Urheberrecht:

Musikdownloads: Bekämpfen EU und Kreativwirtschaft das falsche Problem?

von am 18.07.2013 in Allgemein, Archiv, Gastbeiträge, Kreativwirtschaft, Musikwirtschaft, Urheberrecht

<h4>Urheberrecht:</h4>Musikdownloads: Bekämpfen EU und Kreativwirtschaft das falsche Problem?
Oliver Süme, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des ECO

Es ist eine gute Zeit für Unternehmergeist

18.07.2013 Von Oliver Süme, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des ECO

Eine plausibel klingende These: Illegale Downloads führen zu Umsatzrückgängen in der Musikindustrie. So klar, so einfach, so eingängig – so falsch? Seit Jahren fordern die Vertreter der Rechteverwerter auf der Grundlage dieser Kausalkette schärfere Rechtsdurchsetzungsmechanismen. Nun zeigt jedoch eine Studie der Europäischen Kommission: Die so plausibel klingende These stimmt womöglich nicht. Alle Konsequenzen, die darauf aufbauen, müssen deshalb neu bewertet werden.

Doch der Reihe nach: Natürlich gibt es viele, viele Studien, die den Zusammenhang von Downloadverhalten und sinkendem legalen Musikkonsum zu belegen scheinen. Allerdings haben diese Untersuchungen alle eine Schwäche: Sie arbeiten mit Nutzerbefragungen. Um zu einem belastbaren Ergebnis zu kommen, bräuchte man also zunächst eine große und bevölkerungsrepräsentative Probandengruppe. Diese müsste zu eigenen Rechtsverstößen einem wildfremden Befrager wahrheitsgemäß antworten. Und um die Problementwicklung ablesen zu können, müsste diese Befragung über einen langen Zeitraum regelmäßig wiederholt werden.

Objektive Methoden kommen zu einem anderen Ergebnis

Dies ist natürlich kein sonderlich realistisches Szenario. Viel aussagekräftiger als die immer subjektiven Befragungen ist es daher, das tatsächliche Nutzungsverhalten einer großen Gruppe zu beobachten. Dies war der Ansatz des Joint Research Center der Europäischen Kommission. Dessen Institute for Prospective Technological Studies kommt dabei zu einem verblüffenden Ergebnis: Seine Studie legt nahe, dass die sinkenden Umsatzerlöse in der Musikindustrie anders als bisher vermutet gar nicht durch (sogenannte) Internet-Piraterie verursacht werden.

Bei dem Forschungsprojekt wurde das Klick- und Surfverhalten einer Gruppe von 16.000 europäischen Probanden automatisch ausgewertet. Obwohl es nationale Unterschiede gibt, zeigte sich im Großen und Ganzen, dass die Nutzer illegaler Downloads mindestens genauso häufig legale Downloads nutzen wie Internetnutzer, die keine illegalen Angebote aufrufen – tendenziell sogar ein wenig häufiger. Dasselbe gilt für die Nutzer legaler Streaming-Angebote. Auf jeden Fall kaufen die „illegalen“ Downloader nicht weniger Musik als Nutzer ausschließlich legaler Angebote.

Auf der Suche nach dem verlorenen Umsatz

Wie aber kann es dann sein, dass der Umsatz der Musikindustrie zurückgegangen ist? An diesem Trend besteht ja kein Zweifel. Die Studie liefert dazu eine These: Vor dem Aufkommen von Downloads war das übliche Verkaufsformat das Album, also eine Zusammenstellung vieler Songs. Erst mit dem Aufkommen von Downloads besteht die Möglichkeit, sich auf die Songs zu beschränken, die man tatsächlich erwerben möchte – und die Mehrkosten für den Rest des Albums zu sparen.

Die wissenschaftliche Untersuchung dieses möglichen Wirkungszusammenhangs steht noch aus. Ist der Blick jedoch  erst einmal geschärft, finden sich sogar leicht weitere Indizien, mit denen die Basisannahme gestützt wird: Denn nach einer weiteren aktuellen Studie, erstellt von der internationalen Strategieberatung booz&co., gleicht beispielsweise im Bereich Film die digitale Distribution den Verlust im stationären Handel bereits aus. Mit anderen Worten: Obwohl Filme über dieselben legalen und illegalen Kanäle bezogen werden können wie Musik, ist im Filmbereich kein vergleichbarer Umsatzeinbruch festzustellen. Dies müsste aber der Fall sein, wenn die Ursprungsthese „illegal verfügbar = weniger Einnahmen“ stimmte.

Auch andere Kreativfelder verzeichnen sogar insgesamt steigende Umsätze: Fernsehen, Buchverlage, Spiele – letztere sogar, obwohl sie viel früher als die Musikbranche mit dem Problem von Raubkopien konfrontiert waren und rechtswidrige Beschaffungswege entsprechend geläufiger sein dürften.

Hinzu kommt: Zwar entwickelte sich laut Musikindustrie der Gesamtmarkt 2012 leicht rückläufig, legale Downloads und Streaming-Dienste erreichten mit über 20 Prozent Anteil am Jahresumsatz jedoch einen Spitzenwert. Die Werte zeigen: Der Markt muss im internationalen Vergleich noch aufholen, stabilisiert sich aber allmählich. Die US-Musikbranche hat beispielsweise den Umbruch im Jahr 2011 erreicht; dort wurden bereits mehr Downloads verkauft als haptische Tonträger.

Die EU muss ihre eigenen Erkenntnisse ernst nehmen

Die erste objektive Untersuchung zum Zusammenhang kommt zur rechten Zeit: Denn aktuell arbeitet die EU-Kommission an einer Neubewertung der Richtlinie zur Durchsetzung des geistigen Eigentums von 2004. Dabei wählte sie ein Verfahren, das aus Sicht von eco hochproblematisch ist. Der von der Kommission vorgelegte Fragenkatalog macht es der Internetwirtschaft nicht möglich, ihre Position vorzutragen und zu vertreten. So ist zu befürchten, dass bereits bei der Erstellung des Fragebogens ein bestimmtes Ergebnis, jedenfalls aber ein Kausalzusammenhang mitgedacht wurde, den die eigene Studie der EU-Kommission nun widerlegt.

Es besteht daher die Gefahr, dass nun auf dieser Basis Rechtsdurchsetzungsmodelle forciert werden, die für die Internetwirtschaft mit erheblichen Rechtsunsicherheiten und daraus resultierenden Belastungen verbunden sind, um ein Problem zu lösen, das es nach dem aktuellem Stand der Wissenschaft überhaupt nicht gibt.

Keine Eingriffe in die E-Commerce-Richtlinie

Solange das Verhältnis von Ursache und Wirkung in diesem Feld noch so unklar ist, kann eine Verschärfung der geltenden Regeln keine gute Idee sein. Der bestehende Rechtsrahmen reicht zur Bekämpfung illegaler Angebote vollkommen aus, wie das grundsätzlich gut funktionierende Modell in Deutschland zeigt, dass auf der Durchsetzungs-Richtlinie beruht: Circa 300.000 mal pro Monat geben deutsche Provider auf Basis von Gerichtsbeschlüssen Auskunft über die Inhaber von Internet-Anschlüssen, über die eine Urheberrechtsverletzung erfolgt sein soll.

Zu allem Überfluss beabsichtigt die EU-Kommission nun auch noch, die auf Basis der E-Commerce-Richtlinie prinzipiell gut funktionierenden und etablierten Notice-and-Takedown-Verfahren durch eine weitere Richtlinie zu konkretisieren. Auch dieses Bestreben wird getrieben durch Rufe nach einer effektiveren Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, obwohl die Richtlinie diese Verfahren für sämtliche Formen von Rechtsverletzungen vorsieht. Der Ansatz, die funktionierenden, allgemein akzeptierten Verfahren an die Wünsche einer einzelnen Interessengruppe anzupassen, widerspricht dem Konzept der Richtlinie und stellt somit Verlässlichkeit und Neutralität der EU-Gesetzgebung in Frage.

 Neue Chancen – auch für die Rechteverwerter

Stattdessen sollten die Rahmenbedingungen für legale digitale Angebote weiter verbessert werden, denn viele neue Geschäftsmodelle von innovativen und kreativen Start-up-Unternehmen warten auf ihre Umsetzung. Auch die Verwertungsgesellschaften können noch flexibler werden und digitale Inhalte für neue Verwertungsformen zu marktgerechten Preisen lizenzieren. Wir stehen bei der Entwicklung neuer Vertriebsmodelle erst ganz am Anfang – es ist eine gute Zeit, um Unternehmergeist zu zeigen und Neues zu schaffen. Dies gilt für Internet- und Kreativwirtschaft gleichermaßen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 07/2013 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Jens Best - 27.07.2013 Antworten

    Der Facebook-Link führt zu einer geschlossenen Gruppe. Außer den Mitgliedern dieser Gruppe kann also keiner was mit diesem Link anfangen. Außerdem ist die verlinkte Gruppe als Sammelbecken für reaktionäre Urheberrechtsfundamentalisten bekannt. 😉

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