Social Media:

„Facebook ist eine riesige Klatschbörse“

von am 30.10.2013 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Social Media:</h4>„Facebook ist eine riesige Klatschbörse“
Prof. Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn

Soziale Medien hatten im Wahlkampf eine Mobilisierungsfunktion

30.10.13 Interview mit Prof. Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn 

23 Prozent der Wähler haben sich im Internet über den Wahlkampf und die Positionen der Parteien informiert. Dies geht aus einer Befragung der ARD/ZDF-Medienkommission hervor. Vor vier Jahren waren es 18 Prozent der Bundesbürger. Damit gewann das Internet für Wahlkampfinformationen eine größere Bedeutung als der Hörfunk, der aktuell von 16 Prozent der Befragten genannt wurde. Mit großem Abstand blieb aber erneut das Fernsehen die dominierende Informationsquelle der Wahlbevölkerung: 66 Prozent haben sich durch das Fernsehen informiert. Die zweitgrößte Bedeutung – mit 38 Prozent der Befragten – behielten die Tageszeitungen bei. Fragen zur Bedeutung von  Social Media bei der politischen Meinungsbildung an die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Caja Thimm. 

medienpolitik.net: Frau Prof. Thimm, bei der diesjährigen Bundestagswahl haben soziale Medien anscheinend keine wahlentscheidende Rolle gespielt. Weshalb ist in Deutschland dieser Einfluss geringer als zum Beispiel in den USA?

Prof. Dr. Caja Thimm: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zunächst besitzen die USA eine andere Presselandschaft, es existiert beispielsweise kein mit Deutschland vergleichbares öffentlich-rechtliches Fernsehen und die Internetnutzung ist intensiver als bei uns. Deswegen sind die Menschen dort auch mehr darauf angewiesen, sich Informationen aus dem Netz zu holen. Interessant ist auch, und hierzu gibt es einige Erhebungen, dass Deutsche kaum bloggen. Blogs waren ja bei den Wahlen die einflussreichsten sozialen Medien in den USA.

medienpolitik.net: Sieht es bei den Jüngeren anders aus oder spielten sozialen Medien durch andere Bevölkerungsschichten hinweg keine Rolle?

Prof. Dr. Caja Thimm: Es ist anders als in den USA, aber ich widerspreche, dass die sozialen Medien keine Rolle gespielt haben. Sie hatten nur eine andere Funktion. Alle Parteien geben an, dass sie soziale Medien für den Wahlkampf genutzt haben. Die SPD zum Beispiel hat stark das amerikanische „Canvassing“ eingesetzt, das heißt, an den Haustüren geklopft. Das wurde zum Teil über Twitter organisiert, zum Teil aber auch über die Web-Plattform, auf der sich Interessierte für die Hausbesuche eintragen konnten. Es ist klar, dass die parteiinterne Organisation relativ viel sowohl über Facebook als auch Twitter lief. Dabei war meine Generation im Alter zwischen 30 und Mitte 50 diejenige, die in den sozialen Medien aktiv war und nicht die jungen Leute.

medienpolitik.net: Worauf führen Sie das zurück? Die Jüngeren „tummeln“ sich doch nur noch in sozialen Medien …

Prof. Dr. Caja Thimm: Ja, die tummeln sich aber anders. Die sind bei Facebook, weil es eine riesige Klatschbörse ist. Bei Twitter zum Beispiel haben wir nur einen Jugendanteil von neun Prozent. Twitter ist inzwischen eher ein professionelles Medium. Die meisten Fotos die getwittert werden, stammen überwiegend von Leuten ab 30 Jahre.

medienpolitik.net: CDU und SPD haben einen klassischen Wahlkampf geführt. Trotzdem sind diese beiden Parteien auf immerhin 67 Prozent der abgegebenen Stimmen gekommen. Hätten sie sich weiter verbessern können, wenn sie noch stärker soziale Medien eingesetzt hätten?

Prof. Dr. Caja Thimm: Nein, das stimmt nicht ganz – die Parteien haben das Netz recht professionell genutzt plus einen traditionellen Wahlkampf geführt. Wir haben jetzt zum ersten Mal erlebt, dass die Parteien kompetent mit den sozialen Medien umgegangen sind. Die CDU beispielsweise hat intensiv ihr CDU.TV eingesetzt, die Grünen ihr „3-Tage-wach“ – Projekt mit Mails und Live-Stream. Es würde inzwischen ausgesprochen negativ bei Wähler/innen auffallen, wenn die Parteien die Netzmedien nicht nutzen würden. Und sie tragen ja auch interessante Informationen bei: Bei Google konnte man allein an den Suchanfragen bereits am Samstagabend und Sonntagvormittag sehen, dass die AfD sehr gut abschneiden würde. Das heißt, die Leute suchen nach Informationen und machen sich kundig im Netz.

medienpolitik.net: Können die klassischen Medien das Informationsbedürfnis nicht mehr befriedigen?

Prof. Dr. Caja Thimm: 38 Prozent haben ihre Information über das Wahlgeschehen aus dem Fernsehen bezogen. Damit war Fernsehen immer noch das wichtigste Medium. Das heißt, diese Form von Analyse und Hintergrund, ohne dass man selber aktiv werden  muss, hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Aber man hat gemerkt, dass insbesondere bei Twitter anlassspezifische Kommunikation zunimmt. Dazu gehören die vielen Tweets während des Duells oder die Häme, die über Fehler innerhalb des Wahlkampfes ausgeschüttet wurde. Das hat schon Einfluss. Die Parteien hatten im Übrigen sogenannte Wachstationen eingerichtet, um sich vorzubereiten, falls ein Shitstorm losgetreten wird. Das ist in diesem Wahlkampf zwar nicht der Fall gewesen, aber das weiß man vorher nie.

medienpolitik.net: Der „Spiegel“ schrieb unmittelbar nach der Wahl: „Die Mächtigen üben im Fernsehen die Floskeln, das Volk sucht bei Twitter die Pointe“. Heißt das, dass Twitter und Co. nur eine Art Witze-Generator sind?

Prof. Dr. Caja Thimm: Vieles bei Twitter ist eine reine Kommentierung, manchmal witzig, manchmal dümmlich. Die Fotomontagen, die zum Beispiel bei Tumblr zu finden sind, wurden von vielen Leuten sehr kreativ genutzt und über Twitter verbreitet. Ich glaube auch, dass die sozialen Medien dazu beitragen, zum Wählen zu animieren. Wenn man betrachtet, wie oft der Hashtag „Geh wählen“ getwittert wurde, um auch noch den Letzten zu aktivieren, dann war das durchaus engagiert und hat mobilisiert.

medienpolitik.net: Da bin ich skeptisch…

Prof. Dr. Caja Thimm: Man muss bedenken, dass wir insgesamt noch keine hohe Durchdringung mit Social Media in Deutschland haben. Wir sind zwar im Netz immerhin zu über 70 Prozent präsent, aber bei den sozialen Medien steckt die politische Nutzung noch in den Kinderschuhen.

medienpolitik.net: Ein Wahlkampf ist ein herausragendes politisches Ereignis. Wie schätzen Sie inzwischen den Einfluss von Twitter generell bei der politischen Meinungsbildung in Deutschland ein?

Prof. Dr. Caja Thimm: Die Frage lässt sich pauschal sehr schwer beantworten. Wir haben zum Beispiel die Rolle sozialer Medien im Konflikt um „Stuttgart 21“ untersucht,  da gab es noch nicht so viele Twitter-Nutzer, aber dafür sehr aktive. Und bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im Jahr 2011 haben Twitter und andere soziale Medien eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem im Vorfeld wurden die wichtigsten Themen häufig getwittert. Die Gruppe, die gegen Stuttgart 21 war, hat über die sozialen Medien ihre Anhänger vor dem Wahltag mobilisiert. Deshalb glaube ich, dass man diesen Mobilisierungsfaktor nicht unterschätzen sollte. Aber bei der Annahme, ob die Meinungsbildung über Twitter befördert wird, bin ich vorsichtig.

medienpolitik.net: Ist Twitter also nur ein Mobilisierungsmedium, das wenig zur Meinungsbildung beiträgt?

Prof. Dr. Caja Thimm: Es ist immer die Frage, was Sie unter Meinungsbildung verstehen. In nahezu allen Traditionsmedien, darunter der FAZ, wurde viel Kritisches über die  Qualität der Tweets zur Wahl gesagt, aber das ist die falsche Perspektive. Mit einem Twitter-Account stellt man für sich eine eigene Öffentlichkeit her. Ich folge zum Beispiel vielen politischen Kommentatoren. Das heißt, ob irgendjemand einen oberflächlichen Tweet sendet, ist für mich irrelevant, aber ich finde bei Twitter Informationen von interessanten Personen, die ich nirgendwo anders finde. Ich leite aktuell ein Forschungsprojekt zum Thema „Erregungskampagnen im Netz“, das unter anderem das Thema politische Shitstorms untersucht. Das ist eine Form von Veröffentlichung, die es früher nicht gegeben hat, vor allem nicht in dieser unglaublichen Geschwindigkeit. Denken sie an die Netzdebatte über den „Stinkefinger“ von Steinbrück, das zieht in Sekundenschnelle durchs Land.

medienpolitik.net: Die Zeitungen hätten früher ein oder zwei Tage später reagiert. Ist denn dieser Sekundengewinn so wichtig?

Prof. Dr. Caja Thimm: Es geht nicht nur um den Sekundengewinn, sondern um die Verbreitung. Viele Leute lesen die klassischen Medien ja gar nicht mehr oder nur am Wochenende. Das heißt, wenn mich ein Tweet erreicht und ich sehe dieses Foto mit Steinbrück, dann schaue ich sofort, was wer dazu sagt. Hier ist eine neue Informationskultur entstanden. Beim TV-Duell gab es etwa 175.000 Tweets. Davon ist die Hälfte zwar eher unpolitisch im weitesten Sinne, aber die andere Hälfte nicht. Die Frage ist, inwieweit sich dort eine andere Form von Öffentlichkeit konstituiert.  Da ist ja nicht nur die sogenannte „digitale Elite“ unterwegs, sondern inzwischen eine starke meinungsmachende Gruppe, die insbesondere über Twitter, aber auch über Facebook, Informationen sammelt und postet, die woanders nicht zu bekommen sind.

medienpolitik.net: Sie sagten, viele Leute würden die klassischen Medien nicht mehr nutzen. Aber die Zeitungen – Print plus Online – kommen auf eine Reichweite von über 80 Prozent. Das heißt doch, dass die sozialen Medien die klassischen Medien nicht verdrängen?

Prof. Dr. Caja Thimm: Nein, das tun sie auf keinen Fall, sie fördern die Traditionsmedien sogar auf gewisse Weise. Nach unseren Analysen nutzen sehr viele Journalisten und Vertreter klassischer Medien Twitter. Viele Zeitungen betwittern zum Beispiel ihre Texte. Ein Tweet mit einem Link  auf einen Artikel,  nehmen wir mal Spiegel Online, ist eine Form der  Eigen-PR. Die crossmediale Verzahnung zwischen insbesondere Twitter und den Traditionsmedien generiert auch neue Leser: ein Twitter-Leser bekommt einen Artikel aus einer guten Quelle empfohlen, klickt ihn auf Twitter an, kommt so auf Spiegel Online und kauft eventuell danach sogar die Printausgabe, weil das Thema im Heft noch weiter behandelt wird.

medienpolitik.net: Für welche Lebensbereiche sind soziale Medien heute generell von größerer Relevanz als klassische Medien?

Prof. Dr. Caja Thimm: Bei der Politik stellen wir einen weiteren Trend zur Personalisierung fest. Wir wissen, dass Frau Merkel diese Wahl entschieden hat. Diese extreme Konzentration auf eine Person haben die sozialen Netzwerke weiter getrieben. Man kann sich über jeden Politiker heute im Netz, ob auf Google oder dessen Facebook-Seite, Informationen holen, an die man früher nicht herangekommen wäre. Ich vermute auch, dass zum Beispiel die Direktkandidaten, die normalerweise vor allem im Wahlkreis bekannt sind, ihre Facebook-Präsenz besser gepflegt haben als diejenigen, die nur über einen Listenplatz abgesichert waren. Der Bonner Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber hat als einer der wenigen SPD-Kandidaten in NRW sein Direktmandat behalten. Er hat über 9.000 Twitter-Follower sowie ein aktives und interessantes Facebook-Profil. Das wird ihm wesentlich geholfen haben.

medienpolitik.net: Dann hätte man ja auf die Wahlplakate verzichten können…

Prof. Dr. Caja Thimm: Wir sind bestimmte Rituale von Wahlkämpfen gewohnt und wenn jemand im öffentlichen Straßenraum nicht präsent ist, ist das negativ. Das heißt, man hat dieses Mal sogar eher eine Expansion erlebt. Das traditionelle Werbegeflecht von großen und kleinen Plakaten sowie von Auftritten ist wie bisher präsent gewesen und zusätzlich hat man Informationen online gestellt. Es gibt also keinen Online-Wahlkampf versus den Traditionswahlkampf, sondern es wurde verknüpft. Das ist die richtige Konzeption.

medienpolitik.net: Sie sprachen Stuttgart 21 an, wo soziale Medien eine große Rolle spielten. Auch gegen ACTA sind viele Menschen auf die Straße gegangen. Warum hat das Thema Prism niemanden mobilisiert? Warum haben hier die sozialen Medien ihre Rolle nicht gespielt?

Prof. Dr. Caja Thimm: Darauf hätte ich auch gerne eine Antwort. Es wird überall gerätselt, warum die Menschen darauf nicht reagieren und warum  Politik und Wirtschaft so tun, als sei nichts passiert und völlig negieren, dass sie ausgespäht wurden und werden. Ich glaube, diese passive Haltung hat damit zu tun, dass man zwar weiß, dass jemand die E-Mails mitlesen kann, aber man denkt, die eigenen Daten seien ohnehin unbrauchbar, denn man sei ja keine wichtige Person. Außerdem ist es sehr aufwendig, seine E-Mails zu verschlüsseln. Dafür sind die Leute zu faul. Die Wirtschaft aber wird langsam hellhörig – bei Wirtschaftsspionage hört die Ignoranz dann doch auf!

medienpolitik.net: Andererseits gibt es auch neue soziale Medien, die vor allem für die jüngeren Leute sehr attraktiv sind. Profitieren diese vielleicht von der Daten-Ausspäh-Affäre?

Prof. Dr. Caja Thimm: Da bin ich skeptisch. Im Moment sind die Fotosharing-Communitys hoch im Trend und es gibt Plattformen, die bestimmte Typen von Kommunikation organisieren, aber Facebook mit seinen großen Vernetzungsmöglichkeiten hat noch keinen Konkurrenten. Für die Jugendlichen ist derzeit vor allem der direkte Austausch wichtig. Der Erfolg von WhatsApp ist phänomenal und er ist genau darin begründet, dass es ein individualisierter Chat ist, der über das Netz läuft und die MMS, diese uralten Varianten vom Fotos-Verschicken und einen Euro dafür zu bezahlen, abgelöst hat. WhatsApp ist unter den Jugendlichen derzeit das wichtigste Medium neben Facebook.

medienpolitik.net: Facebook plant eine eigene Suchmaschine, die sich auf die Inhalte stützen soll, die bei Facebook kursieren. Es könnte also eine geschlossene Meinungs-Facebook-Welt entstehen. Ist das nicht problematisch?

Prof. Dr. Caja Thimm: Das stimmt, Facebook verfolgt eine ganz problematische Strategie: Sie wollen einen sogenannten „Fenced Garden“, also einen umzäunten Garten, errichten. In diesem Garten findet man, metaphorisch gesprochen,  alle Blümchen, die man mag, also alle Freunde, Buchtipps, auch Fernsehen wird es geben. Man kann übrigens bereits jetzt in den USA Filme bei Facebook sehen, sogar zusammen mit anderen. Das ist bei uns wegen unseres Urheberrechts noch nicht möglich. Diese Fenced-Garden-Philosophie ist die Grund-Strategie von Facebook. Je mehr Leute alles bei Facebook finden, desto weniger surfen sie wo anders hin, deswegen ist diese Suchmaschine auch so wichtig. Ich halte das im Übrigen für sehr gefährlich. Für mich ist Facebook eine Plattform, die man konstant beobachten  und bei der man  überlegen muss, welche Konsequenzen  eine Suchmaschine dort hat.

medienpolitik.net: Kann man verhindern, dass so eine begrenzte Suchmaschine existiert, die nur auf das Wissen zurückgreift, das in diesem Facebook-Kreis gewollt ist?

Prof. Dr. Caja Thimm: Nein, das kann man nicht verhindern, außer dass man es nicht nutzt. So etwas Ähnliches existiert zudem bereits, denn Facebook sortiert ja schon heute die eigenen Freunde an die Peripherie, wenn man mit ihnen länger keinen Kontakt hatte. Dann findet man sie auch nicht mehr so leicht. Es gibt jetzt schon die Cyber-Tribes, also die Stammeskultur bei Facebook, wo Ähnlichkeit die Basis für Freundesempfehlungen ist. Schon im Jahr 2000 gab es Kollegen in den USA, z. B. Howard Rheingold, die davor gewarnt haben, dass das Internet insgesamt dazu tendiert zu homogenisieren. Facebook ist dabei ein zentraler Player: dort findet  man eine spezifische Weltsicht und all das, was widerständig und anders ist, findet man dort nicht. Ich fürchte, das ist eine symptomatische Entwicklung für das Netz – der Markt bestimmt auch hier die Strategie!

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 11/2013 erstveröffentlicht.

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