Medien & Politik:

„Man muss von seinem hohen Ross herunter kommen“

von am 09.10.2013 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienpolitik, Social Media

<h4>Medien & Politik:</h4>„Man muss von seinem hohen Ross herunter kommen“
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb I © bpb/Ulf Dahl

Die Einflussnahme der Medien auf politische Meinungsbildung wird überbewertet

09.10.13 Interview mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb 

In einem Gespräch mit medienpolitik.net zu den Faktoren, die bei der jüngsten Bundestagswahl für die Wahlentscheidung maßgeblich gewesen sind, wendet sich Thomas Krüger gegen die pauschale Meinung, die Bürger seien politikverdrossen. Die Bürger ergriffen heute selbst die Initiative und fragten den Staat gar nicht mehr, ob sie sich beteiligen dürften, so Krüger. „Demonstrationen und Kampagnen sind dabei altbekannte Instrumente, die online gestützt oft noch virulenter und viraler wirken. Letztlich zeichnet sich auch ein lebendiger werdender Diskurs über Demokratie selbst ab.“

medienpolitik.net: Auf der Social Media Week haben Sie, mit Blick auf die Bundestagswahlen gesagt, dass die Medien in ihrer Manipulationskraft überbewertet sind. Warum?

Thomas Krüger: Die These, Medien würden die Menschen manipulieren, bestreite ich im Kern nicht. Die Einflussnahme der Medien wird aber überbewertet, weil sich mündige und sich selbst informierende Bürger/-innen nicht für dumm verkaufen lassen. Sie bilden sich eigene Urteile, die zwar von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, u.a. von Medien, aber immer auch auf einer individuellen Ratio aufsetzen.

medienpolitik.net: Wodurch wird der Wähler heute bei seiner Wahlentscheidung vor allem beeinflusst, wenn nicht durch die Medien?

Thomas Krüger: Aus der Wahlforschung wissen wir, dass Wähler/-innen auf eigene Werteskalierungen zurückgreifen, die sie sich über einen langen Zeitraum erarbeitet haben. Medien spielen hier nur eine Rolle unter vielen. Wir wissen zudem, dass Milieuprägungen, sozial-kultureller Kontext, Arbeitsplatz und persönliches Umfeld eine Rolle spielen. Medien nehmen zweifelsohne Einfluss. Vor allem die audiovisuellen Medien mit ihrer Personalisierung darf man nicht unterschätzen. Aber das Feld der Medien ist selber so plural und divers, dass es schwerfällt, hier alles über einen Leisten zu schlagen.

medienpolitik.net: Der Wahl-O-Mat wurde dieses Jahr 13.274.203 Mal genutzt. Wie bewerten Sie diese Zahl in Hinblick auf die Wahlbeteiligung?

Thomas Krüger: Es wäre vermessen, einen direkten Zusammenhang zwischen der Wahl-O-Mat-Nutzung und der Wahlbeteiligung herzustellen. Aber es gibt einige bemerkenswerte Indikatoren, die die Aktivierungskraft des Wahl-O-Mat untermauern. 2/3 der Nutzenden geben an, dass sie über ihr Ergebnis mit Freunden/-innen, Bekannten und Arbeitskollegen/-innen reden. Der Wahl-O-Mat ist offenbar eine Diskursmaschine, die am Ende des Tages das bewusste Nichtwählen erschwert. Da die Wahlforscher ein Sinken der Wahlbeteiligung prognostiziert haben, kann man also vielleicht doch davon ausgehen, dass die Summe der Instrumente, die zum Wahlgang motivieren wollten – neben dem Wahl-O-Mat gab es ja auch noch zahlreiche andere – dem entgegengewirkt haben.

medienpolitik.net: Welche Online-Aktionen zum Thema Wahl fanden Sie noch bemerkenswert und warum?

Thomas Krüger: Zunächst einmal fand ich die große Menge der unterschiedlichsten Informations-Angeboten auf allen Kanälen bemerkenswert. Für den Online-Bereich war auffällig, dass es zahlreiche Online-Wahlorientierungstools gab, die die Idee des Wahl-O-Mat mehr oder weniger gut weitergedacht haben. Bemerkenswert fand ich hier z.B. das Tool von Abgeordnetenwatch, die das Frage-Antwort-Spiel mit einzelnen Direktkandidaten durchgeführt haben: http://kandidatencheck.abgeordnetenwatch.de. Gut gefallen hat mir auch das Projekt der Aktion Zivilcourage e. V. aus Pirna: „Ich bin wählerisch“, bei dem es darum ging, mit den Wählern von morgen über Politik zu diskutieren: http://www.ichbinwaehlerisch.de. Und bemerkenswert fand ich, wie stark das Bedürfnis nach individuellen Antworten auf spezielle Fragen zur Bundestagswahl in unserem Twitterkanal zur Bundestagswahl war: www.twitter.com/frag_die_bpb. Auch die Onlinetools zu verschiedenen Fernsehformaten konnten sich sehen lassen, hier denke ich z.B. an http://www.prosieben.de/tv/deine-stimme-kann-mehr. Stark im Kommen sind interaktive und qualitativ hochwertige Onlinegrafiken, die neben unserer Website z.B. bei Spiegel Online und den öffentlich-rechtlichen Kanälen zu finden waren.

medienpolitik.net: Warum wurden netzpolitische Themen, wie der NSA-Skandal oder die Frage der Netzneutralität im Wahlkampf der Volksparteien eher gemieden?

Thomas Krüger: Da müssen Sie die Volksparteien schon selber fragen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Volksparteien in diesen Fragen noch keine eindeutigen Positionen generiert haben. Alte politische Paradigmen und Logiken laufen Gefahr, unter den Bedingungen der Digitalisierung zu pervertieren und es braucht seine Zeit, um in so komplexen Systemen wie Volksparteien konsensuale Neupositionierungen zu organisieren. Es zeichnet sich aber eine dynamische Entwicklung ab, die sich vor allem in einer neuen Generation politischer Akteure/-innen manifestiert.

medienpolitik.net: Inwiefern ist der Bürger politikverdrossen oder die Politik bürgerverdrossen?

Thomas Krüger: Ihre Frage setzt meiner Meinung nach auf einem medial produzierten und reproduzierten Bild auf. Ich kann diese plumpen Pauschalisierungen langsam nicht mehr hören. Wir kennen alle das Beispiel, dass Bürger/-innen, nach ihrem Bild von Politikerinnen und Politikern befragt, sagen, sie seien korrupt und nicht vertrauenswürdig. Dieses Bild wird medial in aller Regel gestützt und verstärkt. Treffen die gleichen Bürger/-innen dann leibhaftig auf Politiker/-innen vor Ort, so bestätigen sie zwar ihr gewachsenes Vorurteil, nehmen aber selbst über Parteipräferenzen hinweg, jene Politiker/-innen davon aus, mit denen sie im persönlichen Gespräch waren.

medienpolitik.net: Wie kann man Bürger-Partizipation auch zwischen den Wahlen erreichen? Welche praktischen Beispiele gibt es oder könnte es in Zukunft geben?

Thomas Krüger: Jürgen Habermas hat den Begriff der deliberativen Demokratie geprägt. Bürger/-innen beteiligen sich an der Demokratie nicht nur bei Wahlen, sondern zwischendurch auf vielfältige Weise. Der staatliche Bereich stellt dabei Beteiligungsmöglichkeiten bereit, die von der Beteiligung an Bauvorhaben über Bürgerhaushalte bis hin zu Bürgerbefragungen und -entscheiden reichen. Aber die Bürger/-innen ergreifen auch selbst die Initiative und fragen den Staat gar nicht mehr, ob sie sich beteiligen dürfen. Demonstrationen und Kampagnen sind dabei altbekannte Instrumente, die online gestützt oft noch virulenter und viraler wirken. Schauen Sie sich die aktivistische Campact-Plattform an oder die #zensursula Kampagne. Letztlich zeichnet sich auch ein lebendiger werdender Diskurs über Demokratie selbst ab. Welche Ergänzungen verträgt die repräsentative Demokratie und welche nicht? Brauchen wir delegated voting und liquid democracy? Was passiert eigentlich mit den vielen schon Benachteiligten, die sich nicht beteiligen?

medienpolitik.net: Wie könnte man durchs Internet auch bildungsferne oder angeblich unpolitische Bürger erreichen bzw. sogar zur Partizipation ermutigen?

Thomas Krüger: Es gibt Möglichkeiten, Benachteiligte zu erreichen. Aber man muss von seinem hohen Ross herunter kommen. Es gilt, alltagsnahe Ansätze zu entwickeln, im sozialen Nahraum anzusetzen, interdisziplinär zu agieren und glaubwürdige Peer Leader zu gewinnen. Die Bundeszentrale für politische Bildung setzt hier zum einen bei den Leitmedien – dem Fernsehen und den sozialen Medien – an, zum anderen dem Gaming-Sektor. Im Wissen darum, dass man mit analytischen textbasierten Vermittlungsstrategien keinen Erfolg hat, müssen niedrigschwelligere, auf Aktivierung abzielende audiovisuelle Formate priorisiert werden. Wir kooperieren mit akzeptierten Fernsehformaten in dieser Zielgruppe und versuchen ihr spezifisches Verständnis von Politik – das sie im Zweifel nicht mal so nennen – aufzugreifen. Der Gaming-Sektor ist ein weiterer wichtiger Bereich, weil eine nicht geringe Zahl bildungsbenachteiligter junger Menschen dort erstaunliche Kompetenzen aufbaut. Aus diesen Stärken, politisches Selbstbewusstsein werden zu lassen, ist das Gebot der Stunde.

medienpolitik.net: Wie stehen Sie zur Absenkung des Wahlalters?

Thomas Krüger: Als Präsident der bpb kommentiere und bewerte ich mögliche Gesetzesänderungen nicht. Als ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes und leidenschaftlicher Verfechter der Kinderrechte dagegen stehe ich dieser Frage sehr offen gegenüber. Wir wissen aus der Forschung, dass Jugendliche vor allem durch die Schule relativ gut über Politik Bescheid wissen. Zudem haben sie bereits mit 14 Jahren viele Rechte und Pflichten wie die Religions- und Strafmündigkeit beispielsweise. Warum warten wir eigentlich, bis sie forciert durch die Pubertät Distanz zur Politik aufgebaut haben? Angesichts der demografischen Entwicklung können wir Jugendlichen nicht früh genug voll in die repräsentative Demokratie einbinden.

 

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen