Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:

ZDFneo: Crossmedial mit dem Zuschauer auf Augenhöhe

von am 21.08.2013 in Allgemein, Archiv, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

<h4>Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:</h4>ZDFneo: Crossmedial mit dem Zuschauer auf Augenhöhe
Simone Emmelius

Der Zuschauer wird zum Programmdirektor

21.08.13 Interview mit Dr. Simone Emmelius, Senderchefin von ZDFneo

Am Donnerstag, den 22.8., startet das neue TV Lab von ZDFneo. Im Fernsehen und im Internet können die Zuschauer sieben Pilotsendungen entdecken und darüber entscheiden, welches Format in Serie gehen soll. Mit diesem einzigartigen und aufwendigen Konzept wird der Zuschauer zum Programmdirektor. Entscheidend ist dabei nicht die Quote bzw. Quantität der abgegebenen Stimmen, sondern die Qualität. Jede Sendung kann mit Punkten bewertet werden.

medienpolitik.net: Das ZDFneo – TV Lab geht in die dritte Runde. Frau Emmelius, aus 130 Konzepten haben Sie sieben Formate als Pilot produziert. Nach welchen Kriterien haben Sie dabei entschieden?

Dr. Simone Emmelius: Im TVLab ist alles möglich – so lange es sich nicht um eine Adaption handelt. Bei der ersten Auswahlrunde entscheiden ca. 20 Genre- und Onlineredakteure von ZDFneo und ZDF über die Einreichungen. Welche Ideen haben Potential? Sind sie auffällig, regen Diskussionen an, interessieren unsere Zuschauer? Dreißig Konzepte kommen daraufhin in die finale Auswahl und werden von allen Seiten diskutiert bis die Sendungsideen feststehen, die ins Rennen gehen.

medienpolitik.net: Das TVLab ist auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten. Dieses Jahr gab es das erste Mal einen Viewers-Contest. Zuschauer konnten über youtube eigene Programm-Ideen vorschlagen. Inwiefern haben sich die Vorschläge der Zuschauer von den Einreichungen der TV-Produzenten unterschieden oder gab es Parallelen?

Dr. Simone Emmelius: Die Ideen der Zuschauer in ihren kurzen Videos waren immer sehr direkt und inhaltlich eher spitz ausgelegt. Die User haben ihre Sendungsideen direkt in die Kamera gesprochen oder liebevoll abgefilmt. Produktionsfirmen wiederum kennen den Markt und legen ihren Konzepten eine breitere Ansprache zu Grunde. Beides war natürlich für uns sehr spannend. Wir als Sender haben nur unter den Produzentenvorschlägen ausgewählt. Die Zuschauer haben ihren Favoriten im Viewers Contest selbst bestimmt.

medienpolitik.net: Die Idee des Viewers Contest-Gewinners wurde von Ihrer Redaktion und einer Produktionsfirma weiter entwickelt. In welcher Form war der Gewinner in die Überarbeitung mit einbezogen und was an der Originalidee hatte Sie begeistert?

Dr. Simone Emmelius: Die Idee, bereits verstorbene Persönlichkeiten in einer aktuellen Talkrunde zusammenkommen zulassen, hat die Zuschauer begeistert und den Einfall im Voting ganz nach vorne gebracht. Uns hat vor allem der Clash, bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte auf unsere Zeit loszulassen, gefallen. Dieser zentrale Punkt wurde in der Produktion für unterschiedliche Geschichten weiterentwickelt. Aus der Originalidee entstand beispielweise die Talkrunde Lanzelot. Die Gewinner konnten die Umsetzung ihrer Idee bei der Produktion am Set mitverfolgen und haben außerdem an einem Fernsehformatworkshop teilgenommen.

medienpolitik.net: Alle reden davon, zukünftig mehr crossmediale Fernsehangebote zu machen. Das TVLab ist bereits crossmedial. Wie schaffen Sie es mit diesem Angebot von den Digital Natives auch wahrgenommen zu werden?

Dr. Simone Emmelius: Wie sie bereits erwähnen, sind wir im TVLab crossmedial aufgestellt. Im Fernsehen und im Netz können die sieben Piloten angeschaut werden, anschließend wird online gewählt und kommentiert. Neben dem Abstimmungsmodul zum TVLab gibt es durch die Pilotpaten aber auch die Teilnehmer selbst im Social Media-Bereich viele Interaktionsmöglichkeiten.

medienpolitik.net: Zum Amtsantritt haben Sie gesagt, ZDFneo muss Mainstream lernen. Wie viel Mainstream steckt bereits in Ihren Eigenproduktionen?

Dr. Simone Emmelius: Prinzipiell soll unser Angebot bei unserer Zielgruppe ankommen. Dafür arbeiten und optimieren wir unser Programm, probieren viel aus und entwickeln Ideen aufgrund unserer Erfahrungen weiter. Erfolge haben sich mittlerweile auch schon eingestellt: Wir sind im aufgelaufenen Jahr bei einem Marktanteil von 0,9 % bei den Gesamtzuschauern und 0,7 % bei den 14-49 Jährigen und haben in einigen Monaten sogar die 1%-Marke übersprungen. 2012 haben wir mit 0,6 % gesamt und 0,6 % bei 14-49 Jährigen abgeschlossen.

Bei den Jungen konnte sich  Philip Simon mit seiner „nate light“ bereits sehr gut etablieren, auch Formatentwicklungen wie „Nicht nachmachen“ oder „Beef Buddies“ zeigen eine positive Tendenz, nicht zu vergessen Reportagereihen wie „Wild Germany“ oder „Herr Eppert sucht …“. Wir versuchen systematisch neue Anknüpfungspunkte zu finden und auf der Basis des Erfolgversprechendem weiter zu optimieren.

medienpolitik.net: Angesichts des überschaubaren Budgets von 30 Mio. Euro, experimentiert ZDF neo mit Comedy-Shows und Factual Entertainment. Wie gut müsste ein Spartenkanal budgetmäßig ausgestattet sein, um dem Beitragszahler zum Beispiel auch fiktionale Eigenproduktionen (wie „Berlin, Berlin“ oder „Türkisch für Anfänger“) in Serie zu bieten?

Dr. Simone Emmelius: Neben Comedy und Factual Entertainment haben wir auch im Fictionbereich mit der Cartoonserie und dem TVLab-Gewinner 2012 „Deutsches Fleisch“ eine erste Staffelproduktion für ZDFneo realisiert. Zwei Piloten aus dem diesjährigen TVLab sind ebenfalls als fiktionale Serien im Rennen. Zudem entwickeln wir bereits erste Projekte zusammen mit dem ZDF – „Lerchenberg“ ist ein Beispiel dafür – und suchen gemeinsam nach neuen Projekten. Mit dem vorhandenen Budget ist damit der Rahmen aber auch schon ausgeschöpft. Mehr Geld dafür wäre natürlich wunderbar.

medienpolitik.net: Die große Lücke nach KiKa. Wie schwer ist es, jüngere Beitragszahler, die jahrelang fast ausschließlich Privatfernsehen geschaut haben, zurückzugewinnen?

Dr. Simone Emmelius: Wir versuchen dies durch ein Angebot, das die jüngeren Zuschauer bei den Themen, die sie interessieren und bei ihren Sehgewohnheiten abholt  und indem wir insbesondere über unsere Onlineseiten und in den Social-Media-Angeboten versuchen, mit ihnen in Kontakt und in den Austausch zu kommen.

Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen: Die Zuschauer suchen neben dem Privatfernsehen anderes Programm, das sie unterhält, sie anspricht, ihnen auf Augenhöhe begegnet und etwas Neues ausprobiert. Und der Erfolg gibt uns Recht: Mit Serien wie z.B. „Girls“, House of Lies“, „Death in Paradies“ , „Silent Witness“  oder Presentern wie z.B. Sarah Kuttner, Manuel Möglich, Philip Simon, Jan Böhmermann und ihren Sendungen. Wir merken durch die Reaktionen im Netz und in den Quotenerfolgen, dass ZDFneo inzwischen gut in der Zielgruppe verankert ist.

medienpolitik.net: ZDF neo ist gestartet, um jüngeren Beitragszahlern ein Programmangebot zu machen. Das Alter des Durchschnittszuschauers liegt bei 51 Jahren. Wie wollen Sie weitere junge Zuschauer dazugewinnen?

Dr. Simone Emmelius: Indem wir den beschrittenen Weg in der Programmgestaltung konsequent weitergehen: gutes, abwechslungsreiches Programm, crossmediale Projekte wie das TVLab, Eigenproduktionen, die dem Zuschauer auf Augenhöhe begegnen, aber auch erfolgreiche, junge Lizenzprogramme aus den USA, Großbritannien und Skandinavien. Ganz wichtig in diesem „Konzert“: Im Netz sind wir als Sender mit unseren Moderatoren immer ansprechbar und bieten vielfältige  Interaktionsmöglichkeiten.

medienpolitik.net: Die jungen Beitragszahler sind im Internet unterwegs. Inwiefern sind die Begrenzungen im Mediathek-Angebot noch zeitgemäß und mit dem Auftrag der Grundversorgung zu vereinbaren?

Dr. Simone Emmelius: Unsere Eigenproduktionen unterliegen glücklicherweise nicht den harten Begrenzungen wie die Lizenzprogramme. Hier können wir dem Zuschauer das volle Programm bieten – sofern keine Altersbeschränkung vorliegt. Gerne würden wir im Lizenz-Bereich ebenso vorgehen, denn die User im Netz erwarten diesen Service als Selbstverständlichkeit.

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