Medienpolitik:

„Ein Meilenstein in der Medienpolitik Deutschlands“

von am 17.06.2013 in Allgemein, Interviews, Medienförderung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„Ein Meilenstein in der Medienpolitik Deutschlands“
Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle

Die Deutsche Welle kooperiert künftig verstärkt mit ARD,  ZDF und Deutschlandradio

17.06.13 Interview mit Erik Bettermann,  Intendant der Deutschen Welle

Bei dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefs der Länder am 13. Juni 2013 wurde eine stärkere Kooperation des Auslandssenders Deutsche Welle mit der ARD, dem ZDF und dem Deutschlandradio beschlossen. Die gemeinsame Besprechung erklärt sich aus den unterschiedlichen Verantwortungsbereichen: die Bundesregierung für die Deutsche Welle, die Länder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Durch die erweiterte Zusammenarbeit wird die Deutsche Welle in deutlich größerem Umfang als bisher Programminhalte von den Landesrundfunkanstalten der ARD, des ZDF und des Deutschlandradios nutzen können. Im Zuge der Zweitverwertung in den Programmen der Deutschen Welle anfallende zusätzliche Kosten werden von dieser übernommen. Zudem soll künftig eine gemeinsame Produktionsgemeinschaft Inhalte herstellen, die gleichermaßen im In- und Ausland verwendet werden können. Zu Entwicklung und Perspektive der Deutschen Welle Fragen an den scheidenden Intendanten Erik Bettermann, für den dieser politische Beschluss „ein wunderbares Geschenk zum 60. Geburtstag der Deutschen Welle“ ist.

medienpolitik.net: Herr Bettermann, Sie hatten einmal die Vision entwickelt, dass die Deutsche Welle ein Gemeinschaftsprojekt aller deutschen Medien, also incl. der privaten Medien werden könnte. Wie sehen Sie heute die Chancen, dass das Ihr Nachfolger, der ja von einem privaten Sender kommt, vielleicht verwirklichen könnte?

Erik Bettermann: Mit dem politischen Beschluss von Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin haben wir einen wichtigen Meilenstein erreicht. Jetzt gilt es, diesen Rahmen auszufüllen. Die Deutsche Welle war immer offen, die Kooperation über die öffentlich-rechtliche Familie hinaus zu erweitern. Ich bin überzeugt, dass dies auch unter meinem Nachfolger so sein wird.

medienpolitik.net: Das Bewegtbildangebot soll nun in engerer Zusammenarbeit mit ARD und ZDF, vor allem zu vertretbaren Kosten für die Senderechte, ausgebaut werden. Wie wird das  konkret aussehen?

Erik Bettermann: Weltweit ist Fernsehen das wichtigste Informationsmedium. Rund 80 Prozent unserer Zielgruppen nutzen es täglich, um sich zu informieren. Am 13. Juni haben sich die Regierungschefs von Bund und Ländern auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Deutsche Welle, ARD-Landesrundfunkanstalten, ZDF und Deutschlandradio verständigt. Das ist ein Meilenstein in der Medienpolitik Deutschlands. Bund und Länder haben sich damit klar zur Bedeutung einer starken medialen Außenpräsenz Deutschlands bekannt. Für die DW bedeutet dies ein gewaltiges Stück Zukunftssicherung. Grundsätzlich kommen jetzt alle Programme des öffentlich-rechtlichen Inlandsrundfunks für eine Übernahme durch die Deutsche Welle in Betracht – und das schließt fiktionale Formate ausdrücklich ein. Darüber hinaus wollen wir in einer Produktionsgemeinschaft gemeinsam Inhalte entwickeln, die sowohl in den Inlands- als auch, gegebenenfalls in angepasster Form, in den Auslandsprogrammen gesendet werden können. Wir werden die Programme der öffentlich-rechtlichen Inlandssender nutzen, um sie für unsere Fremdsprachenangebote in Fernsehen, Hörfunk und Online zu adaptieren. Damit können wir unserem Auftrag, die mediale Visitenkarte Deutschlands in der Welt zu sein, künftig noch besser nachkommen. Die Details der erweiterten Zusammenarbeit werden die beteiligten Sender im Laufe dieses Jahres festlegen. Nach einer zweijährigen Testphase legen sie den Regierungschefs von Bund und Ländern einen gemeinsamen Erfahrungsbericht vor. Für mich ist dieser politische Beschluss ein wunderbares Geschenk zum 60. Geburtstag der Deutschen Welle.

medienpolitik.net: Sie haben in den vergangenen Jahren die Deutsche Welle inhaltlich und technisch umgebaut. Von welchen Prämissen sind Sie dabei ausgegangen? Was war Ihr strategisches Ziel?

Erik Bettermann: Die vergangenen Jahre waren geprägt von großen politischen und sozialen Umbrüchen in der Welt. Schauen Sie nur auf die arabische Welt: Was mit der einigermaßen friedlichen „Jasmin-Revolution“ in Tunesien begann, hat sich in Ägypten und Libyen mit immer mehr Gewalt fortgesetzt – bis hin zu der tragischen Lage in Syrien heute. Auch andere Regionen sind von Wandel geprägt, in Asien beispielsweise Myanmar mit seiner Öffnungspolitik. Herausforderungen, auf die auch Sender wie die Deutsche Welle Antworten finden mussten und müssen. Hinzu kommt, dass wir in der zurückliegenden Dekade bahnbrechende technologische Entwicklungen erlebt haben, die erheblichen Einfluss auf die Mediennutzung haben – Stichworte mobile Kommunikation und Soziale Medien.

Unsere unternehmenspolitische Strategie, die wir in der Aufgabenplanung für die Jahre 2009 bis 2013 beschrieben haben, stand unter dem Titel „Konzentration und Wandel“. Wir haben das journalistische Angebot einer vollständigen Neuausrichtung unterzogen und es sprachlich und inhaltlich noch stärker auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppen ausgerichtet. Parallel dazu habe ich eine Strukturreform eingeleitet mit dem Ziel, die Trennung zwischen den Medien aufzuheben und für alle Sprachangebote eine trimediale Planung und Umsetzung der journalistischen Inhalte zu ermöglichen. Als einer der ersten Sender in Deutschland hat die DW auch organisatorisch die Konvergenz der Medien nachvollzogen.

medienpolitik.net: Wie ist die Deutsche Welle heute auf den weiteren Wandel in der Mediennutzung vorbereitet?

Erik Bettermann: Wir sind mit der Umsetzung unserer Strategie noch nicht am Ziel angekommen, dafür ist der Prozess zu komplex. Wir haben aber rechtzeitig die richtigen Schritte eingeleitet und auf die Entwicklung der weltweiten Medienmärkte angemessen reagiert. Ich will nicht verhehlen, dass dies allen Beteiligten viel abverlangt hat. In der DW ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Der Erfolg zeigt aber, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben. So haben wir zahlreiche neue, starke Partner gewonnen, die unsere Inhalte übernehmen, andere Sender haben ihre Übernahmen ausgeweitet. Wir schließen in vielen Märkten eine Lücke: Ob es die TV-Europa-Magazine auf Bosnisch, Serbisch, Rumänisch und sechs anderen Sprachen Südosteuropas sind oder die TV-Wissenschaftsmagazine auf Indonesisch, Hindi, Bengalisch und Brasilianisch. „Content Made in Germany“ ist stark gefragt, das bedienen wir.

Die Menschen bestätigen uns, dass sie die unabhängigen und ausgewogenen Informationen der DW in die Lage versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wir werden als verlässlicher Experte wahrgenommen, unsere journalistischen Angebote erfreuen sich hoher Glaubwürdigkeit. Qualitativ hochwertiger Journalismus ist die Grundlage für unsere Wirksamkeit.

medienpolitik.net: Es ist viel über die Aufgabe und die Funktion der Deutschen Welle debattiert worden. Können Sie bitte in einem Satz die aktuelle Funktionsbestimmung zusammenfassen?

Erik Bettermann: In 30 Sprachen, in Fernsehen, Hörfunk und Internet stellt die Deutsche Welle die internationale Medienpräsenz Deutschlands sicher, vermittelt die Diskussionen und Positionen unseres Landes, fördert den Dialog der Kulturen und die deutsche Sprache.

medienpolitik.net: Inwieweit wird sich die Aufgabe der Deutschen Welle in den nächsten Jahren möglicherweise verändern?

Erik Bettermann: Hier eine belastbare Prognose zu wagen ist schwierig. Der gesetzliche Auftrag der DW wurde 2004 neu gefasst, hier wird sich vermutlich wenig ändern. Anders sieht es bei der konkreten Umsetzung aus, da werden wir immer flexibel reagieren müssen. Viel hängt davon ab, wie sich die internationale Lage künftig politisch, wirtschaftlich und kulturell entwickelt. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass die arabischen Regime binnen weniger Monate gestürzt würden? Wer vor drei Jahren, dass die Europäische Gemeinschaft an die Grenzen ihrer Belastung kommt? Über Partnersender sind mehrfach wöchentlich DW-Experten im griechischen Fernsehen präsent, erläutern Beschlüsse von Bundestag und Bundesregierung und setzen sie in den deutschen, europäischen und globalen Kontext. Wer anders als der deutsche Auslandssender sollte diese Aufgabe wahrnehmen? Ob BBC Worldnews oder France24, ob Russia Today oder Al Dschasira: die anderen Akteure auf den internationalen Medienmärkten vertreten zuallererst die eigenen Interessen.

Auf diese und viele andere Entwicklungen müssen wir als Auslandssender reagieren, reagieren können. Denn immer geht es direkt oder indirekt um die Interessen unseres Landes und seiner Bürger. Es ist gut, wenn unser Land eine starke Deutsche Welle hat.

medienpolitik.net: Für die DW existiert keine Quote. Was ist der Maßstab für ein erfolgreiches Programm? Was schätzen die Nutzer an der DW und was erwarten Sie?

Erik Bettermann: Mit unseren journalistischen Angeboten stehen wir weltweit in einem Wettbewerb um das knappe Gut Aufmerksamkeit. Und das jeden Tag. Wer unser Fernsehprogramm oder unsere Hörfunksendungen einschaltet, wer unsere Internetseiten aufsucht, erwartet Relevanz und Mehrwert. Dass die Menschen dies bei uns finden, zeigen die Ergebnisse unserer Markt- und Medienforschung. Als global operierender Sender ist es zwar nicht möglich, für jedes Land der Welt tägliche Quoten zu ermitteln. Gleichwohl kennen wir unser Publikum und seine Gewohnheiten doch recht genau.

Nach dem DW-Gesetz sind wir verpflichtet, regelmäßig einen Evaluationsbericht vorzulegen. Das ist nicht nur eine gesetzliche Vorgabe, sondern zentraler Aspekt unseres Selbstverständnisses. Für den Zeitraum 2010 bis 2013 habe ich Bundestag und Bundesregierung jetzt den Evaluationsbericht zugeleitet, in Kürze veröffentlichen wir ihn auch im Internet. In dem Bericht bewerten wir unsere journalistischen Angebote in drei Medien und in 30 Sprachen auf der Grundlage transparenter Kriterien, für die wir anhand einheitlicher Methoden systematisch Informationen gesammelt haben. Neben einer Vielzahl externer Quellen bilden knapp 80 Studien zu Mediennutzung und Angebotsbewertung eine solide Datenbasis, um die Arbeit der DW differenziert zu bewerten. Im Ergebnis erreichen wir heute mehr Informationssuchende weltweit als noch vor wenigen Jahren – und wir erreichen sie besser als jemals zuvor. Nutzten im Jahr 2009 wöchentlich 86 Millionen Menschen die TV-, Hörfunk- und Internetangebote der DW, so erreichten wir 2012 bereits über 101 Millionen.

Die Deutsche Welle hat den gesetzlichen Auftrag, Positionen und Perspektiven unseres Landes international zu vermitteln und zur Diskussion zu stellen. Wir wirken so an der weltweiten Meinungsbildung mit. Unseren Auftrag setzen wir mit leidenschaftlichem, qualitativ hochwertigem Journalismus um – orientiert an den Vorgaben des Gesetzes und unseres Leitbilds.

Die DW steht seit 60 Jahren für verlässliche, belastbare Information aus deutscher und europäischer Perspektive. Das ist es, weshalb die Menschen zu uns kommen. Sie wissen, dass sie bei uns die differenzierte, hintergründige Analyse finden, die Einordnung aktueller Ereignisse und Entwicklungen.

medienpolitik.net: Welche Veränderungen haben sich bei der Erwartungshaltung in den letzten Jahren vollzogen?

Erik Bettermann: Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Informationssuchenden weltweit ist härter geworden. Nicht nur ist überall der Wettbewerbsdruck gestiegen, sondern auch die Erwartung der Menschen, für sie relevante Informationen zeitsouverän über die von ihnen bevorzugten Medien nutzen zu können. Hinzu kommt, dass die Nutzer aufgrund der Sozialen Medien dialogische Kommunikationsformen schätzen.

Unsere Kisuaheli-Redaktion beispielsweise animiert über Facebook und SMS zur Beteiligung an ihrer Radiosendung, die in Tansania 36 Prozent der Gesamtbevölkerung erreicht. Viele Nutzer nehmen diese Aufforderung an und kommentieren aktiv die vorgestellten Themen. Die DW ist der einzige Sender mit einer Kisuaheli-App für das iPhone. In anderen Zielregionen sind ähnliche Trends zu beobachten. Kurzwelle verliert als Übertragungsweg fast überall an Bedeutung, im Gegenzug steigt die Bedeutung mobiler und multimedialer Kommunikation.

Nutzer von Sozialen Medien sind in ständigem Dialog und erwarten dies auch von etablierten Medienhäusern. Ohne Multimedia, Apps & Co. hat ein internationaler Sender keine Chancen mehr, es braucht einen zeitgemäßen Medienmix.

medienpolitik.net: Auf welche Regionen konzentriert sich die Deutsche Welle heute mit Ihren Programmen – und weshalb?

Erik Bettermann: Die Deutsche Welle hat sich in einem umfassenden Diskussionsprozess mit Rundfunkrat, Bundestag und Bundesregierung auf regionale Schwerpunkte verständigt. Eine unserer zentralen Aufgaben ist – und bleibt – die Vermittlung von demokratischen Werten und der interkulturelle Dialog. Viele unserer Zielregionen sind nach wie vor weit entfernt von einem freiheitlich geprägten politischen und wirtschaftlichen System, beispielsweise Staaten in der arabischen Welt, in Afrika und Asien, der GUS und Lateinamerika. Hier engagieren wir uns in besonderer Weise und bauen unsere Leistungen aus. Dies gilt ebenso für Länder ohne freies Mediensystem und ohne Zugang zu freien Informationen. Lassen Sie mich eine Region hervorheben: Mit Blick auf die Bedeutung der arabischen Welt haben wir vor über einem Jahr die entsprechende TV-Sendeschiene gestärkt und sie noch mehr auf die Informationsinteressen und Nutzungsgewohnheiten der Zuschauer ausgerichtet. So verbreiten wir dort jetzt beispielsweise vier politische Talkshows. „Shababtalk“, das wir zusammen mit dem ägyptischen Sender Al Hayah TV produzieren, hat mit einer Sendung Ende Januar in den Städten Ägyptens eine Reichweite von über fast 23 Prozent erzielt. Das entspricht sechs Millionen Zuschauern – ein hervorragendes Ergebnis! Der Erfolg unseres arabischen TV-Programms beruht wesentlich auf den regionalisierten TV-Formaten und der Kooperation mit reichweitenstarken Partnern. Dazu kommen die Berichte auf dw.de/arabic und umfangreiche Social-Media-Aktivitäten. Dies miteinander noch stärker zu verzahnen und das dialogische Moment auszubauen ist eine Aufgabe, der wir uns in allen Schwerpunktregionen weiter stellen müssen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 07/2013 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen