Medienwirtschaft:

„Wir sind nicht den Technologiegurus sondern den Konsumenten gefolgt“

von am 19.08.2013 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Infrastruktur, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Medienwirtschaft:</h4>„Wir sind nicht den Technologiegurus sondern den Konsumenten gefolgt“
Jens Heithecker

Die IFA ist die globale Leitmesse für Consumer Electronic

19.08.13 Interview mit Jens Heithecker, Direktor, Messebereich Information & Communication, Messe Berlin

In gut 14 Tagen beginnt die IFA 2013 – die weltweit bedeutendste Messe für Consumer Electronics und Home Appliances. Die Wachstums- und Innovationsdynamik der Consumer Electronics spiegelt sich in der Entwicklung der IFA wider. Die anhaltend starke Ausstellernachfrage auch für die IFA 2013 spricht für eine weiterhin positive Entwicklung. Die Veranstalter, gfu und Messe Berlin, sind optimistisch, erneut den Rekord-Buchungsstand des Vorjahres erreichen und übertreffen zu können. Die IFA zeigt das ganze Neuheitenspektrum zweier innovativer und dynamischer Industrie-Segmente. Smart TVs mit immer eindrucksvolleren Fähigkeiten, Ultra HD-Auflösung für überwältigende Bildschärfe, „Smart Devices“ – vom Smartphone über Smart TV bis zum Convertible-Computer, Smart Home Entertainment mit Funk-Lautsprechern für Audio-Streaming – sowie die umfassende Vernetzung sämtlicher Produkte der Home Electronics miteinander werden die wesentlichen Trends der IFA 2013 aus dem Bereich Consumer Electronics sein.

medienpolitik.net: Herr Heithecker, im Jahr 2012 hatte die IFA wieder einen Ausstellungsrekord zu verzeichnen. Können Sie diesen 2013 überbieten?

Jens Heithecker: Bei der IFA ist die vermietete Fläche maßgebend, weniger die Zahl der Aussteller. Die Fläche, die die Aussteller belegen, zeigt die Investitionen der Industrie in eine Messe. Da wissen wir, dass wir wieder um zwei Prozent wachsen werden. Das Limit setzt im Moment unser Messegelände, so dass wir im Außenbereich wachsen: Aber in den Hallen selbst haben wir dazu keine Chance mehr. Wie viele Unternehmen auf die Messe kommen werden, wissen wir noch nicht genau. Wir gehen auch hier in Summe von einer positiven Entwicklung aus.

medienpolitik.net: Woher kommt Ihr Zuwachs?

Jens Heithecker: Es gibt eine Vielzahl neuer Produkte. Sowohl in der Quantität als auch in der Qualität. Es gibt viel mehr globale Produktvorstellungen als in den Jahren zuvor, denn die IFA hat sich in den letzten drei bis vier Jahren zur globalen Leitmesse für Consumer Electronic entwickelt. Die Produkte kommen aus vielen Bereichen, nicht nur von den klassischen Unterhaltungselektronikherstellern, sondern auch von den IT-Produktherstellern und von den Telekommunikationsunternehmen. Viele neue Produkte stammen von Start Ups, aus jungen kleinen Unternehmen. Dafür haben wir auf der IFA Bereiche wie die iZone gebildet, die für kleine Unternehmen Präsentationsmöglichkeiten in ganz neuer Umgebung und Form ermöglicht.
Gerade auch in der Elektrohaushaltsgeräte-Branche sind wir immer überrascht, was es an innovativen Produkten, an Neuheiten jedes Jahr auf der IFA zu bestaunen gibt, sodass sich vor allem angesichts der Qualität der Neuheiten die steigende Bedeutung der IFA zeigt.

medienpolitik.net: Die klassischen Elemente wie Fernseher, Radio, Hörfunk, HFI Geräte, Kopfhörer, Satellitenanlagen, Smartphones, IPads, sind doch alle bereits da, wo bleibt das Neue?

Jens Heithecker: Innovation bedeutet nicht Revolution sondern Erneuerung. Und diese Weiterentwicklung und Erneuerung findet man bei allen diesen Produkten. Abgesehen davon, dass große Innovationen in TV-Geräten stecken, wie Ultra HD und OLED-Displays als Highlights bei TV-Geräten, DAB ist das große Thema im Radio. Jetzt kommt das digitale Radio doch noch in Schwung, das zeigt sich auch auf der IFA. In diesem Jahr werden fast eine Million Geräte verkauft. Aber selbst bei Kopfhörern haben sich viele neue Hersteller, Produzenten, Marken mit innovativen Konzepten, ausgerichtet an der Klangqualität von HIP HOP bis Klassik am Markt etabliert. Im Bereich Live Style sind verschiedene Arten von Kopfhörern entwickelt worden. Das sind junge, frische Ideen. Der Markt steht alles andere als still.

medienpolitik.net: Auf den globalen Wirtschaftsmärkten, aus denen Ihre Aussteller kommen, ist im Moment nicht gerade Hochkonjunktur angesagt und trotzdem haben Sie anscheinend kein Problem Ihre Messe zu füllen. Woher kommt das?

Jens Heithecker: Auf den Consumer Electronic-Markt trifft das nicht zu, dieser wächst weltweit. Selbst in Europa wächst der Consumer Electronic Markt in diesem Jahr um rund zwei Prozent. Da heißt in Summe nicht, dass es einfach wäre, diese Entwicklung der IFA beizubehalten. So ist der TV-Markt beispielsweise von weltweiten Überkapazitäten geprägt, sodass kaum ein TV-Hersteller im Moment profitabel arbeiten kann. Der Vorteil der der Consumer-Electronic-Industrie besteht im Vergleich zu anderen Branchen darin, dass Konsumenten obwohl sie manchmal sparen müssen, am wenigsten an der Consumer-Electronic sparen. Zum Beispiel für TV Geräte, Telefone und Tablets, sind die Konsumenten willig und bereit Geld auszugeben, weil sie diese Produkte unbedingt haben möchten. Andererseits verzeichnete die IFA im letzten Jahr eine deutlich gestiegene Zahl der Fachbesucher aus Spanien, auch aus Frankreich hat sich die Zahl der Fachbesucher in den letzten Jahren verdoppelt. Was zeigt, dass gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten es für die Vertreter der Industrie umso wichtiger ist, sich auf der Leitmesse zu treffen und sich zu informieren.

medienpolitik.net: Sie sagten die IFA hat sich in den letzten Jahren zu einer internationalen Leitmesse entwickelt. Was zieht denn alle zur IFA nach Berlin? Sie haben doch genug internationale Konkurrenz.

Jens Heithecker: So viele Konkurrenten hat die IFA nicht mehr. Es gibt noch eine Messe in Amerika, die sicher in der Bedeutung und Funktion mit der IFA gleich auf ist. Es sind verschiedene Punkte, die die Anziehungskraft der IFA ausmachen. Wir haben es geschafft, die IFA global zum effizientesten Kommunikationstreffpunkt für die Industrie und den Handel zu machen. Es gibt keine Messe weltweit, die global so viele Händler und Einkäufer im Electronic- Bereich an einem Ort, zum besten Zeitpunkt, im Vorfeld der wichtigsten Saison des Handels, dem Weihnachtsgeschäft, zusammenbringt. Wo alle Kunden, alle Einkäufer sind, sind natürlich auch alle TOP-Manager der Industrie. Sodass wir hier einen Treffpunkt der CEO´s und Präsidenten der großen Unternehmen haben, wie es weltweit einmalig ist. Wo die TOP-Manager sind, sind natürlich auch alle anderen verantwortlichen Manager der Industrie, die Entwickler, die Marktforscher, die Marketingleiter. Damit wird es auch wieder für die Zulieferer und Partnerunternehmen interessant. So entsteht ein globaler Marktplatz. Und wenn sie diesen auf das heutige Niveau der IFA gehoben haben, dann haben sie die globale Leitmesse geschaffen.

medienpolitik.net: Was war der Treiber für diese Entwicklung?

Jens Heithecker: Eine Messe muss aus sich selbst heraus wachsen, man kann es nicht erzwingen. Wir erschaffen als Messeleute kein Produkt und verkaufen es am Markt. Sondern gemeinsam mit Ausstellern, mit Fachbesuchern, mit Medien, mit Privatbesuchern kreieren wir das Produkt IFA. Für die Entwicklung dieses Produktes ist aber eine klare Idee, ein Konzept notwendig. Wir haben 2002, 2003 die Grundprinzipien des IFA-Konzeptes neu justiert. Und an diese Leitlinien haben wir uns bis heute gehalten. Egal welche neuen Technologien oder Produkte auf die Consumer zukommen, es geht am Ende für die Industrie um die Distribution – wie man den Konsumenten erreicht und ihn informiert, dass es beim Händler neue Produkte gibt. Diesen Prozess jeweils neu zu justieren und zu optimieren, entsprechend den Produkten, entsprechend der Situation im Handel. Das ist die Grundidee der IFA. Und ansonsten geht es darum, mit den interessierten Menschen in jedem Land, in jedem relevanten Markt, ein internationales Netzwerk zu knüpfen. Das ist uns in den letzten 10 Jahren in fast allen Märkten recht gut gelungen.

medienpolitik.net: Als Sie die IFA neu justiert haben, hatten viele den Fernseher für Tod erklärt und den PC auf das Schild hoben. Heute dominiert der Fernseher in verschiedensten Formen wieder die Entertainment- und Kommunikationsbranche. Warum haben Sie an eine todgesagte Technologie geglaubt?

Jens Heithecker: Der Fernseher dominiert nicht wieder, er hat nie seine Dominanz verloren, auch wenn das einige nicht sehen wollten. Das war für uns eine wichtige Erkenntnis. Natürlich haben wir uns damals, als behauptet wurde, der Computer wird das mediale und soziale Kommunikationsinstrument der Menschen gefragt, was passiert mit der TV-Branche? Muss sie jetzt ihre Produkte radikal umstellen? Wir haben uns genau angesehen, welche technologischen-und Markttrends existieren. In den letzten Jahren sind viele neue Technologien entstanden, aber am Ende kann ein Hersteller nur erfolgreich sein, wenn er die richtigen Produkte zur richtigen Zeit, in der richtigen Art und Weise an den Markt bringt. Und da sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass gerade die Unterhaltungselektronik-Industrie bei den TV-Geräten riesige Vorteile hat im Vergleich zur IT-Industrie, wenn sie die Konsumentenmärkte erreichen will. Die Annahme, dass die Unterhaltungselektronik-Industrie nicht in der Lage sein würde, digitale Technologien zu integrieren und aus dem TV-Gerät ein modernes Multimediagerät zu machen, war falsch. Wir sind damals nicht der Technologiegurus gefolgt, sondern sind dem Weg der Produkte zum Konsumenten gefolgt und haben dementsprechend die IFA neu aufgebaut.

medienpolitik.net: Sie sprachen die hohe Zahl von Fachbesuchern an. Wie wichtig ist für die IFA heute noch der Verbraucher?

Jens Heithecker: Ein Teil der potenziellen Konsumenten sind unsere Privatbesucher auf der IFA. Sie wissen natürlich, dass die unterhaltsame Inszenierung der Produkte an den Ständen bis hin zum Sommergarten einen gewissen Eventcharakter mit sich bringt, den sie genießen wollen. Das ist nur ein geringer Bruchteil aller Konsumenten in Deutschland. Wir möchten aber alle Konsumenten für die Themen der IFA öffnen, in dem wir auf allen Medienkanälen mit den neuen Produkten vertreten sind und insoweit steht der Konsument bei uns sehr stark im Focus. Es geht uns nicht nur darum, dass der Händler zur IFA kommt und die Produkte kauft, es ist auch wichtig, dass wir dem Händler helfen diese Ware zu verkaufen. Das heißt, wir müssen den Konsumenten, dass generelle Käuferpotenzial in ganz Deutschland und international, im Blick behalten und die Themen für ihn aufarbeiten.

medienpolitik.net: Aber so intensiv wie die Medien auf allen Plattformen über die IFA berichten, da brauchen Sie doch den fußläufigen Besucher gar nicht mehr? Behindert dieser nicht eher das Geschäft?

Jens Heithecker: Nein, zum einen wäre es sträflich, Konsumenten, die sich für neue Produkte interessieren außen vor zu lassen. Zum anderen kreieren diese Besucher natürlich eine Emotion auf der IFA, die auch unsere internationalen und nationalen Fachbesucher und die Journalisten auf der IFA spüren. Es ist schon etwas anderes, wenn Sie auf eine Fachmesse gehen und in einem relativ nüchternen Ambiente die Produkte sehen und über Technologien sprechen, oder wenn Sie sehen mit welcher Begeisterung oder welchen Fragen die Konsumenten neue Produkte und Marken annehmen. Diese Emotionen bringen wir auf der IFA mit Hilfe des Publikums an die Händler und an die Fachbesucher. Es ist eine zentrale Botschaft der Industrie an die Märkte.

medienpolitik.net: Ist das auch ein Grund warum die IFA in den letzten Jahren noch attraktiver geworden ist?

Jens Heithecker: Die alten „Funkausstellung“-Aussteller kannten das in gewisser Art und Weise. Aber eine unserer Herausforderung ist es ja, neue Hersteller in die IFA zu integrieren. Das beste Beispiel waren die Elektrohaushaltsgeräte, die seit 2008 auf der IFA vertreten sind. Wir haben sehr viel darüber diskutiert, wie man diese Produkte so emotional präsentieren kann wie andere Produkte. Wenn man heute durch die Elektrohaushaltsgeräte-Hallen geht, wird man emotional genauso mitgerissen wie in den TV-Hallen. Aber auch Fachbesucher aus dem IT Bereich sind verblüfft, welche Kombinations-und Geschäftsmöglichkeiten sie mit Elektrohausgeräten für die Zukunft haben. Die nächsten Herausforderungen für uns sind, neue Aussteller aus der IT-Industrie, die erkennen, dass der Konsument immer wichtiger für die IT-Industrie wird, auf die Messe zu holen. Mit ihnen diskutieren wir einzeln, wenn sie neu hinzukommen. Wie können sie die IFA nutzen, was ist die Konzeption? Es gibt keine Messe auf der Welt, die es mit diesem Erfolg integrieren kann wie die IFA.

medienpolitik.net: Sie erhalten im nächsten Frühjahr eine langersehnte neue Halle. Wie wird sich das auf die IFA auswirken?

Jens Heithecker: Neben dem Bereich der Conventions, die Kongresse und Gastveranstaltungen organisieren, ist die IFA eine der Hauptnutznießer der neuen Halle, weil wir endlich eine Erweiterung der Messehallen für die IFA zur Verfügung haben. Wir sind seit vielen Jahren überbucht, das heißt wir können große Aussteller nicht mehr innerhalb der Hallen ein adäquates Platzierungsangebot unterbreiten und das ist in vielerlei Hinsicht misslich. Wir haben einige große Aussteller, die im Moment die Außenflächen oder Übergangsflächen nutzen. Hier sehen wir die Chance, dass wir diesen ein qualitativ besseres Angebot unterbreiten zu können. Der Citycube wird ein sehr modernes Convention/Kongressausstellungscenter werden, dass weit über Deutschland hinaus Bekanntheit hat und für das sich sehr viele interessieren. Für uns ist nun die Frage, wie wir die neue Fläche integrieren, wie wir einige Aussteller neu platzieren. Das ist für einen Messeveranstalter eine interessante Aufgabe.

medienpolitik.net: Ist damit Ihre Platznot für die nächsten Jahre behoben, oder ist es nur der Tropfen auf den heißen Stein?

Jens Heithecker: Das kann man nicht ganz so genau einschätzen. Aber nach unseren aktuellen Planungen sieht es so aus, dass wir auch 2014 die temporären Hallen benötigen, um allen Ausstellern ein Dach über dem Kopf bieten zu können.

medienpolitik.net: Gibt es dazu eine Alternative, eine Erweiterung?

Jens Heithecker: Möglichkeiten gibt es immer. Aber zunächst konzentrieren wir uns darauf, dass wir den neuen Citycube in Betrieb nehmen und erfolgreich am Markt positionieren. Das ist vorerst Herausforderung genug.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2013 erstveröffentlicht.

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