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„Wir lieben unsere Zeitschriften“

von am 06.01.2014 in Allgemein, Archiv, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„Wir lieben unsere Zeitschriften“
Andreas Schoo, Geschäftsführer Bauer Media Group

Bauer-Media-Group 2013 auf Wachstumskurs

06.01.14 Interview mit Andreas Schoo, Geschäftsführer Bauer Media Group

Das Verlagshaus Bauer  ist derzeit mit über 600 Zeitschriften in 37 Ländern präsent. Der globale Umsatz stieg im Vergleich zu 2012 um 11 Prozent auf rund 2,4 Mrd. Euro. Dabei konnte die Bauer Media Group sowohl im klassischen Zeitschriftengeschäft als auch in den Bereichen Hörfunk und Digital zulegen. Durchschnittlich jeder zweite Deutsche liest eine Bauer-Zeitschrift (Reichweite 49 Prozent). Von den 100 meist verkauften Zeitschriften im Einzelverkauf sind 24 Bauer-Titel. Die Umsatzentwicklung im deutschen Markt war 2013 insgesamt stabil (minus 1,9 Prozent). Im Gegensatz zum Markttrend konnte Bauer beim wichtigen Einzelverkauf leicht zulegen.

medienpolitik.net: Herr Schoo, die Bauer Media Group ist das größte europäische Zeitschriftenhaus. Welche Bedeutung hat diese Marktführerschaft für Sie?

Andreas Schoo: Wir möchten gute Produkte herstellen und in einzelnen Segmenten Marktführer sein. Unser Ehrgeiz besteht darin zu beweisen, dass man nach wie vor mit innovativen  Produkten und Zeitschriften im Markt eine Menge bewegen kann. Wir arbeiten intensiv daran, dass unsere Zeitschriften eine Top-Qualität haben. Und der Erfolg kann sich sehen lassen. Wir haben uns in vielen Bereichen in den letzten zwei bis drei Jahren besser positioniert als der Markt. So konnten wir 2013 als einziger Verlag in Deutschland im Einzelverkauf ein Umsatzplus erreichen.

medienpolitik.net: Der Kampf um Qualität zahlt sich anscheinend aus…

Andreas Schoo: Wir lieben unsere Zeitschriften und wollen die Leser bestens unterhalten und informieren. Wir kennen unsere Zielgruppen und können so dem Geschmack und den Bedürfnissen der Leser sehr nahe kommen.

medienpolitik.net: Sie haben in den letzten Jahren sowohl im Inland als auch im Ausland Titel dazugekauft. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie über die Akquisitionen?

Andreas Schoo: Als wir in Deutschland die Marquard Verlagsgruppe (MVG) übernommen haben, war es eine Portfolio-Entscheidung. Titel  im Premiumsegment haben in unserem deutschen Zeitschriftenprogramm gefehlt. Deshalb hatten wir an der MVG großes Interesse. Darüber hinaus besteht an weiteren Zeitschriften Interesse, allerdings sind wir vom Kartellrecht eingeschränkt. International ist es eine Mischung aus Strategie und Opportunitäten. Man kann sich die kühnste Strategie ausdenken, aber die Umsetzung ist immer vom zu erwartenden Verkauf in dem jeweiligen Land abhängig. Wir konzentrieren uns bei unserer Expansion auf für uns relevante Keymärkte. Dazu gehören u.a. Deutschland, Großbritannien, Polen, die USA, Russland und jetzt auch Australien. Wenn in diesen Ländern Titel zu übernehmen sind, kümmern wir uns intensiv darum, wenn wir glauben, dass wir die Zeitschriften unter wirtschaftlichen Kriterien rentabel führen können. Wenn die Marken und die Konzepte nicht funktionieren, lassen wir die Finger davon.

medienpolitik.net: Spielt es eine wesentliche Rolle, ob Sie in den jeweiligen Märkten auch Marktführer werden können?

Andreas Schoo: Nein, es geht um rentable Produkte. Nehmen wir das Beispiel Australien: Wir hatten keine Roadmap, auf der sich Australien als mittel-oder langfristiges Ziel befand. Doch die ACP stand in Australien zum Verkauf. Es musste schnell gehandelt werden und wir haben dort eine sehr gute Entscheidung getroffen. Bauer Media Australia ist ein starker Verlag, mit einer herausragenden Marktposition und riesigem Potenzial. Der frühere Eigentümer war ein Finanzinvestor, der mit sehr wenig Marktverständnis das Unternehmen über Jahre gehalten hat. Wir verfügen über das Markt-Know-how für Zeitschriften und unsere Kompetenz passt zu dem Unternehmen, so dass wir uns gut weiterentwickeln können.

medienpolitik.net: Es erscheinen weiterhin neue Zeitschriftentitel im Wesentlichen in Print, trotz des Online-Booms. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Andreas Schoo: Das Eine ist die öffentliche Wahrnehmung und das Andere die wirtschaftliche Realität. In der wirtschaftlichen Realität geben nach wie vor eine Reihe von Zeitschriftenverlagen äußerst rentabel Zeitschriften heraus. Mit gedruckten Zeitschriften erzielen die Verlage einen Milliardenumsatz und es ist auch ein sehr profitables Geschäft. Zu den Neuerscheinungen aus unserem Haus im letzten Jahr gehört „Closer“, das sich herausragend entwickelt und schon lange in den schwarzen Zahlen ist, auch „Meins“ ist, wie eine Reihe weiterer Produkte aus unserem Hause, auf einem sehr positiven Weg. Warum sollten wir darauf verzichten. Wir wissen, dass eine gut gemachte Zeitschrift viele Leute begeistert und man das Geschäft auch wirtschaftlich gestalten kann. Kaum ein Mensch sagt, dass er Zeitschriften nicht gut oder nicht informativ genug findet. Prinzipiell hat keiner etwas gegen Zeitschriften, im Gegenteil, Probleme gibt es nur mit nicht gut gemachten Zeitschriften.

Es gibt inzwischen aber auch einige Titel, die nur im Internet erscheinen. Das ist momentan noch ein Nischenmarkt. Wir werden zum Beispiel Mitte Januar 2014 in England eine junge Frauenzeitschrift „The Debrief“ starten, die nur digital verfügbar ist.

medienpolitik.net: Wird dieses Produkt auch in Deutschland digital erscheinen?

Andreas Schoo: Im Moment ist das nicht geplant. Wir wollen erst sehen, wie es in England funktioniert.

medienpolitik.net: Nimmt man die vielen Podiumsdiskussionen, Zeitungsartikel oder Blogs als Maßstab, müssten Zeitschriftentitel fast nur noch digital konsumiert werden. Warum ist das nicht der Fall?

Andreas Schoo: Ich glaube, das ist vor allem eine Prognose von Medienjournalisten. 95 Prozent der Bevölkerung lesen noch immer regelmäßig Printprodukte. Gerade Zeitschriften sind nach wie vor sehr erfolgreich. Sie erreichen Millionenauflagen. Unsere Zeitschrift „tv 14“ ist die weltweit meistverkaufte Zeitschrift am Kiosk. Sie hat eine Auflage von 2,5 Millionen Exemplaren und ungefähr 7,5 Millionen Leser. Kaum eine Fernsehsendung reicht so weit. In der Öffentlichkeit wird inzwischen jeder Verlag am Digitalumsatz gemessen. Das wird meines Erachtens nach den wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht gerecht. Es ist unbestritten, dass digital wichtig ist. Auf lange Zeit aber bleibt das Printgeschäft unsere wichtigste Einnahmequelle.

medienpolitik.net: Sie haben in diesem Jahr Ihr digitales Angebot deutlich ausgebaut. Inwieweit profitieren Sie von den Erfahrungen, die Sie bei Ihren ausländischen Titeln gesammelt haben?

Andreas Schoo: Es findet zwischen den Verlagsstandorten ein intensiver Austausch statt. Wir haben einen zentralen Bereich, der sich nur um die digitalen Angebote kümmert und dafür sorgt, dass das Know-how schnell überall genutzt wird. Von Bauer Media Australia haben wir eine Menge gelernt, weil der Markt dort weiter entwickelt ist als in Deutschland. Australien ist ein großes Land und die Distribution mit Printprodukten ist schwieriger, währenddessen der Verkauf über das Internet sehr einfach ist. Andererseits werden wir wahrscheinlich die deutsche Technologie in Australien einsetzen.

medienpolitik.net: Sie verlegen weltweit ungefähr 600 Zeitschriftentitel. Davon existieren 130 Apps. Wann wollen Sie alle Titel digital verbreiten?

Andreas Schoo: Vermutlich nie. Es sind zum Teil kleine Titel dabei, bei denen es sich nicht lohnt. Die existierenden Apps sind die relevanten Titel unseres Unternehmens. Vielleicht kommen noch 50 dazu, dann sind 90 oder 95 Prozent der Auflage abgedeckt.

medienpolitik.net: Wie werden die App-Angebote genutzt?

Andreas Schoo: Wir sind in Deutschland noch inmitten der Startphase und haben dafür schon einen großen Erfolg erzielt. Die Nutzung ist unterschiedlich, von 500 bis über 10.000 kostenpflichtige Nutzer pro App. Damit sind wir sehr zufrieden, denn die Apps wurden erst im Sommer in Deutschland gestartet. Bisher sind unsere Apps nur im Apple-App-Store zu finden, werden aber demnächst auch bei Google-Play und auf dem Kindle angeboten.

medienpolitik.net: Mit „www.wunderweib.de“ existiert ein Online-Angebot, dass sich nicht nur auf einen Printtitel stützt und bei „www.lecker.de“ bündeln Sie vier Titel Online. Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Andreas Schoo: Die Erfahrungen sind sehr positiv. „wunderweib“ ist eine Plattform, auf der um die 30 Frauenzeitschriften zusammengefasst sind. Bei „lecker.de“ sind es vier Titel, aus denen sich das Angebot speist. Unsere Strategie ist es, die Kompetenzen der einzelnen Marken zu bündeln und zusammenzuführen. Das hat perfekt funktioniert. Nach der aktuellen IVW-Meldung für „wunderweib“ kommt die Plattform auf 10,8 Millionen Visits damit sind wir im Frauenzeitschriftenbereich weit ganz weit vorn. Und „lecker.de“ erreicht 6,5 Millionen Visits, das ist auch Top 3 unter den Food-Zeitschriften. Ich finde wir haben vieles richtig gemacht. Die Entwicklung ist sehr dynamisch und wir werden noch sehr viel Spaß damit haben.

medienpolitik.net: Worauf führen sie die Stärke von „wunderweib“ zurück?

Andreas Schoo: Das sind vor allem zwei Gründe. Zum Einen ist unsere Strategie die Kompetenz von verschiedenen Marken zu bündeln richtig und zum Anderen bieten wir eine gute Qualität, die sich bei den Usern herumgesprochen hat. Darum haben wir eine so dynamische Entwicklung.

medienpolitik.net: Sie verweisen immer wieder darauf, dass es Ihnen im digitalen Bereich vor allem um journalistische Angebote geht. Anscheinend kann man auch mit Serviceplattformen im Internet Geld verdienen. Warum verzichten Sie darauf?

Andreas Schoo: Wir verzichten nicht darauf, wir wollen aber vor allem mit journalistischen Angeboten erfolgreich digitale Plattformen gestalten. Wir sind davon überzeugt, dass man mit Journalismus im Internet Geld verdienen kann. Die Margen sind sehr eng, der Druck ist groß, aber es funktioniert. Wir fokussieren uns deshalb darauf, weil journalistische Angebote für uns das Naheliegende sind. Aber wir haben auch in andere Bereiche investiert. In Polen haben wir gerade eine große E-Marketing Agentur erworben.

medienpolitik.net: Sie sagten es ist schwierig, mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen. Man braucht etwas mehr Geduld als bei anderen Angeboten. Haben Sie die Geduld, auch wenn es etwas länger dauert?

Andreas Schoo: Wir können durchaus warten, wenn wir eine positive Entwicklung sehen. Wenn das Geschäftsmodell funktioniert, es auf dem richtigen Weg ist, werden wir weiter investieren. Wenn es sich nicht entwickelt, brechen wir auch sehr schnell ab. Wir verfügen in Australien und Neuseeland über drei sehr erfolgreiche Service-Plattformen: Eine Gebrauchtwagenplattform autotrader.co.nz in Neuseeland, eine für Spezialfahrzeuge Bauer Trader Media und eine Plattform für Freizeitparks turu.com.au. Das ist das größte digitale Investment mit einem Betrag in zweistelliger Millionenhöhe. Diese Plattformen wachsen von Monat zu Monat um fast 30 Prozent.

medienpolitik.net: Kann man aus Ihren Beispielen verallgemeinern, wie solche Projekte erfolgreich zu gestalten sind?

Andreas Schoo: Zu einer guten Monetarisierung gehören nicht nur Werbeerlöse, sondern auch Transaktionserlöse. Die Plattformen in Australien refinanzieren sich vor allem aus Transaktionserlösen und sind nur deshalb erfolgreich.

medienpolitik.net: Kann man das auf die deutschen Projekte übertragen?

Andreas Schoo: Ja, die Idee kann man schon übertragen. Es ist bloß nicht so einfach die richtigen Transaktionserlöse zu finden. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man es allein mit Werbung bei Online-Plattformen schwer hat. Es müssen andere Erlösquellen dazu kommen. Wenn man die findet und positiv entwickelt, hat man eine gute Chance.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen die Nutzerentgelte?

Andreas Schoo: Die Verbreitung unserer Zeitschriften auf Tablets sind komplett Abo-finanziert. Die Finanzierung journalistischer Angebote ist weder durch Werbung noch durch weitere Transaktionserlöse möglich.

medienpolitik.net: Welche zusätzlichen Erlösquellen lassen sich bei journalistischen Online-Produkten noch erschließen?

Andreas Schoo: Zum Beispiel digitale Sonderhefte. Momentan haben wir ein Weihnachtsheft im Angebot. Das ist nach einer Woche schon eintausend Mal verkauft worden. Solche Geschäftsmodelle funktionieren gut. Ebenso Utility-Apps, das sind Apps, die unabhängig von einem Zeitschriftentitel entwickelt werden. Zum Beispiel: Die hundert besten Weihnachtsrezepte. Diese Angebote lassen sich über den App-Store sehr gut monetarisieren.

medienpolitik.net: Sie sind in verschiedenen Ländern mit Radiobeteiligungen aktiv und teilweise auch Marktführer. Was macht Radio für sie so interessant?

Andreas Schoo: Wir besitzen mit RMF in Polen den größten Radiosender Europas, mit täglich 9 Millionen Hörern. Und wir sind in Europa unter den Top 3 mit insgesamt 18 Millionen Hörern. Für uns ist interessant, dass Radio ein sehr stabiles Geschäft in den vergangenen Jahren war und auch eine sehr gute wirtschaftliche Perspektive bietet. Es ist ein starkes Abverkaufs-Medium und sehr rentabel.

medienpolitik.net: Aber Radio leidet sehr stark unter der Abhängigkeit vom Werbemarkt. Es gibt ja im Wesentlichen kaum andere Einnahmequellen. Haben Sie da keine Probleme?

Andreas Schoo: Die Werbeeinnahmen bei unserem Radiosender in England zum Beispiel waren in den letzten Jahren sehr stabil.

medienpolitik.net: Das heißt, Sie fassen einen Ausbau des Radio-Engagements in Europa durchaus ins Auge?

Andreas Schoo: Wir sind sehr daran interessiert, dass die Bauer-Gruppe im Radiomarkt wächst. Wenn in Europa relevante Radioketten angeboten werden, schauen wir uns das immer sehr intensiv an.

medienpolitik.net: Warum sind Sie in Deutschland, bis auf eine 25 Prozent-Beteiligung bei Radio Hamburg, nicht aktiv?

Andreas Schoo: Leider existieren in Deutschland kaum relevante Radioketten. Der Radiomarkt ist sehr zerstückelt. Jeder Radiosender hat eine Vielzahl von Eigentümern. Eine Marktkonsolidierung ist angesichts der  Mediengesetzgebung in Deutschland vorerst nicht möglich, deshalb ist dieser Markt für uns nicht besonders attraktiv.

medienpolitik.net: Wenn Ihnen in Deutschland eine Beteiligung angeboten würde, bei der Sie einer unter mehreren Gesellschaftern wären, dann hätten Sie kein Interesse mit einzusteigen?

Andreas Schoo: Nein, weil wir die Position eines Mehrheitsgesellschafters, die wir in den anderen Ländern haben, in Deutschland nicht im Ansatz erreichen könnten. Es gibt einige größere Anbieter, aber auch die haben nur einen kleinen Marktanteil und nur in wenigen Sendern eine Mehrheitsbeteiligung.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2014 erstveröffentlicht.

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