Netzpolitik:

Der stockende Breitbandausbau muss forciert werden

von am 27.06.2013 in Allgemein, Gastbeiträge, Infrastruktur, Internet, Medienregulierung, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung

<h4>Netzpolitik:</h4>Der stockende Breitbandausbau muss forciert werden
Dr. Nicolai Schättgen, Principal bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little

Die deutsche Internetwirtschaft 2012-2016 – Deutschlands neuer Wachstumsmotor

27.06.13 Von Dr. Nicolai Schättgen, Principal bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little (Bereich  M-Commerce) 

Die deutsche Internetwirtschaft erfreut sich auch in den kommenden Jahren eines starken Wachstums. In Arthur D. Little‘s jüngster Studie „Die deutsche Internetwirtschaft 2012-2016“, die wir gemeinsam mit eco – dem Verband der deutschen Internetwirtschaft erstellten, haben wir den deutschen Markt intensiv beleuchtet und kommen zu einem überaus positiven und erfolgsversprechenden Ausblick für die kommenden Jahre. Um diese Wachstumschance zu nutzen, gilt es jedoch bereits heute die Rahmenbedingungen für die Zukunft zu schaffen. Bis 2016 werden 80.000 Arbeiternehmer gesucht, der stockende Breitbandausbau muss forciert werden und es muss eine faire und transparente Rechtslage geschaffen werden. Für Unternehmen gilt es, die „Blackbox IT“ aufzubrechen, um die Chancen des Internets wahrnehmen zu können. Mit neuen Geschäftsmodellen und dem entsprechenden Unternehmergeist bieten sich viele Chancen für die deutsche Wirtschaft, insbesondere den deutschen Mittelstand.

Neues Modell der Internetwirtschaft

Im Rahmen der Studie haben wir versucht, eine geeignete Darstellungsform der Internetwirtschaft zu schaffen, die es ermöglicht, die Abhängigkeiten sowie wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den einzelnen Segmenten bzw. Layern aufzuzeigen.

Abb.1 Modell der deutschen Internetwirtschaft
Die angeführte Darstellung besteht aus einem inneren farbigen Ring, welcher die vier Layer Netzwerk / Infrastruktur & Betrieb, Services & Anwendungen, Aggregation & Transaktion sowie Paid Content darstellt. Im äußeren Ring befinden sich die jeweils zugehörigen einzelnen Segmente. Die beiden Segmente Sicherheit und Consulting Services, die auf jedem Layer nachgefragt werden, sind in der Mitte der Grafik als durchgehende Kreise dargestellt.
Im mittleren Bereich zwischen den Layern und Segmenten ist die Intensität der direkten Leistungsbeziehungen bzw. des unmittelbaren Leistungsaustausches zwischen einem Segment und einem Layer abgebildet. Die Skala reicht dabei von 1 = keine oder nur minimale direkte Leistungsbeziehungen bis zu 5 = sehr intensive Leistungsbeziehungen.

 

Zweistelliges Wachstum 2012-2016

Die Zukunft liegt im Internet – mit diesen Worten endete bereits Arthur D. Littles erste Studie der deutschen Internetwirtschaft 2009. Dies hat sich mehr als bewahrheitet und wird auf absehbare Zeit ihre Gültigkeit weiter festigen. Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet ungebremst voran und die Innovationskraft der Internetwirtschaft wird auch künftig neue Entwicklungspfade eröffnen.

Die Wachstumschancen dabei sind enorm: Wir erwarten, dass nahezu 25% des kumulierten absoluten BIP-Wachstums 2012-16 in Deutschland direkt von der Internetwirtschaft geschaffen wird. Dabei ist zu beachten, dass die Internetwirtschaft heute nicht mehr als 2,5% des gesamten BIPs ausmacht. Nicht eingerechnet sind dabei die weiteren positiven, indirekten Effekte wie etwa der Geschäftsanbahnung oder der schlichten Informationseinholung. Auch die Hardware-Seite ist nach unserer Definition nicht Teil der Internetwirtschaft und in unseren Prognosen nicht berücksichtigt.
Vor diesem Hintergrund gehen wir bis 2016 von einem Wachstum von 11,4% jährlich aus. Dabei erwarten wir gar ein sich beschleunigendes Wachstum gegen Ende der Betrachtungsperiode (+12,3%). Von heute € 56,5 Mrd. prognostizieren wir einen Anstieg auf € 87,4 Mrd. in 2016.

Abb. 2 Die deutsche Internetwirtschaft 2009-2016 (Umsatz des Gesamtmarkts in € Mrd.)

 

Für eine detaillierte Betrachtung der Internetwirtschaft haben wir ein neues Schichtenmodell entwickelt, das in vier Schichten (genannt „Layer“) verschiedene Segmente zusammenfasst. Der umsatzstärkste Layer ist dabei der Layer 3: Aggregation und Transaktion. Dahinter verbergen sich primär die umsatzstarken Segmente E-Commerce (2012: €19,7 Mrd.) sowie Online-Werbung (2012: € 6,3 Mrd.). Das zweitumsatzstärkste Layer ist der Layer 1: Netzwerk/Infrastruktur & Betrieb. Der Hauptteil des Umsatzes ist hierbei in den Segmenten Festnetz- sowie Mobilfunk-Internet-Zugangsnetzwerke zu finden (2012: € 13, respektive 4,9 Mrd.). Die Layer 2 (Services & Anwendungen) sowie Layer 4 (Paid Content) sind dagegen heute noch deutlich kleiner und machen Stand heute lediglich 14% der gesamten Internetindustrie aus. Bis 2016 wird sich dies jedoch auf mehr als 21% erhöhen.

Cloud und Paid Content als wachstumsstärkste Segmente

Trotz eines nahezu durchgängig zweistelligen Wachstums über alle Segmente der Internetindustrie 2012-2016 heben sich einzelne Segmente besonders hervor. Dahingegen prognostizieren wir für das Marktsegment Internet-Backbone und Transit als einziges ein negatives Wachstum. Ein niedriges Wachstum (+1,9% jährlich) erwarten wir ebenso im Segment Festnetz-Internet-Zugangsnetzwerke. Getrieben wird dieses Wachstum durch eine bereits hohe Penetration sowie einen sich intensivierenden Preiswettbewerb. Das Segment Domains, das in unserem Modell zum Layer Services und Anwendungen gehört, verzeichnet bereits ein Wachstum von 5%.

Besonders wachstumsstark hingegen sind die Segmente Cloud (IaaS, SaaS und PaaS) sowie TV & Video. Hier erwarten wir Wachstumsraten von jeweils über 50% jährlich. Hier muss allerdings der relativniedrige Startpunkt in 2012 berücksichtigt werden. Insbesondere im Bereich Cloud sehen wir hervorragende Möglichkeiten für deutsche Unternehmen: Zum einen werden diese getrieben durch sinkende Zugangsbeschränkungen für den Mittelstand, da die Eintrittsbarrieren durch günstigere IT-Systeme kleiner werden, zum anderen aber auch deutsche Unternehmen selber. Die hohe Verlässlichkeit sowie die hohen Datensicherheitsanforderungen in Deutschland können hier durchaus als ein Differenzierungskriterium gelten.

80.000 neue Mitarbeiter gesucht

Mit der steigenden Wirtschaftsleistung der Internetwirtschaft geht auch ein stark steigender Bedarf an qualifizierten Arbeitnehmern einher. So erwarten wir einen zusätzlichen Bedarf von 80.000 Arbeitnehmern bis 2016; dies entspricht einem Zuwachs von insgesamt 38% von heute 210.000 Beschäftigten.

Die meisten Arbeitnehmer sind dabei im Layer 1: Netzwerk/Infrastruktur & Betrieb beschäftigt, gefolgt vom Layer 3: Aggregation & Transaktion.

Abb. 3 Beschäftigung der Internetwirtschaft in Tausend Mitarbeitern

 

Die jährliche Wachstumsrate bei Arbeitnehmern liegt mit 6,6% unter dem monetären Wachstum der Internetindustrie. Dies wiederspiegelt insbesondere die steigende Produktivität der Internetwirtschaft. Zwar ist die Produktivität pro Mitarbeiter mit € 243 Tausend pro Mitarbeiter bereits hoch, jedoch gehen wir von weiteren Effizienzsteigerungen aus.
Um den Bedarf an neuen Mitarbeitern zu decken, gilt es heute mehr als zuvor, Investitionen in Mitarbeiter vorzunehmen.

5 zentrale Trends der Internetwirtschaft

Vor dem Hintergrund dieses Wachstums in den genannten Layern und Segmenten lassen sich fünf zentrale Trends identifizieren, die die Internetwirtschaft prägen: Dazu gehören mobiles Internet, Content, M2M, Sicherheit sowie Big Data. Cloud Services verstehen wir dabei bereits als einen festen Bestandteil der IT-Landschaft, weshalb wir Cloud eher als einen zentralen Treiber verstehen und das Segment hier nicht erneut beleuchten.

Mobiles Internet hat bereits in den vergangenen Jahren einen starken Wachstumsschub erfahren. Für die kommenden Jahre gehen wir von einem immer stärkeren Einfluss auch im professionellen Umfeld aus. Die zunehmende Abdeckung professioneller Nutzungsszenarien, der Ausdruck „Bring your own Device“ und „Mobile First“ sowie die zu erwartende bessere Abdeckung durch mobile Netze lassen „Mobile“ weiterhin einen Kerntrend und Treiber der Internetwirtschaft sein.

Der Konsum von medialen Inhalten und Informationen wird sich ungebrochen ins Internet verlagern und tradierte Vertriebswege sowie Geschäftsmodelle der klassischen Medienindustrie noch stärker unter Druck setzen. Dies wird die bereits stattfindenden Diskussionen um Leistungsschutz- und Urheberrecht nur noch verstärken. Den Konsumenten stört dies wenig, jedoch gilt es hier einheitliche und klare Regelungen zu schaffen.

Im Kern ist Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) lediglich die Anbindung zweier Maschinen an das Internet. Dahinter verstecken sich jedoch vielschichtige neue Geschäftsmodelle, neue Anwendungsmöglichkeiten und immense Herausforderungen. Besonders weit vorangeschritten sind dabei die Segmente Telematik und Transport, jedoch wird M2M zukünftig auch in anderen Bereichen wie dem vernetzten Zuhause, der Energieversorgung oder dem Maschinen- und Anlagenbau Einzug erhalten.

Dem Thema Internet Sicherheit wird gerade im Zuge der jüngsten Entwicklungen im internationalen Kontext eine nochmals steigende Bedeutung zukommen. Die nach wie vor zunehmende Bedeutung des Internets für das tägliche Leben sowie die tägliche Arbeit machen eine effiziente und effektive Sicherheit unabdingbar. Dabei sind die Anforderungen um ein Vielfaches gestiegen – dennoch wird der Aufwand für Sicherheit heute vielfach unterschätzt. Getrieben von einer zunehmenden Industrialisierung der Cyberkriminalität erwarten wir jedoch schrittweise einen Paradigmenwechsel beim Thema Internetsicherheit. Wie das Institut für Internet-Sicherheit der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen als einer der Co-Autoren der Studie unterstreicht, bedarf es zukünftig einer Entwicklung zu proaktiven IT-Sicherheitslösungen, zu Objekt-Sicherheit sowie zu einer verstärkten Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen.

Big Data als fünfter und letzter Trend bezeichnet schlussendlich den Prozess, eine Vielzahl in unglaublicher Geschwindigkeit produzierter Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenzuführen, zu verknüpfen und auszuwerten. Darin liegt auch die große Herausforderung von Big Data. Dem Thema Datenschutz kommt in diesem Zusammehang nochmals eine besondere Bedeutung zu. Hier bedarf es schnell klarer Regelungen in Deutschland, damit das Thema nicht an uns vorbeizieht.

Klare Gesetze, verstärkter Breitbandausbau und ein Aufbrechen der „Blackbox IT“ sind gefordert

Der äußerst positiven Entwicklung der Internetindustrie stehen allerdings ebenso große Herausforderungen gegenüber. Der Gesetzgeber ist angehalten, anstehende Fragen effizient und unternehmensproaktiv anzugehen. Dazu gehört es Fragen des Leistungsschutzes sowie des Datenschutzes zeitnah zu lösen.

Ebenso muss der stockende Ausbau der NGN-Infrastruktur (Next Generation Network-Infrastruktur) zügig angegangen werden. Es bedarf einer umfassenden Breitbandstrategie, damit Deutschland mittelfristig nicht ins Hintertreffen gerät. Die neue Studie National Fibre Strategies gibt für die Weiterentwicklung der nationalen Strategieentwicklung für den Breitbandausbau wertvolle Hinweise. Wie Harald Summa, Geschäftsführer beim eco Verband, es so treffend formuliert hat, handelt es sich bei der Infrastruktur um die „Lebensadern des Internet“. Diese gilt es zu stärken und auszubauen. So liegt Deutschland etwa heute mit einer Anbindung der Haushalte an ein Glasfasernetz mit nur 2,7% aller Haushalte klar im Hintertreffen. Die unmittelbaren Nachbarn Frankreich und Niederlande liegen heute bereits bei 22,4 bzw. 22,1% und somit deutlich vor Deutschland. Dieser Abstand ist gravierend und wird mittelfristig zu einem klaren Standortnachteil Deutschlands führen.

Ebenso müssen die Unternehmen in Deutschland weiter an dem Aufbrechen der „Black Box IT“ arbeiten. Es gilt, IT als Enabler zu verstehen und die Stärken der Internetwirtschaft besser zu nutzen. Wie in der IT-Sicherheit ist somit auch hier ein Paradigmenwechsel im Verständnis der IT notwendig.

Trotz dieser Herausforderungen sind wir überzeugt, dass die Unternehmen die entstehenden Chancen annehmen und nutzen werden und die Internetwirtschaft damit zu einem Wachstumstreiber für die gesamte deutsche Wirtschaft wird.

Die vollständige Studie „Die deutsche Internetwirtschaft 2012-2016 – Zahlen, Trends und Thesen“ kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Big Data als fünfter und letzter Trend bezeichnet schlussendlich den Prozess, eine Vielzahl in unglaublicher Geschwindigkeit produzierter Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenzuführen, zu verknüpfen und auszuwerten. Darin liegt auch die große Herausforderung von Big Data. Dem Thema Datenschutz kommt in diesem Zusammehang nochmals eine besondere Bedeutung zu. Hier bedarf es schnell klarer Regelungen in Deutschland, damit das Thema nicht an uns vorbeizieht.

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2 KommentareKommentieren

  • Stefan - 10.07.2013 Antworten

    Sehr interessanter Artikel. Ich bin mal gespannt wie sich die Internetwirtschaft weiterentwickelt.

  • Isabella - 08.04.2014 Antworten

    zumindest ist das Thema „Social Media Marketing“ inzwischen in dem Bewusstsein vieler Entscheider angekommen und auch „Inbound Marketing“ könnte bald zu den gängigen Disziplinen gehören. Der Breitbandausbau ist, außerhalb der Großstädte, leider noch sehr deprimierend. Naja und paid content funktioniert eben da es einfach ist. Mal sehen wie sich das Ganze weiterentwickelt.

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