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Für eine neue Kultur des Wissens

von am 06.10.2013 in Allgemein, Archiv, Datenschutz, Digitale Medien, Internet, Leistungsschutzrecht, Rede, Urheberrecht, Verlage

<h4>Verlage:</h4>Für eine neue Kultur des Wissens
Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins I © Börsenverein, Anne Hoffmann

Die Kultur des Wissens braucht Wertschätzung und Schutz

08.10.13 Von Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

[…] In Frankfurt am Main kommen nunmehr seit 65 Jahren Kulturen aus aller Welt zusammen. In der sich jährlich verändernden Struktur der Aussteller spiegelt sich, was auf  dem Weltmarkt des Wissens insgesamt geschieht. Und da stehen wir vor einer komplementären  Entwicklung: Gibt es einerseits starke Konzentrationsprozesse, nicht zuletzt durch globalisiertes Handeln, wird andererseits das Publizieren kleinteiliger. Es geht allemal um die Aufbereitung, Zurverfügungstellung und Verbreitung von Wissen, und die wird mehr und mehr Teil eines sich verändernden Systems, dessen Entwicklung durch das Internet als Medium forciert wird.

Vor welchen Umbrüchen in der Kultur des Wissens wir mit dem Eintritt in das digital age noch stehen, zeigt die bislang nicht abreißende Kette erbitterter Kontroversen. Da geht es um mehr als einen Kampf um den Umsatz. Es geht um die Frage, was wir als Wissen verstehen wollen, jedenfalls so lange unter Wissen eine Erkenntnis gemeint ist, die nicht wie ein subjektloses Datum herumliegt, sondern durch einen Urheber gewonnen und auf einen Kreis von Adressaten hin veröffentlicht wurde.

Wir brauchen beständig neues Wissen. Wir brauchen den freien und öffentlichen Zugang zu allen relevanten Informationen und Inhalten. Und wir brauchen die kulturellen Instrumente und Verfahren, um mit diesem Wissen umzugehen und es zum Medium unserer kulturellen Identität zu machen. Hatte die Gutenberg-Kultur in einem Dreieck von Autor, Verleger und Öffentlichkeit alle nötigen Mittel entwickelt und bereitgestellt, um Wissen öffentlich zu machen, so reicht das heute nicht mehr aus. Das anonyme, egalisierende, jede Manipulation erlaubende Netz braucht darüber hinausgehende Kommunikationsstrukturen, um Wissen mit diesen medialen Möglichkeiten und unter diesen medialen Bedingungen öffentlich zu machen. Es reicht nicht, Wissen auf Information zu reduzieren, Kommunikation auf Transfer, Verstehen auf Speichern und Schreiben auf das Aneinanderhängen von Informationsmodulen.

Verknüpft man das neutralisierte Verständnis von Information und Kommunikation mit der Forderung nach unbegrenzter Speicherung und ebenso unbegrenztem open access, wird es schwierig, die personal data auszunehmen, die in der digitalen Kommunikation der vielen Nutzer entstehen. Wird auch hier der offene Zugang zur Norm, hieße dies nicht weniger als eine der wertvollsten kulturellen Errungenschaften wieder einzuziehen, nämlich die Differenz zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Nur wenn zwischen Bedeutungssphären unterschieden wird, und dies einvernehmlich, kann die Privatsphäre geschützt und zugleich Öffentlichkeit hergestellt werden. Wenn jeder jedes wissen kann, aber jeder etwas anderes für wissenswert hält, verschwimmen die Inhalte und ihre Präferenzordnung, über die sich eine Gesellschaft verständigt und damit konstituiert. Da hilft auch das Bemühen um die Sicherung der objektiven Richtigkeit einer Information nichts, wie Philip Roth feststellen musste, als er von Wikipedia die Korrektur eines fehler-haften Details seiner eigenen Biographie als Autor verlangte und die Antwort erhielt, eine solche Korrektur sei nur möglich, wenn er außer sich selbst eine zweite Quelle nennen könne.

Was wir brauchen, meine Damen und Herren, ist eine neue Kultur des Wissens. Das digitale Zeichensystem ist bedeutungsfrei; seine Semantik erhält es erst durch Zuordnung von außen. Anders als die natürlichen Sprachen kennt das Netz keine Autorität, die mehr als formale Regeln setzen könnte. Und die, die Autorität haben, weil sie das Netz beherrschen, also Akteure wie Google, Amazon und Co sind an Inhalten nur so weit interessiert, als sie ihrem Geschäft als Werbeträger nützen. Jeder Kartellgesetzgebung spottend haben sie den Markt so okkupiert, dass jene Vielfalt und Binnenkonkurrenz kaum noch vorhanden ist, die den Markt zum Instrument der freien Entfaltung des Menschen und seiner Ziele macht.

Wie jede Kultur braucht auch die Kultur des Wissens Wertschätzung und Schutz. In der Buchkultur wurde dazu u. a. das Instrument der Buchpreisbindung geschaffen. Wird sie im Rahmen der anstehenden Freihandelsverhandlungen der EU-Kommission mit den USA auf Drängen der großen Internetanbieter wie Amazon, Apple oder Google geopfert werden, steht die anonyme, ganz und gar manipulierbare Macht des Geldes über den Geist an. Das Ende der stationären Buchhandlung wäre eingeläutet.

Leider gibt es – gestatten Sie mir diese Randbemerkung – bei den Spitzen der EU-Kommission kein so ausgeprägtes Bewusstsein für die Buchpreisbindung wie bei den Parteien in Deutschland oder beispielsweise auch Frankreich. Es wird deshalb Zeit für eine europäische Buchpolitik mit klaren Zuständigkeiten in der Kommission. Die Franzosen – sowohl die Kulturministerin als auch die Vertreter von Verlagen und Buchhandel – sind nicht nur bei dieser Forderung an unserer Seite. Ein Schulterschluss zweier Nationen, die die Buchkultur als Element ihrer und der europäischen Identität begreifen, wäre neu und wichtig. Gleichwohl sind auch die kulturellen Akteure gefragt. Eine neue Generation der verlegerisch Tätigen denkt um und leitet innovative Prozesse und Ansätze ein. Eine neue Generation der Buchhändlerinnen und Buchhändler weiß, dass sie ihre Rolle neu definieren muss. Und sie tut es. Sie alle sehen die gewachsene Buchkultur der letzten Jahrhunderte als ein Element, das sich für moderne Kulturen bislang als unverzichtbar erwiesen hat.

Es sind nur drei Faktoren, die dafür entscheidend sind. Für sie muss auch im digital age eine Lösung gefunden werden.

– Die Permanenz, die einen Text in seiner Authentizität sichert, verlässlich macht und ihn in einer digitalen Welt vor permanenter Veränderbarkeit und Manipulierbarkeit bewahrt.
– Die Selektivität, ohne die sich Bedeutungen und Bedeutungs-sphären auch in der digitalen Welt nicht entwickeln können, soll der Nutzer sich nicht in der Beliebigkeit der gespeicherten Informationen verlieren.
– Und schließlich das institutionelle Gefüge, das die Vermittlungs-leistung ermöglicht. Ist die Vermittlungsstruktur von Urheber – Werk – Verlagswesen – Leser und Öffentlichkeit über Jahrhunderte in einer Vielfalt von Sprachen und Binnenkulturen gewachsen, so muss in der Verbindung von Digitalem mit Analogem für eine sich weiter entwickelnde Buchkultur auch diese Mehrgliedrigkeit  als institutionelles Gefüge gestaltet werden. Dazu gehört auch der stationäre Buchhandel – eine privatwirtschaftliche Initiative mit den Aufgaben einer öffentlichen Institution.

Vor uns liegen große Aufgaben. Doch warum sollten wir den Herausforderungen des Miteinanders von analoger und digitaler Welt nicht durch eine neue Kultur des Wissens begegnen können? […]

Rede von Prof. Dr. Gottfried Honnefelder zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse 2013 am 8. Oktober 2013

/em

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