Netzpolitik:

„Wie sozial ist Social Media noch?“

von am 06.05.2013 in Allgemein, Archiv, Internet, Medienpolitik, Netzpolitik, Netzpolitik

<h4>Netzpolitik:</h4>„Wie sozial ist Social Media noch?“
Andreas Gebhard, Geschäftsführer der newthinking communications GmbH und Geschäftsführer der republica GmbH

Re:publica 2013 diskutiert aktuelle und historische Medienumbrüche

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06.05.13 Interview mit Andreas Gebhard, Geschäftsführer der newthinking communications GmbH und Geschäftsführer der republica GmbH

Am Montag, den 6. Mai, eröffnet die re:publica. Unter dem Motto „In/Side/Out” diskutieren die kreativen Köpfe der Netzwelt die „Umstülpung der digitalen Gesellschaft“. Was 2007 als „Klassentreffen“ von Bloggern, Internetaktivisten und Netzintellektuellen unter dem Motto „Leben im Netz“ mit 700 Teilnehmern begann, ist mittlerweile die größte Konferenz Deutschlands über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft herangewachsen. Hier begegnen sich Communities, Vordenker, Netzaktivisten und etablierte Organisationen zum Ideen- und Erfahrungsaustausch. Die re:publica versteht sich als Spiegel der digitalen Gesellschaft genauso wie als Plattform der aktiven Netzgemeinde.

medienpolitik.net: Herr Gebhard, 2013 findet die siebente re:publica statt. Was unterscheidet die siebente von der ersten vor allem thematisch?

Andreas Gebhard: Zunächst muss man sich die Zahlen vor Augen führen. Wo 2007 bei der ersten Veranstaltung 700 Personen anwesend waren, werden wir zwischen dem 06. – 08. Mai 2013 knapp 5.000 Leute begrüßen dürfen. Dieses gesteigerte öffentliche Interesse wird auch durch die nun zum zweiten Mal stattfindende Kooperation mit Spiegel Online dokumentiert, die zur Folge hat, dass das Programm unserer Hauptbühne als Live-Stream auf der SpOn-Startseite präsentiert wird.

Inhaltlich zeigt dies vor allem eins: die re:publica begleitet die Entwicklung von Netzthemen in die Mitte der Gesellschaft. Hier werden Trends diskutiert und bisweilen geschaffen. Sie müssen sich das einmal vor Augen führen: Twitter wurde wenige Wochen vor der ersten re:publica gestartet. Was sich also in den sieben Jahren in der digitalen Welt entwickelt hat, ist enorm. Wir selber beschreiben das gern mit der Wandlung von einem Bloggertreffen über eine Web 2.0 und Social Media Konferenz hin zu einer internationalen Plattform für die digitale Gesellschaft.

medienpolitik.net: Was will die re:publica 2013?

Andreas Gebhard: Wir wollen, wie schon seit der ersten Veranstaltung, eine Plattform bieten, auf der sich die unterschiedlichen Biographien und Hintergründe der Teilnehmer miteinander vernetzen können. Digital ist Alltag aber wie wirkt sich das aus und wie ist das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure aus Kultur, Technik, Business, Politik und Öffentlichkeit? Natürlich soll das auch Spaß machen und wir wollen spannende Vorträge hören. Die zwei wichtigsten Motivationen, um zu uns zu kommen sind Wissen und Netzwerken. Die Teilnehmer der re:publica 2013 sind so international wie nie. Ich rechne mit Menschen aus 50 Ländern!

medienpolitik.net: Es gibt jährlich dutzende von relevanten Veranstaltungen, die sich mit neuen Medien befassen. Was macht die re:publica einzigartig?

Andreas Gebhard: Dutzende? Ich würde eher sagen hunderte bis tausende! Da fehlt mir aber die Übersicht. Wir schauen da auf uns. Wir als Gründerteam wollen auf jeden Fall immer wieder eine Veranstaltung machen, auf die wir selber gehen würden. Von der Stimmung, von den Inhalten. Die re:publica wird 2013 sehr groß mit über 350 Referenten und hunderten von Vorträgen und Diskussionen. Im letzten Jahr haben wir es in unserer neuen Location, der STATION-Berlin (auf über 20.000 qm) geschafft auf der einen Seite familiär und gemütlich zu sein und auf der anderen Seite sowohl „Business-“ als auch „Communityrelevant“ zu bleiben. Dazu kommt, dass wir uns wie gesagt nicht mehr „nur“ mit neuen und alten Medien befassen, sondern alle Aspekte der Gesellschaft abdecken, von Entwicklungszusammenarbeit über Kultur bis hin zur Wissenschaft. Die Mischung muss einfach stimmen. Da haben wir eine ansprechende Mixtur entwickelt.

medienpolitik.net: Wo liegen die thematischen Schwerpunkte 2013?

Andreas Gebhard: Die Schwerpunkte sind in diesem Jahr wieder ganz unterschiedlich verteilt. Wir haben Netzaktivisten, Social Media-Experten und Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen. Im Themenschwerpunkt „Schöne neue Arbeitswelt“ wird Deutschlands profilierteste Soziologin Jutta Allmendinger über neue Arbeitsmodelle für unsere Gesellschaft sprechen. Bildung ist in Form der Subkonferenz re:learn ebenfalls ein ganz wichtiges Thema. Hier wird Andreas Schleicher von der OECD („Mr. PISA“) erklären, welche Kompetenzen in Zukunft zählen und was auf die Bildungspolitik zukommt. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung werden wir untersuchen, wie ambivalente Technologien die Grenzen der Offenheit unserer Gesellschaft herausfordern. Außerdem ein Schwerpunkt ist die internationale Technologieszene in Afrika und anderen Entwicklungsregionen, wo sich ungeheuer viel getan hat in den letzten Jahren. Zu diesem Themen haben wir eigens eine Global Innovation Lounge auf der re:publica.

medienpolitik.net: Welche Fragen interessieren Sie vor allem 2013?

Andreas Gebhard: Die Hauptfrage, die sich auch in unserem Motto IN/SIDE/OUT spiegelt, lautet: Wie wirkt sich die Transformation, die die digitale Gesellschaft aktuell durchlebt auf unser aller Leben aus und wie können wir diese Auswirkungen zum gesellschaftlichen Nutzen aller gestalten?

medienpolitik.net: Wo sind thematisch bei der re:publica die Berührungspunkte zu Medienpolitik oder interessiert der „Dampfrundfunk“ gar nicht mehr?

Andreas Gebhard: Natürlich schauen wir auf der re:publica grundsätzlich nach vorne – medientechnologisch aber auch medienpolitisch. Im Programm finden sich viele Sessions, die den klassischen Medien und dem guten alten Rundfunk auf die Finger schauen. Welche Aufgaben übernehmen zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Anstalten im digitalen Zeitalter? Wie kann eine (digitale) Grundversorgung der Medien im 21. Jahrhundert aussehen? Und natürlich werden auch aktuelle medienpolitische Diskussionen wie der Kampf um das Leistungsschutzrecht für Presseverleger auftauchen. Genauso erlauben wir aber auch den Blick zurück, denn aus vergangenen Medienumbrüchen kann man viel lernen: Wir beschäftigen uns mit einer Medientheorie des Papiers, wir haben den Sohn von Konrad Zuse eingeladen, um über die Erfindung des Computers zu sprechen und auch Fernsehmacher, die sich für die Verbindung zwischen klassischem Fernsehen und Social Media interessieren, kommen nicht zu kurz.

medienpolitik.net: Welche Rolle werden netzpolitische Themen spielen?

Andreas Gebhard: Die Themen, die wir allgemeinen als Netzpolitik verstehen, werden immer einen Stellenwert auf der re:publica haben, denn wir sind ja auch als politische Konferenz sichtbar. Auf der Agenda ganz oben stehen da so Dinge wie die neue europäische Datenschutzverordnung, Vorratsdatenspeicherung, Offene Daten und Transparenz etc. Doch das sind alles nur Einzelaspekte. Wir möchten auf der re:publica grundsätzlich darüber diskutieren, welche Bedeutung das Internet für den strukturellen Wandel von Gesellschaft hat.

medienpolitik.net: Ist Social Media noch ein Thema für die re:publica oder ist das bereits Alltag?

Andreas Gebhard: Für 99% der Menschen, die auf die re:publica kommen ist Social Media natürlich schon längst Alltag und so selbstverständlich wie die Dusche am Morgen. Und trotzdem gibt es in diesem riesigen Feld immer wieder spannende und neue Entwicklungen, über die wir diskutieren möchten. Betrachtungen zum sozialen Kontext von Crowdsourcing oder Netzwerkanalysen der Twittersphäre gehen beispielsweise über die alltägliche Erfahrung der Besucher hinaus und bieten damit auch einen diskursiven Mehrwert.

medienpolitik.net: Wo liegen bei Social Media gegenwärtig die wichtigsten Fragen?

Andreas Gebhard: Facebook verliert zum ersten Mal in seiner Unternehmensgeschichte in der jungen Zielgruppe. In den USA und Deutschland sind die Benutzerzahlen hier zuletzt zurückgegangen. Nur eine Delle in der Statistik oder deutet sich hier bereits eine Trendwende an? Twitter macht zuletzt mit der Abschottung des Dienstes Schlagzeilen. Gleichzeitig tauchen immer wieder neue Dienste und Plattformen auf, die frisch und ungewöhnlich daherkommen, Snapchat, App.net oder Vine zum Beispiel. Da sind jetzt nur kleine Beispiele. Im Großen geht es darum, was das eigentlich bedeutet, wenn riesige private – teilweise börsennotierte – Unternehmen mit Shareholdervalue-Interessen die komplette Dokumentation und Archivierung unseres Privatlebens für uns übernehmen. Und wie sozial ist Social Media eigentlich noch?

medienpolitik.net: Wie verändern sich dadurch die Mediennutzung und der Mediennutzer?

Andreas Gebhard: Menschen, die viel im Netz unterwegs sind, haben in vielen Fällen das klassische Mediensystem vielleicht nicht unbedingt aufgegeben – aber sicher bewegen sie sich längst in ganz eigenen Kanälen, die sich immer mehr verzweigen. Inhalte werden zeitsouverän genutzt und per Social Media begleitet. Dieses Rad lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Wenn sie heute einem 17jährigen Jugendlichen mit einigermaßen Netzkompetenz erklären wollen, dass noch zum Ende des 20. Jahrhunderts unsere Lieblingsserien im TV nur einmal in der Woche zu einem festen Termin ausgestrahlt wurden und wenn wir eine Folge verpasst hatten, danach manchmal Jahre auf eine Wiederholung warten musste… Viel Spaß dabei!

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