Rundfunk:

„Wir laufen Marathon und nicht Sprint“

von am 07.08.2013 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir laufen Marathon und nicht Sprint“
Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios

Intendant des Deutschlandradios fordert öffentlich-rechtliches Kinderradio

07.08.13 Interview mit Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios

Das Deutschlandradio hat bei der jüngsten Media-Analyse erneut deutliche Gewinne verbuchen können. Der Deutschlandfunk wird täglich von rund 1,7 Millionen Hörern eingeschaltet. Das entspricht bei einer Tagesreichweite von 2,3 Prozent einem Zuwachs von 70.000 Hörern. Damit ist der Deutschlandfunk das mit Abstand reichweitenstärkste Informationsprogramm in Deutschland. Ebenfalls einen deutlichen Zugewinn kann Deutschlandradio Kultur verbuchen. Das Kulturprogramm des nationalen Hörfunks wird von rund 470.000 Hörern täglich eingeschaltet. Fragen zur weiteren Entwicklung der drei Hörfunkangebote an den Intendanten Dr. Willi Steul.

medienpolitik.net: Herr Steul, die Deutsche Welle darf künftig mehr Programm von ARD, ZDF und auch von Ihnen übernehmen. Welche Ihrer Angebote werden künftig weltweit verbreitet?

Dr. Willi Steul: Ich habe bereits im April 2009, als ich als neuer Intendant meine Antrittsbesuche gemacht habe, Erik Bettermann erklärt, dass die Deutsche Welle von Deutschlandradio erhalten kann, was auch immer sie will, wenn wir uns darüber verständigen, dass entstehende Zusatzkosten von der Deutschen Welle getragen werden. Dabei bleibt es.

medienpolitik.net: Aber nicht alle Inhalte eignen sich für eine globale Verbreitung. Sortieren Sie vor?

Dr. Willi Steul: Nein, das ist die Programmhoheit der Deutschen Welle, die das formuliert. Wir stehen zu einer voll umfänglichen Unterstützung und Kooperation bereit.

medienpolitik.net: Wie ist heute der Stand der Kooperation zwischen dem Deutschlandradio und den ARD-Anstalten?

Dr. Willi Steul: Die Kooperation zwischen Deutschlandradio und der ARD ist außerordentlich intensiv. Wir tragen zum Beispiel de facto fast 30 Prozent der Kosten der ARD-Auslandsbüros. Zusätzlich verfügt das Deutschlandradio noch über eigene Auslandskorrespondenten. Wir tauschen diese Beiträge untereinander aus. Die Kooperation ist kaum zu verstärken. Im Hörspiel- und Featurebereich existiert eine enge Kooperation. Deutschlandfunk zum Beispiel produziert lediglich sechs eigene Hörspiele. Bei allen anderen kooperiert er mit der ARD und übernimmt zudem ARD-Hörspielproduktionen. Wir produzieren über 50 Hörspiele jährlich in Deutschlandradio Kultur, die die ARD-Anstalten übernehmen. Zudem haben wir aufeinander abgestimmte komplementäre Aufträge in der Kultur. Die Landesrundfunkanstalten widmen sich sehr viel breiter der Kultur, die jeweils in ihren Ländern stattfindet. Wir bieten komplementär das Nationale. Wir prüfen derzeit eine intensivere Zusammenarbeit im Hörspielbereich mit dem Saarländischen Rundfunk.  Mehr Kooperation geht kaum. Man muss auch die Profile der Sender wahren, die weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal und eine Eigenständigkeit besitzen müssen.

medienpolitik.net: Um welche nationalen Kulturprojekte kümmern Sie sich vor allem?

Dr. Willi Steul: Unser Must Have sind vor allem Kulturereignisse von überragender Bedeutung für das ganze Land. Daneben gibt es das Should Have, also das, was wir haben sollten. Das, was wir haben müssen, werden wir auch ohne Kooperation mit ARD-Sendern produzieren. Ich nenne hier als Stichwort das Bremer Musikfest. Dieses hat auch eine große nationale Bedeutung. Hier besteht eine enge Kooperation mit dem Deutschlandfunk. Radio Bremen ist an dieser Kooperation nur am Rande beteiligt. Außerdem produzieren wir Inhalte zum Wartburg Festival in Thüringen, was der MDR in diesem Umfang nicht mehr wahrnimmt. Das heißt, wir helfen uns hier gegenseitig. Der MDR übernimmt das, was wir dort produzieren in Teilen. Bei den Kulturprojekten, die wir haben sollten, bemühen wir uns, diese in enger Kooperation mit der ARD zu realisieren.

medienpolitik.net: Sie sind mit 29 Ja-Stimmen bei nur vier Gegenstimmen und einer Enthaltung wiedergewählt worden. Wie kühn werden Sie angesichts dieser Ergebnisse bei weiteren Veränderungen im Deutschlandradio sein?

Dr. Willi Steul: So kühn wie vorher. Wir laufen Marathon und nicht Sprint. Beim Marathon müssen Sie sich die Geschwindigkeit und die Schritte einteilen. Wenn Sie am Anfang zu schnell loslaufen, dann fehlt Ihnen auf der Hälfte der Strecke die Luft.

medienpolitik.net: Wozu brauchen Sie die Luft noch?

Dr. Willi Steul: Wir brauchen die Luft, um uns in all unseren Abläufen zu optimieren. Diese stellen wir in einem Strategieprozess auf den Prüfstand. Die Abläufe müssen teilweise mit technischer Unterstützung modernisiert werden, wir können sie verfeinern. Optimierung heißt auch immer Einsparung.

medienpolitik.net: Ich finde es schon kühn, ein nationales Kinderprogramm angesichts der Finanzsituation anzukündigen. Warum haben Sie diesen Vorschlag eingebracht?

Dr. Willi Steul: Weil wir über die Bedeutung sowie die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und auch jene von Deutschlandradio weiter intensiv nachdenken müssen. Es gibt zwei Felder, die im Kern öffentlich-rechtlich sind und einen gesellschaftlichen Mehrwert haben. Das ist einmal der in Kooperation mit der ARD angeregte Musikkanal auf  DAB, der nur in Kooperation aller ARD-Anstalten realisiert werden kann. Dieses Angebot konkurriert auch nicht mit privatwirtschaftlichen kommerziellen Angeboten, denn diese Schätze in unseren Archivkellern besitzen nur wir. Das zweite Feld ist ein Kinderradio. Es gibt den KiKa. Zudem verfügen die meisten ARD-Anstalten über eigene Kinderprogramme. Meine Idee ist es, diese Angebote unter der Federführung von Deutschlandradio zu bündeln, weil wir den Auftrag zur nationalen Ausstrahlung haben, und in einem Digitalradioprogramm bundesweit auszustrahlen. Wir sind in Gesprächen mit Kollegen von der ARD um die Kosten zu ermitteln. Der Anteil, der dann auf Deutschlandradio entfiele, soll durch Einsparungen bei uns erreicht werden. Ich halte ein Kinderradio für eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie die politischen Chancen, Ihr Vorhaben umzusetzen?

Dr. Willi Steul: Das wird man sehen. Mir ist durchaus bewusst, dass wir noch einige politische Hürden meistern müssen. Das Thema wollen wir jetzt diskutieren und das habe ich in meiner Bewerbungsrede vor der Wahl im Hörfunkrat von Deutschlandradio als eine Überlegung für die nächsten Jahre auch öffentlich gemacht.

medienpolitik.net: Sie gehören mit Ihrem Sender zu den Protagonisten im Bereich DAB. Ich habe den Eindruck, dass es dort trotz aller Neugeburtsversuche nicht vorangeht. Gehen Sie weiterhin davon aus, dass DAB eine Alternative zu anderen Übertragungswegen wird?

Dr. Willi Steul: Ich bin fest davon überzeugt, dass die DAB-Technologie das Rückgrat und die Zukunft des Radios ist. Aber leider sind die Industrie- und wirtschaftspolitischen Implikationen dieser Technologie noch nicht ins Bewusstsein, auch der politischen Entscheider, gerückt. Die privaten kommerziellen Programme können hier ebenfalls über Zusatzdienste neue Werbefelder entwickeln. Die DAB-Entwicklung ist zäh, aber man muss auch darauf hinweisen, wie es sich im europäischen Ausland entwickelt. Dänemark hat sogar ein Abschaltdatum für UKW für 2017 festgelegt und für 2019 Norwegen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll in Schweden das digitale Radionetz komplett aufgebaut sein. In Großbritannien sind in der Fläche 99 Prozent des Landes mit DAB erreichbar. Bereits die Hälfte der Menschen hört dort Digitalradio. Gibt es auch in Deutschland eine politische Willenserklärung, wird sich DAB auch hier durchsetzen und dann wird auch der Verkauf von Geräten langsam steigen.

medienpolitik.net: Sie haben mit Ihren Wortnachrichten beim Deutschlandfunk eine kleine Radiorevolution ausgelöst, weil alle Sender nachts Musik spielen und maximal aktuelle Verkehrsmeldungen durchgeben. Wie haben Ihre Hörer nach dem ersten halben Jahr darauf reagiert?

Dr. Willi Steul: Die Reaktionen sind genauso, wie zu erwarten war. Es gibt Menschen, die ihre Lieblingssendung vermissen und uns fragen, was wir da tun. Andere Hörer schreiben dagegen, dass sie unsere Programmveränderung wunderbar finden und auf so etwas schon lange gewartet haben. So ist die Welt.

Wir haben zudem in  Deutschlandradio Kultur das Musikangebot nachts ein wenig erweitert, aber nicht so, dass wir das, was wir im Deutschlandfunk nicht mehr senden, künftig identisch in Deutschlandradio Kultur senden. Wir bauen beide Sender komplementär besser zueinander auf. Die Vorgabe, in der Nacht Wort zu machen, habe ich dem Haus gemacht, obwohl nicht alle Kollegen damit zufrieden sind. Der Hörer, der nachts unterwegs ist und gehobene Programme präferiert, konnte bisher weitestgehend Klassik- und dann Inforadio hören. Ihm fehlt genau das, was ohnehin schon das Alleinstellungsmerkmal vom Deutschlandfunk ist. Deshalb musste diese Entscheidung so fallen.

medienpolitik.net: Wird der Musikanteil insgesamt weiter, auch im Tagesprogramm, zurückgehen und wird es mehr zu einem Inforadio werden?

Dr. Willi Steul: Nein. Der Charakter vom Deutschlandfunk ist nicht der eines Inforadios. Inforadio heißt kurzgetaktete Aktualität. Das Alleinstellungsmerkmal vom Deutschlandfunk sind sehr solide, zuverlässige, lange klassische Nachrichten sowie die von Fachredaktionen im Hintergrund, in der Erweiterung und Analyse traktierten, gesellschaftlich, politisch, national und international relevanten Themen.

medienpolitik.net: Sie haben im Zusammenhang mit den Veränderungen beim Deutschlandfunk den Begriff „Reißverschlussprogrammierung“ geprägt. Was meinen Sie damit?

Dr. Willi Steul: Zu Zeiten der reinen UKW-Verbreitung konnte man die beiden Programme ohne besondere Rücksicht aufeinander verbreiten. Jetzt, wo sowohl im Internet alle drei Programme hörbar sind und wir auch mit DAB 2015 die Flächendeckung in der Bundesrepublik erreicht haben, ist es möglich, die Programme parallel zu hören. Zudem haben wir eine, wenn auch nicht genügende, Verbesserung bei UKW. Dort, wo man die Programme parallel hören kann, macht es keinen Sinn, zur selben Zeit Wort zu hören, zum Beispiel Hörspiel oder Feature, oder aber journalistisch erläuterte Musik und sich damit im selben Haus Konkurrenz zu machen. Reißverschlussprogrammierung heißt grob gesagt: Wenn im Deutschlandfunk Wort läuft, läuft in Deutschlandradio Kultur Musik. Denn es gibt reine Wortfreunde und es gibt die Musikfreunde. Ich möchte schon, dass die Klientel, die Musik hören will, in unserer eigenen Familie bleiben kann und sich nicht für andere Sender entscheiden muss. Wir sind ein Haus mit drei Programmen, die in einer Flottenstrategie aufeinander abgestimmt sein müssen.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie die Entwicklung von Deutschlandradio Kultur? Was soll sich hier verändern?

Dr. Willi Steul: Wir planen keine Programmreform. Programmreform heißt immer, dass man das ganze Programm umstürzt, sondern wollen durch einen Feinschliff beide Programme komplementär aufeinander abstimmen. Wir arbeiten zum Beispiel an einer eigenständigen Musikstudie und einer Mappingstudie. Hier untersuchen wir, wo wir in einem weiteren Schritt Deutschlandradio Kultur optimieren können.

medienpolitik.net: Aber für Deutschlandradio Wissen sind inhaltliche Veränderungen explizit angekündigt worden…

Dr. Willi Steul: Ein Programm kann niemals statisch bleiben. Wir senden jetzt seit drei Jahren das Programm von DRadio Wissen. Wir glauben gesehen zu haben, was die Erwartungen der jungen Klientel sind, die uns weitestgehend über das Internet hört, gerade auch zum Beispiel in puncto Musik. Diesen Feinschliff werden wir auch in DRadio Wissen vornehmen. DRadio Wissen soll noch stärker ein Experimentierfeld werden, aber im Wesentlichen werden wir seine gegenwärtige Struktur erhalten, es wird also auch hier keinen revolutionären Umbau geben.

Wir werden unter dem Strich, wenn wir im nächsten Jahr in kleinen Schritten unsere Programme optimiert haben, verteilt auf alle Programme sogar etwas mehr Musik bieten– wobei unsere Musik niemals Mainstream-Musik ist.

medienpolitik.net: Kann man sagen, dass sich nach drei Jahren DRadio Wissen für die Senderfamilie gelohnt hat?

Dr. Willi Steul: Aber ja. DRadio Wissen hat sich als Programm gelohnt, weil es ein interessantes Programm ist und auch – wir können ja nur das Internet messen – etwa 40.000 tägliche Follower hat, die zeitlich sehr lange hören. Ich bin oft in Universitäten zu Vorträgen und Diskussionen. Ich merke dort immer wieder, dass die meisten Leute DRadio Wissen kennen.

medienpolitik.net: DRadio Wissen ist ein interessantes Beispiel, wie öffentlich-rechtlicher Rundfunk junge Leute erreichen kann…

Dr. Willi Steul: Ja, wir können junge Leute erreichen. Aber machen wir uns nichts vor: DRadio Wissen ist ein Spezialangebot. Wir haben dort ein Durchschnittsalter von knapp über 40 Jahren. Das ist sehr jung für ein öffentlich-rechtliches Programm.  Aber DRadio Wissen ist kein Massenprogramm, so wie alle drei Programme von Deutschlandradio keine Massenprogramme sind. Die ARD-Anstalten, die den Auftrag haben, eine große Anzahl von Menschen zu erreichen, müssen andere Programme bieten.

medienpolitik.net: Wenn man heute mehr Jugendliche erreichen will, muss man dann nicht, zusätzlich zu den Massenprogrammen, vor allem Spezialangebote machen?

Dr. Willi Steul: Ja, das ist richtig. Ich sage auch oft, dass es ein Privileg ist, Deutschlandradio führen zu dürfen, weil wir den Auftrag haben, im Kern den Hardcore des öffentlich-rechtlichen Angebotes zu machen. Wir erreichen mit unseren drei Programmen täglich rund 2,3 Millionen Hörer. Das ist ein Drittel der Klientel der gehobenen Programme. Daran sieht man, dass wir mit unseren drei Programmen relevant sind. Wir können uns nicht mit einem Programm wie 1LIVE, SWR3 oder Antenne Bayern messen. Das ist nicht unser Auftrag. Wir erfüllen in wunderbarer Weise unseren öffentlich-rechtlichen Auftrag.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2013 erstveröffentlicht.

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