Medienethik:

Regeln fürs globale Dorf

von am 05.08.2013 in Allgemein, Archiv, Gastbeiträge, Internet, Medienordnung, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Medienethik:</h4>Regeln fürs globale Dorf
Prof. Johanna Haberer
© dpa - Bildfunk

Die zehn Gebote für die digitale Welt

05.08.13 Von Prof. Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Der Suizid des 26-Jährigen Aaron Swartz ist dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 14. Januar 2013 einen Zweispalter wert, der ZEIT eine ganze Seite 2. Er hatte vor zwei Jahren das MIT, das Massachusetts Institute of Technology ausgetrickst und aus dem IStor, einem Speicherplatz von Millionen wissenschaftlicher Arbeiten, Aufsätze und Quellen, fast 5 Millionen Beiträge heruntergeladen und kostenlos öffentlich zur Verfügung gestellt. Swartz war der Meinung, Wissen sollte auf dieser Welt frei zugänglich sein. Für Swartz war das Hacken von IStor ein politischer Akt. Und er konnte offenbar auch politisch überzeugen: Das MIT und IStor hatten ihr Klage weitgehend zurückgezogen. IStor hatte angekündigt wesentlich mehr Dokumente kostenfrei ins Netz zu stellen. Dennoch verfolgte die Staatsanwaltschaft diesen „Einbruch“ weiter und drohte Swartz mit 35 Jahren Haft. Swartz arbeitete gerade an einer Software für Creative-Common Lizenzen, die Urheberrechte im Netz auch für Privatpersonen variabel und individuell zugeschnitten einsetzbar machen sollten. Dann nahm er sich das Leben. (SZ vom 14.1.2013)

Im kurzen Leben und im tragischen Tod dieses brillanten kreativen Hackers, Programmierers, Informatikers, des Denkers und Genies, des Freiheitskämpfers für das Internet, wie die Nachrufe formulieren, fokussieren sich die Entscheidungsschlachten, die derzeit und vermutlich in den kommenden zehn Jahren um die Zukunft der Netztechnologie geschlagen werden. Ist er ein Held oder ein Dieb? Ein Befreier oder ein Schwerverbrecher? Und: Was bedeutet das, ein freies Netz? Welcher Regeln bedarf ein solches freies Netz? Und wer oder was bedroht die sogenannte Freiheit?

Die Gründung der Piratenpartei hat in Deutschland das Thema der Zukunft der Kommunikation auf die politische Tagesordnung gesetzt, obwohl diese „Generation Twitter“ nicht in der Lage war, die politische und kulturelle Zukunftsrelevanz einer vernetzten Welt so zu formulieren, dass die Bürger verstehen können, wie sich die Welt mit den vielen neuen und unbegrenzten Kommunikationsformen verändert hat und weiter verändern wird: Die Arbeitswelt, die Freundschaften, die Art sich Wissen anzueignen, sich zu bilden und sich eine Meinung zu bilden, zu spielen, zu forschen, sich zu informieren, sich zu verlieben, sich an Orten und in Ländern zu bewegen, zu kaufen und zu verkaufen….alles hat sich für den User der Netztechnologie verändert.

Der kanadische Philosoph und Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan hat 1962 (The Gutenberg Galaxy) in seiner visionären Analyse zur Medienwirkung die Rede vom „globalen Dorf“ kreiert, das Ende der – wie er formulierte – „Gutenberg Galaxy“, der Kultur des Buchdrucks und der gedruckten Presse verkündet und das mediale Zusammenwachsen der Weltregionen mit quasi dörflichen Informationsstrukturen vorausgesehen. Seine Theorie von der Selbsterweiterung des Menschen durch Medien waren unter dem Eindruck der Erfindung und Verbreitung von Massenmedien – Print, Radio und Fernsehen – entstanden. Ihm ist zu verdanken, dass wir ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass hinter den medial vermittelten Informationen ganz unterschiedliche Technologien liegen, die unsere Art und Weise der Informationsvermittlung, -rezeption, ja der Welt-Wahrnehmung sehr unterschiedlich, grundlegend und nachhaltig prägen. „The medium is the message“, formulierte er.

Ebenso wie das Zeitalter der Massenmedien von der Zeitung bis zum Fernsehen eine lange Reihe philosophischer Erwägungen und politischer Strukturdebatten evozierte, so bedarf auch das globale Netz, das in ständigem Wandel begriffen, laufend neue Formen der Öffentlichkeit(en) generiert, wissenschaftlicher Debatten, philosophischer und kulturwissenschaftlicher Erwägungen, nationaler Gesetze und internationaler Leitlinien. Daran arbeiten Juristen, Kommissionen und Konferenzen auf der ganzen Welt und sie versuchen, zunächst für die neuen Kommunikations-Phänomene über die kulturellen Grenzen hinweg eine gemeinsame Einschätzung und Wahrnehmung zu erreichen. Die Fragestellungen, die im sogenannten Kommunikations- oder Informationsrecht juristisch zur Debatte stehen, lautet: Wie werden wann, wem und warum Ausschließlichkeitsrechte an Informationen zugeordnet. Und es ist juristisch zu fragen:

  • Welche Ausschließlichkeitsrechte bestehen und lassen sich international durchsetzen? (Immaterialgüterrechte, Persönlichkeitsrechte, Geheimnisschutz)
  • Wie lassen sich diese Rechte gegeneinander abgrenzen?
  • Wie kann das Interesse der Allgemeinheit am Zugang zu freien Informationen gesichert werden?
  • Welche öffentlichen Interessen rechtfertigen Verbote der Informationsnutzung (siehe: Thomas Hoeren, Internet und Kommunikationsrecht S. 2)

Wer allerdings eine theologische Expertise bei der Frage nach Regeln fürs globale Dorf einholt, darf sich nicht wundern, wenn diese buchstäblich bei Adam und Eva anfängt. Wenn man sich auf die Ebenen des Diskurses nach Freiheit und Verantwortung, nach Rechten und Pflichten des einzelnen in der Gemeinschaft begibt, landet man auch in Zeiten Milliarden vernetzter Computer bei der jüdisch-christlichen Weltsicht auf den Menschen. Aus dieser Perspektive wird der Mensch als ambivalentes Lebewesen angesehen. Gottes Ebenbild und Brudermörder in einem. Der Mensch ist nach jüdisch-christlicher Überzeugung im wahrsten Sinne des Wortes zu allem fähig. Göttlich begabt und teuflisch zerstörerisch.  Deshalb gehört es – und das ist nun ein religiöser Satz, der sich aus den Erfahrungswerten des Weltkulturerbes der heiligen Schriften des Judentums und Christentums speist –zu der wichtigsten kulturellen und religiösen Aufgabe der Menschen, sich selbst Grenzen zu setzen und gerade damit den Raum für Freiheit zu eröffnen. Dass erst Grenzen für dieses gottoffene und weltoffene Wesen (Wolfhardt Pannenberg) einen Freiheitsraum für die Gemeinschaft eröffnen, diese Erkenntnis hat sich in immer neuen Zeiten immer wieder bewährt.

Ausgestattet ist der Mensch zudem mit einer – wie Peter Sloterdeijk sagen würde „Vertikalspannung“ (Du mußt Dein Leben ändern 2009) – die ihn immer wieder dazu lockt, den Himmel zu stürmen, Träume und Visionen wahr werden zu lassen und – das würde ein Theologe sagen – schließlich sich selbst zu vergotten. Religion ist die menschliche Selbstverteidigung gegenüber der humanen Selbstüberschätzung und Egomanie, dem Drang, sich selbst zu Göttern zu machen, Menschliches zu vergotten. Religion ist auch die Idee, diese Welt und ihre Verantwortlichkeiten in einem transzendenten Licht zu sehen.

Das globale Netz, in dem Milliarden von Menschen zusammenhängen wie Tröpfchen in einer Wolke („Cloud“), lässt den Menschheitstraum von der schrankenlosen Verständigung aufflammen und stellt in Aussicht, das „Trauma von Babel“ – im biblischen Bild gesprochen – zu überwinden. Ich möchte der Spur des biblischen Mythos vom Turmbau zu Babel, mit dem die Menschen den Himmel stürmen wollten, und den Gott zerstörte, um die Menschheit dann in verschiedene Sprachfamilien zu trennen, in einigen Gedanken-Schritten nachgehen (Gen.11).

Das globale Netz verspricht, die Kommunikationsbrüche und -schranken zwischen Individuen, Völkern und Kulturen abzubauen, verspricht uns eine neue Art von Gleichheit der Menschen und Völker, von demokratischer Teilhabe und es verspricht den Sturz all derer, die bislang an den Hebeln der Meinungsbildung saßen und die Informationsfluten nach den Regeln der Kunst oder der Macht kanalisierten. Getreu der Utopie des großen Aufklärers Immanuel Kant nährt das Netz die Hoffnung, dass das „Publikum sich selbst aufkläre“ und den Regierungen die Geheimnisse entreißen würde, die sie zum Erhalt der Macht gebrauchen. Denn, so Kant, wenn den Regierungen die Geheimnisse genommen würden, dann wäre das der beste Weg zu „ewigem Frieden“. (Der Wikileaks-Gründer Julian Assange sieht das vermutlich auch so, nur dass er selbst seine Geheimnisse gerne behalten möchte.) Der Menschheitstraum, die Trennungen der Menschen und ihrer verschiedenen Sprachen und Informationsgaps zu überwinden, scheint in greifbarer Nähe. Atemlos arbeiten Linguisten und Informatiker auf der ganzen Welt zusammen, um in den kommenden Jahren Übersetzungsprogramme auf den Markt zu bringen, die es uns ermöglichen, barrierefreies Wissen, Information und Meinung kreuz und quer durch die Welt auszutauschen. Das Wunder der Heilung der menschlichen Sprache und Kommunikation wäre damit gelungen!?

Die mythische Erzählung vom Turmbau zu Babel gehört in das erste Buch der Bibel. Genesis, wo die Verfasstheit des Menschen und der Menschheit verhandelt werden: warum der Mensch hart körperlich arbeiten muss, wenn er essen will, warum Kinder kriegen weh tut, warum Menschen einander umbringen, warum Frauen in der Regel keine Schlangen mögen und warum die Völker sich nicht verstehen. Nun sind ja viele dieser Setzungen der Bibel in der westlichen Welt widerlegt. Die Arbeit machen Maschinen, die Kinder kommen dank Medikamenten beinahe schmerzlos zur Welt und man kann nicht abstreiten, dass das globale Netz, diese Informationswolke, die Potenz birgt, eine Völkerverständigung in die Wege zu leiten. Es gibt jedoch in der biblischen Tradition bereits andere Heilungsangebote für das Rätsel der gebrochenen menschlichen Kommunikation. Der Prophet Joel träumt von der Zeit, in der Gottes Geist gleichermaßen und hierarchieebnend über alle Menschen kommt und sie zu Sehern, zu Visionären und Weisen werden, die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Ohnmächtigen. Das Pfingstwunder, das der Gründung der Kirche vorausläuft, handelt mit demselben Versprechen: durch Gottes Geist können alle Menschen die Lehre des Rabbiners und Meisters Jesus verstehen: seine Anleitung zum ewigen Frieden. Allerdings entsteht der Frieden hier nicht durch neue technische Potentiale, sondern durch die Änderung des menschlichen Bewusstseins.

In den Visionen des Friedens durch Software spiegeln sich die Träume der Netzaktivisten. Ein second life im Netz, in dem die irdischen Gesetze nicht gelten: wo Menschen nicht bezahlen, sondern tauschen, wo die Hierarchien verschwinden und die Träume von der Gleichheit der Menschen verwirklicht werden können, wo die Stummen eine Sprache bekommen, wo Kommunikationsgerechtigkeit herrscht und die Verdammten dieser Erde von ihrem Schicksal berichten können. Das globale Dorf an einem unschuldigen Anfang. Weil aber der Mensch zu allem fähig ist, wurde auch dieser himmelstürmende Traum vom Zusammen-Leben in der gemeinsamen Cloud rasch geerdet. Nazis, Terroristen, Kinderschänder und Stalker konnten sich ebenso gut vernetzen wie Demokratiebewegungen und Hilfsorganisationen. Eine irritierend neue Frage stellt sich jedoch angesichts der gigantischen Monopolbildungen im Netz, die in Milliardenunternehmen unsere Kommunikation steuern und unsere Bedürfnisse und unser Kommunikations- und Konsumverhalten vermessen. Sie wissen, wo wir Mobilfunkkunden uns in jeder Sekunde des Tages aufhalten, sie kennen unseren Geschmack und unsere Vorlieben, unsere Freunde und Partner, sie sind die Verwalter von Biographien und wenn sie wollen, lesen sie unsere elektronische Post (Dataminig, Webmining, Textmining) und analysieren unsere Links.

Unser Leben und unser Denken, unsere Wissbegier und unsere Gewohnheiten bilden für Google, Amazon, Apple und Facebook keine Überraschungen. Das Individuum, das sich subjektiv schier unendlich frei fühlt beim Surfen in der Wolke, das dankbar ist für alle kommunikativen Annehmlichkeiten und das die Software-Gratisgeschenke, die das Leben erleichtern, gerne annimmt, das Individuum, das chattet und twittert und skypt und darin glaubt, seine Einzigartigkeit zu erkennen, dieses Individuum ist zugleich aufgespürt und nach allen Regeln der Kunst als Kunde profiled, als Extremist erfasst, als Kreditnehmer verrechnet. Die Freiheit im Netz ist also einerseits von Straftätern bedroht, diese Tatsache aber unterscheidet das Dorf in den Wolken nicht vom Dorf auf der Erde. Der Preis für die Freiheit und die Gleichheit in der Wolke der User ist seine Verwertung als lebenslanger Kunde und als gläserne Person.

Dies ist ethisch der empfindlichste Punkt sowohl für eine Medienethik aus philosophischer Sicht, wie für eine Ethik der Kommunikation aus theologischer Sicht. Denn man kann die Verzweckung der Menschen und ihrer persönlichen Daten als Kunden natürlich als einen Angriff auf die menschliche Würde verstehen. Das aber wäre zu einfach, denn die User geben ja ihre Daten und Profile in Scharen freiwillig preis. Und so lassen sich aus dem Raum der kulturprägenden religiösen Erfahrung nur einige Leitlinien formulieren, die einerseits Grundlage für allgemeine Verhaltensregeln, auch gesetzliche Regulierungen sein können, die aber andererseits Anregung für einen selbstbestimmten Umgang beim Surfen in der Wolke geben können. Die Grundlage für die Freiheit in der Gemeinschaft ist das Einhalten gemeinsamer Regeln, diese Lehre hat die jüdisch-christliche Denktradition immer mit den zehn Geboten verbunden. Die sieben Gebote, die das Zusammenleben der Menschen regeln finden sich mit etwas unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in allen Hochreligionen, sind also in ihren sozialpolitischen Dimensionen interkulturell und interreligiös.

In allen alten Kulturen ist es die Religion, die die Basis bildet für die Regeln des Zusammenlebens: Die gegenseitige Verantwortung der Generationen, das Verhältnis der Partner, die eine Familie bilden, der Umgang mit Gewalt und Tod und Rache, der Umgang mit dem Besitz und dem guten Ruf des anderen Menschen. „Du wirst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ z.B. (das 8.Gebot) steckt einen Raum der Freiheit ab, in dem der gegenseitige Respekt vor dem guten Namen des anderen ausgemessen ist. Es geht also bei den zehn Geboten nicht um Sollensaussagen moralischer Art, sondern um Konsequenzverweise. Sie weisen auf, an welchen Punkten die Menschengemeinschaft und ihre Freiheitsräume entscheidend gestört werden kann. Und: sie erweisen auch in der Perspektive weltweiter, kulturübergreifender Kommunikation ihre bleibende Relevanz.

Das erste Gebot, das Gott als die einzige unsichtbare und ungreifbare, aber liebevolle Instanz beschreibt, die Anspruch auf unser Leben hat, ist in der vernetzten Welt auch für Atheisten ein Denkanstoß, darüber nachzudenken, welchen Anspruch die neuen Kommunikationsformen auf mein Leben erheben. Welche Formen von Vereinnahmung mit den neuen Kommunikationsformen verbunden sind, welche Gestalten von Abhängigkeit sich unwillentlich eingeschlichen haben. Niemals hat eine Technologie scheinbar so sehr die in den Religionen proklamierten Eigenschaften Gottes angenommen: Eine Technologie, die ich ständig mit mir führe und die in nicht allzu langer Zeit per Hautimplantat ein Teil meines Körpers werden könnte, eine Erweiterung meiner körperlichen und geistigen Existenz, die vorgibt, auf Tastendruck das Weltwissen zur Verfügung zu stellen und ein nicht enden wollendes Gedächtnis. Allgegenwärtig und allwissend. Meine Bewegungen und meine Gedanken können geortet und gelesen werden. Allerdings: die Liebe fehlt. Das erste Gebot gemahnt daran, frei zu werden von den Mächten und Gewalten, die drohen einen allumfassenden Anspruch auf mein Leben zu erheben.

Das zweite Gebot, das gemahnt, „den Namen Gottes nicht unnützlich zu führen“ bezieht sich auf die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit der menschliche Rede in der gesellschaftlichen Kommunikation. Hier eröffnet sich das weite Feld der Identitäten im Netz, der Absenderklarheit, der Nachprüfbarkeit von Informationen und de Frage nach den Folge für eine Kommunikationsgesellschaft, wo die Masse von Informationen die Glaubwürdigkeit derselben in Frag stellt. Eine Gesellschaft ohne Instanzen und professionelle Regeln der Glaubwürdigkeit von Information kontaminiert ihre Grundlagen. Glaubwürdige und wahrhaftige Informationen sind für unsere Menschengemeinschaft ebenso bedeutend wie sauberes Wasser.

Auch das Gebot, das die Feiertagsruhe anmahnt, erhält eine ungeahnte Aktualität. Ursprünglich meint es natürlich, dass es in der Gesellschaft einen Tag in der Woche geben muss, an dem ein Mensch sich als Mensch erleben darf ohne in einer Kauf- und/oder Handelsbeziehung zu stehen. Die vielumstrittene Feiertagsruhe hat als Hintergrund die ökonomiekritische Analyse, dass wir Menschen in der Versuchung stehen, uns ausschließlich durch unsere ökonomischen Erfolge und Bezüge zu definieren und uns darin zu verlieren. Vielleicht würden für die Selbstvorsorge netzfreie Tage hilfreich sein als passiver Widerstand gegen die Monopolisten. Das Privileg der Nichterreichbarkeit.

Das dritte Gebot, das den Menschen daran erinnert, dass er sich nicht auf das Prinzip User oder Kunde reduzieren lässt, sollte man aus der verstaubten Kiste der Tradition hervorkramen und aufpolieren. Es würde heute heller glänzen denn je.

Das vierte Gebot regelt die Generationenfürsorge: Hier muss an den Jugendschutz gedacht werden, an die Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder haben. Sie müssen ihnen heute nicht nur das Leben in den realen Bezügen lehren, Regeln und Benimm, sondern sie haben die Pflicht, ihre Kinder zu behüten vor gefährlichen und schädlichen Zugriffen durch das Netz und ihnen zugleich einen produktiven, kreativen und verantwortungsvollen Zugang ermöglichen. Wie gelingt Kindheit und Jugend im Cloud-Zeitalter? Wie lernen Jugendliche sich selbst als Personen im Werden wahrzunehmen? Wie lernen sie ihre Biographien zu schützen vor künftigen Arbeitgebern, Versicherungen, vor Unternehmen, die die Effizienz und den Erfolg eines künftigen Arbeitslebens Lebens algorithmisch prognostizieren? Wie lernen sie ihre Geheimnisse zu hüten und ihre menschliche Würde? Für die Freunde sozialer Netzwerke gilt, dass sie sich schlau machen, wem die eingestellten Daten gehören und wem man sie per MouseClick vermacht. Es empfiehlt sich ein Datentestament. Denn, wenn sich der Einzelne heute nicht Gedanken macht, was mit seinen Daten, den Fotos, den E-Mails, den Kundenzugängen wird, so verbleiben sie bei den Anbietern. In den modernen Zeiten gehört ein Datentestament zu jedem User. Dort wird den Nachkommen der Zugang zum elektronischen Erbe gewährt und sichergestellt, dass die persönlichen Daten an die Menschen kommen, denen sie zugedacht sind. Zur Generationenfürsorge gehört auch, die Software so weiterzuentwickeln, dass die Partizipation technikdistanter Milieus, z.B. der sogenannten „digital immigrants“ ermöglicht wird. Und weiter gehört zur Fürsorge im Sinne des Generationenvertrags die Verpflichtung, die Nachkommen über die Bedingungen, Gefahren und Grenzen der Netztechnologien aufzuklären.

Die Integrität der Leibes sowie der Schutz der Familie, wie sie im Verbot zu töten und ehezubrechen aufbewahrt sind, gehören in die Welt der materialen Körper. Liebe und Tod, sie lassen sich nicht digitalisieren. Allerdings lassen sich ihre Bedingungen verändern: Was Netz-Dating und Partnerbörsen für die Zukunft der Familien bedeutet, wird sich erst auf die lange Sicht erweisen: dem schier unbegrenzten Pool an potentiellen Partnern und Partnerinnen steht die Sehnsucht nach der einen Liebe entgegen. Oder wird sich die Sehnsucht nach der starken Liebe in eine Vielzahl „schwacher Beziehungen“ (Mark Granovetter) auflösen, wird man die liebende Hingabe in eine „Gegenseitigkeitsorientierung“ verwandeln, in Beziehungen bei denen der gegenseitige Nutzen offengelegt wird? Der vielbesprochene Prozess um den Wettermoderator Jörg Kachelmann, der täglich den Harem seiner virtuell Geliebten mit Schwüren und Versprechungen per E-mail und SMS in Atem und bei der Stange hielt, eröffnete einen Einblick darauf, wie sich die Horizonte der Liebe verändern können durch die Möglichkeiten ständiger Kommunikation bei personaler Abwesenheit. Es kann auch eine Freiheit von den vielen Optionen geben, gerade in Zeiten moderner Liebe.

Die derzeit heftigsten Kämpfe werden um das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ geführt. Was ist Eigentum? Und was ist Diebstahl? Wie definiert man „immaterielles Eigentum“? Wer kann für welche Ideen Geld verlangen, wenn es so viel andere gibt, die ihre Ideen, Gedanken und Werke der Welt unentgeltlich zur Verfügung stellen? Eigentum, Gemeinnutz und Eigennutz, sie müssen neu definiert werden. Es wäre fair, es gäbe in Zukunft eine gemeinschaftliche Beteiligung der User an kulturellen und geistigen Leistungen, damit Musik, Filme und Texte, ja auch der herkömmliche Qualitätsjournalismus nicht zur Billigware verkommen und zugleich allen zugänglich bleibt. Die Eigentumsfrage wird völlig neu buchstabiert werden müssen in den derzeit entstehenden Parallelwelten.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wieder Deinen Nächsten“, so lautet das achte Gebot. Die altertümlich anmutende Version von Martin Luthers Übersetzung im kleinen Katechismus hat noch einen Zusatz: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

Nichts macht uns wankelmütigen Geschöpfen das Tricksen und Schwindeln, das Gerüchte verbreiten und Rufmorden leichter als der Schutz der Cloud. Aus diesem Nebel tauchen Unterstellungen und Vorwürfe auf, werden Shitstorms angeheizt und befeuert im schlimmsten Fall von anonymen verbalen Heckenschützen. Die weltweite Plattform für Meinungsbildung lädt auch die hässlichen Brüder, das Gerücht und die üble Nachrede zum Veitstanz. Je weiter gespannt das soziale Netz, desto vernichtender der soziale Tod. Mobbing kann so zur bisweilen tödlichen Waffe werden. Nur die Gemeinschaft der User kann hier selbstregulierend eingreifen. Ein Code of Coduct zum Beispiel, den man als User unterschreibt und auf der Basis dessen der Ausschluss aus der Community erfolgen kann, wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Alle sozialen Netzwerke sollten solche Selbstverpflichtungen haben.

Um das Begehren geht es in den letzten beiden Geboten, es geht um den redlichen Handel. Es geht darum, Unternehmen darauf zu verpflichten, ihre Kunden ausführlich und fair zu informieren. Für soziale Netzwerke, in denen sich vornehmlich junge Menschen tummeln, heißt das, offen zu legen, was mit den Kundendaten passiert. Denn die Jagd nach den Daten der Kunden zu Verkaufszwecken kontaminiert zunehmend die Netzwerkidee. Eine Art Verbraucherschutz für soziale Netzwerke wäre ein Schritt zur Befreiung aus dem Zugriff von Monopolisten auf die Daten der Mitglieder.

Die Regeln, die sich in der ersten Welt bewährt haben, stimmen auch für das second life. Und so wie die alten Gebote zunächst nicht einen arbeitsteiligen Staat regulieren, sondern das Verhalten des Einzelnen in der Gemeinschaft, so muss auch das vernetzte Leben im globalen Dorf zunächst die Rechte und Pflichten der Einzelnen in den Blick nehmen: das Recht auf freie Kommunikation und Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen einerseits und die Pflicht, die Rechte und die Meinung des anderen zu würdigen andererseits. Das Recht auf die Information auf die Verwendung persönlicher Daten einerseits und die Pflicht, verantwortlich mit den Informationen und Daten anderer umzugehen andererseits. Unternehmen allerdings, die vorgeben, sich dem einzelnen User oder Kunden verpflichtet zu fühlen, verlieren all ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich zum Erfüllungsgehilfen von Regierungen machen, die ihre Bürger ausspähen (Google China). Deshalb ist es unabdingbar auf der Ebene der Vereinten Nationen, Kommunikationsrechte als Menschenrechte über Art. 19 der Menschenrechtskonvention hinaus festzuhalten und damit auch Pflichten und Regeln für die Bewohner der virtuellen Welt, für Organisationen und Staaten aufzustellen. Es muss die Frage nach den technischen Voraussetzungen für digitale Kommunikation gestellt werden, es muss dabei eine Zusammenarbeit der Telekommunikationskonzerne, der Wirtschaftsunternehmen und -ministerien mit politischen und zivilgesellschaftlichen Positionen geben. Denn bislang – so scheint es – formieren sich in der Ordnung der neuen digitalen Weltgesellschaft insbesondere  Lobbyisten wettbewerbsgesteuerter Akteure (ITU; ITRS; ICANN; CEPT). Es muss also Selbstverpflichtungen (code of conducts) von netzbasierten Unternehmen geben über die Regeln der Kommunikation. Auch der global Player die christliche Kirche in all ihren unterschiedlichen Gestalten könnte hier mit gutem Beispiel voran gehen.

Ein Blick in den Spiegel der zehn Regeln für die Freiheit, volkstümlich „zehn Gebote“ genannt, die bis heute die Grundlagen der abendländischen Kultur vermessen, schadet da nicht.

(Der Text dieses Beitrages wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin dem Buch  „Medien, Netz und Öffentlichkeit – Impulse für die digitale Gesellschaft“ entnommen)

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen