Netzpolitik:

„Keiner weiß, was ein Algorithmus gerade macht“

von am 31.05.2013 in Allgemein, Archiv, Infrastruktur, Internet, Interviews, Medienordnung, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Netzpolitik:</h4>„Keiner weiß, was ein Algorithmus gerade macht“
Stephan Noller, Geschäftsführer der nugg.ad

Algorithmen beeinflussen zunehmend die öffentliche Meinung

31.05.13 Interview mit Stephan Noller, Geschäftsführer der nugg.ad

Bei der aktuellen Diskussion über die Sicherung der Meinungsvielfalt spielt bei Suchmaschinen und Aggregatoren die Bedeutung von Algorithmen eine wichtige Rolle. Algorithmen steuern die Suche bei Google oder Youtube, wählen die Empfehlungen bei Amazon oder Zalando aus. Algorithmen sind die Befehle für das Internet und bald für unsere ganze Gesellschaft? Algorithmen sind keine Zufallsprodukte, sie werden bewusst und zielgerichtet programmiert. Ein Algorithmus ist – laut Wikipedia – eine aus endlich vielen Schritten bestehende, eindeutige und ausführbare Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. „Neben gesetzlichen Bestimmungen brauchen wir Grundsätze und Verhaltensmaßstäbe für Unternehmen, die mit Algorithmen arbeiten“, so der Datenfachmann Stephan Noller in einem medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Herr Noller, welche Rolle spielen heute Daten im Netz-Ökosystem?

Stephan Noller: Eine entscheidende Rolle – mittlerweile wird schon davon gesprochen, dass Daten das neue Öl sind. Für Geschäftsmodelle im Internet und Werbung ist das definitiv der Fall, denn nur so kann das Netz Vorteile gegenüber klassischen Medien herausspielen wie z.B. zielgenauere Werbung und eine genauere Steuerung der Anzahl von Einblendungen pro Nutzer etc.

medienpolitik.net: Woher stammen diese Daten?

Stephan Noller: Die Daten stammen aus allen möglichen Quellen, z.B. aus dem Surfverhalten (d.h. welche Webseiten und Inhaltskategorien nutzt ein User häufig), vom Besuch bestimmter Seiten, die Rückschlüsse auf ein Kaufinteresse zulassen (z.B. Schuhe, Flugreisen, Autos), aber zunehmend auch aus Marktforschung und Algorithmen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen heute Daten für unsere Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt?

Stephan Noller: Ich glaube Daten werden, vor allem in Zukunft, für viele Bereiche unseres Lebens eine zentrale Rolle spielen – ganz gleich ob es autonom fahrende Autos, automatische Übersetzungen oder eine auf die persönlichen Interessen zugeschnittene Online-Zeitung ist. Spätestens mit dem Internet der Dinge, wenn immer mehr Alltagsgegenstände permanent mit dem Internet vernetzt sein und immer mehr Maschinen untereinander kommunizieren, werden wir eine Flut von datengetriebenen Anwendungen und Geschäftsmodellen sehen.

medienpolitik.net: Welle Funktion haben innerhalb des „Datenberges“ Algorithmen?

Stephan Noller: Algorithmen haben eine sehr zentrale Funktion – sie ordnen die Daten und behalten den Überblick, ziehen Schlüsse, machen Analysen und werden zunehmend daraus auch Aktivitäten entfalten. Sie werden z.B. einen tagesaktuellen Artikel automatisch verfassen und Konzertkarten buchen, wenn die Sensoren eine Verstimmung der Paarbeziehung erkennen. Dies betrifft aber natürlich auch Dinge, die deutlich gefährlichere Eingriffe darstellen für unsere Gesellschaft, wie z.B. bestimmte Artikel zu unterdrücken oder die Berichterstattung zu einem Thema in eine bestimmte Richtung zu drehen, ohne dass es irgendjemand bemerkt.

medienpolitik.net: Unter welchen Gesichtspunkten werden diese Algorithmen programmiert?

Stephan Noller: Es gibt zwei Klassen von Algorithmen – die einen sollen zielgerichtet eine bestimmte Aufgabe erledigen deren Ergebnis bekannt ist, also z.B. einen Text übersetzen oder errechnen ob ein Surf-Profil eher einer Frau oder einem Mann entspricht. Andere Algorithmen sollen ergebnisoffen Erkenntnisse generieren und Zusammenhänge in Daten finden, die nicht offensichtlich sind. Das wird mit zunehmender Datenmenge natürlich immer interessanter, aber auch gefährlicher, denn der Fortschritt in dieser Branche kommt tatsächlich weniger von besseren Algorithmen als von den immer größeren Datenmengen, die immer besser zugänglich gemacht und kombiniert werden können.

medienpolitik.net: Bei Suchmaschinen bestimmen Algorithmen die Reihenfolge der Suchergebnisse. Welche Rolle spielen dabei die individuellen Nutzerdaten, z.B. was er bisher gesucht hat?

Stephan Noller: Bis vor kurzem spielten die individuellen Nutzerdaten eigentlich keine Rolle. Der Anspruch bestand darin die objektiv besten Ergebnisse für eine Anfrage zu finden, d.h. jeder hat zu einer bestimmten Anfrage auch die gleichen Ergebnisse bekommen. Inzwischen hat sich das deutlich verändert und in der Regel wird nach unterschiedlichsten Kriterien gefiltert wie das Ergebnis zeigt. So hat beispielsweise das WSJ im vergangenen Herbst nachgewiesen, dass Leute die zuvor nach Obama suchten bei späteren Suchanfragen z.B. nach Umweltkatastrophen pro-Obama gefilterte Ergebnisse sahen, d.h. mehr Ergebnisse in denen Obama sich engagierte oder sich zu dem Thema äußerte. Wenn zuvor nach Romney gesucht wurde, war dieser Filter hingegen nicht aktiv…

medienpolitik.net: Damit können Algorithmen auch die öffentliche Meinung beeinflussen?

Stephan Noller: Algorithmen übernehmen in vielen Fällen die redaktionelle Kontrolle der Auswahl von Artikeln und manchmal werden die Artikel selbst sogar von diesen geschrieben. Sie tun das sehr effizient und meistens in Millisekunden, unter Berücksichtigung hunderter Parameter und mit komplexen mathematischen Modellen, die sich selbst optimieren und lernen können. Dass mit dieser Filterung die öffentliche Meinung beeinflusst werden kann, ist im Prinzip unbestritten. Problematisch ist vor allem, dass es keiner merken würde und nur wenige genau wüssten was der Algorithmus gerade macht und warum.

medienpolitik.net: Finden wir Algorithmen nur bei der „Suche“ im Internet oder steuern sie die Information auch an anderer Stelle im Web?

Stephan Noller: Carol Bartz, die ehemalige Chefin von Yahoo, hat vor einigen Monaten in einem Interview mit Michael Arrington (http://www.youtube.com/watch?v=MFeDHeJnx4g) gesagt, dass Yahoo mehr als 1 Million unterschiedlicher Varianten der Homepage des Unternehmens ausliefert – weil diese nach Interessen des Users gefiltert im Moment des Aufrufes zusammengebaut werden. Eine derartige Personalisierung von Webseiten wird seit Jahren erforscht, weiterentwickelt und wird in Zukunft auf immer mehr Webseiten zu sehen sein – oder auch nicht, denn eine wichtige Frage wird sein, wie transparent dieser Filterprozess für den Nutzer der Seite sein wird.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen Filter?

Stephan Noller: Filter spielen eine sehr wichtige Rolle, denn die viel gescholtene Informationsflut nimmt im Internet natürlich immer weiter zu und Nutzer werden sich über unterschiedlichste Verfahren Informations-Universen bauen, die ihren Interessen und ihrem Geschmack entsprechen. Geschichten über ertrunkene Flüchtlinge werden da eventuell nicht so häufig vorkommen.

medienpolitik.net: Kann man das nicht als Zensur bezeichnen?

Stephan Noller: Grundsätzlich natürlich nicht. Zensur ist ein klar definierter Eingriff in die Informationsverbreitung, meistens von Staaten. Insofern ist der Vergleich unangemessen. Ich finde es aber dennoch interessant, dass die Techniken zur gewünschten Filterung von Informationen in der Personalisierung und die der Netz-Zensur teilweise identisch sind – so verwenden z.B. einige Unternehmen die sog. Deep Packet Inspection, um Interessen von Nutzern herauszufiltern – eine Technologie die ursprünglich als Abhörtechnik entwickelt wurde und den vollen Zugriff auf alles, was über die Leitung geht, ermöglicht. Das sind zwar eher schwarze Schafe in der Industrie, aber es demonstriert wie genau man hinschauen sollte bei der Bewertung der algorithmischen Filterung.

medienpolitik.net: Kann und sollte es für Algorithmen ethische Grundsätze geben?

Stephan Noller: Ja, davon bin ich überzeugt. Natürlich sind ethische Grundsätze für den Einsatz von Algorithmen gemeint, denn neben gesetzlichen Bestimmungen brauchen wir Grundsätze und Verhaltensmaßstäbe für Unternehmen, die mit Algorithmen arbeiten – schlicht weil die Entwicklung zu schnell voranschreitet und die Einsatz-Zwecke zu komplex sein werden. Da können gesetzliche Regelungen nur den Rahmen setzen: Ein respektvoller Umgang mit den Technologien und ein Commitment auf Transparenz und Kontrolle für den User kann letztlich nur von Unternehmen umgesetzt werden.

medienpolitik.net: Wie sollten diese aussehen?

Stephan Noller: Ich glaube man könnte mit ein paar einfachen Prinzipien anfangen. Zum einen wäre da Transparenz, d.h. Nutzer sollen immer sehen können, wenn Algorithmen im Einsatz sind und etwas filtern. Auch Kontrolle ist unumgänglich, d.h. man sollte immer eine Variante ohne algorithmische Filterung aktivieren können. Darüberhinaus wäre es schön, wenn Unternehmen Algorithmen offenlegen würden. Allerdings ist das schon ein recht hoch gestecktes Ziel.

Dieses Interview wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 06/2013 erstveröffentlicht.

 

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