Verlage:

„Es zeichnet sich keine Trendwende ab“

von am 06.06.2013 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Leistungsschutzrecht, Medienpolitik, Verlage

<h4>Verlage:</h4>„Es zeichnet sich keine Trendwende ab“
Christian Nienhaus, Geschäftsführer Funke Mediengruppe

Funke Mediengruppe will digitale Angebote ausbauen und mehr Paid-Content anbieten

06.06.13 Interview mit Christian Nienhaus, Geschäftsführer Funke Mediengruppe

In einem medienpolitik.net-Gespräch hat Christian Nienhaus, Geschäftsführer der Funke Mediengruppe den Stellenabbau in seinem Verlag verteidigt. Auch in der Funke Mediengruppe führen der „starke Wettbewerb, der signifikant einbrechende Anzeigenmarkt und die erodierenden Auflagenzahlen zu Umsatzrückgängen in Millionenhöhe“. „Nur, wenn wir gegensteuern“, so Nienhaus „und die nötigen Maßnahmen ergreifen, bleiben wir als Mediengruppe zukunftsfähig und können weiterhin unserer in der Demokratie so wichtigen Rolle als „vierte Gewalt“ gerecht werden.“ Der Medienmanager sieht keine Trendwende im Verhältnis zwischen Gewinnen aus den Print-Produkten zu denen aus den Online-Angeboten.
 Zugleich übte der Funke-Geschäftsführer Kritik an der in NRW geplanten Medienstiftung: Ich sehe nicht, dass die Finanzierung von Zeitungen durch die jetzige gesetzliche Regelung abgedeckt ist. Nicht von ungefähr heiße die „Zwangsabgabe“ „Rundfunkbeitrag“.

medienpolitik.net: Herr Nienhaus, nach wie vor bauen Zeitungsverlage, darunter auch Redaktionen der Funke Mediengruppe Arbeitsplätze ab. Wodurch hat sich die Situation der Verlage in jüngster Zeit verschlechtert?

Christian Nienhaus: Zunächst einmal: Ein Abbau von Stellen ist kein Selbstzweck, niemand spricht gerne Kündigungen aus. Die Mitarbeiter sind die Säulen eines Unternehmens, und wir schätzen die Arbeitsleistung jedes Einzelnen. Doch wir müssen uns auch der Realität stellen: Auch bei unserer Mediengruppe führen der starke Wettbewerb, der signifikant einbrechende Anzeigenmarkt und die erodierenden Auflagenzahlen zu Umsatzrückgängen in Millionenhöhe. Neben den dramatischen Einbrüchen Werbemarkt – beispielsweise ist allein in Nordrhein – Westfalen bei unseren Titeln das Anzeigenaufkommen in den vergangenen zehn Jahren um rund die Hälfte zurückgegangen – spielt der generelle Wandel der Mediennutzung eine Rolle.
Menschen – vor allem junge – nutzen Medien heute anders. Dies zeigen zum Beispiel die kontinuierlich steigenden Nutzerzahlen unter anderem unserer journalistischen Online-Angebote. Die andere Seite der Medaille: Für die Tageszeitungen heißt dies, ihre Auflagenzahlen gehen deutlich zurück, die Vertriebseinnahmen brechen ein. Eine Zeit lang konnten wir dies durch Copypreis-Steigerungen kompensieren. Doch unendlich kann es so nicht weitergehen – da macht der Leser irgendwann nicht mehr mit.
Für uns heißt dies: Wir müssen die Kostenseite immer im Blick haben. Nur, wenn wir gegensteuern und die nötigen Maßnahmen ergreifen, bleiben wir als Mediengruppe zukunftsfähig und können weiterhin unserer in der Demokratie so wichtigen Rolle als „vierte Gewalt“ gerecht werden.

medienpolitik.net: Viele Politiker und Medienwissenschaftler befürchten, dass die Medien- und Meinungsvielfalt vor allem im lokalen Bereich Schaden nimmt. Teilen Sie diese Auffassung?

Christian Nienhaus: Nein, an diesem Punkt muss ich widersprechen. Die Meinungsvielfalt auch und besonders im Lokalen war nie so ausgeprägt wie heute. In den vergangenen Jahren ist vor allem online ein breites Angebot hinzugekommen, das vor allem auf lokaler und sublokaler Ebene eine Vielfalt herstellt, die es vorher nicht gegeben hat. Ein Beispiel: Auf „lokalkompass.de“, unserer Bürger-Community der WVW/ORA Anzeigenblätter, sind mittlerweile mehr als 35.000 Bürger-Reporter aktiv, die bei Bedarf auch von Redakteuren unterstützt werden. Auch das ist eine Vielfalt, die es vorher so in dieser Form nicht gegeben hat.
Richtig ist allerdings auch, dass die Lage für Tageszeitungen heute schwieriger geworden ist – und darauf müssen wir angemessen reagieren. Denn klar ist auch: Eine eigene Redaktion muss auch weiterhin finanzierbar sein. Und in letzter Konsequenz kann dies leider auch bedeuten, dass einzelne Lokalteile eingestellt oder umstrukturiert werden müssen, zum Beispiel durch Zusammenarbeit mit anderen Verlagen. Nur durch Kooperationen mit Nachbarverlagen, aber in großem Maße auch mit Redaktionen unserer weiteren NRW-Tageszeitungen, konnten wir beispielsweise im Fall unserer „Westfälischen Rundschau“ sicherstellen, dass der Titel überhaupt am Markt bestehen bleibt – mit einem eigenständigen Mantelteil, mit eigenen Kommentatoren und einer ganz anderen Ausrichtung als die überregionale Berichterstattung der jeweiligen Kooperationspartner. Und das ist ein großer Beitrag zur Meinungsfreiheit in einer Region.

medienpolitik.net: Sie müssen sparen, andererseits ist eine umfangreiche und teure Lokalberichterstattung ein wichtiges Argument eine Regionalzeitung zu abonnieren. Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Christian Nienhaus: Das muss nicht unbedingt ein Dilemma sein. Alle unsere Tageszeitungstitel zeichnen sich durch eine moderne, hochqualitative Berichterstattung aus – auch im Lokalen. Berichterstattung aus dem direkten eigenen Lebensumfeld, aber auch aus der Region ist nach wie vor die Stärke und der USP unserer Zeitungen.
Im Übrigen haben wir ganz bewusst im vergangenen Jahr die lokale Berichterstattung gestärkt. Im Mittelpunkt standen dabei die Fokussierung eben auf die Themen vor Ort und in der Region sowie ihre Relevanz für die Leserinnen und Leser – die Stärkung unserer Lokalberichterstattung entspricht ihrer Heimatverbundenheit. Unsere Journalisten vor Ort berichten aus Gegenden über Themen, über die andere Medien gar nicht berichten, sind meinungsfreudig und kommentieren. Wir haben dafür auch die Personaldecke in den Lokalredaktionen gestärkt. Ohne Frage ist es allerdings für uns als Medienunternehmen auch wichtig, dass die Wirtschaftlichkeit einer Redaktion gewährleistet bleibt.

medienpolitik.net: Die NRW-Regierung will mit einer Stiftung den Lokaljournalismus fördern. Nach dem Entwurf des novellieren Landesmediengesetzes sollen die Mittel aus dem Rundfunkbeitrag – über den Anteil der LfM – und aus Spenden stammen. Sie sind gegen eine solche Stiftung. Was ist dagegen zu sagen?

Christian Nienhaus: Gegen Aus- und Weiterbildungsangebote gibt es im Prinzip nichts zu sagen. Fraglich ist es allerdings, ob es dazu neuer Strukturen und öffentlicher Mittel bedarf.
Grundsätzlich halte ich es für sehr problematisch, wenn staatsnahe Institutionen – und nichts anders wäre eine von der NRW-Landesregierung eingerichtete Stiftung – Einfluss auf redaktionelle Berichterstattung hätten. Außerdem sehe ich nicht, dass die Finanzierung von Zeitungen durch die jetzige gesetzliche Regelung abgedeckt ist. Die Zwangsabgabe, die jeder Haushalt monatlich leisten muss, heißt ja nicht von ungefähr „Rundfunkbeitrag“.
Die Zeitungsverlage wollen auch keine Subventionierung – sondern faire Rahmenbedingungen. Uns wäre viel mehr geholfen, wenn die Politik endlich klare Regelungen schaffen würde, um die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten beim Ausbau ihrer Online-Aktivitäten in die Schranken zu weisen. Es ist ordnungspolitisch fatal, dass mit Gebührengeldern im Internet kostenlose Text-Angebote erstellt werden, die andere Marktteilnehmer privatwirtschaftlich bezahlen müssen. Wir Zeitungshäuser müssen für unsere Leistungen, zum Beispiel für die Apps, Geld nehmen oder Werbeerlöse akquirieren. Da ist es schwer, gegen das kostenlose Angebot von ARD und ZDF an zu verdienen. Deswegen bleibe ich bei meiner Forderung: Eine von Zwangsabgaben finanzierte öffentlich-rechtliche Zeitung im Internet darf es nicht geben. Sie gefährdet die Medienvielfalt.

medienpolitik.net: Der Bundesrat hat das Leistungsschutzrecht beschlossen, die Novellierung des Pressefusionsgesetzes ist vom Bundestag verabschiedet. Inwieweit helfen beide Gesetzesinitiativen einem Zeitungshaus wie der Funke-Gruppe, die strukturelle Krise der Zeitungsverlage zu überwinden?

Christian Nienhaus: Ich begrüße es sehr, dass die Politik die Dringlichkeit der beiden Themen erkannt und die Weichen in die richtige Richtung gestellt hat. Die Anpassungen des Pressefusionsgesetzes waren dringend nötig. Schon eine Zahl macht dies mehr als deutlich: Die Hürden für Verlagsunternehmen, ein anderes zu übernehmen, waren zwanzig Mal höher als für andere Unternehmen mit vergleichbaren Umsätzen. Dies war schon seit Jahren nicht mehr zeitgemäß und passte nicht in die deutlich veränderte Medienlandschaft. Deshalb ist die jetzt getroffene Entscheidung zur Reform ein Schritt, um auch in Zukunft die Pressevielfalt zu erhalten. Jetzt appelliere ich an die Parteien, das Thema nicht länger im Bundesrat zu blockieren.
Längst überfällig war auch die Einführung eines Leistungsschutzrechts für Verleger. Es ist ein jahrhundertealter Brauch, dass die Leser unserer Medien einen finanziellen Beitrag für die Erstellung unseres Contents zahlen. Die gleichen Spielregeln müssen auch in der Online-Welt gelten. Wenn ein Unternehmen mit unserem Content Gewinne erzielt, müssen wir an diesen auch entsprechend beteiligt werden. Für andere Urheber wie beispielsweise die Film- oder die Musikindustrie gibt es entsprechende Regelungen schon lange. Nun herrscht auch endlich Klarheit und Gleichberechtigung für die Verleger.
Unsere Aufgabe ist es jetzt, dieses Gesetz mit Leben zu füllen, denn es müssen noch viele Detailfragen geklärt werden. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass wir durch die Durchsetzung unserer Möglichkeiten, die uns das Gesetz jetzt ermöglicht, einen signifikanten Erlös erwirtschaften werden. So wird eine weitere Säule für die Finanzierung von Qualitätsjournalismus auch im Netz entstehen.

medienpolitik.net: Sie haben Ihre Digitalstrategie vor einigen Monaten geändert, die einzelnen Zeitungstitel haben wieder eigene Online-Auftritte. Hat sich das ausgezahlt?

Christian Nienhaus: Zunächst einmal: Der Schritt, im Jahr 2007 die bereits existierenden unterschiedlichen Portale unserer NRW-Zeitungstitel unter der gemeinsamen Marke „DerWesten.de“ zu bündeln war richtig und hat sich ausgezahlt. So sind wir derart stark gewachsen, wie es mit Einzelauftritten seinerzeit nicht möglich gewesen wäre. Mittlerweile ist unser NRW-Online-Angebot eines der größten regionalen Nachrichtenportale in Deutschland.
Mit dem Start der Marken-URLs haben wir unsere starken Print-Marken jetzt noch deutlicher auch im Onlinemarkt positioniert. Unsere Zeitungen stehen in der Region für qualitativen Journalismus – in der überregionalen, auch und besonders aber in der regionalen und lokalen Berichterstattung. Wir sind in der Region verwurzelt, unsere Marken bekannt. Neben Print und Tablet-Apps rücken wir die Marke nun auch im Web konsequent in den Vordergrund. Die aktuellen Nutzerzahlen geben uns Recht: Sie haben seit dem Start um rund ein Viertel zugelegt.

medienpolitik.net: Welche Einnahmen realisieren Sie inzwischen aus den verschiedenen digitalen Angeboten?

Christian Nienhaus: Die Umsätze unserer digitalen Angebote sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Das liegt zum einen an dem deutlich gewachsenen Zuspruch der Nutzerinnen und Nutzer, erreichen die Online-Portale unserer Zeitungen in NRW, Thüringen und Braunschweig monatlich mehr als 3,8 Millionen Nutzer. Hinzu kommen noch die Erlöse aus unseren App-Angeboten, E-Papern sowie den ersten Paid-Content-Angeboten. Klar ist aber auch: Die Verluste aus dem Printgeschäft lassen sich so bislang nicht ausgleichen.
Unsere Funke Mediengruppe hat neben den rein journalistischen Angeboten auch noch weitere Investments im Digitalbereich. Auch hier sind wir mit den Entwicklungen sehr zufrieden. Wir stellen uns den Herausforderungen des Marktes und arbeiten zurzeit mit Hochdruck daran, unsere digitalen Angebote weiter auszubauen.

medienpolitik.net: Sie haben auf den Online-Seiten kein Paid Content. Warum nicht?

Christian Nienhaus: Das stimmt so nicht: Bereits Ende vergangenen Jahres hat unsere „Braunschweiger Zeitung“ ein Bezahlmodell für ihren Internetauftritt eingeführt. Paid Content zu etablieren ist in meinen Augen eine konsequente und wichtige Entscheidung: Wir als Verleger sind stolz darauf, dass wir Tag für Tag unsere gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen und als unabhängiger Lieferant von zuverlässigen Informationen unsere Leserinnen und Leser dienen. Tag für Tag, online und auf Papier. Doch mit Anzeigenerlösen allein lassen sich die Portale nicht wirtschaftlich betreiben. Wenn wir unsere wichtige Aufgabe weiter erfüllen wollen, können wir mittel- und langfristig unsere Inhalte online nicht länger ausschließlich kostenfrei anbieten. Übrigens halte ich es auch nicht länger für zeitgemäß, dass unsere Zeitungsleser das Online-Angebot quersubventionieren.
Die „Braunschweiger“ ist die erste Zeitung aus unserem Portfolio mit Paid Content und das Angebot wird sehr gut angenommen. Langfristig gehe ich davon aus, dass weitere unserer Tageszeitungen auf Bezahlangebote im Internet setzen werden.

medienpolitik.net: Welche Erwartungen haben Sie in den nächsten Jahren an den Umsatz aus dem digitalen Bereich?

Christian Nienhaus: Der Umsatz wird deutlich steigen und einen immer höheren Anteil am Gesamtumsatz des Unternehmens ausmachen. Die zahlreichen Online-Angebote unserer Printprodukte werden wir weiter ausbauen und bei bestimmten Portalen auch verstärkt auf Bezahlinhalte setzen. Ich bin davon überzeugt, dass Leser auch in Zukunft dazu bereit sind, für qualitativ hochwertigen Journalismus, für exklusive Geschichten und hautnahe Informationen aus ihrem direkten lokalen und regionalen Umfeld zu bezahlen – für die gedruckte Zeitung, aber eben auch am Computer, Laptop, Tablet oder Smartphone.
Bei unserer Digitalstrategie haben wir aber immer auch Geschäftsfelder im Blick, die nicht unmittelbar journalistischen Charakter haben. Schon jetzt bieten wir zum Beispiel zahlreiche kostenpflichte Service-Apps an. Die Funke Mediengruppe ist außerdem an Deutschlands größtem Anzeigennetzwerk, der „markt.gruppe“, beteiligt. Diese Investitionen in die Zukunft kommen allerdings nicht aus dem Nichts – deswegen ist es umso wichtiger, dass wir unsere Hausaufgaben machen, das Unternehmen auf Kurs halten und dabei ständig auch die Kostenseite im Blick behalten. Nur so bewahren wir uns auch die dringend nötigen finanziellen Freiräume, um weiter in das Digitalgeschäft zu investieren und unser Portfolio zu stärken und zu erweitern.

medienpolitik.net: Wann wird es zu einer Trendwende bei den Tageszeitungen hinsichtlich des Umsatzes aus dem Print- und Digitalgeschäft kommen?

Christian Nienhaus: Eine solche Trendwende zeichnet sich für mich nicht ab! In absehbarer Zeit wird das Printgeschäft weiterhin den Löwenanteil des Umsatzes ausmachen.

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