Rundfunk:

„Wir zeigen das Beste aus drei Ländern“

von am 04.09.2013 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir zeigen das Beste aus drei Ländern“
Dr. Gottfried Langenstein © ZDF/ Gaby Gerster

3sat will sein Angebot mit dem der „Mutterhäuser“ im Netz stärker verzahnen

04.09.13 Interview mit Dr. Gottfried Langenstein, Direktor Europäische Satellitenprogramme im ZDF, Vorsitzender der 3sat-Geschäftsleitung, Vize-Präsident ARTE

Die vier öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter im deutschen Sprachraum, ARD, ORF, SRG und ZDF haben ein klares Bekenntnis zu ihrem Gemeinschaftsprogramm 3sat abgelegt. Bei einem Treffen der Intendanten und Generaldirektoren von ORF, SRG und ZDF erklärten die Senderchefs kürzlich  ihre Bereitschaft und ihren Willen, die Programmbeiträge zu dem länderübergreifenden Gemeinschaftsprojekt trotz des allgemeinen Spardrucks uneingeschränkt fortzusetzen und im Profil zu schärfen. Zur Perspektive und Entwicklung des Senders Fragen an Dr. Gottfried Langenstein, Vorsitzender der 3sat-Geschäftsleitung.

medienpolitik.net: Herr Langenstein, 3sat besteht im nächsten Jahr 30 Jahre. Warum war es richtig, den Sender zu gründen?

Dr. Gottfried Langenstein : Der deutschsprachige Raum ist kulturell und historisch in seiner Vielfalt zugleich eine wichtige Einheit und ökonomisch ohnehin das Schwergewicht in Mitteleuropa. Dass dieser Raum einen Sender braucht, der nicht an nationalen Grenzen halt macht, liegt auf der Hand. Auch und gerade in seiner Wirkung nach Ost- und Südosteuropa. Als während des Jugoslawien-Krieges in den 1990er Jahren unabhängige Nachrichten auf dem Balkan kaum noch zu bekommen waren, spielte 3sat für viele Menschen dort plötzlich eine wichtige Rolle. Wie bedeutend das Programm eingeschätzt wird, zeigt die jüngste Entscheidung Südtirols, 3sat kostenfrei eine DVB-T Strecke zur Verbreitung zur Verfügung zu stellen. Auch in vielen Kabelnetzen Osteuropas finden Sie das 3sat Programm. Gerade jetzt braucht Europa kulturelle Bindemittel, die uns wechselseitig überzeugen, wie wertvoll dieser bunte kulturelle Horizont unseres Kontinents ist.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie heute die Aufgabe von 3sat?

Dr. Gottfried Langenstein : Freude und Interesse an anspruchsvollen Stoffen und Themen wecken. 3sat ist die Kultur- und Wissenschaftsplattform des deutschsprachigen Raumes. Wir zeigen das Beste aus drei Ländern. Durch den Rückgriff auf die Kompetenz und das Repertoire der Partner-Sender aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kann 3sat wie kein anderes deutsches TV-Programm Themen setzen und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. In Schwerpunkten, Thementagen und Themenwochen kann es die Aufmerksamkeit auf Fragestellungen lenken, die im medialen Tagesgeschäft sonst weniger starke Beachtung finden. So entsteht im besten Sinne: „anders fernsehen“. Unsere Aufgabe für die nächste Zeit ist, diese besondere Fähigkeit und den inhaltlichen Reichtum dieser Partnerkonstellation auch im Netz noch besser zugänglich zu machen, im Onlineangebot wie in den sozialen Netzwerken. Daran arbeiten wir gerade.

medienpolitik.net: Warum sollte es 3sat auch zu seinem 50igsten Geburtstag noch geben?

Dr. Gottfried Langenstein : Prognosen von 20 Jahren im Voraus sind im digitalen Zeitalter mutig. Wer hätte 1993 den heutigen Stand der Netzwelt vorausgesehen. Es wird noch zu erheblichen Veränderungen der medialen Märkte kommen. Gleichwohl ist bemerkenswert, wie stabil sich der Fernsehkonsum in den letzten 10 Jahren gehalten hat, trotz Youtube, Netflix und I-Tunes. Ich bin deshalb überzeugt, dass Fernsehen noch auf lange Sicht ein stark genutztes Angebot sein wird. Auch in der vernetzten Welt werden wir eine Marke brauchen, in der die Zuschauer oder User das Qualitätsfeuilleton des deutschsprachigen Raumes finden. Kultur und Wissenschaft sind die Kernfragen der Zukunft. In einem digitalen Zeitalter werden Deutschland, Österreich und die Schweiz  ihre Rolle in der globalisierten Welt nur spielen können, wenn wir Neugierde, Erfindergeist, Weltoffenheit und die Freude an komplexen Problemen als die eigentliche Ressource unserer Länder begreifen. Die Bildungsinstitutionen sind da an erster Stelle gefordert, aber um das gesellschaftliche Klima dafür entsprechend zu erhalten, braucht es anregende, Phantasie und Ingeniosität weckende Massenmedien. Mit einer reinen „panem et circenses“ Medienwelt  schafft Europa keine Zukunft. Insofern hat 3sat auch an seinen 50. Geburtstag seinen wohlverdienten Platz.

medienpolitik.net: Verändern sich Aufgabenstellung und Anforderung durch die digitale Medienwelt wie Mediatheken der einzelnen Sender?

Dr. Gottfried Langenstein : Ganz klar: In der Netzwelt haben es die Angebote mit klarem Profil leichter als die All-in-Angebote. Nehmen Sie beispielsweise die Zahl der Facebook-Fans: 3sat hat mehr als 46.000 Fans für die Hauptmarke. Zum Vergleich: Das ZDF hat 73.000 und die ARD 66.000 Fans. Gemessen an den Größenverhältnissen der TV-Marktanteile, die bei etwa 10 : 1 liegen, hat 3sat gute Chancen, sich im Netz sich besonders erfolgreich zu platzieren. Das müssen wir ausbauen. Und wir müssen unsere Mutterhäuser mit dem 3sat-Erfolg im Netz verzahnen. Daran arbeiten wir gerade mit einem „Embedded Player“, der Angebot und Traffic wechselseitig nutzen lässt.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen heute Online-Angebote, Live-Streams und Apps um Zuschauer zu erreichen. Oder lehnen sich Ihre Zuschauer eher im Fernsehsessel zurück und genießen ihr TV-Angebot auf einem supergroßen Bildschirm?

Dr. Gottfried Langenstein : Der „supergroße Bildschirm“, wie Sie ihn nennen, stützt gerade kulturelle und wissenschaftliche Angebote in besonderem Maße. Makroaufnahmen von Tieren, die Tiefenzeichnung bei kulturellen Dokumentationen und die Wirkung von Bühnenereignissen werden von großen Bildschirmen in HD-Qualität erheblich gestärkt. Insofern wird dank HD die Bedeutung des Fernsehens noch lange bestehen. Gleichwohl müssen wir uns darauf einstellen, dass immer mehr Zuschauer – und darunter besonders die jüngeren – zeitversetzt fernsehen. Diese bekommen über Anstöße aus dem Netz, über Suchmaschinen, Youtube oder Social Communities den Impuls, sich Programme anzusehen. Diese junge Generation für das Abenteuer Denken zu begeistern, für wissenschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Themen zu gewinnen, das ist unsere Aufgabe. Und dafür brauchen wir neben dem Fernsehprogramm ein überzeugendes Netzangebot mit Live-Stream, einer gut sortierten Mediathek und Apps. Die Vorsitzenden der Gremien der beteiligten Rundfunkanstalten haben uns dazu explizit aufgefordert.

medienpolitik.net: Die Intendanten der vier 3sat-tragenden Sender haben jüngst erklärt, dass 3Sat sein Profil weiter stärken solle. Was bedeutet das für das Programm?

Dr. Gottfried Langenstein : Auf dem Schirm, wie im Netz sich klar positionieren als die Plattform des deutschsprachigen Raums für Kultur und Wissenschaft, Theater, Musik und anspruchsvolle Fiction. Die Strategie der Themenschwerpunkte werden wir dabei gezielt fortführen. In der Zeit der unendlichen digitalen Angebote geht es um Auffälligkeit, um Programmereignisse. Das erreicht man nur mit Bündelungen. Selbstverständlich werden wir auch die Kernmarken „Kulturzeit“, „nano“, „scobel“ und „makro“ den aus der Netzkultur entstehenden neuen Sehgewohnheiten und Erwartungen anpassen und ins Netz verlängern. Neue Formen der Kulturvermittlung erproben. Der Theaterfilm, „Woyzeck“, den wir demnächst im Programm haben werden, ist ein Beispiel dafür.

medienpolitik.net: Alle öffentlich-rechtlichen Sender müssen sparen. Welche Konsequenzen hat das für 3sat?

Dr. Gottfried Langenstein : Die Einsparvorgaben der KEF haben insbesondere Personal und Programm getroffen. Und das ist gerade für Programme mit kleineren Programmbudgets ein harter Prozess. Die geforderten Personaleinsparungen haben insbesondere die jungen Talente getroffen, die man gern weiter für die Zukunft aufgebaut hätte. Wir werden uns bemühen, die Absenkung der Programmittel mit günstigeren digitalen Produktionsformen und programmlichen Synergien aufzufangen. Aber es steht außer Frage, dass die kulturelle Berichterstattung, die 3sat immer mit besonderem Anspruch und Qualität geleistet hat, in der heutigen Breite nur weitergeführt werden kann, wenn die entsprechenden Mittel zur Verfügung gestellt werden. Man darf nicht vergessen, welchen Wert die mediale Spiegelung für die kulturellen Ereignisse in Österreich, der Schweiz und den 16 deutschen Ländern hat.

medienpolitik.net: Was kostet 3sat pro Jahr?

Dr. Gottfried Langenstein : Inklusive anteiliger Belastung für Studioinfrastruktur, Büroflächen und Personalkosten für freie Mitarbeiter liegt der Programmaufwand bei 30 Mio. €.  Wir sind kein Einzelunternehmen mit einem einheitlichen Haushalt, sondern ein Verbund von vier Partnern, die ihre Programme und Kompetenzen gemeinschaftlich bei 3sat einbringen – darunter in Gemeinschaftsleistungen wie „Kulturzeit“ und „nano“, aber auch durch Eigenproduktionen und Wiederholungen. Wir profitieren von den Kompetenzen unserer Mutterhäuser an Stellen, wo es sich gar nicht in Geld rechnen lässt.

medienpolitik.net: Wie ist heute der Marktanteil in den vier Ländern?

Dr. Gottfried Langenstein : In Deutschland erreichen wir täglich im Durchschnitt zwischen vier und fünf Millionen Zuseher, und liegen über der Tagesreichweite von Phoenix und ARTE. Das entspricht einem Marktanteil von 1,1 %, dem höchsten seit Bestehen des Senders, trotz zunehmender Konkurrenz. Damit bin ich sehr zufrieden. Obwohl die analoge Satellitenabschaltung in vielen Fernsehhaushalten im vergangenen Jahr das Angebot vervielfacht hat, sind wir auf diesem hohen Niveau. Das ist ein echter Erfolg. In Österreich liegen wir bei 1,7 % Marktanteil. Und in der Schweiz lagen wir 2012 bei 1,3 %.

medienpolitik.net: Der Anteil von ARD und ZDF beträgt 65 Prozent. Bedeutet das, dass die deutsche Kultur auch in diesem Maß den Sender dominiert?

Dr. Gottfried Langenstein : 3sat spiegelt Kultur und Wissenschaft im deutschsprachigen Raum. Weder Kultur noch Wissenschaft machen an nationalen Grenzen Halt. Das gibt die Spannung im 3sat-Programm. Im Mozartjahr war Österreich prägend, in moderner Architektur kommen sie heute an den Entwürfen der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron oder Jean Nouvel nicht vorbei. Die Schwerpunkte bilden sich nach Relevanz und Qualität und nicht nach dem Senderstandort. Und bei gesellschaftlichen Fragen wird es spannend, die Lösungsmodelle der drei Länder nebeneinander zu stellen.

medienpolitik.net: Wer entscheidet, was von den vier Sendern bei Ihnen gezeigt wird? Die Sender oder die Programmdirektion von 3sat?

Dr. Gottfried Langenstein : Die Federführung für 3sat liegt beim ZDF. Deshalb befindet sich die Planungsabteilung für das 3sat-Programm hier in der Mainzer 3sat-Zentrale, die sich in allen Fragen mit den jeweiligen Planern bei den Partnern abstimmt. Wir haben eine sehr effiziente und reibungslose Zusammenarbeit etabliert. In täglichen Video-Schaltkonferenzen werden die Beiträge für das Wissenschaftsmagazin Nano zusammengeführt. Und die Kulturzeitredaktion ist eine Redaktion, die sich auch aus Mitarbeitern der Partneranstalten zusammensetzt, die wechselseitig die Schlußredaktion und auch die Moderation der Sendung übernehmen. Für Thementage übernehmen je nach inhaltlichem Schwerpunkt einzelne Partneranstalten die Planung. Es ist ein sehr pragmatisches wie inspirierendes Zusammenarbeiten, das ein reiches Programm sehr effizient wie kostengünstig zusammenführt.

medienpolitik.net: 3sat produziert auch eigene Formate. Welchen Anteil haben diese am Gesamtprogramm?

Dr. Gottfried Langenstein : Einen Wesentlichen. Die zentralen wie profilbildenden Eigenproduktionen sind die täglichen Kultur- und Wissenschaftsleisten „nano“ und “Kulturzeit“. Dazu kommen die großen Bühnen- und Konzertaufzeichnungen am Samstagabend in der Primetime sowie der Dokumentarfilm, der bei 3sat am Sonntag-Abend eine herausgehobene Position hat. Auf große Resonanz stößt die Wissenschaft mit „Scobel“ am Donnerstag, und mit „makro“ am Freitag widmen wir uns globalen Wirtschaftsthemen.

medienpolitik.net: Sehen Sie Chancen den Eigenanteil auszubauen? Wenn ja, in welche Richtung?

Dr. Gottfried Langenstein : Das ist eine Frage der Finanzierung und der Produktionsmittel. In der jetzigen Sparsituation wäre es mutig, von Chancen auf Ausbau zu sprechen. Wir müssen sehen, was wir mit digitalen Produktionsprozessen möglicherweise noch etwas günstiger hinbekommen. Und ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die KEF und die medienpolitsch Zuständigen in den Partnerländern den Wert unserer Arbeit, der durchaus gesehen wird,  auch entsprechend wirtschaftlich abstützen.

medienpolitik.net: Sie veranstalten auch Themenwochen. Warum? Vertrauen Sie so wenig auf die Zugkraft der einzelnen Formate?

Dr. Gottfried Langenstein : Das ist keine Frage des fehlenden Formatvertrauens. Die Welt des Netzes und des bis ins Unübersichtliche aufgefächerten medialen Angebots lehrt uns, dass man Auffälligkeit braucht. Die wird bei kleineren Kanälen besonders wirkungsvoll erreicht, wenn man den Mut zu vertikalen thematischen Bündelungen hat. Eine vereinzelte Dokumentation über Wittgenstein auf einem wöchentlichen Regelplatz findet eine vielfache Resonanz, wenn ich sie in einen Philosophischen Thementag oder eine philosophische Themenwoche einbaue. Thementage oder Schwerpunkte sind der planerische Mut, den die digitale Welt fordert, gerade, wenn man anspruchsvolle Stoffe auch in der Netzwelt zum Gesprächsstoff machen will. Wir haben mit Thementagen in der Regel den doppelten bis dreifachen Zuschauerzuspruch.

Damit werden wir leichter gefunden und wir verhelfen zugleich komplexen Themen zur Geltung, die im medialen Alltag sonst zu kurz kommen. Dass darüber unsere zentralen Formate, wie „nano“ und „Kulturzeit“ auch eine entscheidende Profil- wie Trägerfunktion für unser Programm haben, steht außer Frage. Außerdem stützen sie auch unsere Themenschwerpunkte inhaltlich ab.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 09/2013 erstveröffentlicht.

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