, um Vorschläge zu entwickeln, wie wir mehr Jugendliche mit unseren Angeboten erreichen können. Das ZDF ist der Meinung, dass der Jugendkanal wegen fehlender finanzieller Mittel frühestens 2017 starten kann. Wir glauben aber, dass wir gerade jetzt im Zusammenhang mit den Diskussionen über den neuen Beitrag auch für die Jungen im Fernsehen ein Angebot entwickeln müssen. Wir gehen bei unserer mittelfristigen Prognose davon aus, dass es keine zusätzlichen Mittel für neue Projekte geben wird. Das bedeutet, dass wir auf veränderte Mediennutzung nur durch Konzentration, Kooperation und durch das Zusammenlegen der Kräfte reagieren können. Deshalb sollten wir den Mut haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Weil das ZDF ein starker Partner ist, möchten wir an einer Lösung gemeinsam arbeiten.

medienpolitik.net: Der Auftrag muss von der Politik gegeben werden. Die Länder wollen im Sommer über Ihr Konzept reden. Ende 2014 soll der Auftrag präzisiert werden. Im Anschluss daran muss ein neuer Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschlossen werden – dann sind wir ja fast bei 2017.

Lutz Marmor: Sie haben Recht: Das wird nicht rasend schnell gehen. Aber wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit das überhaupt passieren kann. Es wäre meiner Meinung nach realistisch, einen Auftrag für die Zeit ab 1. Januar 2015 zu erhalten. Wenn es dazu ein eindeutiges Signal von den Ländern gibt, kann man auch schon vieles vorbereiten, so dass es am 1.Januar 2015 losgehen könnte. Die Idee vom Start im Jahr2017 war ja auch noch verknüpft mit der Erwartung, zusätzliche Finanzmittel zu bekommen. Das halten wir für schwierig.

medienpolitik.net: Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Frau Dreyer, hat angemahnt, dass bis Ende April ein gemeinsamer Vorschlag von ARD und ZDF zu dem Thema Digitalkanäle vorliegen sollte. Das werden Sie wohl nicht mehr hinbekommen…

Lutz Marmor: Das weiß ich nicht. Ich werde mit Thomas Bellut über dieses Thema reden. Die Zeit ist in der Tat sehr knapp. Ein gemeinsamer Vorschlag wäre wünschenswert, aber ganz so einfach ist das nicht. Wenn wir keine gemeinsame Linie finden, unterbreiten wir der Politik unterschiedliche Angebote. Wir können nicht gezwungen werden, das ZDF-Konzept zu übernehmen und Umgekehrt können wir genauso wenig das ZDF zwingen, unseren Vorschlag zu übernehmen.

medienpolitik.net: Sie haben vor einiger Zeit noch erklärt, dass der Digitalkanal tagesschau24, den der NDR gestaltet, unabdingbar ist. Nun schlagen Sie eine Fusion mit dem Infokanal des ZDF vor. Woher kommt dieser Sinneswandel?

Lutz Marmor: Es ist kein Sinneswandel. Ich möchte einen Nachrichtenkanal wie tagesschau24 weiter erhalten. Ich glaube aber, dass wir einen Nachrichtenkanal gemeinsam noch stärker machen können. Geht man von den heutigen Anforderungen aus, sind wir mit tagesschau24 gut aufgestellt. Aber mittelfristig müssen diese Angebote ausgebaut werden, denn die Ansprüche der Menschen steigen. Dafür reichen die Mittel bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht. Deshalb müssen wir über Kooperationen reden. Wir haben keine fertigen Konzepte. Das hieße ja auch, dass wir dem ZDF ein Konzept überstülpen wollen, das aber ist nicht der Fall. Wir möchten mit dem ZDF ein gemeinsames Konzept entwickeln, das auch anders aussehen kann. Es kann auch sein, dass es nicht funktioniert, aber wir sollten wenigstens den Versuch unternehmen.

medienpolitik.net: Schleswig-Holstein schlägt zum Beispiel vor, keinen eigenen Jugendkanal zu etablieren Fernsehkanal, sondern ab 20:00/21:00 Uhr den KIKA zu nutzen und ansonsten auf digitale Plattformen zu gehen. Wäre das nicht ein guter Vorschlag, auch um Geld zu sparen?

Lutz Marmor: Das können wir alles diskutieren. Ich glaube aber, wir müssen auch diejenigen an einen Fernsehsender binden, die das Netz stark nutzen. Ein 14-Jähriger will nichts mit dem KIKA zu tun haben. Wir brauchen einen starken Fernsehkanal, damit unsere Angebote auch im Netz stark werden. Viele gute Angeboteaus dem Netz versuchen jetzt, den Weg ins Fernsehen zu finden. Deshalb sind wir klug beraten, wenn wir das Fernsehen als Anker für unsere Jugendangebote nutzen.

medienpolitik.net: Sind Sie auch bereit, neben den Digitalkanälen, an anderen Teilen des Programms zu sparen, um einen solchen Jugendkanal zu finanzieren?

Lutz Marmor: Grundsätzlich ist das eine Gesamtbetrachtung. Der Jugendkanal ist uns wichtig. Das ist für uns ein wesentlicher, strategischer Schritt. Wir müssen jetzt erst einmal beginnen und Erfahrungen sammeln. Man muss vielleicht auch nicht sofort mit 24 Stunden Eigenproduktion beginnen, sondern das Programm Zug um Zug ausbauen. Wenn wir dann feststellen, dass unsere Programmplanung andere Akzente braucht, so ist das nicht ausgeschlossen. Wir haben viele junge Formate in unseren Radiowellen. Das ist der Vorteil der ARD: die jungen Radios, die im Netz vertreten sind, stellen auch viele bewegte Bilder online. Wir müssen einen Jugendkanal natürlich auch trimedial denken. Dafür können wir die vorhandenen Kräfte aus allen ARD-Anstalten und auch aus dem ZDF bündeln, das ja sehr gute Formate zum Beispiel bei ZDFkultur hat.

medienpolitik.net: Angenommen und darauf deutet alles hin, der Rundfunkbeitrag bleibt bis 2016 so wie sie sind, welche Konsequenzen hat das für die ARD?

Lutz Marmor: Wir müssen sparen und weiter mit dem vorhandenen Geld auskommen. Und das, obwohl die Ansprüche an uns wachsen: das Programm soll sich weiter ausdifferenzieren, sein Profil schärfen und höchste Qualität bieten. Die Filmproduzenten und Produzentenverbände möchten gerne zusätzliche Angebote, wie auch die Sportverbände. Diese Wünsche können wir nicht alle erfüllen. Deshalb müssen wir jetzt auch häufiger als früher sagen, dass wir bestimmte Dinge gerne realisieren würden, es aber derzeit nicht geht. Das macht die Situation nicht einfacher, weil wir auch Verbündete für unser Programm brauchen. Bei unseren finanziellen Zwängen können wir nicht alles leisten, was gesellschaftlich und programmlich wünschenswert wäre. Also wird es bei uns weitere Konzentrationen und Kooperation auch innerhalb ARD geben.

medienpolitik.net: Das heißt, die Anstalten sind darauf eingestellt, dass es bis 2016 nicht mehr Geld gibt?

Lutz Marmor: Wir arbeiten gerade an der Anmeldung unseres Finanzbedarfs bei der KEF für die Jahre 2013/2016. Dafür gibt es ein vorgeschriebenes Verfahren. Tatsache ist, dass es eine Inflationsrate, höhere Löhne sowie Kostensteigerungen für Lizenzen gibt. 2014 werden wir über einen Zeitraum von sechs Jahren mit stabilen Beiträgen ausgekommen sein, aber natürlich können wir nicht unbegrenzt sparen, ohne dass sich das substantiell auf das Programm auswirkt. Deshalb benötigen wir eine moderate Anpassung an die gestiegenen Kosten. Bereits beim letzten Bericht hat die KEF festgestellt, dass es einen Finanzbedarf gibt. Sie hat ihn aber zurückgestellt, weil sie nicht wusste, was der neue Rundfunkbeitrag bringt. Die ARD-Anstalten werden weiter rationalisieren und leider auch Personal sozialverträglich abbauen müssen. Aber das Geld wird nicht reichen, um trotz konsequenter Rationalisierung zehn Jahre alles weiter finanzieren zu können, was wir bisher leisten. Deshalb ist es nicht auszuschließen, dass wir die KEF um eine bescheidene Anpassung in der Größenordnung der Inflationsrate bitten. Aber wir haben keine Sicherheit und planen deshalb gegenwärtig so, dass wir gegebenenfalls bis 2016 mit den bisherigen Finanzmitteln hinkommen können.

medienpolitik.net: Das heißt, Sie werden aber bei der KEF einen höheren Finanzbedarf anmelden?

Lutz Marmor: Wir werden uns bemühen, wie auch beim letzten Mal, einen großen Beitrag zur Beitragsstabilität durch strenge Sparsamkeit auf der einen Seite und eine moderate Anmeldung auf der anderen Seite zu leisten. Ob dabei ein Restbetrag herauskommt, den wir anmelden werden, kann ich nicht ausschließen.

medienpolitik.net: Die KEF hat Sie und das ZDF immer wieder aufgefordert, mehr Geld durch kommerzielle Tätigkeit einzunehmen. Was können Sie hier noch zusätzlich leisten?

Lutz Marmor: Auch das versuchen wir. Aber das ist leichter gesagt als getan und so viele Möglichkeiten haben wir nicht. So hat die KEF relativ hohe Zinserwartungen – und das ist kein Vorwurf – in den jetzigen Beitrag eingerechnet. Uns werden aus damaliger Sicht Zinsen vorgegeben und in den Rundfunkbeitrag einkalkuliert, die heute seriös nicht zu erreichen sind. Wir haben doch das gleiche Interesse, den Beitragszahler nicht übermäßig zu belasten. Aber die Werbeerträge, und das erleben auch die Privaten, entwickeln sich nicht nach oben. Ich habe nie daran geglaubt, dass ein Projekt wie „Germany’s Gold“ einen großen Geldregen bringen wird. Ich bin Kaufmann und kalkuliere realistisch. Germany`s Gold ist ein sinnvolles Projekt, aber das wird zunächst nur bescheidene Beiträge liefern können – wenn überhaupt

medienpolitik.net: Es steht nicht einmal fest, ob „Germany’s Gold“ überhaupt starten kann. Können Sie sich eine eigene VoD-Plattform der ARD vorstellen?

Lutz Marmor: Ich persönlich setze andere Prioritäten. Das werden unsere Töchter, die das umsetzen müssten, dann hinreichend prüfen. Ich glaube, dass es gut ist, in dem Bereich zu experimentieren und auch einen gemeinsamen Weg zu finden. Denn für den Nutzer ist es nicht nachvollziehbar, wenn er Inhalte auf fünf verschiedenen Plattformen suchen muss. Was den kommerziellen Erfolg angeht, bin ich aber skeptischer als andere.

medienpolitik.net: Das heißt, unter Umständen könnte auch Studio Hamburg eine eigene Plattform starten?

Lutz Marmor: Studio Hamburg vertreibt seine Produkte auf verschiedenen bereits vorhandenen Plattformen. Das halte ich für richtig. Zum Beispiel ist der Anteil der Studio Hamburg Gruppe an „Germany‘s Gold“ ziemlich gering. Aber das ist vielleicht auch ganz gut.

medienpolitik.net: Wie soll es mit der Mediathek weitergehen? Man hört in der letzten Zeit aus der Politik Stimmen, die fordern, über die Sieben-Tage-Regel noch einmal nachzudenken. Würden Sie das begrüßen?

Lutz Marmor: Wir haben die Sieben-Tage-Regel nicht erfunden, das war ein Ergebnis des Beihilfe-Kompromisses in Brüssel. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, das Thema noch einmal zu diskutieren. Aus Nutzersicht ist es unverständlich, eine Mediathek zu finanzieren, bei der man nach sieben Tagen Inhalte aus dem Netz nimmt, um andere zu schonen. Einige Privatsender-Vertreter sagen sogar inzwischen, dass sie nur noch fiktionale Inhalte und Sport befristet einstellen wollen, dass sie aber kein Problem damit hätten, zum Beispiel aktuelle und wissenschaftliche Beiträge unbefristet in die Mediathek zu stellen. Auch die Verlage könnten damit möglicherweise leben. Ich würde auch nach wie vor die begrenzte Verweildauer bei fiktionalen Stoffen oder Sport akzeptieren. Das ist ein Kompromiss. Aber bei anderen Formaten ist eine zeitliche Begrenzung für die Gesellschaft nicht sinnvoll und auch nicht gut mit unserem Auftrag vereinbar. Wir haben ja auch bei anderen Angeboten, die uns wichtig sind, Wege gefunden. Die 20-Uhr-„Tagesschau“ können wir mit Zustimmung unseres Rundfunkrats laut ‚Drei-Stufen-Test‘ unbegrenzt als Zeitdokument ins Netz stellen.

medienpolitik.net: Wenn die Zeitungsverleger Ihnen dabei entgegen kommen, dann könnten Sie doch auch den Zeitungsverlegern bei tagesschau.de entgegen kommen.

Lutz Marmor: Ich habe ja auch gesagt, dass wir gesprächsbereit sind. Es ist die Frage, was „entgegen kommen“ heißt.

medienpolitik.net: …nur noch Videos zu senden.

Lutz Marmor: Nur noch Videos zu senden, ist keine Lösung. Wir müssen an ein vernünftiges Produkt denken, das viele Menschen nutzen möchten. Es ist wichtig, dass wir ein sinnvolles Angebot für die Versorgung mit Nachrichten und Informationen haben. Wir machen doch gar nicht alles platt, wie suggeriert wird, sondern im Gegenteil: Wir erreichen im Netz einen Anteil von unter einem Prozent und damit etwa so viele Nutzer wie die „Süddeutsche Zeitung“. Dennoch wollen wir mit den Verlegern einen Kompromiss finden und ihnen entgegen kommen. Wir haben unser Videoangebot schon deutlich verstärkt und können es noch erweitern. Wir wollen zusätzlich Kooperationen anbieten. Die „Tagesschau“ soll die „Tagesschau“ bleiben, sie wird nicht ins Bunte gehen, sondern die App wird sich eng an der Marke orientieren. Wir sind bereit, offen zu legen, wie unser Haushalt bis 2016 aussieht, weil Verleger die Sorge haben, wir würden sehr viel Geld ins Netz umschichten. Aber die simple Gleichung, es muss weniger Text werden, funktioniert in der heutigen Medienwelt nicht. In der Fernseh-„Tagesschau“ selbst gibt es auch sehr viel Text, das muss man berücksichtigen. Und denken Sie an die Barrierefreiheit: auch dafür brauchen wir Texte.

medienpolitik.net: Die Politik sagt, Sie sollen sich untereinander einigen, sie würde den Rundfunkänderungsstaatsvertrag nicht ändern. Gibt es denn wenigstens weiter Gespräche?

Lutz Marmor: Es gibt nach wie vor Gespräche. Darüber bin ich auch froh. Wir wollen im Dialog bleiben. Aber die Lösung ist nicht einfach. Ich glaube und hoffe immer noch, dass wir einen gemeinsamen Weg finden werden, weil wir genauso an einer starken, unabhängigen Qualitätspresse interessiert sind wie auch die Presse ein Interesse haben sollte, dass es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, der mit seinen Inhalten auch die Qualitätspresse stützt. Ich bin davon überzeugt, dass jemand, der die „Tagesschau“ sieht, auch eher „FAZ“, „Süddeutsche“ und „Welt“ liest und umgekehrt.

medienpolitik.net: Es gibt gegenwärtig mehrere Baustellen, bei denen Sie aktiv sind. Welche von denen möchten Sie bis Jahresende abgeschlossen haben?

Lutz Marmor: Man soll sich nicht selbst unter Zeitdruck setzen. Wenn Sie die Zeit auf Anfang des Jahres 2014 ausweiten, wäre es schön, wenn es uns gelingt, in der ARD einen Vorschlag zum Finanzausgleich zu erarbeiten, was allerdings sehr schwierig sein wird. Ich hätte gerne eine Grundüberlegung, wie es bei den Digitalkonzepten weiter geht – das steht aber nicht alleine in meiner Macht. Wir sollten zudem manche inhaltliche Diskussionen abgeschlossen haben, beispielsweise wie wir die Programmfarben im Ersten optimal mischen.

 

Das Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 05/2013 erstveröffentlicht.

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