Medien & Politik

Politik kommuniziert zu stark aus einer Innensicht heraus

von am 14.10.2013 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Netzpolitik

<h4>Medien & Politik</h4>Politik kommuniziert zu stark aus einer Innensicht heraus
Klas Roggenkamp, Geschäftsführer "compuccino" und Erfinder der Online-Wahlhilfe Wahl-O-Mat I © Jörn Sieveneck, nero

Relevante Informationen müssen auffindbar sein

14.10.13 Interview mit Klas Roggenkamp, Geschäftsführer der compuccino GmbH und Erfinder der Online-Wahlhilfe Wahl-O-Mat

In einem Gespräch mit medienpolitik.net äußert sich Klas Roggenkamp zum Einfluss des Wahl-O-Maten und Social Media auf das Wahlergebnis der jüngsten Bundestagswahl. Politik, so Roggenkamp, mache oft den Fehler, sehr stark aus einer Innensicht heraus zu kommunizieren, die schnell einen „Information Gap“ verursacht. „Erst mit ordentlicher Information über staatliches Handeln und politische Entscheidungen kann ich überhaupt an Politik teilhaben. Teilhaben heißt hier erst mal: verstehen, was eigentlich passiert! Und erst dann kann ich auch partizipieren.“

medienpolitik.net: Wahl.de misst und bewertet die Online-Aktivitäten von Parteien und Politikern. Welche Rolle und Bedeutung hatte wahl.de bei der diesjährigen Bundestagswahl?

Klas Roggenkamp: Es ist schwierig abzuschätzen, ob und wenn ja, welche Rolle wahl.de bei dieser oder einer anderen Wahl spielt.

Wir betreiben die Plattform nun seit 2008, die Zugriffszahlen sind für ein solches – gefühltes – Nischenprodukt konsequent täglich mindestens vierstellig; an Wahltagen exponentiell höher. Darum gehen wir davon aus, dass wir das ein oder andere Informationsinteresse befriedigen.

Insgesamt haben wir eine gute Sichtbarkeit und sind für viele Wahlkämpfer eine der ersten Adressen, wenn Wahlkampf beginnt. Wir bekommen regelmäßig von Kandidaten neue Profile „gemeldet“, auch von den Landesverbänden direkt. Und natürlich haben wir ein Stück weit dazu beitragen dürfen, über Sinn, Unsinn und v.a. Möglichkeiten von direkter Wahlkampfkommunikation aufzuklären.

2009 war der Hype um jeden Follower noch riesig, oft ein Nachrichtenereignis. Das hat sich relativiert, und auch die Erwartungshaltung an „Online“ als Wahlkampf-Tool ist auf Normalmaß zurückgegangen. Hierfür haben wir gerade zwischen den Wahlkämpfen viel getan, haben Aktive und Journalisten geschult, Wahlkämpfer und Agenturen beraten. Wir freuen uns einfach, wenn online Engagement in sinnvolle Bahnen gelenkt wird.

medienpolitik.net: Täglich zeigt wahl.de die aktivsten und erfolgreichsten politischen Akteure. Wie messen Sie Erfolg im Hinblick auf Quantität und Qualität?

Klas Roggenkamp: Auf wahl.de bereiten wir viele Daten auf, v. a. erst mal quantitativ. Jeder „Online-Akteur“ muss zunächst mal zwei Stellschrauben bewegen: Reichweite (also Fans oder Follower) und Aktivität. Das ist für viele zu Anfang rumprobieren. Wir setzen dabei stets die Aktivität (Posts, Tweets) in Relation zur Reichweite. Was wir nicht bewerten wollen, aber zur Eigen-Analyse für andere bereitstellen, ist die inhaltliche und damit qualitative Bewertung. Da müssten wir schnell politisch werden, das bringt uns nicht weiter. Wir können mit den wahl.de Daten aber sagen, was funktioniert – und wo besonders Reichweitenpotenziale sind.

Letztlich verteilt sich aber gerade diese Reichweite sehr ungleich auf die sowieso bekannten Personen. Selbst das Fake-Profil für Angela Merkel ist auf Twitter erfolgreicher als manch offizieller Kanal. Insofern kann das nur ein Aspekt bleiben.

Auf wahl.de findet man solche Zahlen, v. a. aber kann man auch gut Akteure finden, die schöne Sachen für weniger als 1000 Follower machen – dafür aber bei diesen tatsächlich etwas erreicht. Online-Wahlkampf wirkt ja immer in zwei Richtungen und wenn wir nur auf die Reichweite schauen, dann übersieht man schnell den eigentlichen Nutzen von „Online“ als Tool: nämlich mit den eigenen Leuten reden, diese mobilisieren. Und das sind in den meisten Wahlkreisen nur einige wenige hundert!

medienpolitik.net: Wie bewerten Sie die Entwicklung des Wahl-O-Mats? Gibt es Studienergebnisse oder Erfahrungswerte, wie groß der Einfluss des Wahl-O-Mats auf die Wahlbeteilgung und die Wahlentscheidung ist?

Klas Roggenkamp: Der ursprüngliche Wahl-O-Mat wurde ja im Rahmen einer Erstwählermobilisierungskampagne der FU Berlin entwickelt. Damals diente er als ein Tool (von vielen), um Erstwähler gezielt an das Thema „Politik“ heranzuführen. Das geschah v. a. über Events auf Schulhöfen, wo zwischen Sofas auch Computer standen, auf denen der Wahl-O-Mat lief. Das war schön zu beobachten, wie viele Fragen des Wahl-O-Mats einen Denk- und v. a. Diskussionsprozess angezettelt haben, gerade weil das einfache „Ja/Nein“-Format eben etwas nachdenken erfordert. Damals konnten wir – deutlich messbar – die Wahlbeteiligung der Erstwähler erhöhen.

Heute läuft der Wahl-O-Mat oftmals mehr als Medien- und Social Media-Ereignis mit, wird aber oft viel zu wenig begleitet. So wird sicher die ein oder andere Wahlentscheidung beeinflusst, aber nicht unbedingt die Beteiligung an der Wahl.

Was der Wahl-O-Mat kann, ist, aktuelle politische Themen in den Alltag übertragen, nämlich durch den Zwang, Stellung zu beziehen. Durch die Hintertür wird damit ein besseres Verständnis von und für Politik unterstützt, nämlich dass es immer um mich, meine Welt und v. a. meinen Alltag geht. Und dass ich eine Wahl habe, diese aber auch treffen – und umsetzen – muss. Jeder hat zwei bis drei Anliegen, die besonders wichtig erscheinen: Umwelt, Soziales, Frieden, was auch immer. Vielen ist aber unklar, dass das alles Politik ist – oder von ihr beeinflusst. Und dass sie selbst wiederum Politik – sicher marginal, aber immerhin! – beeinflussen können. Da ist es dann am Ende fast egal, welcher „Empfehlung“ man in die Wahlkabine folgt, ob von Freunden, Facebook oder eben dem Wahl-O-Mat. Hauptsache, man geht wählen.

medienpolitik.net: Welche Online-Wahlkampfaktionen waren für Sie bemerkenswert und warum?

Klas Roggenkamp: Ich persönlich beobachte das schon zu lange, um da jetzt von Einzelaktionen übermäßig begeistert zu werden.

Schöne Aktionen finde ich immer die, wo Leute kreativ bestimmte Themen aufgreifen und sie in die ein oder andere Richtung drehen. Insofern war zur Bundestagswahl insgesamt der Bereich „tumblr“ toll, weil es – mangels inhaltlicher Dinge – wenigstens was zu Lachen brachte.

Ansonsten ist besonders bemerkenswert, dass gerade von Parteiseite auf immer neuen Wegen versucht wird, Leute über zentralisierte Plattformen zu mobilisieren. Aber immer mit nur mäßigem Erfolg. Wir sind nicht die USA, klar, aber ich wundere mich immer wieder, warum wir nicht mal einen Bruchteil der Aktivität schaffen, die ein Howard Dean schon lange vor Obama online in Bewegung setzen konnte.

medienpolitik.net: Wie konnte die AfD mit Social Media aus dem Stand so viele Wähler mobilisieren?

Klas Roggenkamp: War das Social Media? Ich denke doch, das war ein eng umrissenes Thema mit klarer – wenn auch teils krude vereinfachter – Aussage. Ergänzt um eine Prise Underdog-Gemaule („Alle sind gegen uns“; „Die Medien ignorieren uns“).
Aber was die AfD online gezeigt hat, war schon an vielen Stellen wie aus einem Social Media Handbuch: Reichweite schaffen, Mobilisieren und verstärken – einfach indem sie nah an der Zielgruppe agieren. Und immer wieder neue Anlässe schaffen, um die aufgebaute Community einzubinden und dadurch zu binden. Seien es Online-Votings, konzertierte Mail-Aktionen oder auch Plakate kleben: es gab für den AfD-Fan immer was zu tun. Und – klassische Politik – mit jedem Mitmachen, jedem Like und jedem Share wäre der Fan ja schön blöd, wenn er nach all der Aktivität nicht auch noch in der Wahlkabine quasi den „Like-Button“ für die von ihm unterstützte Partei klickt. Oder ankreuzt.

medienpolitik.net: In den letzten Monaten ist zu hören, dass Social Media als politisches Instrument überschätzt sei. Gibt es dabei vielleicht falsche oder übersteigerte Erwartungen?

Klas Roggenkamp: Ja, immer wieder. Und Obama, USA … was nicht alles. Social Media ist ein Werkzeugkasten, und jede Plattform somit ein Werkzeug. Aber nichts davon ist aus sich selbst heraus erfolgreich, geschweige denn wird überhaupt gehört. Aber das ist eigentlich nicht neu, dasselbe wurde gehypt und gedroppt als Foren der heiße Scheiß waren, oder Blogs, oder sogar mal MySpace! Natürlich ist Social Media auch ein politisches Instrument, aber für jeden Einzelnen v. a. eines mit sehr kleinem Wirkungs-, nämlich dem Freundeskreis.

Das Problem ist ja nicht – nie! – der Kanal als Instrument, sondern sein Einsatz. Da haben bisher die wenigsten einen guten Weg gefunden, Online insgesamt zu nutzen, außer für die Verbreitung von Informationen. Twitter ist kein Instrument für die Masse, aber ich kann damit eine interessierte Menge an Leuten erreichen. Facebook hat virale Elemente, die muss ich aber irgendwie in Bewegung setzen. Und bei uns funktioniert Politik ja insgesamt anders als in den vielgepriesenen USA; bei uns ist eine Mitmachplattform mit 17000 Aktiven tatsächlich ein Erfolg!

Wichtiger, und das geht oft unter, ist die Wirkung „unter der Haube“, das subtil Bindende und Verbindende, die Bestätigung meiner Ansichten, die ich in meiner persönlichen Filterblase bekomme. Wenn hier ein aktiver Kandidat etwas Spannendes gepostet bekommt, dann wirkt das zigfach so stark wie ein Halbsatz im gedruckten SPIEGEL. Das ist aber für viele nur ein Bruchteil so wertvoll, was falsch ist!

medienpolitik.net: In vielen Projekten, an denen Sie beteiligt sind, wird versucht Politik transparenter und verständlicher zu präsentieren. Wo gibt es noch Potential?

Klas Roggenkamp: Überall! Politik macht nach wie vor oft den Fehler, sehr stark aus einer Innensicht heraus zu kommunizieren. Da verliert man schnell den Anschluss, weil es eine Art „Information Gap“ gibt, die nur wenige versuchen zu überbrücken. Es gibt viele gute Ansätze, die zumeist von Einzelkämpfern umgesetzt werden, die versuchen ihr Thema besser zu vermitteln. Wenn man sich das ansieht, ist man ganz schnell bei Themen wie „Open Data“, „Open Access“ – aber auch Medienkompetenz: es geht immer zuerst um das Finden können von relevanten Informationen, die dann bitte auch verarbeitbar (rechtlich, technisch, aber auch sprachlich!) bereitgestellt werden müssen. Erst mit ordentlicher Information über staatliches Handeln, Entscheidungen oder was so um mich herum passiert, kann ich überhaupt an Politik teilhaben. Teilhaben heißt hier erst mal: verstehen, was eigentlich passiert! Und erst dann kann ich auch partizipieren, weil ich verstehe, worum es geht und auch, warum ich handeln sollte.

Das meiste Potential, um hier für Verbesserung zu sorgen, sehe ich bei Akteuren wie dem Bundestag selbst, v. a. aber auch bei den Ministerien. Denn am Ende überzeugen immer die besseren Kommunikatoren, das sind oft Lobbyisten und eben auch so monothematische Extreme wie die AfD.

medienpolitik.net: Welche Perspektiven hat wahl.de im Hinblick auf die nächste Wahl und auf die Zeit zwischen den Wahlen?

Klas Roggenkamp: wahl.de wird weiter kontinuierlich gepflegt – hinter wahl.de steht eine drei- bis vierköpfige Redaktion! Wir erholen uns noch ein wenig von der Bundestagswahl, warten die Sondierungs- und Koalitionsgespräche ab, dann ist ja auch bald schon wieder Europawahl.

Bis dahin werden wir wie nach jeder Wahl die Masse an Anfragen abarbeiten, die z. B. von Studenten kommen. Da wir seit 2008 Daten sammeln und aggregieren, konnten wir schon zahlreiche interessante Bachelor-, Master- und auch Doktorarbeiten mit Material unterstützen. Und wir werden weiter beobachten, welche Plattformen sich wie entwickeln – und unser Angebot entsprechend anpassen. Damit haben wir ja schon eine Menge zu tun – denn wahl.de ist ja eigentlich „nur“ ein Nebenprodukt unserer Arbeit im Rahmen von compuccino.

 

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Interview „Man muss von seinem hohen Ross herunter kommen“ mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

 

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen