Medienwirtschaft:

„Es wird so viel ferngesehen wie noch nie“

von am 26.08.2013 in Archiv, Filmwirtschaft, Infrastruktur, Internet, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienwirtschaft, Rundfunk, Social Media, Verlage

<h4>Medienwirtschaft:</h4>„Es wird so viel ferngesehen wie noch nie“
Elmar Giglinger

Medienboard Berlin-Brandenburg baut Service für Medienunternehmen aus

26.08.13 Interview mit Elmar Giglinger, Geschäftsführer Medienboard Berlin-Brandenburg

„ALL YOU CAN WATCH!“ ist das Motto des Internationalen Medienkongresses 2013 in Berlin. Damit geht es in diesem Jahr um das Fernsehen auf allen Plattformen. Die Zahl der Online-Mediatheken, On-Demand und Content-Plattformen wächst rasant. „Beyond-TV“-Angebote – live oder zeitversetzt und über alle Endgeräte – fordern das klassische lineare Fernsehen heraus und werden die Ordnung der Medien weiter verändern. Der Wettbewerb der Systeme um Inhalte und Relevanz hat eine neue Dimension erreicht.

medienpolitik.net: Herr Giglinger, seit einigen Jahren wird der Medienkongress mit der IFA verbunden. Wie profitieren beide Veranstaltungen im Jahr 2013 von dieser Liaison?

Elmar Giglinger: Auf der einen Seite haben wir die neuen Technologien und Endgeräte als Treiber der Medienwirtschaft, Medienentwicklung und Mediennutzung. Mit aktuellen Stichworten wie autostereoskopisches 3D, 4K, Google Glass, oder auch das, was wir heute noch „Spielekonsole“ nennen, die aber in der nächsten Generation, die dieses Jahr auf den Markt kommen wird, zur umfassenden Entertainment-Boxen werden. Auf der anderen Seite sind die schönste neue Technologie und das modernste Endgerät nicht so viel wert, wenn es keine adäquaten Inhalte dafür gibt. Es treffen sich also zwei Branchen, die viel miteinander zu tun haben.

medienpolitik.net: Der diesjährige Medienkongress steht wesentlich im Zeichen des Fernsehens. Warum diese Fokussierung?

Elmar Giglinger: Das Leitthema lautet „All you can watch“, weil Fernsehen, wie wir alle wissen, heute weit über das lineare Endgerät hinausgeht. Es wird so viel bewegtes Bild konsumiert, so viel ferngesehen wie noch nie. Die Mediennutzung ist deutlich gestiegen und wird weiter steigen. Über die Hälfte der in diesem Jahr verkauften Fernsehgeräte wird internetfähig sein. Wir konsumieren das bewegte Bild mehr und mehr über verschiedene Devices, Plattformen, immer zeit- und ortsunabhängiger. Der Second Screen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Es treten neue Player in den Markt ein. Und andere Player werden auch für Produzenten immer relevanter, Stichwort YouTube-Kanäle. Mit unserem Motto verbinden wir aber auch Social TV, Cloud-basiertes TV, dazu Fragen der Regulierung, zum Beispiel im Rahmen einer zukunftsfähigen Medienordnung. Dazu haben wir viele interessante internationale Referenten eingeladen, wie Beau Willimon, den Macher der Netflix-Serie HOUSE OF CARDS, oder die KOMMISSARIN LUND Produzentin Piv Bernth. Auch Vertreter des neuen TVs sind da: Mattias Hjelmstedt, Gründer von MAGINE aus Schweden, viele bezeichnen es als „Spotify fürs Fernsehen“, Jay Samit, dessen Video Chat ooVoo mittlerweile 70 Mil. registrierten Nutzer hat, Vertreter von YouTube Original Channels oder Joiz TV. Es gibt viele Themen zu besprechen.

medienpolitik.net: Welche zum Beispiel noch?

Elmar Giglinger: Im Kern geht es um die Chancen und Herausforderungen, die sich aus der mehr und mehr veränderten Mediennutzung ergeben. Die Chancen der steigenden Mediennutzung, die offenen Fragen der Kapitalisierung auf den digitalen Plattformen. Es geht auch um die unterschiedlichen Perspektiven und Strategien der verschiedenen Marktakteure, es geht um die Akzeptanz und Relevanz von Inhalten. Wir haben den Screening-Bereich sowie den Best-Practice-Bereich mit dem neuen Format „Meet the Team!“ weiter ausgebaut und werden natürlich neue Technologien und neue Endgeräte diskutieren.

medienpolitik.net: Für wen ergeben sich die von Ihnen angesprochenen Chancen aus diesen Veränderungen?

Elmar Giglinger: Wir konsumieren so viele Medieninhalte wie nie zuvor, das ist für die Produzenten ebenso eine Chance wie für diejenigen, die den Content distribuieren. Übrigens: Neue Distributeure wie auch die etablierten Player. Denn das gute alte lineare Fernsehen wird uns auch noch lange begleiten.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen beim diesjährigen Medienkongress andere Fragen, zum Beispiel die Veränderungen auf dem Zeitungsmarkt oder netz- und medienpolitische Themen?

Elmar Giglinger: Wir beschäftigen uns zum einen mit dem Wandel der Verlagshäuser in Richtung Medienhäuser und mit Paywalls bei Online-Angeboten der Zeitungen. Uns interessieren aber auch Fragen im Zusammenhang mit Online-Journalismus, mit Social- und Public-Journalismus, Stichwort Twitter und Facebook. Die Medien- und die Netzpolitik spielt wie immer beim Internationalen Medienkongress eine wesentliche Rolle, mit Blick auf die anstehende Wahl erst recht: Datenschutz, Datensicherheit, Regulierung, Urheberrecht, Netzneutralität…

medienpolitik.net: Berlin ist kein klassischer Fernsehstandort. Welche Chancen ergeben sich durch das Fernsehen von morgen auch für Berlin?

Elmar Giglinger: Die Hauptstadtregion ist für die neuen Player ein hervorragender Standort. Wir sind das internationale Zentrum, die kreative Metropole weit über das Bundesgebiet hinaus. Und wir sind im nationalen und internationalen Vergleich ein sehr günstiger Standort. Wir haben ein Umfeld das Kreative aus der ganzen Welt anzieht – und mehr und mehr auch Investoren. Und wir haben in diesem Bereich auch eine schöne Entwicklung, mit Playern wie Joiz TV oder Tape TV mit diversen You Tube Kanälen die hier u.a. von der UFA oder First Entertainment produziert werden. In Berlin befinden sich zudem MyVideo, Tweek oder auch dailyme, um nur einige Beispiele zu nennen.

medienpolitik.net: Ein interaktiver Fernsehsender wie Joiz macht noch keinen Fernsehfrühling. Viele Impulse für das Web-TV gehen von den etablierten Fernsehsendern aus, wie etwa RTL und ProSieben, aber auch von Verlagen wie Burda oder Springer. Finden nicht auch weiterhin diese Innovationen an den klassischen Standorten statt, wo sich diese großen Sender oder Verlagshäuser befinden?

Elmar Giglinger: Springer ist ja bei uns, aber auch Medienkonzerne, die nicht in Berlin ihren Hauptsitz haben, investieren hier zunehmend in neue Medien, um von der kreativen Kraft Berlins zu profitieren. Ein Beispiel dafür ist MyVideo und Epic Companies, beides Tochterunternehmen der ProSiebenSat.1-Gruppe. Es bestehen am Standort Voraussetzungen für neue Medien, die angestammte Standorte nicht wettmachen können.

medienpolitik.net: Welche Strukturen sind in Berlin vorhanden, damit solche Sender und neue Produkte sich hier langfristig etablieren und auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten können?

Elmar Giglinger: Die gute Infrastruktur am Standort ist insbesondere für die jungen Unternehmen neben dem kreativen Umfeld und dem Preis-Leistungs-Verhältnis, das wir in der Hauptstadtregion anbieten können, der entscheidende Grund, um hier zu gründen und sich hier anzusiedeln. Das ist ein Ergebnis unseres aktuellen „medien.barometers“. Rein statistisch wird alle 20 Stunden in Berlin ein Unternehmen der digitalen Wirtschaft gegründet. Tape TV oder Joiz TV profitieren eins zu eins von der Nähe zur Musik und Kreativszene. Joiz beispielsweise hat sich mit dem einen oder anderen Standort im Bundesgebiet beschäftigt und sich letzten Endes aus guten Gründen für Berlin entschieden.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt die Perspektive dieses neuen Fernsehens in Ihrer Arbeit und damit auch dem Setzen von Prioritäten?

Elmar Giglinger: Sie spielt eine immer größere Rolle, und das, obwohl wir beim Medienboard schon seit vielen Jahren innovative, interaktive und transmediale Programme explizit fördern. Wir sehen hier weiteres Potenzial.

medienpolitik.net: Sie fördern jetzt auch Piloten von TV-Serien. Ist das nicht wieder ein Schritt zurück?

Elmar Giglinger: Nein, überhaupt nicht. Das eine zu tun heißt nicht, das andere zu lassen. Es gibt aktuell ein großes Interesse an Serien sowohl linear als auch nonlinear. Und, um die Produzentenlandschaft hier am Standort zu stärken, ist das ein gutes Mittel. Das Feedback, das wir aus der Branche erhalten, ist sehr positiv. Wir sind optimistisch.

medienpolitik.net: In Hamburg findet der newTV-Kongress statt. In Düsseldorf wird der Deutsche Web-Video-Preis verliehen. Hat Berlin ähnliche Veranstaltungen, um neues Fernsehen zu fördern?

Elmar Giglinger: Wir beschäftigen uns mit neuem Fernsehen zum Beispiel beim Internationalen Medienkongress, deshalb auch unser Leitthema „All You Can Watch!“, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten in der Region seit einigen Jahren. Wir haben unser Förderprogramm für innovative, interaktive und transmediale Inhalte, und das schon seit 2007. Das Medienboard hat hier eine Vorreiterrolle.

medienpolitik.net: Wie überlebensfähig sind die Berliner Startups im Wettbewerb mit den etablierten Internetplayern?

Elmar Giglinger: Die Frage ist pauschal nicht zu beantworten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich einige der jungen Berliner Unternehmen auch international durchsetzen werden.

medienpolitik.net: Woraus leiten Sie diese Überzeugung ab?

Elmar Giglinger: Natürlich werden nicht alle Startups auch erfolgreiche und größere Unternehmen werden. Aber die Chancen standen dafür noch nie so gut wie heute. Wir haben im medien.barometer die jungen Unternehmen befragt, wie sie die Geschäftserwartung für 2013 einschätzen. 80 Prozent rechnen mit deutlich steigenden oder steigenden Umsätzen.

medienpolitik.net: Inwieweit können diese jungen Unternehmen den Verlust von Arbeitsplätzen, den es in Berlin in traditionellen Medien wie den Verlagen gibt, bereits kompensieren?

Elmar Giglinger: Das kann und möchte ich nicht aufrechnen. Aber wir wissen, dass es laut einer aktuellen Untersuchung der IBB allein in Berlin über 60.000 Beschäftigte im Bereich der digitalen Wirtschaft gibt. Das ist seit 2008 eine Steigerung um fast 50 Prozent. Die digitale Wirtschaft ist im Moment ganz klar einer der Job-Motoren der Hauptstadtregion. Deswegen bin ich guter Dinge, dass der Medienstandort Berlin-Brandenburg weiter wachsen wird.

medienpolitik.net: Was kann das Medienboard noch leisten, um die Überlebensfähigkeit der Startups zu stärken?

Elmar Giglinger: Zuerst müssen wir unseren Job tun: helfen, beraten, vernetzen und an den richtigen Stellen fördern. Auf der anderen Seite müssen wir mit dafür Sorge tragen, dass das Umfeld für Kreative weiter so attraktiv bleibt.

medienpolitik.net: Welche Themen gehören über das Fernsehen von morgen und Startups hinaus zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit für die nächste Zeit?

Elmar Giglinger: Zunächst steht der Internationalen Medienkongress am 9. und 10.September vor der Tür, auf den wir uns gerade konzentrieren. Darüber hinaus haben wir ein spannendes neues Förderprogramm für Piloten serieller Formate gestartet. Außerdem geht es um eine weitere Bündelung der Kräfte hier am Standort, sowohl im Sinne der digitalen Wirtschaft als auch der Medienwirtschaft insgesamt. Wir wollen zudem den Service für die Medienunternehmen ausbauen, und zwar nicht nur für die hier ansässigen Medienunternehmen, sondern auch national und international. Und auch an den Planungen für 2014 arbeiten wir natürlich bereits intensiv.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 09/2013 erstveröffentlicht.

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