Internet:

Neue Netze, Neue Dienste, neue Inhalte?

von am 23.01.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Gastbeiträge, Infrastruktur, Internet, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Internet: </h4>Neue Netze, Neue Dienste, neue Inhalte?

Das deutsche Breitband ist besser als sein Ruf

23.01.14 Von Matthias Kurth, Vorsitzender des Vorstands von Cable Europe, Brüssel 

Die Breitbandinfrastruktur sei in Deutschland besser ausgebaut, als häufig behauptet, erklärt Matthias Kurth, Vorsitzender des Vorstands von Cable Europe in Brüssel, in einem Beitrag für medienpolitik.net. Das Problem liege meist nicht in der Verfügbarkeit, sondern in der Nutzung. Eine staatliche Förderung müsse sich strikt auf die „weißen Flecken“ beschränken und nicht breitbandige Infrastrukturen überbauen. Dies führe zu einer Verzerrung des Wettbewerbs.

Während mancherorts noch das Lied angestimmt wird, Europa und Deutschland würden bezüglich der Breitbandinfrastrukturen weit zurückliegen und die USA und Asien lägen bei dieser Zukunftstechnologie vorn, sieht die Realität zum Glück etwas anders aus.

Zwei Drittel der deutschen Haushalte können schon heute einen Anschluss von 100 Megabit und mehr erhalten über das mit dem Docsis 3.0 Standard aufgerüstete Breitbandkabel. Mit ausschließlich privaten Investitionen wurde das geräuschlos realisiert und ist offenbar noch nicht im Bewusstsein von Medien und Politikern verankert. Obwohl die Kabelanbieter mit diesen neuen Angeboten bei den Kunden gut ankommen und auch die Telekom inzwischen neue Investitionen angekündigt hat (Vectoring), liegt das Problem häufig nicht in der Verfügbarkeit, sondern in der Bereitschaft diese Anschlüsse auch zu bestellen und zu nutzen. In den meisten Fällen laufen die Investitionen daher noch dem Bedarf der Kunden voraus.

Durch eine Vorreiterrolle, die Deutschland bei der Vergabe neuer Funkfrequenzen eingenommen hat, sind auch auf dem flachen Land in 90 Prozent der Haushalte LTE-Angebote mit beachtlichen Bandbreiten verfügbar und diese Technologie hat bei weitem ihr zukünftiges Entwicklungspotential noch nicht ausgeschöpft. Der Grundsatz der Technologieneutralität gebietet es daher, auch mobile breitbandige Zugänge in Marktbetrachtungen einzubeziehen. Zumal hinzukommt, dass durch die dynamische Ausbreitung von Tabletts und Smartphones die mobile Datennutzung weiter rasant wächst. Die Kabelanbieter haben daher ihre Leistungen durch WLAN’s und Mobilfunk ergänzt und der Trend zu Komplettangeboten aus einer Hand 3-play und 4-play wird ebenfalls weiter zunehmen.

Die gerade erfolgte Übernahme von Kabel Deutschland durch Vodafone folgt dieser Marktlogik und ist ein deutlicher Beleg dafür, dass sowohl technisch wie ökonomisch erheblich Synergien zwischen den Netzen mobilisiert werden können.

Sicherlich gibt es noch die berühmten weißen Flecken, aber sie werden Dank der vielfältigen Initiativen immer kleiner. Eine staatliche Förderung sollte sich daher strikt auf derartige Gebiete beschränken und keinesfalls bereits getätigte breitbandige Infrastrukturen überbauen und so den wettbewerblich gesetzten Rahmen nachträglich verzerren. Dieses Ziel garantieren auch die entsprechenden europarechtlichen Vorgaben.

Da es in Deutschland eine Fülle unterschiedlicher Netzinfrastrukturen gibt, hatte ich als Präsident der Bundesnetzagentur ein NGA Forum ins Leben gerufen, das auf freiwilliger Basis zahlreiche Dokumente zur Interoperabilität und Kooperation dieser Netze verabschiedet hat und erste Beispiele sind bereits Realität.

Wenn es um die Frage neuer Dienste und Inhalte geht, stellt sich dieser Kooperationsgedanke noch in einer gesteigerten Weise. Insbesondere die Inhalte, für die eine kaufkräftige Nachfrage langsam auch in Deutschland wächst, wie z.B. Sportrechte, erfordern einen finanzstarken Betreiber einer Plattform und einen großen Kundenbestand. Die Vergabe der Fußballbundesliga-Senderechte für ca. 600 Mio. € hat deutlich gemacht, wohin die Reise gehen wird.

Zum Glück gibt es aber auch neben den „Must Carry“-Programmen eine weiter wachsende Fülle von frei verfügbaren neuen Inhalten und Diensten. YouTube, Vimeo, Netflix und viele sogenannte OTT Player und Apps stellen ständig neue innovative Wege zum Medienkonsum zur Verfügung. Netflix ist z.B. bereits für 1/3 des Internetverkehrs in den USA verantwortlich.

Wer seine Netze kundenfreundlich gestalten will, kommt also gar nicht daran vorbei, diese neuen Dienste mit anzubieten. Die Kabelnetzbetreiber haben daher OTT Dienste längst auf modernen Zugangsplattformen wie TiVo und Horizon integriert. Virgin Media, ein Kabelnetzbetreiber in England, hat auch bereits ein Kooperationsabkommen mit Netflix geschlossen.

Ob daher Netz- und Plattformbetreiber auch gleichzeitig Inhalte produzieren oder besitzen sollten, diese Frage stellt sich von Fall zu Fall neu und in anderem Licht. Manch ein Telekommunikationsunternehmen hat Ausflüge in den Inhalte-Bereich mit hohem Lehrgeld bezahlt und sich wieder zurückgezogen. Wer eine moderne Breitbandinfrastruktur besitzt, muss sich nicht unbedingt sorgen, dass gerade hochwertige Inhalte an hochwertigen Zugängen zum Endkunden interessiert bleiben. Denn die OTT Player haben ja meist keine direkten Zugänge zum Endkunden und keine Infrastruktur im Anschlussbereich. Eine gute Beziehung zum Endkunden wird auch in Zukunft ein großes Plus bleiben. Solange das kommerzielle Umfeld stimmt, kann hier durchaus eine Win-Win-Situation entstehen. Aber man soll natürlich nie „nie“ sagen und auch das andere Modell, dass Plattformen und Infrastruktur-Anbieter auch ins Inhalte-Geschäft einsteigen, mag am Markt Chancen haben. Der Erfolg von Netflix ist nicht zuletzt durch die Produktion von „House of Cards“ erzielt worden.

Alles in allem ist eine Vielfalt von Modellen, Kooperationen, innovativen Diensten und neuen Investitionen im Gang, die man sich vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen konnte. Wenn es Handlungsbedarf gibt, dann liegt dieser nicht im Bereich der Produktion zusätzlicher Inhalte und Dienste, denn die werden täglich von Start Ups und Softwareentwicklern auf den Markt gespült, sondern im Bereich der Zersplitterung und Fragmentation der Märkte. So gibt es nach wie vor Barrieren im Bereich des Urheberrechts, die verhindern, dass Inhalte, für die man bereits bezahlt hat, auf einem zweiten Bildschirm, wie einem Tablett oder Smartphone angesehen werden können. Noch schlimmer sieht es aus, wenn man seinen im Heimatland abonnierten Dienst im europäischen Ausland aufrufen möchte. Leider sind die Fortschritte für ein europäisches Copyright bisher im Schneckentempo verlaufen und man sollte der neuen EU-Kommission dieses Thema besonders ans Herz legen.

Nach bald zwanzig Jahren liberalisierter Telekommunikationsmärkte ist gerade durch den Infrastruktur-Wettbewerb ein lebendiges und dynamisches Umfeld entstanden, das eine unglaubliche Angebotsvielfalt zu günstigen Preisen bietet. Natürlich bedarf es immer wieder der Fortentwicklung und der Anpassung an neue Rahmenbedingungen wie z.B. der Konsolidierung auf Unternehmensebene. Daher sollten die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen werden und private Investition werden weiterhin die zentrale Rolle spielen.

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