Verlage:

Es geht um mehr als neue Geschäftsmodelle

von am 24.10.2013 in Archiv, Digitale Medien, Gastbeiträge, Medienethik, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Rede, Verlage

<h4>Verlage:</h4>Es geht um mehr als neue Geschäftsmodelle

Journalismus ohne Journalisten?

23.10.13 Von Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins

Wir sind nicht nur stolz auf die Tradition, sondern auch darauf, dass die Hauptstadtregion mit einem Gesamtumsatz von knapp fünf Milliarden Euro im Jahr der bedeutendste Verlagsstandort Deutschlands ist. Und dass rund 38.000 Beschäftigte in dieser Branche Arbeit haben.
Die aktuellen Umbrüche im Medienbereich gehen ans Eingemachte. Und auch in Berlin muss man sich bei einem der Großen der Branche gerade fragen: Trifft der Begriff „Verlag“ am Ende noch das, was dort produziert wird?

Aber es stellen sich auch sehr grundlegende Fragen. Welchen Wert hat das Wort heute noch in einer Welt, die von Bildern geprägt wird? Welche Halbwertzeit hat ein Gedanke, eine politische Idee, die über den Tag hinaus weist – wenn in der öffentlichen Welt doch täglich neue Themen gehypt werden? Ganz zu schweigen von der Gewichtung von Nachrichten angesichts permanenter Online-Präsenz und Online-Kurzlebigkeit?

„Journalismus ohne Journalisten“: In Zeiten von Twitter ist das vielleicht doch keine allzu lebensferne Vision mehr, während andererseits der Ebay-Gründer, Pierre Omidyar, gerade angekündigt hat, speziell fürs Internet den Journalismus neu zu entdecken. Per „Enthüllungsplattform“, wie das heute heißt. Da sind also Trends und Gegentrends, da ist viel Bewegung in der Szene und viel publizistische Herausforderung allemal.

Hinter uns liegt ein Wahlkampf, in dem man manchmal den Eindruck hatte: Es geht mittlerweile schon mehr um Handbewegungen als um Politik – Mittelfinger kontra Raute. Dabei verändert sich die Welt um uns herum in rasantem Tempo. Einen Mangel an politischen Themen gibt es eigentlich nicht: von der Zukunft Europas über die Gerechtigkeitsfragen in unserer Gesellschaft oder die absehbaren Folgen des demographischen Wandels bis zu den Auswirkungen des Klimawandels. Offenbar fehlt aber so etwas wie ein Resonanzboden für eine politische Debatte mit langem Atem. Während die Badewanne eines Bischofs tagelang für Sondersendungen sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gut ist.

Insofern ist es wohltuend, wenn der Publisher Summit den „Journalismus als Herzstück der Zeitschriftenbranche“ sieht und einen besonderen Schwerpunkt darauf legt. Es geht um mehr als neue Geschäftsmodelle. Es geht um mehr als die Zahl der verfügbaren Zeitschriftentitel. Es geht um geistige Vielfalt und auch um die Fähigkeit dieses Landes, sich mit seinen zentralen Themen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wohl wahr: Für jede Bevölkerungsgruppe und jede noch so ausgefallene Leidenschaft gibt es inzwischen die passende Zeitschrift. Freunde eines Lebens auf dem Lande, Computerfreaks, Bahnliebhaber, Weltreisende, Hobby-Köche und Weingenießer, Kunstliebhaber, Kenner des Geschehens im Leben des globalen Hochadels, Mädchen und Jungen in allen Altersgruppen.

Auch da kommt es sehr darauf an, genauer hinzusehen und zu unterscheiden. Ich teile deshalb ausdrücklich nicht die Pauschalmeinung des „Spiegel“, der kürzlich schrieb, dass „die seriösen Print-Medien an jedem Kiosk in einem Meer aus Hirnlosigkeit, Prinzessinnenblättern und Abseitigem versinken“. Ich habe nichts gegen publizistische Kreativität und Sinn fürs Verkaufbare, im Gegenteil. Stabile oder sogar wachsende Auflagenzahlen sind ja gerade eine deutliche Bestätigung dafür, dass Print keineswegs tot ist und dass viele Menschen in Deutschland tatsächlich bereit sind, für Qualität auch einen angemessenen Preis zu zahlen.

Wenn ich sage „Es geht um mehr als neue Geschäftsmodelle“, meine ich unsere demokratische Kultur. Dafür brauchen wir Qualitätsjournalismus. Den Blick aufs Ganze auch – statt immer kleinerer Teilwelten, in denen man sich vielleicht wohlfühlen mag, aber dabei den Überblick verliert. Mut zu politischer Meinung und Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Gesellschaft, auch wenn sie mal unbequem ist.

Die Demokratie braucht Verlegerinnen und Verleger, die an den Wert von Qualität glauben und diese garantieren, auch wenn Abo-Zahlen hinter den Renditezielen zurückbleiben. Die Demokratie braucht qualitätsbewusste Verlegerinnen und Verleger, die diese Rolle auch annehmen, wie die Luft zum Atmen.

Gerade in Berlin – wo vor 80 Jahren die Nazis begannen, die Zerstörung der Vielfalt per Regierungshandeln ins Werk zu setzen und damit die kulturelle Blüte der Weimarer Zeit begruben: Gerade hier an die Tradition eines lebendigen Verlagswesens zu erinnern heißt: Die Bedeutung der Vielfalt für eine lebendige Demokratie zu betonen und an die Verantwortung der Verleger für die Demokratie im 21. Jahrhundert zu appellieren.

Die Digitalisierung ist eine gewaltige Herausforderung besonders für all jene, die Aktuelles transportieren und einordnen – die Tageszeitungen. Noch immer belegen Umfragen, dass die Tageszeitungen Meinungsführer im Medienmarkt sind. Aber wirtschaftlich geht es bergab. Die Gratiskultur im Netz ist eine große Gefahr für eine lebendige Zeitungsvielfalt. Aber gerade im Netz findet heute Meinungsbildung statt. Und dort, wo die jungen Menschen sich identifizieren, wird die Basis für die Zukunft gelegt.

Den Wert inhaltlicher Qualität anzuerkennen: Darum müssen Politik und Medien gemeinsam werben. Gewiss – aus Berliner Perspektive – auch aus Gründen der Standortpolitik, aber vor allem mit Blick auf die Zukunft der Demokratie.

Klaus Wowereit hielt die Rede anlässlich des Publisher Summit am 22. Oktober 2013 im Berliner Congress Center am Alexanderplatz

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