Infrastruktur:

„Die Finanzierung des Breitbandausbaus muss sichergestellt sein“

von am 04.06.2013 in Allgemein, Archiv, Infrastruktur, Internet, Interviews, Medienpolitik

<h4>Infrastruktur:</h4>„Die Finanzierung des Breitbandausbaus muss sichergestellt sein“
Thomas Braun, Präsident, ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V.

Kabelnetzbetreiber investieren ca. 25 Prozent ihrer Umsätze in den Netzausbau

04.06.13 Interview mit Thomas Braun, Präsident, ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V.

Der Zugang zum schnellen Internet ist nach wie vor in Deutschland eine Standortfrage – der flächendeckende Breitbandausbau bleibt daher auch nach der Bundestagswahl ein wichtiges Thema. Aus Sicht der Kabelbranche muss der Schwerpunkt auch in Zukunft auf der Förderung des Infrastrukturwettbewerbs liegen. Hierzu Thomas Braun, Präsident des Verbandes Deutscher Kabelnetzbetreiber (ANGA)in einem medienpolitik.net-Gespräch: „Aus Sicht der deutschen Kabelbranche ist es wichtig, dass Unternehmen Spielraum für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle haben, die eine weitere Finanzierung des Breitbandausbaus sicherstellen sollen. Wie letztlich die Ausgestaltung und Bepreisung des Internetzugangs erfolgt, ist dann eine spezifische Entscheidung über die Produktgestaltung, die jedes Unternehmen für sich treffen muss.“

medienpolitik.net: Herr Braun, die Telekom hat angekündigt ein neues Preissystem für das stationäre Internet einzuführen und Datenraten zu drosseln. Werden die Kabelnetzbetreiber diesem Beispiel folgen?

Thomas Braun: Die deutschen Kabelnetzbetreiber investieren seit Jahren ca. 25 Prozent ihrer Umsätze in den Netzausbau und konnten sich so als erfolgreiche Infrastrukturwettbewerber im Breitbandmarkt positionieren. Als Folge der erheblichen Investitionen sind die Breitbandkabelnetze heute eine der zukunftsfähigsten Infrastrukturen mit ständig wachsenden Kundenzahlen. Dabei ist auch bei den hohen Bandbreiten eine steigende Nachfrage zu verzeichnen – mittlerweile nutzen knapp 60 Prozent aller Kabelkunden Internetbandbreiten über 30 MBit/s. Aus Sicht der deutschen Kabelbranche ist es wichtig, dass Unternehmen Spielraum für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle haben, die eine weitere Finanzierung des Breitbandausbaus sicherstellen sollen. Wie letztlich die Ausgestaltung und Bepreisung des Internetzugangs erfolgt, ist dann eine spezifische Entscheidung über die Produktgestaltung, die jedes Unternehmen für sich treffen muss.

medienpolitik.net: Es gibt noch immer Gebiete, wo die Datenrate unter 2 Mbit/s beim Internetanschluss liegt, vor allem in ländlichen Gebieten. Wie kann – ohne eine gesetzliche Regelung – der Ausbau beschleunigt werden. Appelle an den „guten Willen“ haben anscheinend nicht viel gebracht?

Thomas Braun: Ein Technologiemix aus funk- und kabelgebundenen Anwendungen ist erforderlich, um den Breitbandausbau gerade in unterversorgten Gebieten voranzutreiben. Sowohl Mobilfunk als auch Satellitenangebote spielen hier eine wichtige Rolle. Gleichzeitig müssen in manchen Gebieten auch Fördermittel eingesetzt werden, um die Wirtschaftlichkeitslücke beim Ausbau zu schließen – das gilt umso mehr bei den nächsten Stufen der Breitbandstrategie, die den Zugang zum Hochgeschwindigkeitsinternet ermöglichen sollen.

medienpolitik.net: Also sollte der Ausbau ländlicher Räume finanziell gefördert werden?

Thomas Braun: Es gibt Gebiete, in denen ein Ausbau allein auf wirtschaftlicher Grundlage nicht möglich sein wird. Förderprogramme müssen allerdings strikt auf echte weiße Flecken fokussiert werden, in denen durch keine der verfügbaren Technologien ein wirtschaftlicher Ausbau möglich ist. Der Überbau von existierenden Hochgeschwindigkeitsnetzen (z.B. Kabelnetzen) durch geförderte Infrastrukturen muss vermieden werden.

medienpolitik.net: Welchen Beitrag können die Kabelnetzbetreiber hier leisten? Dörfliche Regionen sind ja auch nicht gerade Ihre Domäne.

Thomas Braun: Kabelnetzbetreiber binden in ganz Deutschland Haushalte an das schnelle Internet an. Auf Grund der erheblichen Investitionen in den Ausbau der Netze in den letzten Jahren sind heute 55 Prozent der deutschen Haushalte über Kabel an das Hochgeschwindigkeitsinternet anschließbar. Die Aufrüstung mit DOCSIS 3.0 hat auch in ländlichen Gebieten vielen Haushalten erstmalig Zugang zum schnellen Internet gebracht. Gerade wenn in einer Kommune bereits Kabelfernsehen vorhanden ist, können noch nicht versorgte Haushalte oft mit überschaubarem Aufwand im Wege eines Lückenschlusses angeschlossen werden.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie generell die Rolle und Position  der Kabelnetzbetreiber im Infrastruktur-Viergestirn Kabel, Telekommunikation, Satellit, Mobil?

Thomas Braun: Die deutschen Kabelnetzbetreiber versorgen rund 18 Millionen Haushalte mit Fernsehen und 4,4 Millionen Haushalte mit Kabelinternet. Steigende Kundenzahlen für Breitbandinternet und Telefonie, aber auch für PayTV und FreeTV in HD zeigen, dass das Kabel in einem wettbewerbsintensiven Markt auf einem guten Weg ist.

medienpolitik.net: Jeder zweite Kabelhaushalt nutzt heute die digitalen Angebote. Doch der analoge Satellit wurde vor einem Jahr abgeschaltet. Inzwischen gibt es deutlich mehr HD-Angebote. Warum vollzieht sich die Nutzung digitaler Angebote im Kabel im Verhältnis immer noch so schleppend?

Thomas Braun: Der Satellit hatte bei der Digitalnutzung ganz andere Ausgangsbedingungen, weil man auch schon für den analogen Empfang eine Set-Top-Box brauchte. In den letzten Jahren haben wir aber sehr deutlich aufgeholt und sind jetzt bei ca. 50 Prozent. Bezüglich HDTV muss man bei dem Vergleich zudem berücksichtigen, dass die Programme in hochauflösender Qualität  erst seit kurzer Zeit in den Kabelnetzen zur Verfügung stehen.

medienpolitik.net: Wann wollen Sie bei 100 Prozent sein?

Thomas Braun: Das wird noch einige Zeit dauern, aber wir sind ja nicht unter Druck, weil sich auch unser digitales Angebot prima entwickelt. Wir machen den digitalen Empfang stetig attraktiver, lassen als guter Dienstleister unseren Kabelkunden aber weiterhin die freie Wahl.

medienpolitik.net: Wie wirkt sich der Wegfall der sogenannten Grundverschlüsselung von FreeTV auf die Digitalquote aus?

Thomas Braun: Durch den zunehmenden Wegfall der Grundverschlüsselung wird die Zahl der Kabelhaushalte, die auch digitale Programme schauen, in den nächsten Monaten zusätzlich wachsen, weil die Umgewöhnung noch leichter wird.

medienpolitik.net: Die Fernsehnutzung über das Internet nimmt zu, damit „stirbt“ ihr klassischer  Versorgungskanal langsam. Was machen Sie mit den freien Kapazitäten?

Thomas Braun: Soweit sind wir aber noch lange nicht! Zunächst ist der Fernsehkonsum ja in den letzten Jahren gar nicht zurückgegangen. Zudem spricht Einiges dafür, dass das Zusammenspiel von Internet und Fernsehen, z.B. über die Nutzung eines Second Screen, und die audio-visuelle Mediennutzung insgesamt steigen werden. Um den zukünftigen Bandbreitenbedarf muss man sich – das zeigen ja auch einige aktuelle Diskussionen – nun wirklich keine Sorgen machen. Für diesen Bedarf haben wir die besten Voraussetzungen – sei es linear oder nichtlinear.

medienpolitik.net: Die Zukunft von DVB-T ist ungewiss. Damit verstärken sich die Forderungen, weitere Rundfunkfrequenzen für mobile Dienste frei zu geben. Sie hatten beim Start von LTE über Störungen in Ihren Netzen geklagt. Ist das inzwischen technisch gelöst?

Thomas Braun: Die Forderung nach einer Koexistenz von Mobilfunk und Kabel ist durch die Diskussion über eine Vergabe weiteren Spektrums an den Mobilfunk aktueller denn je. Das Thema Störungsfreiheit ist frühzeitig zu adressieren, damit mögliche Abhilfemaßnahmen diskutiert und identifiziert werden können. Nur so kann verhindert werden, dass die parallele Nutzung desselben Spektrums durch kabelgebundene und mobile Dienste negative Konsequenzen für die Endkunden hat.

medienpolitik.net: Insgesamt nimmt die mobile Mediennutzung zu. Kommt damit ein neuer Konkurrent auf Sie zu oder werden die Kabelnetzbetreiber selber ihre Mobilangebote ausbauen und vielleicht auch in der nächsten Runde selbst Mobilfunkfrequenzen erwerben?

Thomas Braun: Wir gehen davon aus, dass die mobile Mediennutzung das Kabelfernsehen nicht ersetzen wird, sondern eine Ergänzung darstellt. Kunden wollen sowohl zeitlich als auch örtlich einen flexiblen Zugriff auf Medieninhalte – darauf reagieren die Kabelnetzbetreiber mit neuen Angeboten wie Video on Demand oder Multiscreen-Lösungen.

Der Artikel wurde im promedia-Special zur ANGA COM und zum Medienforum NRW erstveröffentlicht.

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