Rundfunk:

„Wir haben uns für starke Windmühlen entschieden“

von am 10.12.2013 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rede, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir haben uns für starke Windmühlen entschieden“
Prof. Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehen

Bayerischer Rundfunk will zu den Elite-Medien gehören

10.12.13 Von Prof. Sigmund Gottlieb, Chefredakteur Bayerisches Fernsehen

Der Bayerische Rundfunk werde sich zukünftig nicht mehr als Hörfunk- und  Fernsehsender definieren, sondern als ein Qualitätsanbieter von Audio- und Video-Inhalten, die auf trimedialem Wege, über Fernsehen und Hörfunk und Intranet verbreitet werden, so Prof. Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Fernsehen. Deutschland benötige Elitemedien, um die Bevölkerung mit einer breiten Grundinformiertheit zu versorgen und um einen anspruchsvollen gesellschaftlichen und politischen Diskurs möglich zu machen. „Zu dieser Gruppe von Elite-Informanten will sich der Bayerische Rundfunk zählen.“, so Gottlieb. 

Betrachten wir unser Umfeld. Das mediale Universum wächst explosionsartig, auch in Deutschland. Der Konsument, der Nutzer der Medien kann sich aus einem immer größeren Angebot bedienen.

Das sind ein paar Fakten, die für den Wandel stehen:

  • Soziale Netzwerke erobern die Welt
  • Inhalte sind jederzeit abrufbar – unabhängig von Ort und Zeit
  • Internetfirmen haben das Fernsehen entdeckt. Google TV und Apple TV werden neue Maßstäbe setzen.
  • Sie sehen: Die digitale Welt explodiert. Allerdings sind wir uns längst noch nicht sicher, wohin die Reise geht, wie schnell und wie entschieden sich das Nutzerverhalten verändert. Zur Zeit fahren alle Medienkapitäne, egal ob auf kommerziellen oder öffentlich-rechtlichen Dampfern, auf Sicht, risikofreudig die einen, noch risikobewusst abwartend die anderen.

Trotz der vielen Unwägbarkeiten, die die digitale Zukunft mit sich bringt, lässt sich manches bereits als gesichert festhalten:

1. Die Qualität deutscher Medien – Print, Hörfunk, Fernsehen liegt im internationalen Vergleich weit über dem Durchschnitt.

2. Kommerzielle Sender reduzieren die Informationsanteile in ihren Programmen und sie reduzieren Qualität. Die kostet nämlich Geld.

3. Die öffentlich-rechtlichen Sender dagegen haben ein anderes Problem: Mit ihren Angeboten erreichen sie kaum noch jüngere, geschweige denn junge Zuschauer. Sie sind zur No-Go-Area für die Kids geworden. Das Durchschnittsalter der Kundschaft von ARD, ZDF und den Dritten Programmen liegt eher bei 65 als bei 60.

4. Parallel zur zunehmenden Attraktivität neuer, internetbasierter Medien­angebote haben wir weiterhin eine starke und Fernseh- und Hörfunk­nutzung in Deutschland zu verzeichnen.

Das also sind neben den vielen Fragezeichen die gesicherten Befunde.

Vor diesem Hintergrund muss sich ein starkes öffentlich-rechtliches Medienhaus wie der BR auf die Suche nach seinem Platz in der digitalen Welt machen. Bevor man sich auf den Weg macht, muss man jedoch wissen, wo man steht und wofür man steht als Bayerischer Rundfunk, als viertgrößte der neun Landesrundfunkanstalten in der ARD.

Ein Blick in die Geschichte unseres Medienhauses zeigt, dass wir stets Information groß, sehr groß geschrieben haben. Ich kenne nur wenige öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, die so viel Sendezeit bei gleichbleibend hohem Qualitätsstandard für Information zur Verfügung stellen. Wir könnten es uns leichter machen und z. B. in der Primetime des Fernsehens mehr leichte Kost platzieren, mehr Unterhaltung senden, um damit höhere Einschalt­quoten zu erzielen. Dies würde jedoch eine Veränderung unseres inhaltlichen Profils bedeuten – und genau das wollen wir nicht.

Diese Programm-Philosophie haben wir Jahrzehnte lang über zwei Ausspielsäulen unserer Kundschaft nahegebracht: Es sind dies die linearen Wege des Fernsehens und des Hörfunks, die wir mit großem Erfolg bis zum heutigen Tag gehen.

Daneben hat sich die Online-Welt ins Programm und im Programm nach vorne geschoben: neue Vertriebswege über das Netz, die auch die Welt der öffentlich-rechtlichen Medien massiv verändert haben. Unser mediales Schaffen in der neuen digitalen Welt verlief zunächst spontan, ungeordnet, rechtlich eingeschränkt, abhängig von Interesse oder Desinteresse der Kollegen, die der neuen Entwicklung mit Leidenschaft oder mit Zurückhaltung begegneten.

Redakteure des linearen Programms entwickelten programmbegleitende Onlineangebote und stellten sie ins Netz. Das Ganze passierte mit viel gutem Willen, wenig Mitteln und meistens mehr schlecht als recht. Der Leitgedanke solcher Aktivitäten war es, im Netz auf die Inhalte des Fernsehens oder des Hörfunks hinzuweisen. Dies war die enge Auslegung der Programmbegleitung und war deshalb auch – alles in allem – unser schwächstes, ein minimalistisches Angebot auf unserem Weg in die digitale Welt.

Das war bisher. Was kommt jetzt? Worauf kommt es jetzt an?

Künftig wird sich der Bayerische Rundfunk nicht mehr als Hörfunk- und Fernsehsender definieren, sondern als ein Qualitätsanbieter von Audio- und Video-Inhalten, die auf allen Wegen – über Fernsehen und Hörfunk und Intranet verbreitet werden.

Der „BR hochdrei“-Prozess ist die größte Reform in der Geschichte des Bayerischen Rundfunks, mit der wir unser Medienhaus fit machen wollen für die Herausforderungen der digitalen Zukunft.
Da es noch bis 2020 dauern wird, bis TV, HF und Online von mehreren Standorten jetzt an einem Platz künftig vereint sind, brauchen wir schon jetzt erste konkrete Vernetzungsstrukturen, um das Zusammenwachsen des BR voranzutreiben und die Potentiale, die wir haben, noch besser auszunutzen.

Wir werden schon jetzt journalistische Kompetenzfelder aufbauen. Dies bedeutet den Zusammenschluss thematisch zueinander passender Redaktionen in Fernsehen, Hörfunk und Online, die zunächst noch organisatorisch und räumlich getrennt sind, ihre Themen- und Sendeplanung aber abstimmen und transparent machen.

An einem „Runden Tisch“ treffen sich die Planungskoordinatoren der einzelnen Kompetenzfelder regelmäßig, um langfristig planbare Projekte abzustimmen (z.B. Themenwochen, Jahrestage und Großereignisse wie Kirchentage).

Die Berichterstattung aus Bayern und den Regionen ist eine der großen Stärken des Bayerischen Rundfunks und soll es auch in Zukunft bleiben. Deshalb planen wir für die Zukunft ein trimediales Ressort Bayern.
Es soll den gesamten BR mit aktuellen bayerischen Themen versorgen, aktuelle bayerische Inhalte medienübergreifend recherchieren und planen, Themen setzen, Synergien schaffen.

Sie sehen: An unserer Programmphilosophie hat sich nichts geändert, im Gegenteil: Information ist wichtiger denn je. Die Welt wird immer komplexer, das globale Dorf immer undurchschaubarer. Immer mehr Bürger in diesem Land suchen nach Orientierung. Angesichts dieser Lage kommt den Qualitätsmedien – und dazu zähle ich den BR – eine herausragende Bedeutung zu.

Ein Qualitätsmedium wie der Bayerische Rundfunk muss in Zukunft eine seiner Hauptaufgaben darin sehen, schwierige Zusammenhänge zu erklären. Diese Erklär-Kompetenz könnte eines der Alleinstellungs-Merkmale des BR werden. Journalisten mit ihren höchst unterschiedlichen Biographien, Bildungswegen und Bildungsgraden, meist mit der Gemeinsamkeit der Generalisten müssen den Versuch unternehmen, zu erklären, was unüberschaubar und undurchsichtig geworden ist. Wir dürften nicht müde werden, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu machen – in der Bankenkrise, in der Eurokrise, beim Sparpaket. Dabei sollten wir allerdings nicht den geringsten Zweifel daran lassen, dass wir nicht der Reparaturbetrieb von Politik und Wirtschaft sein können.

Mein Kollege Ernst Elitz, lange Jahre Intendant des Deutschlandradios, hält die Prüfung des immer wilder wuchernden Informationsdschungels durch „journalistischen Fachverstand“ für dringender geboten denn je, „damit aus der Vielfalt von Infobites, Eindrücken und Gerüchten, von Selbsterlebtem und Ausgedachtem verlässliche Nachrichten werden“. Die Beschreibung heißt nichts anderes, als dass Journalisten künftig ihre Hauptaufgabe darin sehen sollten, aus einer Kommunikation des Zufalls eine Kommunikation der Verlässlichkeit zu machen. Unsere sich dramatisch verändernde Welt der digitalen Medien braucht, wie es Ernst Elitz formuliert, „Anker der Verlässlichkeit“. Solche „Anker der Verlässlichkeit“ sollte der Bayerische Rundfunk in seinem Programm verstärkt auswerfen.

Als Bayerischer Rundfunk, als starkes öffentlich-rechtliches Medienhaus sollten wir uns diese Art von Qualitätsjournalismus zur vorrangigen Aufgabe machen. Wir sind auf gutem Weg. Wir werden, davon bin ich überzeugt, auch erfolgreich sein. Aber es wird nicht genügen, wenn wir mit einer solchen Anstrengung alleine bleiben. Es wird in Zukunft nicht ohne ein Bündnis der Qualitätsmedien in Deutschland gehen. Dabei ist es zweitrangig, ob es sich um die Print-ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ oder um das lineare Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks oder des ZDF handelt oder um Spiegel-Online. Auf die hochwertigen, aufklärenden Inhalte dieser Medienprodukte kommt es an, nicht auf die Ausspielwege.
Was wir brauchen, sind Elitemedien, weil sie für eine breite Grundinformiertheit der Bevölkerung sorgen können und einen anspruchsvollen gesellschaftlichen und politischen Diskurs erst ermöglichen. Zu dieser Gruppe von Elite-Informanten will sich der Bayerische Rundfunk zählen.

Ich habe es bereits eingangs erwähnt: Die öffentlich-rechtlichen Sender erreichen keine jungen Zielgruppen mehr. In diesem Zusammenhang ist sogar vom „Generationen-Abriss“ die Rede. Alle Versuche, jüngere Nutzer über die linearen Programme Fernsehen und Hörfunk zu gewinnen, sind bisher fehlgeschlagen. Junge Menschen zu gewinnen, wird also auch eine zentrale Aufgabe des Bayerischen Rundfunks sein. Dieses Ziel ist nur online zu erreichen!

Die eben beschriebenen Aufgaben, Ziele und Perspektiven sind nur zu realisieren, wenn unser großes bayerisches Medienhaus BR all seine Kräfte bündelt. Eine solche Konzentration erfordert ein Zusammenrücken von Fernsehen, Hörfunk und Online. Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört. Fernsehen und Hörfunk haben über Jahrzehnte in unterschiedlichen Welten, an unterschiedlichen Orten mit höchst unterschiedlichen Programm-Angeboten gelebt. Viele Mitarbeiter haben sich überhaupt nicht gekannt. Dann kam online dazu und lebte auch weitgehend vor sich hin.

Diese Zeiten sind vorüber. Unter der Leitung unseres Intendanten haben wir den Weg in die trimediale Zukunft konsequent beschritten. Diese Perspektive folgt dem Gedanken, dass alles, was im engeren und im weiteren Sinn mit Information zu tun hat – gleich ob TV, HF oder Online – in einem großen Aktualitätszentrum zusammengefasst wird. Dies bedeutet: Programme und Sendungen werden künftig nicht mehr nebeneinander, sondern miteinander geplant und umgesetzt. Recherche-Ergebnisse können schneller vernetzt werden. Was wir uns hier vorgenommen haben, ist durchaus eine Revolution. Der Veränderungsprozess wird Jahre dauern.

Ich bin davon überzeugt, dass der BR in der trimedialen, digitalen Zukunft ein starker Player auf zwei Spielfeldern sein wird: Regionalkompetenz und Erklärkompetenz. Das haben wir uns vorgenommen.

Ein Chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen bauen Mauern.“ Sie haben es gemerkt: Im Bayerischen Rundfunk haben wir uns für die starken Windmühlen entschieden.

Das Referat hielt Prof. Sigmund Gottlieb am 6. Dezember 2013 auf der Tagung des Tutzinger Medien-Dialoges.

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