Filmwirtschaft:

„Alles hat seine Zeit“

von am 06.02.2014 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Alles hat seine Zeit“
Wolf Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der UFA Holding

Nach dem „Medicus“-Erfolg will UFA weitere Spielfilme produzieren und auch digital wachsen

06.02.14 Interview mit Wolf Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der UFA Holding

In einem medienpolitik.net-Gespräch zieht Wolf Bauer, langjähriger Vorsitzender der Geschäftsführung der UFA-Holding, eine Bilanz des Umbaus des größten deutschen TV-Produzenten: „Die Vernetzung der kreativen Kräfte der UFA zur Stärkung der Innovations- und damit Zukunftsfähigkeit erweist sich als richtige Antwort auf die Veränderungen des Marktes“, so Bauer. „Als wir vor 20 Jahren die Labelstruktur erfanden, war das die richtige Strategie, sie ermöglichte uns dynamisches Wachstum bis hin zur Marktführerschaft. Inzwischen sind die Anforderungen vielgestaltiger, man muss sehr viel schneller auf neue Entwicklungen reagieren können“, betont der UFA-Chef weiter. Die verbale Kritik an deutschen TV-Serien weist Bauer zurück: „Selbstverständlich können wir auch aus dem deutschen Markt High-end-Serien gestalten, Voraussetzung wären allerdings analog zu den USA starke Pay TV-Sender, die in originäre Programme investieren können.“

medienpolitik.net: Herr Bauer, der „Medicus“ hat bereits mehr als 3 Millionen Zuschauer erreicht und gehört damit zu den erfolgreichsten deutschen Spielfilmen der letzten Monate. Worauf führen Sie den Erfolg vor allem zurück?

Wolf Bauer: Mit dem „Medicus“ haben wir „Heart and Soul“ eines Lieblingsromans der Europäer auf die große Leinwand gebracht. Damit haben wir zum einen viele treue Fans des Romans ins Kino locken können. Gleichzeitig spricht Philipp Stölzls bildgewaltige Verfilmung aber auch die Sehgewohnheiten einer jüngeren Generation an, so dass es gelungen ist, auch ein neues Publikum für den „Medicus“  zu begeistern.

medienpolitik.net: Wie stehen die Chancen für eine internationale Vermarktung?

Wolf Bauer: Der Film läuft derzeit nicht nur in Deutschland mit großem Erfolg im Kino, sondern auch in Österreich, Spanien und der Schweiz.  Zudem hat BetaCinema bisher in 43 weiteren Ländern Auswertungsverträge vereinbart, zahlreiche andere werden gerade verhandelt. Insofern befinden wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt mitten in einer erfolgreichen Kinoauswertung. Alles andere folgt, wenn es so weit ist, in den üblichen Zeitfenstern.

medienpolitik.net: Der Film hat ca. 26 Mio. Euro gekostet. Wann wird er sich refinanziert haben?

Wolf Bauer: Der Film ist für einen deutschen Film außergewöhnlich hoch budgetiert. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Finanzierung vollständig aus unserem Markt heraus gestaltet worden ist. Dies hat es uns erlaubt, alle künstlerischen Entscheidungen allein zu treffen, ohne Kompromisse. Das hat meines Erachtens zur Qualität des Films erheblich beigetragen. Das Budget konnte über TV-Lizenzen, Minimumgarantien, Förderung und Eigeninvestment finanziert werden. Durch den sensationellen Erfolg des Films im Kino sind wir erfreulicherweise schon in der Gewinnphase.

medienpolitik.net: Der „Medicus“ wurde auf Englisch gedreht. Ist das heute die Voraussetzung, um einen deutschen Spielfilm internationale vermarkten zu können?

Wolf Bauer: Dass wir in Englisch gedreht haben, hilft natürlich bei der internationalen Vermarktung, ist aber keine Grundvoraussetzung. Wir sehen aktuell am Beispiel unseres Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“, der in 90 Länder verkauft wurde, dass auch deutschsprachige Filme funktionieren, wenn sie internationalen Appeal haben.

medienpolitik.net: „Der Medicus“ ist sozusagen das Abschiedsgeschenk der UFA Cinema. Haben Sie schon bereut, Ihre Spielfilm-Unit mit dem fiktionalen TV verschmolzen zu haben?

Wolf Bauer: Wir haben mit der Neuaufstellung Mitte vergangenen Jahres alle unsere fiktionalen High-end-Aktivitäten in der UFA Fiction untergebracht. Mit dieser Struktur sind wir sehr zufrieden, damit können und werden wir auch in Zukunft die gesamte Bandbreite des Erzählens, von der Prime Time Serie bis hin zum Kinofilm, gewährleisten.

medienpolitik.net: Wie wird es mit Spielfilmen bei der UFA weitergehen?

Wolf Bauer: Die UFA ist Kreateur von Bewegtbild für alle Auswertungsarten und Plattformen, Kinofilm wird auch weiterhin Teil unseres Portfolios bleiben.

medienpolitik.net: Sie haben vor einem Jahr begonnen, die UFA strukturell umzubauen. Welche Effekte hat das bisher gebracht?

Wolf Bauer: Die Vernetzung der kreativen Kräfte der UFA zur Stärkung der Innovations- und damit Zukunftsfähigkeit erweist sich als richtige Antwort auf die Veränderungen des Marktes. So können wir neue Chancen inhaltlich und unternehmerisch erschließen. Wir haben derzeit eine ganze Reihe von Projekten in der Entwicklung, die Unit-übergreifend konzipiert worden sind.

medienpolitik.net: Sie waren vor dem Umbau stolz darauf, dass sich die Kreativen auch durch Konkurrenz im eigenen Haus anregten und der Wettbewerb die Kreativität gefördert hat. Das ist nun vorbei. Was treibt nun die Kreativität bei der UFA?

Wolf Bauer: Alles hat seine Zeit. Als wir vor 20 Jahren die Labelstruktur erfanden, war das die richtige Strategie, sie ermöglichte uns dynamisches Wachstum bis hin zur Marktführerschaft. Inzwischen sind die Anforderungen vielgestaltiger, man muss sehr viel schneller auf neue Entwicklungen reagieren können. Deshalb ist unser neues strategisches Leitprinzip „Wettbewerb der Ideen“ statt „Wettbewerb der Labels“. An den entscheidenden Entwicklungsprozessen sind damit alle kreativen Köpfe der UFA beteiligt.

medienpolitik.net: Sie hatten die strukturellen Veränderungen vor allem mit einer Änderung des deutschen Fernsehmarktes und einer geänderten Mediennutzung begründet. Warum ist es dem größten deutschen TV-Produzenten, der noch dazu in ein internationales Netzwerk eingebunden ist, schwer gefallen, sich auf diese veränderten Bedingungen einzustellen?

Wolf Bauer: Es fällt uns ja gerade nicht schwer. Unsere Neuaufstellung haben wir zum richtigen Zeitpunkt zügig geplant und konsequent umgesetzt. Ein hochfragmentierter, sich immer stärker ausdifferenzierender Sendermarkt und täglich neu hinzukommende Plattformen bieten uns Produzenten viele neue Chancen, erfordern aber, wie gesagt, kürzere Reaktionszeiten und eine entsprechend wendige Struktur.

medienpolitik.net: Deutsche Fernsehserien sind anscheinend schlechter als viele ausländische, bei vielen Entertainment-Angeboten gehen die Zuschauerzahlen zurück, bis auf Krimis haben es deutsche fiktionale Formate schwer. Befindet sich das deutsche Fernsehen mal wieder in einer Krise oder ist es mehr eine Krise der Fachmedien?

Wolf Bauer: Ich teile Ihre Einschätzung nicht, der Markt liefert uns andere Fakten. Langlaufende Formate wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sind nahezu jeden Tag Quotensieger in der Zielgruppe, „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ haben 2013 nach einer kreativen Optimierung der Formate gegenüber dem Vorjahr wieder zugelegt. Programme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, TV Movies wie „Der Minister“, „Der Fall Jakob von Metzler“ oder in Kürze „Der Rücktritt“ können qualitativ sehr wohl mit den US-amerikanischen Produktionen mithalten. Da Sie es ansprechen: Leider verstehen nicht alle Fachmedien den Entstehungszusammenhang der neuen US-Serien. Sie steuern ja kein Mainstreampublikum an, sondern sehr gezielt die Meinungsführer, um die Value Proposition von Pay TV sichtbar zu machen und neue Abonnenten zu gewinnen. Es wäre schön, wenn hier etwas genauer hingesehen würde, bevor man deutsche Programme pauschal verurteilt. Selbstverständlich können wir auch aus dem deutschen Markt High-end-Serien gestalten, Voraussetzung wären allerdings analog zu den USA starke Pay TV-Sender, die in originäre Programme investieren können.

medienpolitik.net: Was muss sich an den Fernsehinhalten ändern, um wieder vor allem mehr Jugendliche zu erreichen?

Wolf Bauer: Zum einen steigt der Bewegtbildkonsum kontinuierlich: zur linearen kommt eine komplexe nicht-lineare Nutzung hinzu. Zum  anderen hält die UFA nach wie vor 18 langlaufende Programmmarken stabil im Markt, insofern kann ich der These, die in Ihrer Frage mitschwingt, nicht zustimmen. Die junge Generation nutzt Medien so intensiv wie keine vor ihr, folgt man aktuellen Studien, verbringen sie jeden Tag bis zu neun Stunden mit Fernsehen, Internet, Handy, Radio. Für sie ist allerdings die Verbindung der verschiedenen Medien wichtig, sie wollen Themen und Inhalte plattformübergreifend vorfinden und nutzen können, und das wiederum verknüpft mit allen partizipativen Mechanismen und Möglichkeiten der sozialen Medien. Gutes Programm für das Fernsehen muss künftig noch intensiver durch Online-Brand Extensions und  Programmmarketing via Social Media flankiert werden, dann wird es gestärkt aus der digitalen Transformation hervorgehen.

medienpolitik.net: Eines der Probleme ist die Vergütung für die digitale Verwertung. Wo sehen Sie als Produzent hier gegenwärtig die größten Probleme? Was muss sich ändern?

Wolf Bauer: Wir legen großen Wert auf den Zweitverwertungsmarkt, den die digitalen Plattformen erheblich vergrößert haben. Wir werden Wertschöpfungspartnerschaften mit den Sendern zügig vorantreiben, nachdem nun Germany’s Gold endgültig ad acta gelegt worden ist.

medienpolitik.net: Was müsste sich bei der Filmförderung ändern, um die deutsche Produktionswirtschaft – sowohl für TV-Produktionen als auch für Spielfilme – international konkurrenzfähig zu halten?

Wolf Bauer: Es muss meines Erachtens eine neue Balance zwischen Mainstream und Arthouse gefunden werden. Bei insgesamt etwa 200 neu produzierten Filmen im Jahr sind noch zu wenige an den Zuschauerbedürfnissen orientiert. Ein großes Filmland wie Deutschland sollte in der Lage sein, mit ungefähr der Hälfte der neu produzierten Filme pro Jahr relevante Zuschauergrößen ins Kino zu ziehen. Damit würde sich auch eine produktionswirtschaftliche Struktur entwickeln können, die überlebens- und wettbewerbsfähig ist.  Wenn zudem künftig auch Mittel in die Produktion von High-end-Serien investiert würden, wäre das eine Hilfe bei der Finanzierung und damit bei der Entwicklung und Produktion von international konkurrenzfähigen Programmen.

medienpolitik.net: Die UFA gehörte mit dem UFA LAB zu den Schrittmachern bei Produktionen für digitale Verbreitungswege. Was produzieren heute die beiden Labs in Potsdam und Köln und auf welche Inhalte werden sie sich künftig konzentrieren?

Wolf Bauer: Die Partnerschaft mit dem Multi Channel Network Divimove im vergangenen Jahr war ein wichtiger strategischer Schritt. Wir, UFA und UFA LAB, werden unsere Kompetenz als Contentkreateur mit der Online-Expertise von Divimove und der Erfahrung vielversprechender YouTube Talente kombinieren. Mittel- bis langfristig es geht darum, sogenannte Genre-Verticals aufzubauen, Digitalcontent also refinanzierbar machen. Aber natürlich wird sich das LAB als digitale Produktionsunit der UFA auch darüber hinaus mit innovativen Bewegtbildkonzepten und transmedialem Storytelling im gesamten Spektrum der UFA beschäftigen. In diesem Jahr zum Beispiel wird „Dina Foxx 2“ ausgestrahlt, die Fortsetzung des transmedialen ZDF-Krimis, der als Zweiteiler im Fernsehen startet und im Internet zu Ende erzählt wird, gemeinsam entwickelt von ZDF, UFA Fiction und UFA LAB.

medienpolitik.net: Die Axel Springer AG erzielt heute bereits annähernd 40 Prozent ihres Umsatzes aus dem digitalen Geschäft. Halten Sie einen solchen Wert für die UFA noch innerhalb dieses Jahrzehnts für realistisch?

Wolf Bauer: Das lässt sich nicht vergleichen. Jedes Verlagshaus muss sich aus der Printwelt erst in die digitale Welt bewegen. Die Produktion von audiovisuellen Inhalten dagegen ist heute im Grundsatz schon digital, hier ist nichts mehr analog. Angefangen von der digitalen Aufzeichnung über die Postproduktion bis hin zum Vertrieb von Bewegtbild, ist der gesamte Bereich digitalisiert. Nur die Kreation von neuen Formaten, die Entwicklung von innovativen Ideen und überzeugenden Programmkonzepten ist ‘analog’ und wird es auch bleiben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2014 erstveröffentlicht.

 

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