Filmpolitik:

„Die deutsche Filmförderung muss neu justiert werden“

von am 03.07.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Filmpolitik:</h4>„Die deutsche Filmförderung muss neu justiert werden“
Martin Moszkowicz, Vorstand für Film und Fernsehen, Constantin Film AG I © Martin Hangen

Constantin-Film-Vorstand kritisiert zu hohe Anzahl von deutschen Spielfilmen

03.07.13 Interview mit Martin Moszkowicz, Vorstand für Film und Fernsehen, Constantin Film AG

„Die Constantin Film ist mit großem Abstand der einzige deutsche Medienkonzern, der mit seinen Kino-Produktionen weltweit jedes Jahr regelmäßig um die 500 Millionen US-Dollar Box Office generiert, mit dem mittelfristigen Ziel dies auf eine Milliarde US-Dollar zu erhöhen“, so Vorstand Martin  Moszkowicz in einem medienpolitik.net-Gespräch. Dabei widerspricht  Moszkowicz der in der letzten Zeit häufig zu hörenden Kritik, die deutsche Filmförderung verschleudere Steuermillionen: „Es  wäre viel zu kurz gegriffen, zu verlangen, dass Filmförderung ausschließlich dazu dienen sollte, den wirtschaftlichen Erfolg  zu honorieren. Filmförderung in Deutschland hat eine kulturelle und eine wirtschaftliche Funktion“, so der erfolgreiche Produzent. Zugleich forderte  Moszkowicz eine Reform des FFG. Es gehe darum, dass man weniger Mittelmaß produziert und sich auf außergewöhnliche Filme konzentriert.

medienpolitik.net: Herr Moszkowicz, die Constantin Film produziert einen neuen „Tarzan“-Film. Zum X-ten Mal wird dieser Stoff verfilmt, diesmal allerdings als Animationsfilm. Warum greifen Sie den Stoff erneut auf? Fehlt es Ihnen an neuen Ideen?

Martin Moszkowicz: „Tarzan“ wird erstmalig in der modernsten 3D Motion-Capture-Technologie, die es derzeit weltweit gibt, aufgenommen und produziert. Wir verfolgen eine stark brandorientierte Strategie bei unseren Produktionen. Unter anderem deshalb, weil mit einem starken Brand eine gewisse Awareness beim Publikum vorausgesetzt werden kann und wir dadurch nicht ganz so viel Geld in die Werbung für die Filme investieren müssen wie bei einem Originalstoff. Ein Blick auf die Top 10-Filme des letzten Jahres zeigt, dass diese Strategie nicht so schlecht sein kann, weil bis auf ein oder zwei Titel die gesamten Top10-Filme Brands sind, also Filme, die auf einem bestehenden bekannten Brand basieren. Darüber hinaus haben wir die klassische „Tarzan“-Story zeitgenössisch transportiert, also modernisiert. Ich bin sicher, das Publikum wird überrascht sein, wie modern man eine Geschichte wie „Tarzan“ heute erzählen kann.

medienpolitik.net: Was verleitet den Zuschauer, in Filme zu gehen, die er möglicherweise schon kennt?

Martin Moszkowicz: Zunächst lockt man das Publikum mit guten Stoffen in Filme und dann ist wichtig, dass das Publikum den Film auf der einen Seite klar einordnen  kann und es gleichzeitig von ihm überrascht wird. Das ist die große Kunst. Bei einem bestehenden Brand ist die Einordnung für das Publikum leichter. Auf der anderen Seite muss man aber auch in der Lage sein, die Geschichte so zu präsentieren und abzuwandeln, dass das Publikum etwas Neues erlebt, denn ein Film, den das Publikum meint zu kennen wird kein Erfolg sein. Auf diesem schmalen Grat bewegen wir uns. Das ist der Kampf, den wir täglich um die Gunst der Zuschauer führen, denn wir wollen mit unseren Filmen möglichst viele Zuschauer erreichen. Die Constantin Film ist ein Entertainment-Konzern und Unterhaltung ist unser Ziel.

Die Constantin Film hat eine lange Tradition von mehr als 30 Jahren bei der Adaption von vor-bestehenden Werken. Das können Romane, Beststeller, aber auch Cartoons oder Videospiele sein, wie beispielsweise bei „Das Parfum“, “Wickie“ auf der Basis einer TV-Serie, „3096“ nach der Autobiografie von Natascha Kampusch, bei „Resident Evil“ nach der weltweit erfolgreichen Videospielreihe, bei der aktuellen Beststeller-Verfilmung “Die Chroniken der Unterwelt“ oder bei den „Bully“-Filmen, deren Figuren auf der Bully-Parade im Fernsehen  basieren, die Bully bekannt gemacht hat.

medienpolitik.net: Inwieweit spielt bei der Auswahl der Stoffe und auch bei der Neuaufarbeitung bekannter Inhalte, die gesamte Verwertungskette, also der internationale Verkauf, die Auswertung über VoD und andere Plattformen, eine Rolle?

Martin Moszkowicz: Die Kinoauswertung ist für Filme heute immer noch die Königsdisziplin, aber das Geld wird schon lange in den nachgelagerten Auswertungsformen verdient. Insofern ist die DVD-Auswertung, immens wichtig aber auch VoD und andere digitale Verbreitungsformen gewinnen immer mehr Bedeutung. Für deutschsprachige Filme ist unser Markt primär der deutschsprachige  Heimatmarkt. Darüber hinaus hat die Constantin Film in den letzten fünf, sechs Jahren eine intensive Internationalisierung durchgeführt. Damit haben wir heute weltweit den Erfolg, von dem wir in den letzten 30 Jahren oft geträumt haben. Die Constantin Film ist mit großem Abstand der einzige deutsche Medienkonzern, der mit seinen Kino-Produktionen weltweit jedes Jahr regelmäßig um die 500 Millionen US-Dollar Box Office generiert, mit dem mittelfristigen Ziel dies auf eine Milliarde US-Dollar zu erhöhen. Dabei handelt es sich jedoch primär um englischsprachige Filme, die eine andere Ausrichtung haben.

medienpolitik.net: „Steuermillionen für schlechte Filme“ hat kürzlich die „Welt am Sonntag“ einen sehr langen Artikel überschrieben. Sie erhalten für die meisten Ihrer Filme ebenfalls Fördermittel. Reizt Sie diese Schlagzeile zum Widerspruch?

Martin Moszkowicz: Dieser Artikel ist eine Mischung aus schlechter Recherche, falsch dargestellten Fakten und unsinnigen Schlussfolgerungen. Man muss nicht jeden Unsinn kommentieren, der irgendwo steht.

Natürlich ist das deutsche Fördersystem verbesserbar. Es wäre dumm zu denken, dass das nicht notwendig ist. Aber so, wie es in diesem Artikel beschrieben wurde, stimmt es nicht und die dort gezogenen, fehlerhaften Schlussfolgerungen wären in ihrer Auswirkung schädlich für unsere Filmwirtschaft. Ein großer Teil der Filmförderung sind keine Steuermillionen, sondern werden aus der Branche selbst generiert. Und die Gelder, die aus öffentlichen Haushalten kommen, haben dagegen eine andere Zielrichtungen, als nur die künstlerische  Qualität der Filme zu befördern – da geht es vor allem um Verbesserung der jeweiligen Standorte in einem international von Wettbewerb geprägten Umfeld. Darüber hinaus ist „Qualität“ im Bereich der Kunst ein durchaus diskutierbares Kriterium. Und schliesslich: Der  Trend des deutschen Marktanteiles  der letzten 10 Jahre zeigt nach oben. Es kann also hier nicht alles falsch gemacht worden sein.

medienpolitik.net: Aber die Frage bleibt ja trotzdem, ob die Filmförderung möglicherweise nicht die falschen Anreize setzt. Denn nicht alle Filme, die gefördert werden, sind wirtschaftlich erfolgreich.

Martin Moszkowicz: Ja, aber es wäre auch viel zu kurz gegriffen, zu verlangen, dass Filmförderung ausschließlich dazu dienen sollte, den wirtschaftlichen Erfolg  zu honorieren. Filmförderung in Deutschland hat eine kulturelle und eine wirtschaftliche Funktion.  Das heißt, dass bei einigen Filmen von vorn herein klar ist, dass sie nicht viele Besucher erreichen, die aber künstlerisch derart starke Akzente setzen  und deshalb gefördert werden müssen. Ausserdem ist die deutschsprachige Filmindustrie in einem sprachlich begrentzten Binnenmarkt auf Unterstützung angewiesen – ohne Filmförderung müssten wir auf deutschsprachige Film weitestgehend verzichten.  Trotzdem glaube ich, dass die Schwerpunkte in der deutschen Filmförderung neu justiert werden müssen und wir hoffen sehr, dass das in der nächsten größeren Überarbeitung des FFG auch passieren wird. Fakt ist, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, bis der deutschsprachige Film wirklich wieder eine relevante Größe in Deutschland und in der Welt darstellt.

medienpolitik.net: Es gibt die Idee, dass man bei der Förderung die Relation zwischen der Besucherzahl und den Produktionskosten berücksichtigen sollte und weniger die Teilnahme an Festivals. Was halten Sie davon?

Martin Moszkowicz: Ich bin gegenüber dem ersten Teil eines solchen Vorschlages skeptisch. Ich glaube auch nicht, dass unser Hauptproblem das Verhältnis zwischen den Budgets ist. Im übrigen würde eine solche Ausrichtung zu einer thematischen Monokultur von Komödien und Dramas führen – teurere Filmgenres z.B. historische Stoffe oder Fantasy-Stoffe werden dann praktisch unmöglich gemacht.  Die Frage, die man sich  stellen muss, lautet doch, ob eine kleine weitgehend durchsubventionierte Low-Budget-Produktion, die sich vielleicht noch gerade für den Produzenten rechnet, für die Ernährung der gesamten Infrastruktur der Branche ausreichend ist. Das heißt, von der Auswertung  müssen viele andere Martkteilnehmer auch noch leben – darunter Kinobesitzer, Videothekare, Videoauswerter, VoD Plattformen, Weltvertriebe und Fernsehanstalten. Und da ist es fraglich, ob man das mit vielen kleinen Filmen erreichen kann. Aber ich finde, dass die Diskussion um Budgetgrößen an unserem wichtigsten Ziel, Zuschauer zu erreichen, vorbei geht. Es geht darum, dass man weniger Mittelmaß produziert und sich auf außergewöhnliche Filme konzentriert. Wie viel die Filme dann letztendlich kosten, ist eher zweitrangig – wenn man mal davon absieht, dass jeder Hersteller geringe Kosten und hohe Erträge gut findet.

medienpolitik.net: Der DFFF ist auch eingerichtet worden, um die Budgets pro Film zu erhöhen und damit auch die Attraktivität der Filme zu steigern. Das ist kaum gelungen. Bringt es uns aber nicht mehr, wenn man die Förderung insgesamt auf weniger Filme konzentrieren würde?

Martin Moszkowicz: Ich bin der Meinung, dass insgesamt zu viele Filme produziert werden und dass zu viele Filme im Markt sind, auch wenn es hierzu unterschiedliche Datenanalysen gibt, wie sich die Anzahl der Filme auswirkt. . Ich wage zu bezweifeln, ob sich der Konsument an einem Wochenende, an dem manchmal 20 bis 25 neue Titel im Kino anlaufen, noch vernünftig entscheiden kann, welchen Film er sehen möchte. Im übrigen führen mehr Filme zu höheren Ausgaben bei der Werbung, denn jeder Verleiher versucht sich am Markt mit seinem Produkt durchzusetzen. Aber ich glaube nicht, dass es nur mit der Konzentration alleine getan ist. Es geht in erster Linie um inhaltliche Ideen und originelle, hochwertige Umsetzungen.

Der DFFF sollte vor allem die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandortes Deutschland verbessern und das hat er geschafft. Der Filmstandort Deutschland ist heute sicherlich auf der Landkarte der attraktiven Filmländer präsenter, als er es vor der Einführung des DFFF war.

medienpolitik.net: Ist auch der deutsche Film heute auf der internationalen Landkarte wieder bedeutungsvoller?

Martin Moszkowicz: Eine genaue Betrachtung der internationalen Bedeutung des deutschen Films zeigt, dass das Level über die vergangenen Jahre relativ gleich geblieben ist. Jetzt kann man natürlich sagen, dass inzwischen viel Geld ausgegeben worden und sich die internationale Bedeutung des deutschen Films nicht großartig verbessert hat. Aber: Deutschland ist nach wie vor eine der großen Filmnationen in Europa und unsere Filme finden ihren Platz. Das beweisen Filme wie „Das Weiße Band“, der alle großen Filmpreise auf der Welt wie den Oscar oder die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat oder „Das Leben der Anderen“ oder „Nirgendwo in Afrika“. Dabei sollte man nicht vergessen, dass auch andere Länder ihre Filmförderungen intensiv ausgebaut haben und für amerikanische Blockbuster heute deutlich mehr Geld eingesetzt wird als früher. Man sollte sich natürlich immer wünschen, dass die Entwicklung besser wird. Aber es ist nicht so, dass es eine nach unten gerichtete Bewegung gibt, sondern sie ist relativ linear.

medienpolitik.net: Sie sagten, dass Reformen bei der Filmförderung notwendig sind, auch, um mehr Qualität zu erreichen. Aus der Reform des FFG wurde bei der aktuellen Novellierung ein „Reförmchen“. Sie hatten ja andere umfangreiche Vorschläge vorgelegt…

Martin Moszkowicz: Wir – die Allianz deutscher Produzenten  – sind der Meinung und mit uns auch die anderen drei großen Verbände und viele in unserer Branche, dass eine umfassende Novellierung des Filmförderungsgesetzes notwendig ist. Der Staatsminister für Kultur und Medien hatte allerdings die Sorge, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man diese große Reform umsetzt während zeitgleich  das FFG , massiv unter juristischem Beschuss in diversen Gerichtsverfahren ist. Insofern finde ich es richtig, dass man sich zunächst auf eine kurze Laufzeit für das „Reförmchen“ geeinigt hat und in den verbleibenden nächsten drei Jahren die große Reform in Angriff nimmt. Diese wird mit Sicherheit kommen.

medienpolitik.net: Was versprechen Sie sich von dieser Reform? Ist mehr Geld für die Produzenten Ihr Ziel?

Martin Moszkowicz: Nein, es geht nicht um mehr Geld für die Produzenten, sondern um eine klarere zukunftssichere Ausrichtung und darum, dass sich die veränderten Auswertungsbedingungen von Filmen auch in der Filmförderung abbilden. Wenn sich digitale Auswertungsformen in den nächsten Jahren massiv in den Vordergrund schieben werden, wovon man ausgehen kann, muss sich das auch in der Filmförderung niederschlagen. Wir sind der Meinung, dass alle, die mit dem Film Geld verdienen – dazu gehören nicht nur die VoD-Anbieter, sondern auch diejenigen, die die Filme zu den Konsumenten transportieren, also die Provider und die großen Telekommunikationsunternehmen – zu einer Abgabe für die Filmförderung herangezogen werden sollten. Im Gegenzug müssen diejenigen, die heute mit dem Film weniger verdienen oder denen es in den nächsten Jahren schlechter gehen wird, entlastet werden. Das erwarten wir uns von der großen neuen Reform.

medienpolitik.net: Die Filmwirtschaft ist in starkem Maße abhängig vom Fernsehen. Haben aus Ihrer Sicht einige Vertreter der Filmwirtschaft zu panisch reagiert und politisch nicht durchsetzbare Dinge gefordert, nur weil eine Fernsehdirektorin einer ARD-Anstalt sagte, dass möglicherweise die Beteiligungen an Filmproduktionen reduziert werden müssen?

Martin Moszkowicz: Ich bin einerseits der Meinung, dass Fernsehsender, Fernsehverwerter und Produzenten eine Schicksalsgemeinschaft sind, die zusammengehört und die sich zusammensetzen sollte, um die Wege in die Zukunft zu finden. Das ist manches Mal erfolgversprechender als öffentliche Vorwürfe oderAngriffe. Denn die Basis beider Geschäftsmodelle wird sich in den nächsten Jahren durch die digitale Revolution grundsätzlich verändern.

Ich bin aber andererseits auch der Meinung, dass die Aufwendungen und auch viele Entscheidungen bei den Sendern nach wie vor nicht transparent genug sind. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum es den Sendern nicht möglich sein soll, ihre Daten über die jährlichen Budgets für Kinofilme in den verschiedenen Bereichen Lizenzeinkauf, Filmförderung und Koproduktionen, zu veröffentlichen. Genauso wie übrigens im Fernsehbereich für die Aufwendungen bei Auftragsproduktionen. Insofern sehe ich eine Bringschuld auf Seiten der Sender. Die jetzige Forderung mit zunächst 3,5 Prozent der jeweiligen Jahresbudgets steht erst einmal im Raum, darüber kann man reden. Sie ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, weil sie in anderen Ländern durchaus ähnliche Zahlen als Basis hat.

medienpolitik.net: Sie monieren gleichzeitig die fehlenden Sendeplätze. Wenn man schon einen bestimmten Teil des Rundfunkbeitrages bindet, und der Rundfunkbeitrag dient ja in erster Linie dazu, den Programmauftrag zu erfüllen, müsste das dann nicht auch mit einer Quote für Spielfilme verbunden werden?

Martin Moszkowicz: Ich bin kein Freund von Quotenregelungen, weil ich immer noch darauf hoffe, dass die Marktteilnehmer so vernünftig sind, ohne eine zwingende Quote die geeigneten Maßnahmen zu treffen, mit denen sich die Situation verbessert, in diesem Fall diejenige der Spielfilme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Tatsache ist, dass es immer weniger Spielfilmsendeplätze insbesondere bei der ARD, aber auch beim ZDF gibt. Natürlich ist das keine gute Situation und das muss man ändern. Die Quote würde ich nur als allerletzten Weg sehen, dorthin zu kommen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 07/2013 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen