Rundfunk:

„Radio muss explizit erwähnt werden“

von am 04.12.2013 in Allgemein, Archiv, Interviews, Regulierung, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Radio muss explizit erwähnt werden“
Klaus Schunk und Joachim Knuth

04.12.13 Der VPRT fordert, dass dem privaten Radio mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Von speziellen Passagen im Rundfunkstaatsvertrag bis zu einem eigenen Staatsvertrag reichen die Vorstellungen privater Radioanbieter. In einem weiteren Interview erläutert Joachim Knuth, dass die ARD sich klar zum Digitalradio bekennt. „Die Hörer interessieren sich letzten Endes nicht für Verbreitungswege, sondern für attraktive Programme“, so Knuth. 

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„Radio muss explizit erwähnt werden“

Klaus Schunk, stellv. Vorstandsvorsitzender VPRT & Geschäftsführer Radio Regenbogen

Klaus Schunk, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VPRT und Geschäftsführer Radio Regenbogen

Interview mit Klaus Schunk, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VPRT und Geschäftsführer Radio Regenbogen

Der VPRT fordert, dass dem privaten Radio mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Von speziellen Passagen im Rundfunkstaatsvertrag bis zu einem eigenen Staatsvertrag reichen die Vorstellungen privater Radioanbieter. Die Politik müsse die Wettbewerbsbedingungen für Radio im dualen System und im Internet auf eine solide Grundlage stellen, verlangen sie. „Die Ordnungspolitik hatte Radio als eigenständige Mediengattung mit spezifischen Bedürfnissen und Anforderungen schlichtweg kaum auf dem Radar. Wenn es um Rundfunkregulierung ging, dann wurde das von vielen Medienpolitikern automatisch mit Fernsehen gleichgesetzt. Rundfunk ist aber weit mehr als nur Fernsehen. Hörfunk hat eben andere Bedürfnisse“, so Klaus Schunk, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VPRT.

medienpolitik.net: Herr Schunk, Björn Böhning hat festgestellt, dass Radioregulierung „das Stiefkind der Länderregulierung“ ist. Das muss doch wie Musik in Ihren Ohren geklungen haben. Woher kommt diese späte Einsicht Ihrer Meinung nach?

Klaus Schunk: Das ist sicherlich auch das Ergebnis zahlreicher Gespräche und Dialoge der Kollegen mit den Staats- und Senatskanzleien; aber auch eine zwangsläufige Erkenntnis, wenn man sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Veranstaltungen wie die Medientage in München waren ebenso hilfreich.  Die Ordnungspolitik hatte Radio als eigenständige Mediengattung mit spezifischen Bedürfnissen und Anforderungen schlichtweg kaum auf dem Radar. Wenn es um Rundfunkregulierung ging, dann wurde das von vielen Medienpolitikern automatisch mit Fernsehen gleichgesetzt. Rundfunk ist aber weit mehr als nur Fernsehen. Hörfunk hat eben andere Bedürfnisse. In der Radio-Primetime morgens stehen die privaten Anbieter mit den öffentlich-rechtlichen Kanälen im harten Wettbewerb um die Werbegelder. Uns geht es deshalb darum, dass nicht automatisch Rundfunk gesagt wird, wenn eigentlich Fernsehen gemeint ist, sondern Radio stets mitgedacht und explizit erwähnt wird.  Insofern freuen wir uns über die Klarheit, mit der Herr Böhning dieses Thema forciert. Dass das Thema nun auf der Tagesordnung steht, ist, ist ein sehr wichtiger, wenn auch nur erster Schritt. Nun wird es um die weitere inhaltliche Ausgestaltung der Radioregulierung gehen. Diese werden wir genauso engagiert, streitbar und konstruktiv wie den bisherigen Prozess begleiten.

medienpolitik.net: Sie haben bei den Münchner Medientagen erklärt, dass die expansiven Radioaktivitäten für die privaten Anbieter hochproblematisch sind. Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Klaus Schunk: Es gibt zahllose Beispiele, bei denen die Politik nicht einschreitet oder sie sogar ermöglicht. Die mit Frequenzen ohnehin überversorgten ARD-Anstalten nutzen neuerdings auch UKW-Stützfrequenzen für ehemals multimediale Testversuche wie „Das Ding“ beim SWR, tauschen Frequenzen zugunsten kommerziellerer Programme wie beim HR oder bauen ihr Webradio aus wie „BR Puls“ in Bayern. Aktuell trauriger Höhepunkt droht der geplante Jugendkanal zu werden. Dieses „trimediale“ Projekt sieht vor allem eine starke crossmediale Vernetzung und Vermarktung über alle seine Verbreitungswege vor. Dagegen haben die Privatradios um VPRT nachdrücklich interveniert – das wäre ein weiterer Schritt in Richtung Wettbewerbsverzerrung im dualen Radiosystem, da wir über keine entsprechende Möglichkeit zur crossmedialen Eigenwerbung verfügen. Cross-Media-Kooperationen sind schon heute bei Off Air-Events der ARD ein Problem, das würde mit einem ohnehin fraglichen Jugendangebot noch deutlich gravierender. Dies wird daher einer der wichtigen Punkte auf unserer Agenda in den angekündigten Gesprächen mit den Ländern zur zukünftigen Radioregulierung sein. Ich bin insofern den Ministerpräsidenten dankbar, dass sie dem Projekt eine Denkpause verordnet haben, so diese nun zu einem konstruktiv-kritischen Dialog – unter Einbeziehung aller Marktteilnehmer – also auch die Privaten – genutzt werden soll.

medienpolitik.net: Aber die Radioangebote sind doch gedeckelt, es dürfen keine nationalen Radios verbreitet werden und die DAB-Radios sind als Versuch genehmigt. Wo liegt da das Problem für Sie?

Klaus Schunk: Die beiden vorgenannten Beispiele zeigen, dass hier offensichtlich keine Deckelung greift. Die als multimediale Testversuche gestarteten Programme werden dann ganz offiziell als Programm beauftragt. Erst Pilotprojekt, dann trimedial aufgestelltes Zielgruppenprogramm. Unter dem Deckmantel einer effizienten multimedialen Verwertung findet so eine schleichende Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Angebots über sämtliche Plattformen statt, wobei im Falle von ‚Das Ding‘ inzwischen selbst UKW für den ungebremsten Programmausbau herhalten muss. Ein weiteres Beispiel ist die Reichweitensteigerung der Hörfunkwellen des HR, besonders You FM, Anfang dieses Jahres. Hier hat der HR kurzerhand seine UKW-Frequenzen umverteilt und zugunsten des kommerzielleren Jugendangebots auf die starken Frequenzen des Kultursenders HR2 zurückgegriffen. Rechtliche Grenzen wie Programmzahldeckelungen oder die Einhaltung von Telemedienkonzepten werden so unterlaufen bzw. greifen bei einer Umwidmung von Frequenzen nicht und können so für uns keinen tauglichen Wettbewerbsschutz darstellen.

medienpolitik.net: Auf Ihren Online-Angeboten darf die ARD nicht werben. Es entsteht damit kein wirtschaftlicher Verlust für die privaten Radios?

Klaus Schunk: Das gilt für originäre Webradios als Telemedien. Aber bei der Onlineverbreitung der bewährten ARD-UKW-Radios wird die Werbung mitnichten ausgeblendet. Zudem ist jeder Klick auf eine werbefreie Seite auch ein verlorener für die werbefinanzierten Angebote im Netz.

medienpolitik.net: Sie fordern sogar einen eigenen Hörfunkstaatsvertrag. Die Länder bewegen sich inzwischen auf einen Medienstaatsvertrag zu. Ist damit nicht Ihre Forderung eine aus der analogen Welt?

Klaus Schunk: Ich habe mich vor allem für eine eigenständige Stellung von Radio im Rundfunk- oder Medienstaatsvertrag mit einer eigenständige Benennung und gattungsspezifischen Regelungen eingesetzt. Das ist aus den genannten Gründen so dringend geboten. Dass weitergehende Forderungen mit der Realpolitik in Einklang zu bringen sind, ist uns sehr bewusst. So naiv zu glauben, dass es einen Radio-Staatsvertrag geben wird, war und bin ich nicht. Aber mit dieser Begrifflichkeit wurden und werden wir endlich gehört, zumal den Intendanten das Radio medienpolitisch relativ egal ist. Ihnen geht es immer zuerst um die „Glotze“.

medienpolitik.net: Welchen Rahmen sollte die Politik für die Online-Angebote der ARD-Radiosender setzen?

Klaus Schunk: Die von mir erwähnten Beispiele zeigen, dass vieles online seinen Anfang nimmt, was dann auf Strecke den Wettbewerb auch im UKW-Bereich verzerrt. Der VPRT fordert daher, die Zahl der Internet-Radioprogramme verbindlich zu deckeln und die Vorgaben zur Durchführung von Drei-Stufen-Tests strikt einzuhalten. Im Falle des SWR wird eine Grenze für Webchannels im Zuge der Novellierung des SWR-Staatsvertrages diskutiert, die so auch in wenigen anderen Ländern beispielhaft ist. Es ist nach unserer Überzeugung inkonsequent, wenn für analoge und digitale Programme eine Höchstzahl festgeschrieben wird, während im Internet unbegrenzt expandiert werden kann. Außerdem müssen wir den Trend zur Bündelung der ARD-Online-Angebote zu bundesweiten Themenkanälen, wie es in 2012 zur Fußball-EM versucht wurde, entgegenwirken. Bundesweites Radio ist der ARD nicht erlaubt – auch nicht im Zusammenhang mit den Überlegungen zum Jugendkanal.

medienpolitik.net: Sie fordern auch wiederholt, das sogenannte NDR-Modell auf alle ARD-Anstalten zu übertragen. Welchen Nutzen hätten die privaten Radios davon?

Klaus Schunk: Wir wollen erreichen, dass die immer stärkere Kommerzialisierung der ARD-Radios, die neben der Expansion auch mit Dumping-Preisen im nationalen Werbemarkt einhergeht, das bestehende wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Radios nicht weiter verstärkt. Das NDR-Modell würde bedeuten, dass alle ARD-Anstalten werktäglich sendegebietsbezogen maximal 60 Minuten in jeweils nur einem Hörfunkprogramm werben dürften. Sponsoring sowie lokal- und regionalbezogene Werbung muss dabei ausgeschlossen sein. Die zeitnahe Realisierung einer stufenweisen Limitierung der Werbezeiten und eine ländereinheitliche Harmonisierung der ARD-Radiowerbung auf Basis des NDR-Modells wäre ein stabilisierender Schritt für einen faireren Wettbewerb für das Radio innerhalb des dualen Rundfunksystems. Die aktuell erwarteten Mehreinnahmen der ARD aus dem Rundfunkbeitrag signalisieren, dass dafür auch wirtschaftlich Spielräume bestehen, wenngleich auch ohnedem der NDR mit seinen Werbemöglichkeiten schon heute alles andere als eine darbende ARD-Anstalt ist.

medienpolitik.net: Aber Sie haben sich doch dagegen ausgesprochen, dass Werbung bei den ARD-Radios abgeschafft wird. Ist das nun nicht inkonsequent?

Klaus Schunk: Es geht uns um eine Abfederung des bestehenden Ungleichgewichts im dualen System und um eine Harmonisierung der Werberegelungen der ARD Anstalten, aber natürlich auch um einen starke Gattung Radio als attraktiver und reichweitenstarker Werbeträger. Wir haben insofern einen Vorschlag mit Augenmaß unterbreitet. Die ersten Einordnungen von Herrn Böhning auf den Medientagen München und im Nachgang dazu auch in der Presse haben gezeigt, dass die Medienpolitik diese Intention von uns offensichtlich gut nachvollziehen kann.

medienpolitik.net: Unabhängig vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, welche Forderungen hinsichtlich der Radioregulierung haben darüber hinaus an die Politik?

Klaus Schunk: Wichtige Punkte sind der Zugang und die Auffindbarkeit unserer Angebote, ein Must Carry-Status (Must-Carry-Rules) in digitalen Netzen und auf Plattformen sowie eine angemessene Gleichbehandlung mit gebührenfinanzierten Radios bei der Darstellung in EPGs und Navigatoren. Es kann nicht sein, dass alle öffentlich-rechtlichen Angebote bis Platz 50 aufgelistet werden, obwohl es sich um landesweite, regionale nicht nationale Angebote handelt, denen in anderen Bundesländern als ihrem eigenen Verbreitungsgebiet sicherlich kein besonderer Stellenwert zukommt. Eine Diskriminierung der privaten Programme ist für uns so nicht akzeptabel, es stellt eine weitere Wettbewerbsverzerrung dar, die zudem die Interessen der Hörer verfehlt, die ja nach „ihrem“ jeweiligen Lieblings-Radioprogramm suchen. Wir brauchen kein öffentlich-rechtliches nationales Radio durch die digitale Hintertür! Auch das Thema Netzneutralität steht für das Privatradio im Fokus. Nicht der Netzbetreiber soll darüber entscheiden können, welche Angebote in welcher Qualität zum Hörer gelingen.

medienpolitik.net: Auch für die privaten Radios wird die Online-Verbreitung immer wichtiger. Sollte man sich nicht von der Regulierung ganz verabschieden?

Klaus Schunk: Für Online mag weniger Regulierung eine Überlegung sein – dann aber für alle und nicht nur die reinen Webangebote. Ansonsten wäre eine vollständige Aufhebung der Regulierung angesichts der vielen Besonderheiten in den lokalen und regionalen Radiomärkten sicherlich nicht gattungsgerecht. Wir brauchen hier unseren besonderen und grundgesetzlich verankerten Status als Rundfunk, der auch regulativ ausgestaltet werden muss. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass eine Chancengleichheit unserer Webradioangebote mit denen der ARD gewährleistet werden muss. Dass bedeutet, dass es nicht sein kann, dass unsere Angebote anzeigepflichtig sind, während die ARD ihr Radio-Webangebot selbst definieren kann.


„Das Medium Radio würde geschwächt werden“

Joachim Knuth, Programmdirektor Hörfunk NDR & Vorsitzender ARD-Hörfunkkommission

Joachim Knuth, Programmdirektor Hörfunk des NDR und Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission


 Interview mit Joachim Knuth, Programmdirektor Hörfunk des NDR und Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission

Die ARD hat sich klar zum Digitalradio bekannt. Die Landesrundfunkanstalten der ARD verbreiten die meisten ihrer UKW-Radioprogramme auch über DAB. Zwölf öffentlich-rechtliche Radioprogramme werden nicht über UKW oder Mittelwelle, sondern allein über DAB ausgestrahlt. „Wer DAB+ im Markt durchsetzen will, muss das Programmangebot erweitern. Die Hörer interessieren sich letzten Endes nicht für Verbreitungswege, sondern für attraktive und intelligent gemachte Programme“, so Joachim Knuth, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission in einem medienpolitik.net-Gespräch. Zugleich wendet sich Knuth gegen Werbereduzierungen bei den ARD-Hörfunkprogrammen. Eine Reduzierung brächte Umsatzverluste im vermutlich höheren zweistelligen Millionenbereich mit sich und würde zudem die Kampagnenfähigkeit des gesamten Mediums schwächen und damit im Medienmix das Radio selbst.

medienpolitik.net: Herr Knuth, Das Radio wird dieser Tage 90 Jahre alt. Wie wird öffentlich-rechtliches Radio zum 100. Geburtstag „aussehen“?

Joachim Knuth: Mit 100 Jahren wird Radio genauso lebendig und attraktiv sein wie heute. Auch in zehn Jahren wird das Radio Hörerinnen und Hörern ein verlässlicher Tagesbegleiter sein – weil Radio Nähe erzeugt, weil es schnell, aktuell, informativ, unterhaltend ist, oft auch überraschend, phantasieanregend, emotional – und das rund um die Uhr und zudem immer auch regional verankert. Schon heute ist Radio da, wo die Menschen sind. Weil Radio nicht mehr nur zuhause oder im Auto gehört wird, sondern immer öfter auch via Smartphone oder Tablet. Weil es viele Sendungen im Internet zum Nachhören gibt oder als Podcast. Ich glaube, der Trend, gezielt eine Radiosendung zu hören, wann und wo man will, wird sich verstärken. Und ich glaube auch, wie müssen uns auf mehr Partizipation einstellen. Radio hören unter Einbeziehung von Social Media, von Twitter oder Facebook, das wird immer wichtiger werden. Die Menschen werden in zehn Jahren auf ihre Fragen und Anregungen noch schneller eine Antwort haben wollen; das heißt: Der direkte Kontakt zwischen Radiomachern und Hörern wird unmittelbarer sein.

medienpolitik.net: Wie viele DAB+-Programme existieren gegenwärtig von ARD-Anstalten und wie flächendeckend können diese Programme genutzt werden?

Joachim Knuth: Die Landesrundfunkanstalten der ARD verbreiten die meisten ihrer über UKW ausgestrahlten Radioprogramme auch über DAB+, allerdings ausschließlich im jeweiligen Sendegebiet und insbesondere nicht national. Grundsätzlich hat das Digitalradio das gesamte Radioangebot noch vielfältiger gemacht – und speziell das öffentlich-rechtliche. Es sind inzwischen Programme auf Sendung, die im begrenzten UKW-Frequenznetz bisher keinen Platz gefunden hatten. Zwölf öffentlich-rechtliche Radioprogramme werden nicht über UKW oder Mittelwelle, sondern allein über DAB ausgestrahlt – der BR hat vier solcher Programme, NDR und WDR je zwei, auch MDR, SWR, Radio Bremen und Deutschlandradio machen ein solches Angebot.

medienpolitik.net: Sind darunter auch innovative Radioangebote?

Joachim Knuth: Da gibt es einige. Beim Bayerischen Rundfunk beispielsweise PULS, ein unkonventionelles, freches Programm, das sich gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene wendet. Das Kontrastprogramm dazu ist Bayern plus – mit einem Anteil von über 70 Prozent deutschsprachiger Musik – von Peter Alexander über Udo Jürgens bis hin zum aktuellen deutschen Schlager. Es gibt den KiRaKa, den vom WDR im Digitalradio angebotenen Kinderradiokanal für unsere jüngsten Hörerinnen und Hörer. Für die Menschen im Norden senden wir auf NDR Blue Musik abseits des Mainstreams – zum Beispiel musikjournalistische Formate sowie Live-Konzerte aus Rock, Pop und Jazz, die Sie so nur selten oder gar nicht im Radio hören können. Was unsere Hörerinnen und Hörer an DAB+ außerdem schätzen, sind die technischen Innovationen: Im Display angebotene Zusatzdienste wie Titelinformationen oder CD-Cover, Nachrichtenschlagzeilen oder Wetterinformationen. Dies stärkt unsere Informationskompetenz und macht das bisweilen flüchtige Medium nachhaltiger. Ich bin überzeugt: Die Möglichkeiten bei DAB+ sind noch längst nicht ausgeschöpft; da gibt es noch einigen Innovationsspielraum.

medienpolitik.net: Sind weitere DAB+-Angebote geplant?

Joachim Knuth: Der Rundfunkstaatsvertrag begrenzt die Zahl der Programme, die von den Landesrundfunkanstalten angeboten werden können. Innerhalb dieser Grenzen schauen wir natürlich, ob wir mit unserem Angebot dem Versorgungsauftrag gerecht werden und die gewünschten Ziele erreichen oder ob wir programmlich nachbessern müssen – immer unter der Maßgabe, dass wir insgesamt nicht mehr Geld ausgeben. Wichtig ist: Wer DAB+ im Markt durchsetzen will, muss das Programmangebot erweitern. Die Hörer interessieren sich letzten Endes nicht für Verbreitungswege, sondern für attraktive und intelligent gemachte Programme.

medienpolitik.net: Wie ist Ihre Prognose für die Verbreitung von DAB+ in den nächsten fünf Jahren?

Joachim Knuth: Aktuelle Studien besagen, dass 85 Prozent  der Menschen, die ein Digitalradio besitzen, mit dem Kauf hochzufrieden sind und es weiterempfehlen würden. Wahr ist aber auch, dass sich viele Menschen deutlich leichter tun, einen neuen Fernseher oder ein neues Handy zu kaufen, als sich ein neues Radiogerät anzuschaffen. Ich glaube, neue Angebote im Radiomarkt brauchen Zeit, aber die aktuelle Entwicklung seit dem Digitalradiostart im Sommer 2011 stimmt uns, auch mit Blick auf die kommenden Jahre, zuversichtlich. Dem aktuellen Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten zufolge gibt es in deutschen Haushalten mittlerweile 2,7 Millionen digitale Radiogeräte; 25 Prozent davon in Autos. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass allein in diesem Jahr etwa 650.000 Digitalradiogeräte verkauft werden. Über die langfristige Zukunft des Digitalradios entscheidet aber die ARD nicht allein; ausschlaggebend ist, ob die KEF, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, die nötigen Mittel für den Senderausbau genehmigt.

medienpolitik.net: Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit sich DAB+ schneller verbreiten kann?

Joachim Knuth: Damit unsere Hörer das neue Angebot noch besser annehmen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Wünschenswert wäre, dass der Handel noch größere Anstrengungen unternimmt, die unbestreitbaren Vorzüge der neuen digitalen Empfangsgeräte zu verdeutlichen. Dies würde sicher dazu führen, dass sich mehr Menschen für Digitalradioempfänger entscheiden. Die Geräte sind inzwischen in allen Preisklassen und in unterschiedlichen Modellen erhältlich. Auch wünschte ich mir ein offensiveres Angebot der Automobilindustrie bei der Serienausrüstung von Fahrzeugen. Gerade für den mobilen Empfang im Auto bietet ein DAB+ Gerät viele Vorteile. Wichtig ist natürlich, dass der Radioempfang bundesweit gleich stabil ist; dass möglichst große Flächen von DAB+ abgedeckt sind. Ich räume ein, dass es in der Bundesrepublik ein leichtes Nord-Süd-Gefälle gibt. Der Endausbau der Versorgung ist noch nicht überall erreicht. Bei uns im Norden beispielsweise erreicht der NDR in Schleswig-Holstein mit DAB+ etwa 51 Prozent der Fläche und 62 Prozent der Bevölkerung. Auch in Mecklenburg-Vorpommern und im Norden Niedersachsens gibt es noch einige weiße Flecken. Die wollen wir verkleinern.

medienpolitik.net: Viele ARD-Radioangebote werden auch gestreamt. Wie entwickelt sich die Nutzung dieser Angebote?

Joachim Knuth: Die Zugriffe auf die Livestreams steigen kontinuierlich. Grund dafür ist die zunehmende Verbreitung der Radio-Apps, mit denen unsere Programme über Tablets und Smartphones empfangen werden können. Die unterschiedlichen Webradio-Portale weisen auf, dass sechs öffentlich-rechtliche Programme – SWR 3, NDR 2, WDR 2, Bayern 3, 1LIVE und N-JOY – aktuell unter den Top 10 der am meisten genutzten Streaming-Angebote rangieren. 1LIVE steht dabei an der Spitze.

medienpolitik.net: Wird das Streamen der Radioprogramme nicht eine DAB+-Verbreitung überflüssig machen?

Joachim Knuth: Wir tun das eine ohne das andere zu lassen. Ich betrachte das Internet-Streaming als ein wichtiges, ergänzendes Angebot für Radiohörer, gleichzeitig wollen wir uns aber nicht vom Internet abhängig machen. Außerdem gibt es viele gute Gründe für eine DAB+ Verbreitung. Digitalradio hat eine große Reichweite, der Empfang ist stabil, was vor allem viele Autofahrer schätzen, dank digitaler Empfangstechnik hat es einen exzellenten Klang. Digitalradio ist individuell, denn Inhalte wie Musiktitel und Programmvorschau gibt es direkt zum Mitlesen; Digitalradios sind einfach zu bedienen und können auch UKW empfangen. Das sind Vorzüge des Digitalradios, die es als Gesamtpaket beim Streamen so nicht gibt.

medienpolitik.net: Die privaten Radios betrachten die Online-Angebote der ARD-Radios, vor allem durch die Streaming-Möglichkeit, als Konkurrenz und fordern eine Deckelung der Angebote im Internet. Warum müssen Sie auch noch mit den DAB+-Sendern im Online präsent sein?

Joachim Knuth: Das macht die von der ARD gewählte hybride Digitalstrategie, Radio sowohl in einem eigenen terrestrischen, digitalen Broadcast-Netz (DAB+) und im (mobilen) Internet zu verbreiten, ja gerade aus. Welcher Übertragungsweg am Ende gewählt wird, hängt von der Versorgung im jeweiligen Gebiet und von dem zur Verfügung stehenden Empfangsgerät ab. Beide Verbreitungswege haben unterschiedliche Stärken. Für DAB+ sprechen u.a. der stabile Empfang und die einfache Bedienung. Das Internet ermöglicht einen noch individuelleren Empfang über die bereits erwähnten Smartphones oder Tablets, was besonders viele junge Menschen nutzen. Ich halte es für wichtig, dass unsere Hörerinnen und Hörer an dieser Stelle mehrere Möglichkeiten haben. Im Übrigen können sich doch alle Radiomacher, egal ob Private oder Öffentlich-Rechtliche, darüber freuen, dass durch das Internet eine zeitunabhängige Nutzung des Radios möglich wird, auch durch zahlreiche On-Demand-Angebote. Aus meiner Sicht ist der hybride Ansatz eine zukunftssichernde Entscheidung.

medienpolitik.net: Das neue Jugendangebot von ARD und ZDF soll crossmedial sein. Welche Rolle werden die Radioangebote bei diesem Jugendangebot spielen?

Joachim Knuth: Das endgültige Konzept für den geplanten Jugendkanal von ARD und ZDF steht noch nicht fest. Eine genaue Ausgestaltung kann erst erfolgen, wenn uns die Politik beauftragt hat, einen Jugendkanal anzubieten. Wie Sie wissen, gab es in der Ministerpräsidentenkonferenz noch Nachfragen. Wir sind zuversichtlich, dass diese Nachfragen, in denen es im Übrigen nicht um die Inhalte unseres Konzeptes geht, zur Zufriedenheit aller beantwortet werden können. Die jungen Radioprogramme bringen sich in der laufenden Planungsphase des Jugendkanals stark ein – sie sind ausgesprochen erfahren und erfolgreich darin, Inhalte anzubieten, die die junge Zielgruppe  – gemeint sind vor allem die 14- bis 29-jährigen – ansprechen. Die Hörfunkwellen sind Talent-schmieden und Kreativwerkstätten. Bereits heute gibt es dort beispielhafte Formate und junge Kreative, die potentieller Nachwuchs für einen Jugendkanal sind. Wobei wir Radiojournalisten keine Einbahnstraße wollen, sondern auf wechselseitige Bereicherung setzen. Insgesamt wird die Zusammenarbeit von Fernseh-Jugendkanal und jungen Hörfunkprogrammen immer eng bleiben, nicht nur in der Planungsphase, sondern auch dann, wenn der Kanal on air ist. Wir planen Sendestrecken, in die Themen und Inhalte oder auch ganze Sendeformate der jungen Wellen einfließen können und werden, wie heute beispielsweise die Sendung „LateLine“ mit Jan Böhmermann auf EinsPlus.

medienpolitik.net:  Was könnte z.B. der NDR beisteuern?

Joachim Knuth: Es ist zu früh, um dazu etwas Konkretes sagen zu können. Stand heute sind im geplanten Jugendkanal von ARD und ZDF jedenfalls Sendestrecken vorgesehen, die gemeinsam mit den jungen Programmen konzipiert und realisiert werden sollen. Wenn es soweit ist, hätte unsere junge Welle N-JOY einiges zu bieten: Einzigartige Geheimkonzerte, bei denen große Künstler in einer exklusiven Location auftreten. Darüber hinaus haben wir viele innovative Musikaufzeichnungen – von Akustik-Gigs in den N-JOY Studios über das Reeperbahnfestival bis zu Festivals wie dem „Deichbrand-Festival“ in Niedersachsen. Die N-JOY-Morningshow-Moderatoren „Kuhlage und Hardeland“ machen bereits heute Bewegtbild, wie die „N-JOY Weihnachtsrevue“ oder den „Bürostuhl Grand Prix“. Aber auch eine Zulieferung journalistischer Formate – wie etwa eine TV-Version der N-JOY-Auslandssendung „Weltweit“ oder des „Kanzlerchecks“ aller jungen ARD-Programme – ist denkbar.

Mit solchen Formaten steht N-JOY natürlich nicht allein. Bei allen jungen Wellen der ARD gehört Bewegtbild inzwischen ganz selbstverständlich zum Angebot dazu, nicht nur bei Musikfestivals wie zum Beispiel Rock am Ring (SWR) oder Springbreak (MDR), sondern auch bei vielen anderen Formaten. Gebündelt werden diese Bewegtbild-Formate im Moment in den jungen Strecken auf EinsPlus, das der SWR verantwortet. Hier werden Sendungen der jungen Wellen wie LateLine (Radio Bremen), PULS (BR), oder DASDINGtv (SWR) eingestellt. Die jungen Hörfunkwellen der gesamten ARD können für einen künftigen Jugendkanal jede Menge Ideen und Formate beisteuern und eine wichtige Rolle spielen.

medienpolitik.net:  Zu den Forderungen privater Sender gehört auch, das sogenannte NDR-Modell bei der Werbung auf alle ARD-Anstalten zu übertragen. Was hat den NDR bewogen, freiwillig auf Werbung zu verzichten?

Joachim Knuth: Der NDR hat zu keinem Zeitpunkt freiwillig auf Werbung verzichtet. Allein der Gesetzgeber bestimmt darüber, ob eine Rundfunkanstalt Werbung ausstrahlt und welche Grenzen dabei gelten. Tatsächlich wurde dem NDR erst mit dem NDR-Staatsvertrag vom 20.08.1980 Hörfunkwerbung – und diese auch nur 42 Minuten täglich in einem Programm – gestattet. Und zwar zunächst auf Probe für drei Jahre. Zum Glück wurde die Probezeit trotz einiger Gegenargumente aufgehoben, und, nachdem die Werbezeit zunächst auf 32 Minuten verringert wurde, dann wieder auf 42 und danach – Stand jetzt – auf 60 Werbeminuten angehoben. Die Argumente für diese restriktive Haltung waren weniger publizistische denn ökonomische, wie man dem genauen Wortlaut der Begründung zu § 36 NDR-Staatsvertrag entnehmen kann. Sie lautet: „Die Rahmenbedingungen der Werbung legt der NDR selbst fest; sie bedürfen der Zustimmung des Verwaltungsrats. Gesamtdauer und Struktur bleiben im Hörfunk einer Vereinbarung der Länder vorbehalten, die dabei neben programmlichen Auswirkungen auch die Auswirkungen auf andere Werbeträger, insbesondere die Presse und auch die privaten Rundfunkveranstalter, zu berücksichtigen haben“. Das heißt, hier werden und wurden immer schon die Interessen der Zeitungsverleger und der potentiellen Anteilseigner an Privatradios geschützt und unterstützt.

medienpolitik.net: Wäre das nicht ein Modell für die ganze ARD?

Joachim Knuth: Aus meiner Sicht wäre eine Reduzierung der Werbezeit auf 60 Minuten bei allen ARD-Hörfunksendern der falsche Weg, daher kann ich die momentane Diskussion nicht wirklich nachvollziehen. Eine Reduzierung der Werbezeit um 30 bis hin zu teilweise 80 Minuten hätte Folgen: Werbekunden, vor allem regionalen Unternehmen, fehlten attraktive Werbeflächen mit großer Reichweite und regionaler Veran „Das Medium Radio würde geschwächt werden“ Da gibt es einige. Beim Bayerischen Rundfunk beispielsweise PULS, ein unkonventionelles, freches Programm, das sich gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene wendet. Das Kontrastprogramm dazu ist Bayern plus – mit einem Anteil von über 70 Prozent deutschsprachiger Musik – von Peter Alexander über Udo Jürgens bis hin zum aktuellen deutschen Schlager. Es gibt den KiRaKa, den vom WDR im Digitalradio angebotenen Kinderradiokanal für unsere jüngsten Hörerinnen und Hörer. Für die Menschen im Norden senden wir auf NDR Blue Musik abseits des Mainstreams – zum Beispiel musikjournalistische Formate sowie Live-Konzerte aus Rock, Pop und Jazz, die Sie so nur selten oder gar nicht im Radio hören können. Was unsere Hörerinnen und Hörer an DAB+ außstrong/strongerdem schätzen, sind die technischen Innovationen: Im Display angebotene Zp style=“text-align: justify;“p style=“text-align: justify;“usatzdienste wie Titelinformationen oder CD-Cover, Nachrichtenschlagzeilen oder Wetterinformationen. Dies stärkt unsere Informationskompetenz und macht das bisweilen flüchtige M „Das Medium Radio würde geschwächt werden“edium nachhaltiger. Ich bin überzeugt: Die Möglichkeiten bei DAB+ sind noch längst nicht ausgeschöpft; da gibt es noch einigen Innovationsspielraum.kerung. Der öffentlich-rechtliche Hörfunk könnte die Nachfrage der werbetreibenden Wirtschaft nicht mehr ausreichend bedienen; dies brächte Umsatzverluste im vermutlich höheren zweistelligen Millionenbereich mit sich. Ich bezweifle, dass dieses Volumen zu den Privatradios wandern würde. Schließlich sprechen wir kaufkräftige Zielgruppen an, die von den Privatradios nicht in gleicher Weise erreicht werden. Am Ende würde die Kampagnenfähigkeit des gesamten Mediums geschwächt, und damit im Medienmix das Radio selbst. Von daher habe ich Verständnis dafür, dass die anderen ARD-Anstalten an ihrem geltenden Werbezeiten-Modell festhalten möchten.

Die Beiträge wurden in der promedia-Ausgabe Nr. 12/2013 erstveröffentlicht. 

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