Verlage:

Man muss aus dem klassischen Denken aussteigen

von am 10.06.2013 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Leistungsschutzrecht, Medienpolitik, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media, Urheberrecht, Verlage, Werbung

<h4>Verlage:</h4>Man muss aus dem klassischen Denken aussteigen
Wanja Sören Oberhof, Gründer und Geschäftsführer von NIIU

Ein neuer personalisierter News Reader könnte zukünftig eine neue Vermarktungsstrategie für Verlage werden

10.06.13 Interview mit Wanja Sören Oberhof, Gründer und Geschäftsführer von NIIU 

medienpolitik.net ist der Frage, wie Verlage zukünftig Einnahmen generieren können, nachgegangen und hat dazu bereits Beiträge von Christian Nienhaus, Geschäftsführer Funke Mediengruppe, Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Medien in NRW, und die Eröffnungsrede von Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, veröffentlicht. An neuen Ideen mangelt es nicht. Medienpolitik.net sprach deshalb nun auch mit Wanja Sören Oberhof, dem Gründer und Geschäftsführer von NIIU, einer iPad-App, mit der man sich eine individuelle Zeitung aus den Ressorts verschiedener Medien zusammenstellen kann.

medienpolitik.net: Was ist Niiu eigentlich, wo findet man euch, wie funktioniert das Ganze?

Wanja Sören Oberhof: Ganz einfach. In den App-Store gehen und Niiu eingeben. Niiu ist eine ipad News-App. Bei Niiu kann man sich aus 24 Zeitungen sein persönliches Best of zusammenstellen und seine für sich relevanten News auswählen.

medienpolitik.net: Und welche Zeitungen sind schon bei euch?

Wanja Sören Oberhof: Da gibt es bis heute Zeitungen wie die BILD, die WELT, die Neue Züricher Zeitung, den Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, das Hamburger Abendblatt, Münchner Merkur, das Manager Magazin, die TZ und 15 weitere ganz tolle Zeitungen von der PC-Welt bis hin zur Grazia und der OK.

medienpolitik.net: Wie werden Medien in der Zukunft konsumiert? Das fragen sich auch viele Verlage. Was schätzt du ein, wie werden Nachrichten zukünftig konsumiert werden?

Wanja Sören Oberhof: Ich glaube, da wird es verschiedenste Wege geben. Aber wir versuchen in der Tat darauf eine Antwort zu sein und sagen eben, dieser Medienkonsum, der ja vielfältiger geworden ist… Also mein Vater hat noch eine Regionalzeitung gelesen und seine Tagesschau um 20 Uhr geschaut. Das ist ja jetzt nicht mehr das übliche Szenario, sondern jetzt lesen ja die Leute verschiedenste Quellen und mehrmals am Tag. Und das ein bisschen zu kombinieren und in ein Produkt zu bringen ist ja unser Ansatz. Und das ist ein Ansatz, genauso wie es verschiedene weitere Ansätze geben wird und auch geben soll.

medienpolitik.net: Es gibt ja auch die Idee, dass man sagt, man hat einerseits die klassischen Nachrichten und auf der andere Seit social media. Wie passen die sich da ein? Blogger z. B., wir sprachen über Netzpolitik. Wird so etwas künftig mehr in die allgemeine Berichterstattung einfliesen?

Wanja Sören Oberhof: Das glaube ich ganz unbedingt. Man sieht es ja bei immer mehr Themen werden Netzwerke wie Twitter viel wichtiger und auch die Berichterstattungen, die abseits der klassischen, großen Journalistenhäuser statt finden. Ich glaube auch, dass da eine ganz große Chance drinnen liegt, und zwar für alle Beteiligten miteinander und für so Aggregationsmodelle wie unseres da Kombinationen hinzubekommen und zu sagen: Wie berichtet ein klassisches Medienhaus darüber, wie berichten aber eben auch Blogger, die das Hochwasser live vor Ort miterleben, als aktuelles Beispiel, über ein und dasselbe Thema.

medienpolitik.net: Ihr seid ein Aggregationsmodell. Ihr bietet einen Aggregator an, in dem verschiedene Medien zusammen fliessen und der Nutzer kann sich alle zusammenstellen. Ist das ein mögliches Erlösmodell für die Verlage, die ja auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, Gelder zu erlösen, sind?

Wanja Sören Oberhof: Davon sind wir ganz fest überzeugt und davon sind auch einige Verlage, nämlich mehr als 20 überzeugt, die jetzt schon bei Niiu dabei sind. Da werden jetzt auch noch mehr dazu kommen. Ich bin deswegen fest davon überzeugt, weil ich glaube, dass der Mehrwert so fest auf der Hand liegt. dass ich sage, ich wähle eben ein Best of aus verschiedenen Blättern, weil ich ganz individuelle Interessen habe und… Als Beispiel: bei mir ist es so. Bei mir kam ganz ursprünglich die Idee auch deswegen: Ich bin in Hamburg geboren und wollte eben weiterhin den Hamburger Abendblatt Regionalteil lesen. Der Rest vom Hamburger Abendblatt war aber nur so mittelmäßig interessant für mich. Und jetzt noch einen guten Wirtschaftsteil, einen guten Berlin-Teil, wo ich jetzt lebe, und einen Sportteil, das war eine Kombination, die mir gefehlt hat und nach der ich gesucht habe. Das kann man ja in alle Richtungen jetzt weiterstricken. Der Blogger, der auch Musik interessiert ist, und der Kunstliebhaber, der tiefer, als seine Regionalzeitung ihm das bietet, in die Kunstszene einsteigen will, aber trotzdem sein Regionales weiter haben will. Diese Kombinationen aufzuzeigen, das ist unser Geschäftsmodell und deswegen sind wir davon überzeugt, dass dann auch die Verlage daran partizipieren.

medienpolitik.net: Nun gibt es ja viele dieser Formationen. Du könntest ja z. B. auch die Website des Hamburger Abendblattes nutzen. Warum sollte ich statt dessen eine kostenpflichtige App nutzen?

Wanja Sören Oberhof: Gerade beim Hamburger Abendblatt ist es ja so, dass die Lokalinhalte, wo es wirklich um Hamburg geht, die Inhalte, die uniques sind, die eben kein anderer so hat, bezahlpflichtig sind. Das ist ja eine Tendenz, die immer mehr um sich greift, dass immer mehr Regionalverlage, ob das Madsack ist oder noch andere kleinere Regionalzeitungen sind, für ihre Inhalte Geld verlangen, weil genau diese Regionalinhalte eben Inhalte sind, die man sonst nirgendwo bekommt oder zum Teil gibt es diese Inhalte auch noch gar nicht im Netz. Wir haben schon mit Leuten geredet, die Interesse an Niiu hatten und gesagt haben: Es wäre so toll, denn dann könnte ich meine Regionalinhalte auf dem ipad lesen. Das bietet meine Regionalzeitung gar nicht an. Das ginge nur in der Kooperation mit der dortigen Regionalzeitung, weil die haben diese Information. D. h das Eine ist ein Trend dahin, dass immer mehr Inhalte nur gegen Bezahlung verfügbar sind, und das andere ist dann, der Vorteil von Niiu, dass du wirklich alles aus einer Hand bekommst und Niiu als Lean Back Medium nutzen kannst. Wir haben ein Anfang und wir haben ein Ende. Und du musst dich nicht durch die Weiten des Internets klicken, auf der Suche nach deinen Inhalten, sondern hast dein Best of für dich aufbereitet.

medienpolitik.net: Im Moment sind es große Verlage, die mitmachen. Aber auch die kleineren Verlage könnten ja partizipieren, möglicherweise auch Blogger und semiprofessionelle Angebote. Wann wird das dazu kommen? Ist Niiu schon so weit, wann können die dazu kommen und was sind die Schwierigkeiten dabei?

Wanja Sören Oberhof: Ja, wir sind schon so weit. So schnell wie möglich. Und wir haben auch jetzt schon kleinere Angebote wie The European, die ja ein reines Online-Portal sind, da ein größeres, aber eben im Vergleich zu einer BILD oder einer Neuen Züricher Zeitung natürlich noch signifikant kleiner. Die Basis ist eigentlich nur, dass ein hochwertiger Journalismus geboten wird. Wir wollen nicht die ganzen Weiten des Internets, aber sind offen und freuen uns über ein möglichst breites Angebot, weil es genau darum geht. Das persönlich Relevante, was für jeden individuell ist, abzubilden. Da fehlt mir z. B. noch Tech Grunge, wo ich noch dran bohre, weil die für mich relevant sind, weil ich die täglich in meinen Nachrichten mit drinnen haben will. Die gehören aber genauso dazu, wie der Regionalteil aus dem Hamburger Abendblatt, aus dem Tagesspiegel und die Seite 2 aus der BILD. Und diese Kombination anzubieten ist das Ziel und deswegen sind wir auch jetzt schon offen und sprechen mit Blogs, mit solchen Foren, wo sich solche Blogs zum Teil dann finden.

medienpolitik.net: Ihre habt ja auch mal versucht, eine gedruckte personalisierte Ausgabe herauszugeben. das ist gescheitert, weil es mit der Drucktechnik alles nicht so geklappt hat. Aber die Kontakte zu den Verlagen bestehen. Was ist eigentlich die größte Schwierigkeit, einen Verlag zu gewinnen?

Wanja Sören Oberhof: Das ist eine schwierige Frage, weil es individuell ist. Grundsätzlich hat sich schon sehr viel geändert. Ich bin jetzt schon seit 6 Jahren mit Hendrik an diesem Thema dran und in den letzten 6 Jahren ist da schon sehr viel mehr Bewegung hereingekommen. Vor 5 Jahren das Projekt vorzustellen, war noch deutlich komplexer. Jetzt ist zumindest in dem Bewusstsein angekommen, okay, man muss auch neue Wege gehen. Dennoch ist es so, dass am Ende das Hauptthema die Kanibalisierungsangst ist. Vielleicht könnte ja damit ein Leser abhanden kommen, den ich sonst noch als Vollabonnent klassischerweise hätte. Unsere Herangehensweise ist da eben eine andere. Wir sagen, erstens bringen wir dir eine ganz neue Leserschicht, die kann dann auch ein oder zwei kanibalisierte Altleser ertragen. Ein zweites Thema ist aber auch, dass in den Verlagen oft auch noch nicht so ganz klar ist, wo geht die Reise digital hin? Da gibt es einige, die weiter sind, die dann auch meistens schon bei Niiu dabei sind. Andere wissen aber noch gar nichts. Und aus Angst, sich irgendwas zu verbauen, sagen sie erstmal, nein, wir machen erst mal gar nichts anderes. Das ist sicherlich nicht der beste Ratgeber, aber da müssen wir einfach abwarten. Wir sind relativ früh dran mit unserem Projekt und Schritt für Schritt werden da mehr Verlage dazu kommen. Irgendwann habe ich den Wunsch, dass man sich wirklich alles auswählen kann und daran arbeiten wir.

medienpolitik.net: Es sind jetzt Bezahlschranken aufgebaut wurden, wie zuletzt mit dem BILD Premium Content. Die anderen Seite sind die Nutzer. Die müssen generiert werden. Braucht man eine gewisse Masse, um mit Verlagen besser verhandeln zu können. Wie sieht es da aus?

Wanja Sören Oberhof: Da muss man unterscheiden. Das eine sind Gratis-Nutzer, die Niiu als App ausprobieren wollen, in die App zu bekommen, das ist relativ einfach. Da weiss man, über welche Kanäle bekommt man welche Nutzer. Wo muss man sich platzieren. Natürlich ist auch da die Herausforderung, dass Niiu als Marke nicht so bekannt ist wie ein Handelsblatt oder wie eine BILD, die es da natürlich nochmal einfacher haben User zu generieren. Aber die Hauptchallenge, die wir haben, ist: Wie ist die Wandlungsquote? Wie viele Leute sind tatsächlich bereit, dafür zu bezahlen? Und da sind wir jetzt gerade jetzt gerade 8 Wochen am Markt total am experimentieren, über welche Kanäle müssen die Leute kommen und v. a. welche Angeboten muss man den Leute offerieren, damit sie ein Interesse haben? Was wir jetzt schon gemerkt haben, ist, dass es ein unglaubliches Involvement gibt in dieses Produkt, gerade deswegen eben auch, weil es ein personalisiertes Produkt ist, kommen die Leute, selbst wenn sie es nicht mögen, mit einem Riesenkatalog an Wünschen und Veränderungen, weil sie die Grundidee richtig und gut finden, aber erst recht eben, wenn sie es mögen. Und wenn sie dann auch dafür zahlen, schreiben sie uns täglich, was wir verbessern können, was wir anders machen können, was schon richtig toll ist, wo sie sich Niiu hin wünschen in Schritt 1, 2, 3. Also die Einbindung ist eine besonders große und das haben wir auch schon bei der Printvariante gemerkt, weil es eben meine persönliche Ausgabe ist und wirklich individuell auf mich zusammengestellt.

medienpolitik.net: Was sind die Hauptwünsche der Nutzer?

Wanja Sören Oberhof: Ein ganz zentrales Thema ist Lokalität. Das ist mit Abstand das Wichtigste. Die Zahlungsbereitschaft hängt ganz eng damit zusammen, habe ich die Lokalnachrichten oder nicht? Was für uns logischerweise zur Folge hat, dass jetzt die große Aufgabe ist, flächendeckend die Regionalzeitungen einzusammeln. Natürlich reden wir auch weiterhin mit den großen Überregionalen, die noch nicht dabei sind, aber die Regionalität ist ein ganz entscheidender Punkt. Und es gibt noch verschiedenste Änderungen, die wir jetzt auch schon mit unserem nächsten Update einführen, was push modifications angeht, was einfachere Navigationen in ein, zwei Punkten angeht. Und in letzter Instanz, das was wir sowieso schon vor hatten und wussten, ist, diese Personalisierungen noch zu vertiefen und zu verbessern, im Sinne von. ich kann nach Schlagworten suchen, nach bestimmten Tags, nach bestimmten Autoren und dann eben sagen, ich möchte nur Hertha BSC, Herbert Brandl und Angela Merkel.

medienpolitik.net: Bekommt ihr eigentlich genügend Unterstützung. Verlage wie der Tagesspiegel könnten mit ihrer publizistischen Macht doch viel mehr auf euer Angebot aufmerksam machen oder auch der BDZV, unterstützen die euch eigentlich oder sehen die euch als Gefahr?

Wanja Sören Oberhof: Der Verband sieht uns schon sehr wohlwollend an, hilft auch hier und da gerne aus. Er ist aber trotzdem ein Verband, der den Verlagen nicht vorschreiben kann, schaltet jetzt Niiu-Werbung oder macht jetzt bei Niiu mit, sondern das sind dann individuelle Diskussionen, die wir mit jedem Verlag einzeln zu führen haben. Genauso bei dem anderen Part. Die Unterstützung ist von Verlag zu Verlag unterschiedlich. Aber auch da werden wir bei den Partnern nochmal werben, wobei wir unsere Zielgruppe auch weniger dort auf den Seiten vermuten, sondern z. T. bei anderen Aggregatoren. Es kann also ein weiterer interessanter Kanal sein, aber es gibt andere Zielkanäle, wo wir unsere Zielgruppe klarer eingrenzen können.

medienpolitik.net: Aber warum sollen die Verlage gerade bei euch mit im Spektrum sein?

Wanja Sören Oberhof: Matthias Döpfner hat irgendwann vor zwei, drei Jahren schon gesagt, Springer ist kein Zeitungshaus mehr, sondern es geht darum, hochwertigen Journalismus auf verschiedenen Vermarktungskanälen, Distributionskanälen zu vermarkten. Niiu ist eben ein solcher Distributionskanal. Das ist schon ein ganz klares Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Newsaggregatoren, dass wir basierend auf Lizenzverträgen, die wir mit den Publishern haben, die an all unseren Erlösen beteiligen. Das ist für sie eine weitere Erlösquelle für ihren Content.

medienpolitik.net: Unterstützt euch Springer mit seiner Marktmacht genügend?

Wanja Sören Oberhof: Springer, die NZZ und der Tagesspiegel sind unglaublich mutig und innovativ, in dem sie ein Projekt wie unseres unterstützen, allein schon durch die Tatsache, dass Springer mit all seinen Titeln mitmacht und relativ früh dazu Farbe bekannt hat, dass sie dabei sind. Das für ein Projekt wie unseres ein ganz zentraler Punkt. Daher wünsche ich mir mehr von anderen Verlagen, die jetzt noch sehr viel vorsichtiger sind. Springer ist wirklich sehr mutig und innovativ vorweg gegangen.

medienpolitik.net: Im Musikbereich zeigt Spotify, wie es funktionieren kann. Woran scheitert es denn immer noch bei den Verlagen, dass sie sagen, wir wollen uns nicht unter Wert verkaufen?

Wanja Sören Oberhof: Um die Analogie aufzunehmen, die größte Schwierigkeit, so der Steve Jobs Biograf, war die Überzeugung der Musikplayer. Und da habe ich im Prinzip nur vier große Labels davon zu überzeugen, dort mitzumachen und eben aus ihrem klassischen Denken auszusteigen. Klassisches Denken in der Musikindustrie hieß, ein Album ist ein Album und wir als Publisher sagen, welche Single entkoppelt wird. Das gleiche passiert mir schon mehrfach, dass ich vor Verlagsleitern, Geschäftsführern, Chefredakteuren, Verlegern saß, die gesagt haben, unsere Zeitung ist ein Gesamtkunstwerk, die darf nicht entbündelt werden. Wir müssen das komplett halten. Die Digitalisierung ist einfach noch nicht so bei allen angekommen. Und dass die Technologie auch dazu führen wird, dass solche Aggregatoren über verschiedene Kanäle Teile von Zeitungen sich zusammensuchen und dass es ja jetzt schon über RSS-Reader passiert und auch im Internet auf den großen Seiten keiner eine Gesamtausgabe liest, ist klar, aber das ist zum Teil einfach noch nicht so in den Köpfen angekommen. Und auch der Spotify-Gründer hat mir erzählt, dass es das gleich war. Sie haben Jahre dafür gebraucht, bis sie tatsächlich die Verträge von diesen Plattenlabels hatten. Das waren vier große Labels, damit hatten sie 80 Prozent von allem, was wichtig ist. Wir haben jetzt schon 20 Verlage und haben wahrscheinlich 20 Prozent von dem, was rein Deutschland wichtig ist.

medienpolitik.net: Wie sieht das aus mit Werbung innerhalb der App?

Wanja Sören Oberhof: Werbung spielt bei uns einer Rolle. Es ist natürlich so, dass wir darüber, dass wir wissen, was derjenige liest, natürlich einiges über ihn wissen – logischerweise nach dem strengen deutschen Datenschutz völlig anonym. Das können wir werbewirksam nutzen und dem Sportinteressierten Hertha-Fan Hertha-Tickets anbieten und dem Kunstliebhaber eher Philharmonie-Tickets, d. h. das auch aus steuern. Dadurch kann die Werbung sogar einen Mehrwert liefern.

medienpolitik.net: Was ist für euch eigentlich die größere Konkurrenz? Die kostenlosen Websiten oder andere Aggregatoren wie z. B. Flipboard?

Wanja Sören Oberhof: Flipboard ist super gemacht, aber wir adressieren schon ein bisschen was anderes. Bei uns ist es wirklich eine abgeschlossene News-App. Ich habe alles in einem „Look and Feel“. Ich habe ein Anfang, ich hab ein Ende. Ich habe es im Offline-Modus komplett verfügbar, auch im Flugzeug, in der Bahn oder im Funkloch. Und ich gehe auf alle Quellen ein, auch die, die ich nicht gratis im Internet finde. Wir sind also schon grundsätzlich anders aufgestellt als die Aggregatoren, die ja im übrigens ab 1. August durch Leistungsschutzrecht und Co. auch nochmal eine ganz andere Diskussion zu führen haben. Die ganzen Diskussionen über Fotorechte, Bilderrechte generell und Urheberrechte haben uns Jahre und Schweiß gekostet. Die haben sie nun auch noch vor sich. Ich glaube aber, dass alles drei nebeneinander Platz hat. Ich kann gut damit leben, dass man 20 Artikel im Monat bei der Welt oder 15 bei der New York Times gratis lesen kann. Ich bin sehr gespannt, wie sich bei BILD das Bezahlmodell entwickelt. Aber auch der Tagesspiegel, einer der meist gewählten Quellen bei Niiu, hat relativ viele Inhalte gratis online oder gratis in der App, was sich eher weniger kanibalisiert. Es geht bei Niiu eben um den Service, den wir bieten, dass ich alles komprimiert gefiltert bekomme.

medienpolitik.net: Ist das Leistungsschutzrecht eine Chance für euch?

Wanja Sören Oberhof: Unabhängig wie ich jetzt persönlich zum Leistungsschutzrecht stehe, ist es sicherlich so, dass das, was wir machen, davon nicht tangiert ist. Und was viele andere Aggregatoren machen direkt tangiert wird. Und deswegen, Business seitig gesehen ist es sicherlich eine Chance.

medienpolitik.net: Was könnten Medien- und Netzpolitik noch verbessern? Was wären für euch die perfekten Rahmenbedingungen?

Wanja Sören Oberhof: Das ist eine gute Frage. Der Rahmen ist eigentlich vernünftig gesteckt. Das Leistungsschutzrecht war schon eine ganz schöne Hängepartie bzw. ist bis heute eine Hängepartie, weil man einfach nicht so genau weiss, was ist es denn jetzt genau? Was ist ein Snippet? Wie lang ist das? Wo geht die Reise hin? Dort wäre eine Klarheit wichtig, wie auch immer diese Klarheit dann aussieht. Klarheit ist immer besser als Ungewissheit. Und ein weiteres Thema in diesem Rahmen ist, wie wird mit Bandbreiten in Zukunft umgegangen? Jetzt gibt es die ersten Deals. Ich kann 1 GB bei T-Mobile nutzen, Spotify exklusive. Das steht auf einem anderen Blatt. Was bringt da die Zukunft? Das ist für uns spannend, da wir uns als etwas ähnliches wie Spotify verstehen und die News-Industrie mit Video- und Bildmaterial sicherlich auch noch Volumen intensiver werden wird. Aber das wären die zwei einzigen Punkte, wo ich mir noch mehr Klarheit wünschen würde.

medienpolitik.net: Ist Deutschland ein schwieriger Markt für so eine App, weil die Leute besonders geizig sind, für Inhalte zu bezahlen?

Wanja Sören Oberhof: Deutschland ist eigentlich ein guter Binnenmarkt. Es hat eine vernünftige Größe. Es gibt entsprechendes, zahlungskräftiges Publikum. Man kann schon viele Indikationen aus diesem Markt herausfischen, um so ein Projekt dann – das ist für uns logischerweise spannend – auf weitere Ländern auszuweiten.

Das Interview führten für medienpolitik.net Oliver Numrich, Geschäftsführer Goldmedia Analytics GmbH, und Nancy Brandt, Online-Redakteurin von medienpolitik.net.

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