Rundfunk:

„Fernsehen ist noch lange das Lead-Medium“

von am 27.05.2013 in Allgemein, Archiv, Infrastruktur, Internet, Interviews, Jugendkanal, Medienpolitik, Medienregulierung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Fernsehen ist noch lange das Lead-Medium“
Honorarfrei - nur fŸr diese Sendung bei Nennung ZDF und Carmen Sauerbrei
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF-Intendant verteidigt sein Konzept der Digitalkanäle

27.05.13 Interview mit Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Thomas Bellut, Intendant des ZDF hat in einem medienpolitik.net-Gespräch sein Festhalten an zwei Digitalkanälen verteidigt: Wir haben mit diesen Angeboten zum ersten Mal in unserer 50jährigen Geschichte die Chance, außerhalb des Hauptprogramms neue Formate und neue Köpfe auszuprobieren. Alle anderen Player im deutschen TV-Markt sind spätestens seit Mitte der 90-er Jahre als Programmfamilien aufgestellt. Zugleich warf Bellut der ARD vor, mit ihm im Vorfeld nicht das Gespräch über den ARD-Vorschlag geführt zu haben und über kein Konzept für die Entwicklung der Digitalkanäle zu verfügen. In dem Gespräch verteidigt der ZDF-Intendant den Wettbewerb zwischen beiden öffentlich-rechtlichen Senderfamilien „als Wettstreit um Qualität“.

medienpolitik.net: Herr Bellut, Es hat, anders als die Politik das offenbar erwartet hat, kein gemeinsames Konzept von ARD und ZDF für die Digitalkanäle gegeben. Warum konnten Sie sich nicht einigen?

Thomas Bellut: Die Rundfunkkommission der Länder hatte uns und die ARD im vergangenen Herbst aufgefordert, bis Ende April jeweils eine Fortschreibung der Konzepte für unsere Digitalstrategie vorzulegen. Genau das hat das ZDF in Absprache mit seinen Gremien getan. Das Papier baut auf der kontinuierlich und konsequent entwickelten Digitalstrategie auf, die das ZDF in den letzten 10 Jahren gemeinsam mit seinen Gremien erarbeitet und umgesetzt hat. Wir wollen uns auf unsere Onlineportale und auf ZDFneo und ZDFinfo konzentrieren. Beides Kanäle, in denen wir Neues testen und ein jüngeres Publikum erreichen. Wir haben angeboten, auf ZDFkultur zu verzichten. Das fällt zwar nicht leicht, weil dort mit sehr viel Engagement und Esprit innovatives Fernsehen produziert wurde. Nach Lage der Dinge mussten wir aber eine Priorisierungsentscheidung treffen. Das Konzept hat die Unterstützung der Gremien und wurde von mir in gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Vorsitzenden des Fernsehrates der Öffentlichkeit vorgestellt. Nachdem die notwendige Zustimmung unserer Gremien vorlag, habe ich die ARD benachrichtigt. Da sich unsere Entscheidungen ausschließlich auf das ZDF bezogen und keinerlei Auswirkungen auf die ARD haben, war dies ein vertretbares Vorgehen. Der Vorschlag der ARD, der sich wider Erwarten nicht allein auf die ARD bezog, kam – wenige Tage, bevor die Konzepte bei den Ländern abgegeben werden sollten – für mich aus heiterem Himmel. Die ARD hat im Vorfeld nicht mit mir das Gespräch gesucht, wobei es vielfache Möglichkeiten gegeben hätte, z. B. beim Spitzengespräch von ARD und ZDF, das zuletzt im März stattgefunden hat. Der Vorschlag der ARD ist für mich – nicht nur aus diesem Grund – keine Grundlage für ein gemeinsames Digitalkonzept.

medienpolitik.net: Der Ansatz der ARD ist radikal und einfach. Auf einen Schlag verschwinden drei Digitalkanäle. Was ist daran falsch?

Thomas Bellut: Es kann nicht darum gehen, eine bestimmte Zahl an Kanälen zu reduzieren, sondern konkrete Einsparpotentiale zu beschreiben. Gleichzeitig müssen wir den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag erfüllen. Das ZDF hat die Beauftragung der Digitalkanäle im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ernst genommen und gezeigt, dass es in der Lage ist, jüngere Zuschauer mit einem öffentlich-rechtlichen Qualitätsangebot zu erreichen. Wir haben das übrigens ohne zusätzliche Gebühren aus dem bestehenden Etat finanziert, weil die Digitalkanäle für uns – anders als für die ARD – sehr wichtig sind. ZDFneo und ZDFinfo erreichen inzwischen im Gesamtmarkt rund zwei Prozent Marktanteil und ein Publikum das deutlich jünger als beim Hauptprogramm ist. Täglich schalten 2,7 Mio. bzw. 2,2 Mio. Menschen ZDFneo bzw. ZDFinfo ein. Im Digitalmarkt liegt ZDFneo bei den jüngeren Zuschauern vor zahlreichen Dritten Programmen. ZDFinfo spielt im Digitalmarkt in einer Liga mit N24, n-tv oder Phoenix. Wir haben mit diesen Angeboten zum ersten Mal in unserer 50jährigen Geschichte die Chance, außerhalb des Hauptprogramms neue Formate und neue Köpfe auszuprobieren. Alle anderen Player im deutschen TV-Markt sind spätestens seit Mitte der 90-er Jahre als Programmfamilien aufgestellt. Falsch an dem Vorschlag ist, dass er offensichtlich aus der Not entstanden ist, weil kein eigenes Digitalkonzept vorlag. Er gibt keine Antwort auf die Frage, ob eine Zusammenlegung der Digitalkanäle wirklich mehr Effektivität und Einsparungen brächte. Ich bezweifle das. ZDFneo und ZDFinfo sind beim ZDF als Hauptabteilungen organisiert und vollständig in das Unternehmen integriert. Sie profitieren dadurch in hohem Maße von der Synergie mit anderen Bereichen und Redaktionen des Hauses. Die Partnerkanäle haben dem gegenüber eigene Strukturen, die sich aus dem Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Unternehmen notwendigerweise ergeben. Der Koordinierungsaufwand ist beträchtlich und die jeweilige innere Organisation ist es auch. Das macht bei KiKa und Phoenix durchaus Sinn, die in anderen Zeiten unter anderen Bedingungen entstanden sind. Das ist aber kein Modell für die Zukunft der Digitalkanäle. Hier sollte man vielmehr über eine Aufteilung nachdenken: Das ZDF macht ZDFneo und ZDFinfo und die ARD den Jugendkanal. Mit ihren Jugendwellen besitzt die ARD unschätzbare Anknüpfungspunkte, die wir nicht haben.

medienpolitik.net: Ihr Kollege, der ARD-Vorsitzende Lutz Mamor, hat im Interview mit medienpolitik.net sinngemäß gesagt, ein gemeinsamer Jugendkanal könne mit seinem Konzept, schneller und vor allem ohne zusätzliche Finanzmittel gestartet werden…

Thomas Bellut: Es mag sein, dass die ARD das stemmen könnte. Das ZDF kann es definitiv nicht. Wir befinden uns seit zwei Jahren in einem massiven Sparmodus. Es gibt die Vorgabe der KEF, rund 400 Vollzeitstellen im Personalbestand abzubauen. Wir haben den Ausbau unserer Digitalkanäle ohne zusätzliche Mittel finanziert. Und wir müssen damit klar kommen, dass die Gebührenanpassungen sehr lange unterhalb der Preissteigerung lagen und noch liegen werden. Das ZDF kann sich deshalb nicht an einem neuen Sender beteiligen, solange es dafür keine umfassende Beauftragung gibt und die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen nicht bewilligt sind. Daher unser pragmatischer Vorschlag, eine effiziente Aufgabenteilung vorzunehmen. Die ARD ist offenbar im Stande, einen Jugendkanal zu stemmen und hat über die jungen Radiowellen bereits Strukturen und Kompetenzen, die wir so nicht haben. Dagegen existiert mit ZDFinfo und ZDFneo bereits ein attraktives und ausbaufähiges Informations- und Unterhaltungsangebot für die mittleren Altersgruppen.

medienpolitik.net: Sie betonen immer wieder den Wettbewerbscharakter zwischen ARD und ZDF. Ist nicht angesichts der veränderten Mediennutzung und der begrenzten finanziellen Mittel eher Arbeitsteilung als ein Wettbewerb zwischen ARD und ZDF anzustreben?

Thomas Bellut: Wir arbeiten an vielen Stellen sehr gut zusammen. Ich denke, es geht um Beides. Der Wettbewerbscharakter ist mir wichtig, und zwar als Wettstreit um Qualität. Das Publikum profitiert davon, wenn unsere Nachrichtenredakteure, die Magazinmacher, die Fiktionredaktionen darum wetteifern, die bessere Qualität zu bieten. Ich glaube, das ist mit ein Grund dafür, dass wir in Deutschland eines der hochwertigsten TV-Angebote weltweit haben. Andererseits gibt es Bereiche, in denen eine Arbeitsteilung angesagt ist. Beim KiKA oder bei Phoenix und noch mehr bei 3sat und ARTE wissen viele Zuschauer gar nicht, dass ARD und ZDF dahinter stehen. Sie nehmen es als ein öffentlich-rechtliches Qualitätsangebot, das über den Rundfunkbeitrag finanziert wird. Von daher ist es ohne weiteres vertretbar und machbar, wenn im Bereich der Zielgruppenansprache ein Jugendkanal von der ARD veranstaltet würde und ZDFneo und ZDFinfo die mittleren Altersgruppen anspricht.

medienpolitik.net: Das Durchschnittsalter der Zuschauer von ZDFneo beträgt 51 Jahre. Wie wollen sie vor allem die 19-29-Jährigen erreichen, wenn Sie einen Jugendkanal ablehnen?

Thomas Bellut: Das stimmt so nicht. Wir lehnen einen Jugendkanal nicht ab. Wir sind auch grundsätzlich bereit, das mit der ARD gemeinsam zu machen. Der Dissens besteht bei der Definition der Voraussetzungen. Wenn die Gesellschaft, wenn die Politik einen gemeinsamen ARD-/ZDF-Jugendkanal will, dann muss der nach den Spielregeln unserer Medienordnung vom Gesetzgeber beauftragt und entsprechend ausgestattet werden. Das bedeutet dann aber, dass ein Schnellschuss, wie ihn die ARD favorisiert, mit uns nicht geht. Wir wollen einen Erfolg, der aus unserer Sicht nur möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. ZDFneo ist, wie Sie richtig sagen, im Durchschnitt rund 10 Jahre jünger als das ZDF-Hauptprogramm und übertrifft damit alle Erwartungen, die bei der Politik und von uns an den Sender gestellt wurden. Es ist im Übrigen das gleiche Durchschnittsalter, das der ‚junge‘ Sender RTL erreicht und liegt ungefähr beim Altersdurchschnitt der deutschen Fernsehzuschauer. Bei den 19-29jährigen legen wir übrigens zu – bei ZDFinfo noch mehr als bei Neo.

medienpolitik.net: „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat unter vollem Einsatz der Online-Medien überdurchschnittlich viele jüngere Zuschauer erreicht. Könnte das nicht ein Modell auch für andere ZDF-Angebote sein?

Thomas Bellut: Das machen wir doch schon lange. Das ist ein Ergebnis unserer Strategie, die wir seit Jahren vorangetrieben haben. In unserer Digitalstrategie geht es nur nicht um die Digitalkanäle, sondern auch um eine intelligente Vernetzung der Plattformen, über die wir unsere Inhalte ausspielen. Ein ganz entscheidender Faktor ist die ZDFMediathek, die zentrale Plattform unserer Online-Aktivitäten. Da geht es nicht nur um zeitversetzte Nutzung, sondern auch darum, die Inhalte im Netz zu erweitern. Beispielhaft konnte man das bei den letzten Olympischen Sommerspielen beobachten. Dort gab es neben den journalistischen, eher zusammenfassenden Darstellungen im Hauptprogramm sechs zeitgleiche Online-Streams, bei denen sich die interessierten Nutzer je nach Interessenslage ganze Wettbewerbe anschauen konnten. Daneben gab es ein breites Angebot an Informationen über die Sportler, die Disziplinen bis hin zur Geschichte der Olympischen Spiele. Cross-Medialität und Interaktivität sind Schlüsselbegriffe für diese neue Form. „heute journal“-Plus ist ein weiteres typisches Beispiel dafür. Wir bieten auch gezielt für die netzaffine Gruppe Second Screen Angebote an, z.B. bei „Letzte Spur Berlin“ oder „Wetten, dass..?“.

medienpolitik.net: Der 12. RÄStV sollte die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Verbreitung seiner Inhalte über digitale Vertriebswege sichern. Wie hat sich der 12. RÄStV, der vor vier Jahren in Kraft trat, bewährt?

Thomas Bellut: Der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist ein Meilenstein, der sich im Großen und Ganzen bewährt hat. Er hat das ZDF in die Lage versetzt, sich in einer Programmfamilie aufzustellen und zeitgemäße, öffentlich-rechtliche Angebote zu entwickeln und anzubieten, die gerade auch für jüngere Menschen attraktiv sind. Über Punkte wie Verweildauerkonzepte oder das Verbot des Angebots von Kaufware würden wir vor dem Hintergrund der Debatte um einen Jugendkanal allerdings gern noch mal mit den Ländern sprechen.

medienpolitik.net: Ist damit die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gesichert?

Thomas Bellut: Der Bestand und die Entwicklungsfähigkeit ist durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gesichert. Bei allen Diskussionen über den Umfang der Angebote, gibt es einen breiten Konsens darüber, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk ein grundlegender Teil der deutschen Medienlandschaft ist. Das gilt bei aller Kritik an einzelnen Produkten auch für die Zuschauer, die die Angebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio nach wie vor in hohem Maße nutzen, obwohl es Jahr für Jahr mehr kommerzielle Angebote gibt. Es wird auch immer mehr erkannt, dass in Zeiten, in denen Zeitungen und Zeitschriften immer stärker unter ökonomischen Druck geraten, wirtschaftlich unabhängige Medien eine wachsende Bedeutung für den Journalismus haben.

medienpolitik.net: Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks soll präzisiert oder möglicherweise auch reduziert werden, um den Rundfunkbeitrag möglichst lange stabil zu halten. Wie sehen Sie den Grundversorgungsauftrag für das ZDF in der digitalen Welt?

Thomas Bellut: Wir müssen unsere Qualitätsinhalte auf den relevanten Plattformen so präsentieren, dass sie für unterschiedliche Gruppen unserer Gesellschaft attraktiv sind. Wir müssen als medialer Faktor in unsere Gesellschaft hineinwirken und diese über die zentralen Themen unserer Zeit ins Gespräch bringen, so wie uns das etwa mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder „Und alle haben Geschwiegen“ sehr gut gelungen ist. Mit einem einzigen TV-Kanal ist es bei dem hoch differenzierten Nutzungsverhalten der Menschen nicht möglich alle Gruppen der Gesellschaft ausreichend zu erreichen. Dafür brauchen wir die Digitalkanäle, unsere Onlineangebote.

medienpolitik.net: Man konnte vor vier Jahren hören, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Nutzung neuer Medien durch den 12. RÄStV beschränkt sei. Hat sich das bewahrheitet?

Thomas Bellut: Einschränkungen bestehen für uns in zeitlicher, inhaltlicher, finanzieller und struktureller Hinsicht. Diese haben bekanntermaßen dazu geführt, dass wir bis zu 80 Prozent unserer Inhalte aus dem Netz nehmen mussten. Vor allem bei der Entwicklung neuer Angebote sind wir mit dem recht komplizierten Drei-Stufen-Test deutlichen Auflagen unterworfen. Mit den inzwischen genehmigten Angeboten können wir allerdings gut arbeiten.

medienpolitik.net: Verschiedene Politiker unterstützen Ihre Forderung, die Sieben-Tage-Regelung der Mediathek zu überdenken. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Thomas Bellut: Die Begrenzung der Verweildauer war ein Zugeständnis an die Verleger, das von Anfang an problematisch war. Das Netz lebt von der dauerhaften Auffindbarkeit seiner Inhalte. Dass wir kontinuierlich und in großem Umfang Inhalte löschen müssen, versteht niemand. Daher ist es völlig klar, dass in der Politik die Frage gestellt wird, ob diese Limitierung bleiben soll. Die meisten Abrufe gibt es ohnehin in den Tagen unmittelbar nach der Ausstrahlung. Alles andere fällt unter „special interest“. Da stellt sich schon die Frage, warum Menschen, die nach Wochen, Monaten oder Jahren, eine bestimmte Sendung sehen möchten, davon abgehalten werden.

medienpolitik.net: Sehen Sie noch anderen Änderungsbedarf im 12. RÄStV?

Thomas Bellut: Die Rundfunkstaatsverträge werden regelmäßig den geänderten Gegebenheiten angepasst. Unsere Medienordnung ist ein dynamischer Prozess. Wenn in diesem Zuge die Limitierung der Verweildauerregelung aufgehoben würde, wäre das ein großer Fortschritt. Davon abgesehen, stellen sich für die Medienpolitik heute viele neue Fragen, etwa im Hinblick auf die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen, Organisationen und Institutionen Bewegtbildangebote herstellen und verbreiten, ohne dass sie den Regeln des Rundfunks unterworfen sind. Das wirft Fragen auf, etwa beim Jugendschutz, aber auch bei Zulassung und Kontrolle. Auch gibt es beim sogenannten Internetfernsehen – nehmen Sie Google- oder Apple-TV – neue Plattformen mit eigenen Programmangeboten. Das sind aber vor allem neue Gatekeeper. Da stellen sich spannende Fragen an die Medienregulierung: Wer entscheidet, welche Angebote auf den Startseiten dieser Internet-TV-Plattformen präsentiert werden und wie der Zuschauer, zu den Angeboten gelotst wird.

medienpolitik.net: Behindert eine längere Einstellung von Beiträgen in die Mediathek nicht Ihre Pläne für eine VoD-Plattform?

Thomas Bellut: Es wird weiterhin Angebote geben, die anderen als medienrechtlichen Einschränkungen unterworfen sind – etwa Lizenzprogramme wie internationale Serien, Dokumentationen oder Spielfilme. Im Grunde ersetzt eine VoD-Plattform das, was im analogen Zeitalter und bis heute als DVD oder Blu-rays vermarktet wird. Das Interesse, ein Produkt zu besitzen, bleibt auch im digitalen Zeitalter bestehen.

medienpolitik.net: Wie stark werden die Angebote des ZDF über Online (incl. Apps, Smart TV) genutzt?

Thomas Bellut: Online ist die eine ergänzende, zusätzliche Nutzungsform. Im März hatten die Mediathek des ZDF mehr als 42 Mio. Sichtungen. Die erfolgreichste Regelsendung im Netz ist die „heute“-Show, die allein auf 350 000 Abrufe kommt. Das ist enorm. Aber die Ausstrahlung im TV erreicht 3 Millionen. Wir wissen bei den Abrufen auch noch nicht genau, wie lange die einzelnen Nutzer die Sendung wirklich im Netz gesehen haben.

medienpolitik.net: Angesichts der breiten Nutzung Ihrer Angebote über Online, vor allem der Mediathek, wofür benötigt das ZDF noch Digitalkanäle? Haben diese sich nicht durch neue technische Möglichkeiten überlebt?
Thomas Bellut: Fernsehen ist noch lange das Lead-Medium. ZDFneo und ZDFinfo erreichen wie gesagt 2,7 Mio. bzw. 2,2 Mio. Menschen täglich. Die Strukturen sind noch immer so ausgerichtet, dass die Inhalte ganz überwiegend als Produkte für die Ausstrahlung im linealen TV hergestellt bzw. beschafft werden. Die Digitalkanäle sind damit die Content-Plattformen, dort entsteht, was sich dann auch auf den Plattformen im Netz entfalten kann.

medienpolitik.net: Seit Jahren gibt es Streit mit den Verlegern über die öffentlich-rechtlichen Online-Angebote. Der 12. RÄStV hat diesen Streit eher noch verschärft. Die Politik hält sich raus. Bleibt nur noch eine gerichtliche Regelung?
Thomas Bellut: Nach meinem Eindruck hat der Streit deutlich an Schärfe abgenommen. Das ZDF stand ohnehin nie im Fokus, da wir uns von Anfang an gezielt auf Bewegtbildangebote konzentriert haben, unser Kerngeschäft. Wir haben uns auch mit dem Angebot von Apps lange zurückgehalten, um den Verlagen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Geschäftsideen zu etablieren. Unsere Apps dienen im Übrigen lediglich dazu, die ohnehin bestehenden Online-Angebote auf den bestehenden Empfangsgeräten wie Smartphones und Tablets leichter zugänglich zu machen. Neue Angebote stehen nicht dahinter.

medienpolitik.net: Wie stellen Sie sich eine einvernehmliche Regelung mit den Verlegern vor?

Thomas Bellut: Ich stehe im regelmäßigen Austausch mit den Verlegern, die übrigens auch bei uns im Fernsehrat vertreten sind, und bin sehr zuversichtlich, dass wir uns unter Wahrung der gegenseitigen Interessen über den Modus verständigen werden, mit dem wir in der digitalen Welt leben können.

(Dieses Interview ist eine Vorabveröffentlichung aus dem promedia-Special zur ANGA COM und zum Medienforum NRW, das am 3. Juni erscheint.)

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen