Urheberrecht:

Illegales Filesharing: Doch gut fürs Geschäft?

von am 01.08.2013 in Allgemein, Archiv, Gastbeiträge, Internet, Musikwirtschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Regulierung, Urheberrecht

<h4>Urheberrecht:</h4>Illegales Filesharing: Doch gut fürs Geschäft?
Dr. Florian Drücke I © BVMI, Markus Nass

Wenn aus zweifelhaften Studien zweifelhafte Schlüsse gezogen werden

01.08.13 Von Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie e. V.

Immer wieder begegnen wir Studien, die dem Mythos, illegales Filesharing hätte keine oder sogar förderliche Effekte auf den legalen Musikverkauf, Vorschub leisten. Unlängst gelangte eine methodisch fragwürdige Studie, die im Auftrag der Europäischen Kommission erstellt wurde, erneut zu diesem Schluss, der vielfach unreflektiert übernommen wurde. Auch die Verkürzung auf dieses Ergebnis tut das ihre dazu. Nicht wenige Experten, darunter Oliver Süme vom Eco (promedia 7/2013), lassen sich von dieser oder ähnlichen Studien aufs Glatteis führen – und ziehen die falschen Schlüsse. Der Versuch einer Aufklärung.

Es sollten die Alarmglocken klingeln

Zugegeben: Es ist nicht immer einfach, die Qualität einer Studie zu beurteilen, ohne sie detailliert zu betrachten. Oftmals offenbart erst ein tiefer Blick in die Methodik, ob sie dem wissenschaftlichen Anspruch Stand hält oder zu fehlerhaften Schlüssen gelangt. Das ist auch bei der aktuellen Studie des Joint Research Centre der Fall, die im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde und für Oliver Süme Anlass war, eine „Neubewertung“ der aktuellen Rechtsdurchsetzung im Bereich des Urheberrechts zu fordern.

Auf Basis einer Analyse des Surfverhaltens von 16.000 Menschen in fünf Ländern kommen die Autoren u.a. zu dem Schluss, dass Internetnutzer illegale Musikdownloads nicht als Ersatz für legale digitale Musik sehen. Als Indiz für die legale Nutzung wurde dabei zum Beispiel die Nutzung von iTunes herangezogen, ungeachtet der Tatsache, dass iTunes hauptsächlich zum Hören von Musik und nicht jedes Mal zum Einkaufen genutzt wird. Gerade der Frage, was man da überhaupt vergleicht, wurde also schon nicht besonders sorgfältig nachgegangen. Oder anders: Es wurde überhaupt nicht erhoben, ob Musik tatsächlich gekauft wurde – das allein ist letztlich schon ein k.o. Kriterium für jede weitere Betrachtung der Studie. Wenn die Studie dann noch von einer Filesharer-Reichweite von 73 Prozent (!) in der Bevölkerung ausgeht, sollten bei jedem wachsamen Leser die Alarmglocken klingeln. Wenn man die Studie also dann schon ernst nehmen wollte, müsste gleich auch diese Nachricht hinausposaunt werden. Spannenderweise erreichte die Rechteinhaber diese Lesart nicht.

Die Wissenschaft hat sich lange mit der Frage eines Zusammenhangs zwischen illegalem Filesharing und legaler Musiknutzung beschäftigt und ist dabei zu vergleichsweise klaren Ergebnissen gekommen: Grundsätzlich kamen alle ernstzunehmenden Studien zu dem Schluss, dass sich ein negativer Einfluss von Piraterie auf Abverkäufe feststellen lässt. Lediglich über das Ausmaß des Schadens und die genauen Bezifferungen lässt sich weiter forschen. Als Hinweis an interessierte Leser, die die Debatte noch nicht so lange verfolgen: Die Rechnung „ein illegal heruntergeladener Song entspricht einem sonst gekauften Song“ wurde von uns nie aufgemacht.

Es wurde keine eine Ursache-Wirkungs-Beziehung gemessen

Lesenswert ist eine im August 2012 veröffentlichte Meta-Studie “Assessing The Academic Literature Regarding the Impact of Media Piracy on Sales” der Professoren Smith und Telang der Carnegie Mellon University, die einen sehr fundierten Überblick über die verfügbaren Studien zum Thema Filesharing und seine Auswirkungen auf die Abverkäufe bei besonderer Berücksichtigung der zugrunde liegenden Datenqualitäten bietet. Im Rahmen dieser Meta-Studie wurden insgesamt 29 Studien untersucht, dabei wurde in 25 (!) Publikationen festgestellt, dass sich Piraterie negativ auswirkt, lediglich in vier der 29 wurde eine positive Korrelation gemessen. Betrachtet man nur noch die Studien, denen eine Überprüfung im Zuge einer Publikation in einem wissenschaftlichen Journal zugrunde liegt, bleiben insgesamt 7 Studien übrig, die einen negativen Einfluss von Filesharing feststellten. Nur eine Studie attestierte einen positiven Zusammenhang.

Der Grund, dass es die meisten Studien nicht in die angesehenen Peer-Reviewed Journals geschafft hatten, lag an dem sogenannten Endogenitätsproblem, das – wie auch bei der aktuellen Studie des Joint Research Centre –  methodisch nicht berücksichtigt wurde. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Es wurde maximal eine Korrelation gemessen, aber keine eine Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Wenn Oliver Süme als Fazit dieser Studie zu dem Ergebnis kommt, dass der bestehende Rechtsrahmen zur Bekämpfung illegaler Angebote vollkommen ausreichend ist, ist das letztlich nur eine Wiederholung dessen, was auch im „Wirtschaftsdialog für mehr Kooperation bei der Bekämpfung der Internetpiraterie“ zu hören war. Statt einer Verschärfung der geltenden Regeln fordert man eine flexiblere Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für die digitalen Angebote. Viele neue Geschäftsmodelle von innovativen und kreativen Startups stünden in den Startlöchern – mal wieder sollen es die „Verwerter-Strukturen“ sein, die eine Innovation im Markt blockieren.

Gerade wenn es um den legalen digitalen Markt und die Startups geht, sollte allen daran gelegen sein, gemeinsam mit uns faire Wettbewerbsbedingungen für digitale Anbieter zu schaffen. Dass es heute – auf Basis des geltenden Urheberrechts – sehr wohl möglich ist, einen innovativen Dienst von den Rechteinhabern lizenziert zu bekommen, belegen die mittlerweile 70 legalen Online-Musikangebote in Deutschland mehr als deutlich. In dem derzeit gestörten Markt sind weniger die Verwertungsgesellschaften oder die ach so schwer zu überzeugenden Rechteinhaber das Problem, als vielmehr die zahlreichen illegalen Gratisangebote, gegen die diese konkurrieren müssen und die letztlich all denen ein Dorn im Auge sein müssen, die sich solidarisch mit der rechtmäßigen Nutzung zeigen. Ein investitionsfreundliches Umfeld sieht nun wirklich anders aus. Aber die Ächtung illegalen Handelns fällt auch im Jahre 2013 noch schwer.

Ein fairer Markt braucht klare Regeln

Ein fairer Markt braucht klare Regeln – davon werden schlussendlich auch die Anbieter neuer Geschäftsmodelle profitieren. In einem solchen fairen Markt muss es selbstverständlich möglich sein, seine Rechte auch durchsetzen zu können. Dafür ist es notwendig, den zivilrechtlichen Auskunftsanspruch robust auszugestalten. Dass wir dabei nicht die Abmahnung, sondern ein Warnmodell – wohlgemerkt ohne die viel bemühten „Internetsperren“ – diskutiert haben, müsste mittlerweile überall angekommen sein. Und dass eine inhaltliche Auseinandersetzung über eine zielführende und minimalinvasive Ausgestaltung nicht fortgeführt wurde, halten wir nach wie vor für bedauerlich. Dass es darüber hinaus überfällig ist, die Host-Provider stärker zur Verantwortung zu ziehen, weil sie vielfach auch durch das Vorhalten illegaler Angebote mitverdienen, ist bekannt – zumal der BGH sich diesbezüglich in letzter Zeit sehr deutlich geäußert hat. Oder anders: Aus dem aufwendigen Notice & Take-Down Verfahren muss endlich ein Verfahren werden, das nicht aufgrund technischer Umgehungen zunehmend leerlaufen kann. Auch die jüngsten Bestrebungen auf EU-Ebene hierzu, in deren Kontext man auch über sog. Best-Practice Lösungen nachdenkt, werden hoffentlich nicht dazu führen, das Ziel von Notice & Take-Down Verfahren zu konterkarieren, nämlich die nachhaltige Abwesenheit von illegal bereitgestellten Inhalten auf Host-Provider Services.

Abschließend noch ein paar Zahlen, die wir letztes Jahr gemeinsam mit der Film- und Buchbranche im Rahmen der Studie zur Digitalen Content-Nutzung (DCN) vorgestellt haben, für die im Übrigen insgesamt 10.000 Menschen von der GfK in Deutschland befragt wurden: Dabei zeigte sich, dass 73 Prozent der Personen, die ausschließlich illegale Quellen für Musikdownloads benutzen, kein Geld für Musik ausgeben. Die übrigen 27 Prozent dieser Gruppe geben im Durchschnitt 18 Euro pro Jahr für physische (!) Produkte aus – und damit deutlich weniger als der durchschnittliche deutsche Musikkäufer pro Jahr (56 Euro). Muss es verwundern, dass diese Erkenntnisse aus Deutschland in dem genannten Beitrag keinen Einzug gefunden haben?

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 08/2013 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Piratenparteiler - 13.08.2013 Antworten

    Also ich kenne niemanden mehr wo illegal Musik runterlädt, qwieso auch. Gibt ja duetzende gute Streaminganbieter die quasi alles im Angebot haben. Wazu sich als noch irgendwelche virenverseuchten Mp3s von irgendwelchen russischen Warez Seiten runterladen.

    je besser die legalen Angebote werden desto weniger illegale wird es geben. Die Zeiten von Emule und Allofmp3 und co sind vorbei. Heutzutage werden vor allem Filme geshared da die Filmindustrie es bisher versäumt hat vergleichbare Angebote zu schaffen.

    D.h lieber Attraktiver Angebote schaffen statt Überwachungsstaat und Repression.

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