Digitale Medien:

„Wir fördern die Start-up-Kultur in Deutschland“

von am 09.09.2013 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienförderung, Medienwirtschaft, Musikwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk, Social Media, Werbung

<h4>Digitale Medien:</h4>„Wir fördern die Start-up-Kultur in Deutschland“
Dr. Christian Wegner © ProSiebenSat.1 Media AG

ProSiebenSat.1 baut sein Digital-Geschäft aus und gründet in allen Medienbereichen neue Unternehmen

09.09.13 Interview mit Dr. Christian Wegner, Digital-Vorstand der ProSiebenSat.1 Media Group

Die ProSiebenSat.1 Group ist eines der führenden Medienhäuser in Europa. Die TV-Gruppe erreicht mit ihren TV-Sendern in Deutschland, Österreich und der Schweiz über 41 Millionen TV-Haushalte. Werbefinanziertes Free-TV ist das Kerngeschäft des Unterhaltungs-Konzerns. Das Unternehmen wächst kontinuierlich und verfolgt eine klare Wachstumsstrategie. Wesentlichen Anteil daran hat der Vorstandsbereich „Digital & Adjacent, der von Dr. Christian Wegner verantwortet wird. Die digitalen Aktivitäten reichen von Deutschlands größter Online-Videothek maxdome, der Online-Plattform MyVideo über die Online-Spiele von ProSiebenSat.1 Games bis zur SevenVentures, die über Media-Investments ein umfassendes Beteiligungsportfolio aufbaut. Außerdem besitzt ProSiebenSat.1 mit Starwatch ein eigenes Musiklabel.

medienpolitik.net: Herr Dr. Christian Wegner, Ihr Bereich Digital & Adjacent ist der am schnellsten wachsende Bereich der ProSiebenSat.1-Gruppe. Welche Bedeutung hat das für die Perspektive des Konzerns?

Dr. Christian Wegner: Wir haben eine sehr klare, auf nachhaltiges Wachstum ausgerichtete Strategie und setzen sie  konsequent um. Das Ziel: Aus ProSiebenSat.1 ein integriertes Broadcasting, Digital Entertainment und Commerce Powerhaus zu bauen. Die Fortschritte im Bereich „Digital & Adjacent“ bringen uns dieser Vision in großen Schritten näher.

medienpolitik.net: Worauf ist dieses Wachstum zurückzuführen? Welche Voraussetzungen sind dazu im Konzern geschaffen worden?

Dr. Christian Wegner: Wir haben frühzeitig die richtigen Weichen gestellt und in zukunftsträchtige Geschäftsfelder investiert. Das zahlt sich heute aus. In vielen Bereichen sind wir Markt- und Innovationsführer. Denken Sie zum Beispiel an maxdome, Deutschlands größte Onlinevideothek oder an MyVideo, unseren ersten Web-TV-Sender. Und auch im eCommerce-Bereich sind wir gut aufgestellt und halten Beteiligungen an 15 erfolgreichen Portalen, darunter babymarkt, STYLIGHT und Tirendo. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dabei: Unser äußerst engagiertes und kreatives Team, das mit immens viel Herzblut und Leidenschaft neue Ideen und Produkte entwickelt. Wir sind strategisch wie personell hervorragend aufgestellt, um die Wachstumsgeschichte von ProSiebenSat.1 erfolgreich fortzuschreiben.

medienpolitik.net: Bleibt ProSiebenSat.1 trotz dieser Wachstumsperspektiven weiterhin ein „Fernsehhaus“?

Dr. Christian Wegner: Definitiv! Fernsehen ist das Herz unseres Unternehmens. Wir brauchen TV. Es gibt uns die Kraft, unser Unternehmen zu einem digitalen Entertainment Powerhouse auszubauen. Das Fernsehen ist unsere wichtigste Einnahmequelle – auch zukünftig. Das Schöne ist: TV und Online haben eine natürliche Affinität. Bewegte Bilder sind der Treibstoff beider Medien, sie befeuern sich gegenseitig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel:  Das exklusive Web-Spin-Off zur SAT.1-Sendung „Der letzte Bulle“ ist in meinen Augen ein Muster-Case an crossmedialem Storytelling: Über die Online-Sequenz wurde die TV-Folge inhaltlich angekündigt, gleichzeitig erhielt der User in den aufwändig produzierten, animierten Comics zusätzlich exklusive Informationen zum Hauptprotagonisten. Begleitet wurde das Format zudem auf Facebook, um die Nutzer auch über die Sendung hinaus abzuholen. Näher dran am Programm geht’s nicht.

medienpolitik.net: Auf welchen „Säulen“ basiert die Digitalstrategie von ProSiebenSat.1?

Dr. Christian Wegner: Unser Wachstum im Geschäftsbereich Digital & Adjacent fußt auf vier starken Säulen: Online Video, Online Games, Online Commerce & Ventures sowie Musik. So verschieden die Geschäftsfelder auch sind, eins haben sie alle gemeinsam: Ihre Expansion basiert auf einem sehr starken und soliden Fundament: Unserem erfolgreichen TV-Geschäft.

medienpolitik.net: Welches Segment wächst am schnellsten? Worauf ist das zurückzuführen?

Dr. Christian Wegner: Größter Wachstumstreiber ist das Venture-Geschäft. Wir beteiligen uns hier über Werbeinvestitionen an erfolgversprechenden Firmen, die vorwiegend im Bereich eCommerce tätig sind. Das Konzept nennt sich „Media-for-Revenue“ beziehungsweise „Media-for-Equity“. Innerhalb der letzten drei Jahre haben wir uns damit ein Portfolio aufgebaut, das bereits über 60 Partnerschafen umfasst. Hinzu kommen unsere strategischen Beteiligungen, die sich sehr positiv entwickeln. Unsere Mehrheitsbeteiligung Preis24.de zum Beispiel verzeichnet ein erfreuliches Umsatzwachstum von 400 Prozent. Zudem haben wir unser Portfolio signifikant erweitert, etwa durch die Übernahme von billiger-mietwagen.de und mydays.de.

medienpolitik.net: Die ProSiebenSat.1 Group ist mit einem Marktanteil von 48 Prozent auch im Internet Deutschlands führender Bewegtbild-Vermarkter. Die Nutzer sind aber noch dabei, VoD und ähnliches zu lernen. Wie wird sich das Nutzungsverhalten hier in den nächsten Jahren entwickeln?

Dr. Christian Wegner: Kaum eine Branche ist aktuell einer vergleichbaren Dynamik unterworfen wie die Medienbranche. Stärker denn je wird dieser Markt von der Digitalisierung getrieben. Gleichwohl wird das Fernsehen das Massenmedium Nummer 1 bleiben. Die durchschnittliche Nutzungsdauer ist in den vergangen zehn Jahren um 17 Minuten auf fast dreieinhalb Stunden täglich gestiegen. Schon heute nutzen zwei Drittel der 14 bis 49-Jährigen Zuschauer TV und Internet parallel. Von dieser Entwicklung profitieren wir enorm, denn rund 70 Prozent der Zuschauer, die während des Fernsehens im Internet sind, beschäftigen sich mit Inhalten aus dem laufenden Programm.
VoD-Portale wie maxdome oder MyVideo ergänzen dieses Angebot kongenial. Oder mit anderen Worten: Man kann sich durchaus am Online-Büffet bedienen, ohne deshalb gleich die linearen Menüs zu verschmähen. In dieser Wahlfreiheit liegt ja gerade der Reiz.

medienpolitik.net: Globale Unternehmen wollen sich auch auf dem deutschen Markt stärker mit VoD-Angeboten positionieren. Mit welcher Strategie will sich Ihre Gruppe gegen diesen Marktdruck behaupten?

Dr. Christian Wegner: Neuen Wettbewerbern begegnen wir sportlich, vorausgesetzt es existiert ein Ordnungsrahmen, in dem Wettbewerb unter gleichen Voraussetzungen möglich ist. Neue Player tragen dazu bei, dass der gesamte Markt wächst. Nicht zu vergessen: Unser VoD-Geschäft ist hervorragend aufgestellt: maxdome ist mit über 50.000 Programmtiteln, einem Marktanteil von knapp 40 Prozent sowie einer Millionen aktiver Nutzer Deutschlands größte Online-Videothek. VoD ist ein Wachstumsmarkt und die Verschiebung vom DVD-Verkauf und -Verleih in Richtung Digital-Vertrieb ist längst im Gange. Wenn man die GfK-Zahlen zwischen VoD und dem Kauf- und Verleihmarkt für DVDs und Blu-rays vergleicht, macht VoD heute ungefähr ein Zehntel des Marktes aus. Da ist noch viel Luft nach oben.

medienpolitik.net: Nach welchen Gesichtspunkten verläuft die Vernetzung zwischen klassischer TV-Ausstrahlung und Online-Angeboten? Worauf konzentrieren Sie sich dabei vor allem?

Dr. Christian Wegner: Wir verfolgen eine konsequente Social-TV-Strategie, die grundsätzlich Interaktion und soziale Netzwerke integriert. Dabei handelt es sich nicht bloß um einen Second-Screen-Ansatz, sondern um ein ganzheitliches Konzept. Mit „The Voice of Germany“ beispielsweise haben wir ein Paradebeispiel kreiert, wie man mit einer Show alle Kanäle und Medien aus einem Guss bedient – insbesondere auch mit Rückkopplung. Unser Ziel war immer, die neuen Medien nicht nur zu bespielen, sondern auch etwas an die TV-Quote zurückzugeben. Das Format lebt zwischen den einzelnen Folgen über Social Media  und die Videoplattformen weiter. Und genau dieses Konzept exerzieren wir sukzessive auf weitere TV-Formate.

medienpolitik.net: Sie haben zwei Social-TV-Anwendungen ProSieben Connect und Sat.1 Connect gestartet. Wo liegt der Nutzen für ProSiebenSat.1?

Dr. Christian Wegner: Unsere Zuschauer können sich mit den genannten Sender-Angeboten 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei den Social-TV-Anwendungen einchecken. Wer das tut, kann sich mit anderen Usern über Lieblingsformate austauschen oder Tweets dazu mitverfolgen, exklusive Backstage-Informationen erfahren, sich virtuelle oder reale Belohnungen durch häufiges Einchecken oder Mitmachen holen und so ganz nah an seinem Format dran sein. Bei Formaten wie Galileo, taff oder red! gibt es darüber hinaus passend zur Ausstrahlung beispielsweise Videos, Quizfragen oder Votings, an denen die User teilnehmen können. Wenn sich ein Nutzer während eines Live-Events eincheckt, kann er die Sendung auch im Livestream verfolgen und an Votings teilnehmen, die genau auf die Sendung abgestimmt sind.

medienpolitik.net: Lassen sich solche Angebote auch monetarisieren oder geht uns nur um eine Zuschauerbindung?

Dr. Christian Wegner: Selbstverständlich. Zunächst einmal geht es uns aber darum, unseren Zuschauern einen konkreten Mehrwert zu bieten. Zugleich eröffnen wir unseren Werbekunden damit aber auch zusätzliche Flächen für ihre Werbebotschaften. Während der Musikshow „The Voice of Germany“ etwa warben die Hauptsponsoren Vodafone und Volkswagen auch auf Connect.

medienpolitik.net: Sie bieten auch Online-Games. Ist hier die Konkurrenz nicht übermächtig? Warum engagieren Sie sich auf diesem glatten Parkett?

Dr. Christian Wegner: Der Games-Markt ist das am schnellsten wachsende Segment der Unterhaltungsindustrie. Als TV-Konzern kennen wir das Blockbuster-Business und alle Finessen des Bewegtbildgeschäfts von Grund auf. Diesen Vorteil nicht auszunutzen wäre geradezu sträflich. Während die langjährige und kostenintensive Entwicklung der Spiele bei unseren Partnern liegt, konzentrieren wir uns auf die Distribution und Marketing. Mit den europaweiten Exklusivrechten an Top-Hits, etwa aus unserer Kooperation mit Sony Online Entertainment mit Spielen wie „Planetside 2“ oder „EverQuest next“ sind wir bereits einer der größten Publisher in Europa. Und auch auf mobilen Endgeräten haben wir uns spielend an die Spitze geboxt. Unser neues Boxing-Game mit Felix Sturm hat es mit Start der TV-Kampagne innerhalb weniger Tage bis auf Platz 2 im Apple App Store geschafft.

medienpolitik.net: Welche Kompetenzen und Chancen haben Sie, um auf diesem sich schnell wandelnden Markt wirtschaftlich erfolgreich agieren zu können?

Dr. Christian Wegner: Auch hier gilt: Mit der Mediapower unserer TV-Sender können wir Spiele sehr schnell bekannt machen. Auf unseren Gaming-Plattformen sind inzwischen über 21 Millionen Gamer registriert und das dynamische Wachstum setzt sich fort. The next big thing is mobile – und auch hier sind wir am Start, etwa mit unserer Partnerschaft mit Kabam, einem der weltweit führenden Entwickler und Publisher. Im Rahmen der Zusammenarbeit vermarkten wir deren Mobile Games Portfolio in Deutschland über die ProSiebenGames App. Weitere Partnerschaften auf diesem Feld werden folgen.

medienpolitik.net: In welche Geschäftsideen und Projekte investieren Sie vor allem?

Dr. Christian Wegner: Investiert wird in alle Bereiche. Wir planen auch weiterhin sinnvolle Zukäufe, sofern sie unser Portfolio bereichern und sie uns auf unserem Wachstumskurs voranbringen. In erster Linie wachsen wir aber organisch. Allein in diesem Jahr haben wir mit AMPYA einen neuen Musikservice an den Start gebracht und mit EPIC Companies zusammen mit Mato Peric einen neuen Inkubator in Berlin gestartet. Wir unterstützen junge Unternehmer und fördern so die Start-up-Kultur in Deutschland. Zugleich haben wir unser Beteiligungsportfolio im Reise-Bereich durch die Zukäufe von mydays und billiger-mietwagen signifikant gestärkt und auch im Fashion-Bereich haben wir investiert: So können STYLIGHT und Outstore künftig von den starken TV- und Online-Reichweiten unseres Hauses profitieren und ihre Marken einem Millionenpublikum präsentieren.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 09/2013 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen