Rundfunk:

„Die Quote ist definitiv nicht das Maß aller Dinge“

von am 01.07.2013 in Allgemein, Archiv, Jugendkanal, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Die Quote ist definitiv nicht das Maß aller Dinge“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

37 Prozent des Programms im Ersten sind fiktionale Formate

01.07.13 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

In einem medienpolitik.net-Interview hat Volker Herres Programmdirektor des Ersten betont, „nur mit erfolgreichen Vollprogrammen lässt sich ein Beitrag zur Integration der Gesellschaft leisten und so auch die Breite der Bevölkerung für relevante politische und aktuelle Fragen interessieren.“  Die ARD-Digitalkanäle sollten aus seiner  Sicht aber nicht reine Versuchsprogramme sein, „sondern Special-Interests-Programme, ausgerichtet auf Teilpublika, die Informationen oder Fiktion suchen“. Ein Jugendkanal sollte auch nicht nur experimentieren, sondern attraktive Angebote für eine junge Zielgruppe bereithalten.

medienpolitik.net: Herr Volker Herres, warum haben Sie etwas gegen deutsche Spielfilme?

Volker Herres: Wie kommen Sie nur darauf, dass ich etwas gegen deutsche Spielfilme hätte!? Das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe das Fiktionale und Fernsehen ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Deshalb hat der deutsche Film im Ersten einen hohen Stellenwert. Wir haben zur Primetime pro Woche allein in diesem Jahr über 40 Sendeplätze für herausragende deutschsprachige Fernsehfilme am „FilmMittwoch“ wie „Operation Zucker“ und „Blaubeerblau“ oder Fernsehfilme, die thematische Schwerpunkte in unserem Programm setzten wie „Nacht über Berlin“, „Im Netz“, „Die Auslöschung“ oder „Mobbing“. Weitere Themenschwerpunkte werden in diesem Jahr folgen. Deutschsprachige Fernsehfilme bieten wir auch am Donnerstag und Freitag an. Wenn Ihre Frage expliziert auf deutsche Kinoproduktionen abzielt, dann kann ich Sie auf unser „SommerKino“ verweisen. Wir zeigen auch in diesem Jahr acht Kinoproduktionen zur Primetime. Und vergessen Sie bitte nicht das „FilmDebüt im Ersten“, das mit acht neuen Filmen gerade läuft und interessante Stoffe bietet, oder das „KinoFestival“ am Sonntag, das herausragende internationale wie nationale Produktionen zeigt.

medienpolitik.net: Dennoch finden sich in Ihrem Programm aber anscheinend so wenige Spielfilme, dass die Filmwirtschaft eine Quote von 3,5 Prozent des Gesamtbudgets verlangt?

Volker Herres: Ich halte nichts von Zuteilungskontingenten. Das klingt mir zu sehr nach Planwirtschaft und Subventionitis. Der kreative Wettbewerb bringt doch großartige Ergebnisse: Allein in diesem Jahr wurden beim „Deutschen Filmpreis“ 17 Lolas an ARD-Koproduktionen verliehen. Das zeigt sehr eindrucksvoll, dass die ARD bei Kinoproduktionen ein zuverlässiger Partner ist.

medienpolitik.net: Aber anscheinend gibt es eine rückläufige Tendenz. 3,5 Prozent sind etwa 270 Mio. Euro für ARD und ZDF. Wenn die Politik, dem zustimmen würde. Worauf müssten sie dann im Programm verzichten?

Volker Herres: Die Politik kann und will ARD und ZDF keine inhaltlichen Vorgaben für einzelne Genres setzen. Das macht im freien Rundfunk keinen Sinn und ist auch nicht nötig, denn wir sind und bleiben große Förderer des deutschen Kinos. In etwa der genannten Größenordnung liegt aber die Summe, die die ARD-Landesrundfunkanstalten und das ZDF für Filmneuproduktionen ausgeben, in die Filmförderung der Länder einzahlen und für Kinokoproduktionen jährlich aufwenden.

medienpolitik.net: Was wäre an einer Quote für deutsche oder europäische Filme so dramatisch?

Volker Herres: Fiktionale Programme sind Kulturprogramme, spiegeln eine Grundverfasstheit unserer Gesellschaft wider. Dieser Idee steht eine  Quotierung diametral entgegen. Kulturprodukte lassen sich doch nicht nach einer vorgegebenen Prozentzahl abrufen und bewirtschaften.

medienpolitik.net: Aber warum könnte nicht  im Ersten zum Beispiel montags – wo der Sommerfilm erfolgreich war – um 20.15 Uhr ein deutscher oder europäischer Spielfilm und anschließend ein Dokumentarfilm gesendet werden?

Volker Herres: Vielen Dank, dass Sie sich programmplanerische Gedanken für uns machen! Sie gefährden übrigens gerade den mühsam von mir errungenen werktäglich einheitlichen Beginn der „Tagesthemen“. Ein informationsorientiertes Vollprogramm, das so viele feste Sendeplätze in der Primetime für Fiktion bereithält, sollte auch Primetime-Plätze für Dokumentationen bereitstellen. Der Montag nach der „Tagessschau“ ist dafür vorgesehen, wenn nicht gerade das „SommerKino“ läuft.

medienpolitik.net: Aber wöchentlich ein Spielfilm, das sind maximal 52 Filme aus Europa. Die müssten sich doch finden lassen?

Volker Herres: Wie gesagt, wir haben genügend Sendeflächen für Filme aus dem In- und Ausland. 37 Prozent des Programms stellt die Fiktion im Ersten, mehr hat nur die Information.

medienpolitik.net: In den vergangenen Monaten haben zwei Miniserien „Adlon“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine sehr gute Zuschauerresonanz erlebt. Gibt das Ihnen Mut, es auch mit etwas längeren, hochwertigen Serien zu versuchen?

Volker Herres: Es fehlt uns  nicht an Mut! Die genannten Produktionen sind auch nicht mit Mut allein entstanden, sondern mit einem hohen finanziellen Aufwand. Dass sich dieser gelohnt hat und vom Publikum honoriert wurde, freut mich für das ZDF. Wir setzen im fiktionalen Bereich gegenwärtig auf Einzelfilme, Mehrteiler oder Serien mit höherer Schlagzahl, aber ich schließe auch andere Formen nicht aus. Und wir haben ja mit Filmen wie etwa „Der Turm“ im Fiktionalen ganz besondere Akzente im deutschen Fernsehen gesetzt und werden dies weiter tun. Denken Sie nur an Literaturverfilmungen von Werken von Mann, Lenz, Hesse, Kohout, Parks u.a.

medienpolitik.net: Das ist aber schon eine Weile her. Die Produzenten behaupten, neuere hochwertige Serien würden in der Schublade liegen. Warum liegen die Manuskripte nicht auf Ihrem Schreibtisch und werden umgesetzt?

Volker Herres: Es landet auch manches auf meinem Schreibtisch, aber  der Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen ist kein einsamer, alleiniger Entscheider. Für die Realisierung gibt es Fachredaktionen, die Koordination Fernsehfilm und die Degeto. Ich kann Ihnen versichern, dass in der ARD genügend Fernsehfilmredaktionen arbeiten, die keine Schere im Kopf haben und sich leidenschaftlich für spannende Filmprojekte einsetzen, die geeignet, relevant und finanzierbar sind.

medienpolitik.net: Wohin geht der Trend? Was möchte der deutsche Zuschauer an fiktionalen Produktionen sehen?

Volker Herres: Die Fernsehzuschauer haben unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und Vorlieben – auch beim Film. Einen generellen Trend zum Mehrteiler oder zu Miniserien kann ich nicht erkennen. Die Zuschauer schätzen unterschiedliche Formate zu unterschiedlichen Zeiten. Nehmen Sie die Telenovelas im Ersten, die von dem einen oder anderen Fernsehkritiker im Wohlgefühl eigener Erhabenheit zu Unrecht reflexhaft als „Sedativum fürs Prekariat“ geschmäht, aber von einem treuen Millionenpublikum regelmäßig eingeschaltet und geliebt werden. Ich verweise auch auf die überaus erfolgreichen Dienstagsserien im Ersten, wo wir im Spätsommer eine neue Staffel von „Weissensee“ zeigen werden und mit „Mord mit Aussicht“ eine ganz besondere Form der Krimi-Humoreske entwickelt haben. Trend ist sicher schon seit einigen Jahren, TV-Events zu schaffen. Als informationsorientiertes Vollprogramm setzen wir im Ersten – wie schon erwähnt – auf Themenabende. Wir lassen beispielsweise einem Fernsehfilm zu einem wichtigen Thema eine Dokumentation und/oder eine Gesprächsrunde dazu folgen. Nach dem deutsch-österreichischen Fernsehfilm  „So wie Du bist“, der das Thema Partnerschaft und Down-Syndrom behandelt, kommt beispielsweise am 19. Juni mit „Zeig mir Deine Welt“ ein neues, vierteiliges Format mit Kai Pflaume ins Programm. Wenn Sie so wollen, ist das eine Mini-Serie. Und es belegt, dass wir uns immer wieder beherzt an Neues heranwagen.

medienpolitik.net: Was würde sich am Ersten verändern, wenn Sie nicht mehr in Konkurrenz zum ZDF programmieren würden, sondern ergänzend, „partnerschaftlich“?

Volker Herres: Wir programmieren nicht gegen das ZDF, auch wenn Konkurrenz Ansporn ist und  das Fernsehgeschäft belebt. ZDF und ARD arbeiten sogar enger zusammen, denn je, etwa  sehr erfolgreich und kostensenkend bei großen Sportereignissen. Bei den sogenannten royalen Anlässen haben wir gerade eine Übereinkunft getroffen, künftig in aller Regel im Wechsel live zu übertragen. Wir versuchen grundsätzlich, gleiche Genres nicht gegeneinander laufen zu lassen. Doch ARD und ZDF stehen wie die kommerziellen Anbieter im Wettbewerb um die Qualität ihrer Angebote und um die Gunst und Aufmerksamkeit der Zuschauer. Dies ist kein Schwachpunkt, sondern die Stärke des deutschen Fernsehens. Und wenn Sie Beispiele suchen: Während wir am 1. Mai das Europakonzert und die DGB-Veranstaltung übertragen haben, lief im ZDF „Zum Weißen Rössl“. Mehr Kontrast geht doch gar nicht.

medienpolitik.net: Muss man gegen einen guten TV-Film des ZDF einen eigenen guten Film setzen?

Volker Herres: Im fiktionalen Bereich stimmen wir uns mit dem ZDF bei den großen Event-Programmierungen ab. Aber selbstverständlich nicht bei jedem einzelnen Fernsehfilm. Und natürlich können wir unsere festen Reihenplätze wie etwa den Sonntagskrimi nicht ausfallen lassen, selbst wenn das ZDF plant, hier zur selben Sendezeit ein Film-Highlight zu platzieren.

medienpolitik.net: Johannes Beermann, Chef der Sächsischen Staatskanzlei fordert, vor allem die Hauptprogramme von ARD und ZDF zu stärken und mögliche Digitalkanäle oder auch einen Jugendkanal als Versuchsplattformen für das Hauptprogramm zu sehen. Was halten Sie von diesem Konzept?

Volker Herres: Für die Stärkung des Hauptprogramms trete ich permanent ein. Das gehört praktisch zum Tätigkeitsprofil des Programmdirektors Erstes Deutsches Fernsehen. Denn nur mit erfolgreichen Vollprogrammen lässt sich ein Beitrag zur Integration der Gesellschaft leisten und so auch die Breite der Bevölkerung für relevante politische und aktuelle Fragen interessieren. In dem Punkt bin ich mit Herrn Beermann einer Meinung. Die ARD-Digitalkanäle sollten aus meiner Sicht aber nicht reine Versuchsprogramme sein, sondern Special-Interests-Programme, ausgerichtet auf Teilpublika, die Informationen oder Fiktion suchen. Ein Jugendkanal, wenn er denn kommt, sollte auch, aber eben nicht nur experimentieren, sondern attraktive Angebote für eine junge Zielgruppe bereithalten. Ein Kanal, der nur als Versuchsplattform konzipiert ist,  ist für mich kein schlüssiges Konzept. Insgesamt, denke ich, sollten wir die Digitalkanäle ebenso wie auch die Dritten Programme als Talentschmiede fürs Hauptprogramm  weiter und vielleicht noch stärker nutzen, wie es ja unlängst auch „Die Zeit“ gefordert hat. Das gilt gerade auch für Bildschirmtalente unterhalb der „Generation 50plus“.

medienpolitik.net: Sie haben kürzlich gesagt, dass Quoten unter zehn Prozent der Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und damit der Akzeptanz des Rundfunkbeitrages schaden würden. Zählt nicht insgesamt der Marktanteil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Volker Herres: Ich habe nichts dagegen, auch mal die Akzeptanzwerte vom Ersten, den Dritten, dem ZDF, 3sat, arte, Phoenix, dem KI.KA zusammenzuzählen. Auch wenn für Das Erste – anders als beim ZDF – nicht speziell ein bestimmter Teil des Rundfunkbeitrags vorgesehen ist, muss ich doch als Programmdirektor ein waches Auge auf die Resonanz des ARD-Gemeinschaftsprogramms beim Publikum haben. Um nicht missverstanden zu werden: Ich meinte nicht jede Einzelsendung, sondern den Schnitt des Kanals.

medienpolitik.net: Die geringeren Quoten sind doch sogar durch das Bundesverfassungsgericht gedeckt, das gesagt hat, dass der Auftrag „neben seiner Rolle für die Meinungs- und politische Willensbildung, neben Unterhaltung und über laufende Berichterstattung hinaus gehender Informationen seine kulturelle Verantwortung umfasst“. Also können Sie nicht bei innovativen Angeboten die Quote vergessen?

Volker Herres: Das Bundesverfassungsgericht hat auch gesagt, dass wir unseren Programmauftrag erfüllen sollen mit einem Programm, „das im Wettbewerb mit den privaten Veranstaltern standhalten kann“. Aber ich stelle doch mitnichten die Quote in den Vordergrund. Da steht die Qualität. Im Idealfall muss es uns gelingen, bestes Fernsehen für möglichst viele Menschen zu bieten. Denn die Relevanz eines Programms ergibt sich aus den dargebotenen Inhalten, aber doch eben auch aus der Reichweite und der realen Beachtung durch das Publikum. Deshalb möchte ich, dass Das Erste von möglichst vielen Menschen gesehen wird. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen von dem öffentlich-rechtlichen Mehrwert unseres Programms profitieren. Nur ein Programm, das von den Menschen angenommen und genutzt wird, kann meinungsbildend sein, wie es das Verfassungsgericht von uns fordert.

medienpolitik.net: Sind der gesellschaftliche Schaden und die Kritik am Profil nicht größer, wenn aber anscheinend doch Quote das Maß aller Dinge ist, wie man an der gegenwärtigen Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht?

Volker Herres: Die Quote ist definitiv nicht das Maß aller Dinge. Sonst würde unser Programm ganz und gar anders aussehen. Wenn das so wäre, würde Das Erste  keine Wagner-Oper in voller Länge ausstrahlen, keine Animationsserien für Kinder mehr produzieren lassen und würden viele Filme, die wir auch im kulturellen Bereich zur besten Sendezeit zeigen, gar nicht erst realisiert. Denken Sie beispielsweise an das Dokudrama über Heinrich George, das wir demnächst bestimmt nicht aus Quotenerwägungen, sondern aus Überzeugung im Programm haben. Ich nehme Kritik ernst und auch gern an, denn sie kann uns ja nur voranbringen. Gerade mit unserem Publikum müssen wir uns noch mehr auf Augenhöhe auseinandersetzen. Wobei dieses Publikum in der Regel völlig anders reagiert als Teile der veröffentlichten Meinung. Da gibt es auch Formen eines „automated journalism“ mit zu viel Wasser in der Tinte und einer klischeegetriebenen Kritik, die nicht mehr genau hinschaut. So etwa bei der Behauptung, wir seien den Privaten zum Verwechseln ähnlich. Beim Blick in die realen Angebote des dualen Systems kann ich mir diese Verwechselung nur mit mangelnder Sehschärfe erklären.  Das Fernsehpublikum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, es ist übrigens häufig  auch das Lesepublikum der Qualitätszeitungen, dieses Publikum weiß indes sehr gut, dass wir  Inhalte bieten, die  kommerzielle Konkurrenten eben nicht haben: Oder habe ich etwa das Auslandsmagazin, die Kultur- und Büchersendung, das Wirtschaftsmagazin oder die Vorschulsendung bei RTL, Sat.1, ProSieben, Vox und anderen Privatsendern einfach nur übersehen?  Und ist die Palette unserer Informationsangebote – rund 40 Prozent des Ersten – und des Fiktionalen – rund 37 Prozent der Sendezeit – wirklich von kommerziellen Angeboten nicht zu unterscheiden? Dem Publikum  jedenfalls, wie alle Studien zeigen, gelingt es!

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 07/2013 erstveröffentlicht.

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