Digitale Medien:

„‚One UFA‘ war schon immer unser Grundsatz“

von am 04.09.2013 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Digitale Medien:</h4>„‚One UFA‘ war schon immer unser Grundsatz“

UFA-Lab entwickelt Youtube-Chanells zu Multi-Channel-Networks

04.09.13 Interview mit Jens-Uwe Bornemann, Vice President Digital Continental Europe, FreemantleMedia und Vice President Digital Ventures & Innovation der UFA

Das UFA Lab ist ein Labor für Neue Medien und eine Plattform für die digitale Entertainmentbranche. Seit 2009 arbeiten hier Talente aus den unterschiedlichsten Mediendisziplinen wie Konzeption, Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt, Interface-Design, Datenvisualisierung, Graphik-Design, Illustration, Motion-Graphics und Software-Programmierung. Die Mission des UFA Labs ist Kreation und Umsetzung von maßgeschneiderten Inhalten für alle neuen digitalen Techologie- und Distributionsplattformen der Zukunft. Jens-Uwe Bornemann, Digital-Chef der UFA, geht davon aus, dass mit der neuen „One-UFA“-Strategie die Bedeutung des Labs weiter wachsen wird.

medienpolitik.net: Herr Bornemann, nach der Umstrukturierung werden sich alle Produktionseinheiten der UFA künftig stärker um digitale Medien kümmern. Was bleibt dann noch für Sie zu tun? Wird damit das UFA LAB überflüssig?

Jens-Uwe Bornemann: Ganz im Gegenteil. Der Stellenwert des UFA LAB wird eher noch zunehmen und der Output in Zusammenarbeit mit den Produktionsfirmen der UFA signifikant erhöht. Das LAB wird einen wichtigen Einfluss auf die künftigen Angebote der UFA haben.

medienpolitik.net: In welche Richtung erweitern sich die Aufgaben des UFA LAB?

Jens-Uwe Bornemann: Eine enge Verzahnung der Produktionsfirmen ist bereits seit der Gründung des UFA LAB elementarer konzeptioneller Bestandteil. „One UFA“ war schon immer unser Grundsatz. Es sollte kein Satellit kreiert werden, sondern es geht um einen integrativen Ansatz, sodass das Know-how, das wir im UFA LAB generieren, auch in die anderen Firmen fließt und umgekehrt. Das wird in gemeinsamen Projekten jetzt noch konsequenter ausgeführt und ausgebaut. Dazu gibt es eine integrierte übergreifende UFA Digitalstrategie, mit wesentlich erhöhten personellen, kreativen  und finanziellen Ressourcen. Im letzten Jahr haben wir viele Geschäftsmodelle in den digitalen Märkten evaluiert, die richtigen Produktions-Setups sowie zeitgemäße Partner-Setups im UFA LAB ausprobiert. Nun können wir mit vereinten Kräften mit den ersten sich abzeichnenden tragfähigen Geschäftsmodellen mit noch mehr Nachdruck in den neuen digitalen Märkte auftreten und diese proaktiv gestalten.

medienpolitik.net: Das heißt, Sie würden für die digitale Gesamtstrategie der UFA die Koordinierung und Steuerung übernehmen?

Jens-Uwe Bornemann: Genau, so war das aber auch bisher schon. Das LAB fungiert als digitale Produktions-Unit und Knowlegde Center und ist eine Enabling Plattform, u.a. auch für die UFA Produktionsfirmen, auf der wir die digitale Expertise vereint haben. Dazu gehören junge Talente und Startups, mit denen wir eng im UFA LAB zusammenarbeiten und zu denen alle Firmen bereits Zugang hatten und haben. Um als Gruppe auch digital erfolgreich zu sein, müssen wir nicht in allen Produktionsfirmen und Units die gleichen Lernprozesse durchleben.

medienpolitik.net: Sie sind jüngst zum Vice President Digital Continental Europe bei Fremantle Media ernannt worden. Wie verzahnen sich künftig die beiden Funktionen bei der UFA und bei Fremantle?

Jens-Uwe Bornemann: Da die digitalen Märkte in der Regel keine Ländergrenzen kennen, ist die Verzahnung sehr naheliegend und gut umsetzbar. Bereits in der Vergangenheit haben wir regelmäßige internationale Abstimmungs- und Koordinationsroutinen im Digitalbereich gehabt, um interntioonale Partnerschaften wie bspw. mit YouTube zu diskutieren und zu gestalten, um sie dann in den einzelnen FM Territorien umzusetzen. Das UFA LAB wird auch hier als einer der digitalen Produktionshubs von FremantleMedia in Kontinentaleuropa eine zentrale Rolle spielen. In meiner neuen Rolle werde ich neben meinen bisherigen Aufgaben bei der UFA vor allem die Unternehmungen und Beteiligungen von FremantleMedia im Digitalgeschäft in Kontinentaleuropa leiten und vorantreiben sowie darüber hinaus die Implementierung der weltweiten FremantleMedia-Digitalstrategie in Europa verantworten. Zwei wesentliche Kernbereiche werden Digital Content und Networks sowie  Social Media und Second Screen sein.

medienpolitik.net: In welchen Bereichen ist das UFA LAB gegenwärtig aktiv tätig?

Jens-Uwe Bornemann: Die letzten drei Jahre waren ein iterativer Prozess, um sich auszuprobieren, aber auch um Geschäftsmodelle zu evaluieren und mit eigenen Projekten ein besseres Gefühl für eine mögliche Fokussierung zu erhalten. Im ersten Jahr haben wir vor allem mit Kompetenzen experimentiert, die im UFA LAB versammelt sind, die wir aber im Kerngeschäft nicht haben: Interactiondesign, Interfacedesign, Softwareentwicklung oder Gamedesign, um mit neuen Blickwinkeln  neue technologieübergreifende Inhalte zu kreieren. Wir haben festgestellt, dass diesbezüglich fast alles möglich ist, sodass eine Fokussierung unumgänglich war. Heute legen wir einen starken Fokus auf die Themen Digital Content und Networks, sprich Online-Video und TV+.  Dazu gehören sowohl Social Media Verlängerungen  als auch interaktive Möglichkeiten, die man z.B. in Shows integrieren kann. Wir experimentieren gegenwärtig viel mit originären Online-Produktionen in Kombination mit digitalen Netzwerken (sogenannte Multi-Channel-Networks – kurz MCNs), um originäre Inhalte refinanzierbar zu machen. Zudem haben wir auch mit Branded Entertainment diverse Erfahrungen gesammelt, um Online Video-Inhalte finanzieren zu können.

medienpolitik.net: Sie sind seit dem vergangenen Jahr auch in Köln vertreten. Ist die Fokussierung in Köln anders als in Berlin?

Jens-Uwe Bornemann: Köln verfügt über eine sehr starke Bewegtbildindustrie und ist ein attraktiver Standort mit einer sehr großen Dichte von Online-Video-Produzenten. Vor Ort und im Einzugsgebiet sind zahlreiche etablierte Medienfirmen, namhafte Entertainment-Produzenten, die RTL-Mediengruppe, andere Sender, die Mobilfunknetz-betreiber und Werbeagenturen angesiedelt. In Köln arbeiten wir deshalb vor allem mit den etablierten Industriepartnern enger zusammen und nutzen die physische Nähe. Doch im Kern sehen unsere Aufgaben nicht anders aus als in Berlin. Natürlich haben wir in Köln nicht am Punkt Null begonnen, sondern konnten die drei Jahre Erfahrung von Anfang an mit einbringen.

medienpolitik.net: Man hört immer wieder, dass die Zukunft der Online-Welt im Bewegtbild liegt. Warum findet man dennoch auf Online-Plattformen und Online-Seiten  relativ wenige, speziell für dieses Angebot produzierte Bewegtbild-Formate?

Jens-Uwe Bornemann: Das ist in erster Linie dem fehlenden Geschäftsmodell und der Refinanzierung geschuldet, die noch nicht etabliert sind. Es gibt einen großen Bedarf an Inhalten und neuen Ideen, aber die Herausforderung ist die Refinanzierung. Die Werbebudgets, über die die meisten Firmen Bewegtbild refinanzieren, haben sich noch nicht der entsprechenden Mediennutzung angepasst. Originäres Bewegtbild ist nach wie vor die teuerste Content-Produktion.

medienpolitik.net: Gibt es einen hoffungsvollen Ansatz, dass Bewegtbild refinanzierbarer wird?

Jens-Uwe Bornemann: In den letzten Jahren haben sich Multi-Channel-Networks entwickelt. Hierbei aggregiert man, einfach gesagt, mehrere YouTube-Kanäle, das tradierte TV-Geschäftsmodell wird kopiert und auf Online-Video-Portale angewendet. Dort werden bestimmte inhaltlich ausgerichtete Genre Verticals gegründet, die sich gegenseitig crosspromoten. Durch diese Aggregation kann man eine Gesamtreichweite in den einzelnen Genres kreieren, die dann auch vermarktbar ist. Dieses Geschäftsmodell finden wir im Moment sehr spannend und arbeiten an zukunftsweisenden strategischen Partnerschaften in dem Bereich.

medienpolitik.net: Sie haben im vergangenen Jahr zwei Channel gestartet. Welche Anforderungen hat das an Sie gestellt?

Jens-Uwe Bornemann: Das war auch für uns Neuland in dem Umfang. In den ersten Monaten hatten wir den Fokus auf den digitalen Produktions-Work-Flow gelegt, um den hohen Output an Bewegtbid zu optimieren. Pro Channel müssen jede Woche 30 Minuten, aufgeteilt in einzelne fünf-Minuten-Stücke, produziert werden. Wir haben schnell gemerkt, dass guter Content nicht alles ist. Man muss mindestens genauso gut die Mechanismen der spezifischen Nutzung und Trafficgenerierung verstehen und beherrschen, um den Traffic und die Aufmerksamkeit auf die eigenen Inhalte zu lenken.

medienpolitik.net: Welche Funktion sollen diese Channels haben?

Jens-Uwe Bornemann: Wir haben als UFA-Gruppe in den letzten Jahren viel in Learnings investiert. Die UFA-Gruppe ist eine der wenigen deutschen Produzenten, die hier strategisch schon seit Jahren investieren. Diese Investitionen verbuchen wir teilweise als Lehrgeld, aber immer mit einem klaren Fokus auf ein langfristig tragfähiges Geschäftsmodell. Wir planen, die Channels zu kleinen Premium-Netzwerken auszubauen. Das sind dann mehrere You Tube-Channels im Bereich Urban Lifestyle und im Bereich Crime, die eine kritische Masse an Traffic generieren sollen und damit vermarktbar sind.

medienpolitik.net: Finanzieren sich diese allein über Werbeeinnahmen?

Jens-Uwe Bornemann: Ja, die Refinanzierung der Channels soll ausschließlich über Werbung erfolgen. Das ist im Moment noch im Auf- und Ausbau. Auch diese Ressource werden wir mit externen strategischen Partnern erweitern, um Sponsoring-Pakete, bestimmt Formate, Channels und Networks gezielt zu vermarkten. Die größte Herausforderung für alle Multi-Channel-Networks ist, geeignete Pakete für die werbetreibende Industrie zu schnüren.

medienpolitik.net: Sehen Sie für Ihre Angebote als Video-on-Demand oder per Abos keine Chance?

Jens-Uwe Bornemann: Es ist zu früh einschätzen zu können, ob dafür keine Chancen bestehen. Es gibt auch jetzt schon einige IPTV-Nischen-Sender, die man nur abonnieren kann. Das funktioniert durchaus im Special-Interest-Bereich, z.B. für Fotografie-Kurse, oder andere Themen. Die Frage ist dann eher, ob das auch für Produkte, für die die UFA steht und die auf einen Massenmarkt zielen, ein sinnvolles Modell ist.

medienpolitik.net: Sie haben als eines der ersten Online-Projekte „Wer rettet Dina Foxx“ produziert. Welche Erfahrungen haben Sie hier gesammelt?

Jens-Uwe Bornemann: Bei „Dina Foxx“ existiert eine sehr starke Online Video-Komponente. Trotzdem würde ich es eher als transmediales TV-Format beschreiben. Es war das erste Highlight, das aus dem UFA LAB bereits im ersten Jahr mit Hilfe des neuen Developmentansatzes entstanden ist. Bisher gab es bereits zu Programmmarken Online-Verlängerungen im Social-Media-Bereich. Unter Transmedia verstehen wir einen integrativen Ansatz vom Development über das Schreiben bis hin zur Produktion und Nutzung. Bei „Dina Foxx“ gab es eine dreiwöchige Pre-TV Phase im Internet, dann kam das TV-Event im ZDF und danach eine dreiwöchige Post-TV-Phase, in der der Fall im Rahmen eines Alternate Reality Games gelöst wurde. Dafür haben wir einen komplett neuen Produktions-Workflow aufgebaut, bestehend aus UFA LAB-Mitarbeitern in Kooperation mit erfahrenen TV-Produzenten und Producern, in diesem Fall von teamWorx.

medienpolitik.net: Das war ein sehr aufwendiges Projekt. Ist etwas Ähnliches in Arbeit?

Jens-Uwe Bornemann: Ja, wir sind aktuell in der Produktion von „Dina Foxx 2“. Zudem arbeiten wir an einem ähnlichen Projekt für arte namens „RLF“. Weiterhin befinden sich für und mit allen großen TV-Sendern Tansmedia-Konzepte im Entwicklungsstadium. Für uns liegt hier die Zukunft der TV-Formate. Das gilt sicher nicht zwangsläufig für alle Genres. Noch befinden wir uns im Pionierstadium, aber in ein paar Jahren wird Transmedia Standard sein.

medienpolitik.net: Wie ist Ihr jährliches Output an Formaten?

Jens-Uwe Bornemann: Wir haben eine Vielzahl an Piloten und Einzelprojekten, aber auch Rahmenverträge mit Onlineplattformen und TV-Sendern,  und  stellen ungefähr 100 Stunden originäre Online-Video-Produktion her, aufgeteilt in drei bis fünf Minuten Clips. Das ist nach nur drei Jahren ein hoher Output allein nur an Online-Video-Produktionen  mit den unterschiedlichsten Partnern. Zudem haben wir von Anfang an auf einen Work-Flow wertgelegt, der eine Refinanzierbarkeit der Formate ermöglicht.

medienpolitik.net: Ist das UFA LAB noch ein Zuschussgeschäft oder schreiben sie inzwischen eine schwarze Null?

Jens-Uwe Bornemann: Das UFA LAB arbeitet  profitabel und beruht auf einem selbsttragenden Geschäftsmodell. Natürlich existieren auch einige Bereiche, in die wir investieren und die sich erst über einen längeren Zeitraum rechnen. Insgesamt sehen wir aber eine vielversprechende wirtschaftliche  Perspektive.    

medienpolitik.net: Wie wird sich der Output in den nächsten fünf Jahren, vom Volumen und von den inhaltlichen Schwerpunkten her, entwickeln?

Jens-Uwe Bornemann: Wir werden fast alle klassischen TV-Genres abdecken. Ein paar Genres funktionieren besonders gut online, weil sie im TV unterrepräsentiert sind oder keinen Platz haben. Dazu gehören bspw. Gaming oder Nischensportarten, die im TV nicht abgedeckt werden. Es wird eine signifikante Output-Erhöhung im Onlinevideo-Bereich für TV-Sender, Online-Video-Portale , Verlagshäuser und Werbetreibende geben.

medienpolitik.net: Wann wird die UFA insgesamt mehr für Online produzieren als für klassische TV-Sender?

Jens-Uwe Bornemann: Davon sind wir sicher noch viele, viele Jahre entfernt. Schon allein wegen der Größe der UFA-Gruppe. Den Untergang des klassischen TV sehen wir aber auch in keinster Weise. Es entwickeln sich eher komplementäre Märkte. Die Online-Inhalte werden immer professioneller, aber auch für das Fernsehen bemüht man sich permanent um eine effizientere und kostengünstigere Produktion, indem man sich alle neuen digitalen Technologien zu Nutze macht. Das führt dazu, dass manche Eigenproduktionen aus dem Online-Bereich schon heute in den Digital Pay-TV Bereich wandern. Die digitalen Formate und die klassischen TV-Formate werden sich noch stärker verknüpfen und ergänzen. Und hier will die UFA ihr Engagement konsequent weiter verstärken und ihre Position als Innovationsführer ausbauen. Denn wir können beides: online- und klassisches Fernsehen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 09/2013 erstveröffentlicht.

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