Rundfunk:

„Uns sind alle Zuschauer willkommen“

von am 29.07.2013 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Medienpolitik, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Uns sind alle Zuschauer willkommen“
Frank Hoffmann, RTL Programm Geschäftsführer

RTL will Anteil journalistischer Formate erhöhen

29.07.13 Interview mit  Frank Hoffmann, Geschäftsführer Programm RTL Television

RTL versucht mit neuen Programmideen, mehr journalistischen Formaten, hochwertigen Spielfilmen und attraktivem Sport an seine quotenstarken Zuschauererfolge vergangener Jahre anzuknüpfen. So hat sich der Kölner Sender die Qualifikationsspiele der Fußball-Nationalmannschaft gesichert. Darüber hinaus erhalten Thomas Gottschalk und Günther Jauch in der TV-Saison 2013/14 neue Sendungen. Der Donnerstag wird in der kommenden Saison wieder den Eigenproduktionen gehören. Hier sind zahlreiche neue Programme vorgesehen. Die Formate „Team Wallraff“ und „Das Jenke-Experiment“ werden fortgeführt und sollen „noch stärker journalistisch“ positioniert werden. Nachrichten bleiben eine wichtige Säule im RTL-Programm. So wird es zu Erweiterungen bei den Morgen-Magazinen kommen und eine neue Service-Sendung für den Sonntag ist in Vorbereitung.

medienpolitik.net: Herr Frank Hoffmann, Sie haben uns Journalisten gebeten, Ihnen für die Einführung des neuen Programms etwas Zeit zu lassen. Wie viel Zeit geben Sie sich selbst bei den neuen Formaten?

Frank Hoffmann: Das kann man nicht pauschal beantworten. Bei manchen Sendungen ist anhand der Marktanteile und Zuschauerreaktionen sofort zu sehen, dass es keinen Sinn macht, weiter darauf zu setzen. Bei anderen muss man geduldig sein. Bei dem Format „Unser Sonntag“, unserem neuen Sonntagsmagazin, werden wir uns definitiv Zeit lassen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt dabei das sogenannte Bauchgefühl?

Frank Hoffmann: Das viel zitierte Bauchgefühl ist ja nicht zuletzt ein Erfahrungswert.  Wenn man seit zwei Jahrzehnten RTL-Kurven studiert, gibt einem das ein bisschen Sicherheit. Und trotzdem liegt man manchmal komplett daneben. Es ist aber wichtig, mutig zu bleiben. Denn wer nichts riskiert, vergibt sich die Chance, echte Innovationen zu entwickeln. RTL ist das in der Vergangenheit unter anderem mit dem Start von DSDS gelungen. Das war eine echte Innovation. Alle Casting-Shows danach waren Mutationen dieses Casting-Formats. Allein auf Innovationen zu setzen wäre allerdings zu riskant. Deshalb arbeiten wir auch intensiv an der Weiterentwicklung bestehender Formate.

medienpolitik.net: Der Start von DSDS liegt elf Jahre zurück. Welches von den Formaten, die Sie auf der diesjährigen Programmpressekonferenz gezeigt haben, ist innovativ für die deutsche Fernsehlandschaft?

Frank Hoffmann: Wir selbst halten uns mit dem Stempel „innovativ“ erst einmal zurück. Ich denke, dass sich jeder sein eigenes Urteil bilden sollte.  Aus meiner Sicht ist „Hidden Kingdom“ ein innovatives Programm, schon weil es diese Art von Kameraarbeit im Fernsehen  so noch nicht gab.

medienpolitik.net: Sie hatten in der Vergangenheit Probleme mit den deutschen Serien? Haben Sie heute eine Erklärung dafür?

Frank Hoffmann: Wir haben bei der einen oder anderen Serie ganz offensichtlich nicht den richtigen  Geschmack unseres Publikums vorausgesetzt. Der Zuschauergeschmack verändert sich, in jüngerer Vergangenheit vielleicht noch stärker und schneller als zuvor. Diesen neuen Sehgewohnheiten müssen wir uns stellen und entsprechende  Serien entwickeln, die im Idealfall keine unmittelbare Vergleichsmöglichkeit etwa mit amerikanischen Serien bieten.

medienpolitik.net: Sie trauen sich also auch etwas ungewöhnlichere Serien zu?

Frank Hoffmann: Was Sie ab 22. August bei uns sehen werden, ist ungewöhnlich. Unsere Redaktionen sind in den letzten Jahren mutige Wege gegangen. Ob es dann vom Zuschauer so akzeptiert wird, wissen wir erst, wenn die Serien bei RTL laufen.

medienpolitik.net: Sie sagten, das Zuschauerverhalten hat sich verändert und Sie müssen darauf reagieren. Wie hat es sich verändert?

Frank Hoffmann: Im Fiktionalen etwa hat das Fernseh-Publikum in den letzten Jahren in Deutschland Fernsehen  auf hohem Niveau in unterschiedlichen Facetten erlebt. Insofern sind die Qualitätsanforderungen gewachsen. Auf der einen Seite funktionieren Serien mit komplexen Handlungssträngen, wie zum Beispiel „Homeland“. Darüber hinaus gibt es  Programme, die leichter sind und auch nebenbei gesehen werden können. Für Beides gibt es eine Zukunft, beides wollen wir bedienen.

medienpolitik.net: Sie hören sich etwas ratlos an…

Frank Hoffmann: Wenn jemand auf Ihre Frage eine konkrete Antwort geben könnte, dann würde er die schlauerweise für sich behalten, eine Produktionsfirma gründen, ordentlich Geld verdienen und sich noch dazu des Ruhmes gewiss sein. Ich glaube, wir haben in Deutschland sehr gute Programme in großer Vielfalt. Eine Fiktionkrise gibt es nicht. „Weißensee“ ist eine hervorragende Serie, wir haben gute und weniger gute „Tatorte“, „Cobra 11“ ist bei uns seit Jahren sehr erfolgreich.  So schlecht sind die Chancen also nicht, neue Serien-Hits zu entdecken.

medienpolitik.net: Haben sich bestimmte Formate oder auch deren Matadore zu sehr abgenutzt?

Frank Hoffmann: Wir erleben gerade, dass wir mit  Formaten, die einst weit über 30 Prozent generiert haben, jetzt bei 20 Prozent liegen. Das ist immer noch sehr viel, so dass wir diese Formate nicht infrage stellen. Aber wir übersehen diese Signale natürlich auch nicht und haben längst damit begonnen, diese Programme weiter zu entwickeln.

medienpolitik.net: Sehen Sie eine Chance an Ihre hohen Marktanteile von  2011 anzuknüpfen?

Frank Hoffmann: Nein, denn  die Jahre 2010 und 2011 waren eine Ausnahme und für die großen Sender eine Entwicklung gegen den Trend. So haben wir das damals übrigens auch eingeordnet. Der etwas größere Kontext hilft bei der Bewertung: In Amerika erzielen 90 Prozent der Sender nicht einmal ein Prozent Marktanteil. Die fünf großen Sender bringen es zusammen auf 30 Prozent Marktanteil. In Amerika werden 11 Prozent Marktanteil für eine Sendung  als gute Quote gewertet. Die Verhältnisse verschieben sich, bei uns in Deutschland allerdings nicht ganz so drastisch.

medienpolitik.net: Sie planen mehr Sendungen mit journalistischem Profil und anscheinend mehr Formate, um auch ältere Zuschauer zu erreichen. Ändert RTL sein Profil?

Frank Hoffmann: RTL bleibt RTL. Wir verstehen uns als Fernsehsender, der den deutschen Zuschauern das bringen sollte, was sie sich wünschen. Und wenn sich beim Zuschauer ein größerer Sinn nach mehr Ersthaftigkeit entwickelt, dann sollten wir dem Rechnung tragen. Jüngere Programmstarts von „Rach deckt auf“ oder „Team Wallraff“ haben an die 20 Prozent Marktanteil erreicht. Da ist es naheliegend, dass wir uns im dem Bereich noch stärker aufstellen wollen. Darüber hinaus passt es auch gut zu uns, da wir der einzige große Privatsender mit klarem journalistischem Profil sind.

medienpolitik.net: Wie ist „Team Wallraff“ entstanden? Kam Günter Wallraff auf RTL zu?

Frank Hoffmann: Eine Zusammenarbeit mit Günter Wallraff gibt es ja schon länger. Nachdem die Extra-Redakteurin Pia Osterhaus die Ausbeutung von Zimmermädchen recherchiert hatte, entstand die Idee für die gemeinsame Produktion, die nach dem großen Erfolg nun weiter ausgebaut werden soll.

medienpolitik.net: Das heißt, Sie gehen von einer längerfristigen Zusammenarbeit mit Günter Wallraff aus?

Frank Hoffmann: Ja, daraus soll sich eine längere Zusammenarbeit entwickeln. Uns ist wichtig, dass wir auch weiterhin neben guter Unterhaltung gesellschaftlich wichtige Themen beleuchten, Hintergründe aufdecken und  Zusammenhänge darstellen. Denn so behalten wir innerhalb einer wachsenden Medienvielfalt unsere Relevanz. Wir versuchen täglich mit unseren Nachrichten- und Magazinsendungen bis hin zu Formaten wie dem „Jenke-Experiment“  dem Zuschauer einen Mehrwert zu bieten. Angesichts der Millionen Zuschauer, die wir  täglich erreichen, haben wir eine gesellschaftliche  Verantwortung, die wir gern wahrnehmen.

medienpolitik.net: Sie planen eine ABBA-Show mit Thomas Gottschalk. Ist das nicht ein Indiz dafür, dass Sie mehr älteres Publikum erreichen wollen?

Frank Hoffmann: Uns sind alle Zuschauer willkommen. Die Referenzzielgruppe ist nur dazu da, in der Kommunikation auf dem größten gemeinsamen Nenner Leistungen verschiedener Sender vergleichbar zu machen. Wenn der demografische Bauch aus der Zielgruppe der 14-49-Jährigen herauswächst, ist es nur naheliegend, eine neue Zielgruppe zu definieren, die die TV-Nutzung möglichst vieler Zuschauer abbildet. Daher die Öffnung um zehn Jahre nach oben. Im Programm selbst bieten wir unverändert  Fernsehen für alle Zielgruppen. Dazu zählen unsere täglichen Soaps für die eher Jüngeren ebenso wie Shows für die ganze Familie.  Wir entwickeln unser Programm nicht mit dem Rechenschieber, sondern versuchen eine möglichst starke emotionale Bindung bei möglichst vielen Zuschauern zu erreichen.

medienpolitik.net: Sie haben heute von „Wahrzeichen“ gesprochen, die Ihr Programm auszeichnen sollen. Wie halten Sie es mit den fiktionalen „Wahrzeichen“? Es sind „Helden“ angekündigt, aber die Zahl Ihrer Eventproduktionen ist im Vergleich zu anderen Sendern gering. Bleibt das so?

Frank Hoffmann: Wir haben auch weiter fiktionale Eventproduktionen geplant und wollen vor allem an historische Stoffe anknüpfen. 2014 zeigen wir einen großen Eventfilm, der geschichtlich relativ weit zurück geht und wir werden 2015 wahrscheinlich in die jüngere deutsche Geschichte blicken.

medienpolitik.net: Werden Sie mehr Eventfilme produzieren, oder bleibt es in der Größenordnung bei einer Produktion im Jahr?

Frank Hoffmann: Es hängt davon ab, was wir für Angebote von den Produzenten erhalten und wie aufwändig die Umsetzung der Ideen ist. Ich denke, dass wir uns bei fiktionalen Eigenproduktionen sowohl qualitativ und als auch quantitativ bemerkbar machen werden. Einige gute Ideen liegen auf dem Tisch.

medienpolitik.net: Rechnen sich die großen Produktionen wie „Hindenburg“ oder „Helden“ für einen privaten Sender nicht nur für das Image sondern auch wirtschaftlich?

Frank Hoffmann: Groß ist relativ. So etwas wie „ Helden“ können wir nicht mehrfach im Jahr in Auftrag geben. Es gibt aber großartige Ideen, die  mit geringeren Mitteln umsetzbar sind. Gute Drehbücher liegen uns vor. Das ist die beste Voraussetzung dafür, beim nächsten Screening dazu mehr sagen zu können.

medienpolitik.net: Sie sagten, die jungen Leute sehen anders fern. Bereitet Ihnen das nicht schlaflose Nächte?

Frank Hoffmann: Nein, das bereitet mir kaum Sorgen, denn es wird teilweise anders, aber nicht weniger Fernsehen genutzt, im Gegenteil.

medienpolitik.net: Aber nutzen Jugendliche nicht auch andere Programme?

Frank Hoffmann: Es gibt neue zusätzliche Verbreitungswege und Programme werden zunehmend zeitversetzt On Demand gesehen. Deshalb sind wir mit Angeboten wie etwa RTL NOW bereits seit 2007 am Start. Neben dieser zeit- und ortsunabhängigen bisher zusätzlichen Nutzung sehen wir aber, dass bei jungen Zuschauern  die Verweildauer länger ist als noch vor 20 Jahren. Somit haben wir gute Chancen, die jungen Zuschauer weiter mit unseren Formaten zu erreichen.

medienpolitik.net: Hat die stärkere Verknüpfung des Fernsehens mit sozialen Netzwerken nicht auch Konsequenzen für die Inhalte und Dramaturgie der Programme?

Frank Hoffmann: Unsere Denke ist da eine andere: Wir entwickeln und produzieren attraktive Inhalte, die wir über alle Plattformen hinweg ausspielen. Dem Zuschauer ist es egal, auf welchem Weg ein Programm zu ihm kommt – attraktiv und relevant muss es sein. Wir müssen dort sein, wo die Zuschauer sind. Zur Ergänzung bieten wir Zusatzinformationen zum laufenden Programm im Rahmen von Second Screen-Angeboten oder stoßen Diskussionen zum Programm etwa in unserer Inside App an. Durch die Nutzung von Social Media versuchen wir auf diesem Wege, das Fernseherlebnis zu intensivieren.

medienpolitik.net: Immer mehr Programme werden speziell für das Internet entwickelt und YouTube hat im vergangenen Jahr auch professionelle Kanäle gestartet…

Frank Hoffmann: Youtube ist eine Online-Plattform von vielen mit teils mehr, teils weniger professionell produzierten Angeboten, die wir natürlich im Blick haben. Wenn man die Nutzung von YouTube bei uns in Deutschland in den Zahlen der Fernsehwelt abbilden würde, käme dieses Online-Angebot auf einen Marktanteil von unter zwei Prozent und wäre damit etwas größer als RTL Nitro. Solange zuallererst der große Fernsehbildschirm für professionelle Bewegtbildangebote genutzt wird, sollten wir Fernsehen für Fernsehzuschauer produzieren. Ich denke, dass wir mit dem Programm, das wir für die nächste Saison vorgestellt haben, gut aufgestellt sind, ob auf dem großen Bildschirm oder online und mobil, ob live oder auf Abruf.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2013 erstveröffentlicht.

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